Tote Erde – Tatort 847 / Crimetime 128 // #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #ToteErde #Tatort847 #SWR #TatortToteErde

Crimetime 128 - Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

 Wir sind alle vergiftet. Die Erde ist tot.

Vielleicht ein wenig blöd, dass wir heute schon einen anderen Tatort rezensiert haben („Rattenlinie“), der Vergleich nur wenige Stunden später ist ernüchternd.

Vielleicht ein wenig blöd, dass uns dabei etwas Generelles aufgefallen ist und das ist deprimierend: Die heute vor allem bei den neueren Teams anzutreffende Atmosphäre während der Ermittlungen ist ganz anders geworden. Keine souveränes Durchtanken durch einen Morast aus Verbrechen mehr, sondern ein tiefer Sumpf, in dem alle irgendwie feststecken – selbst dann, wenn der Fall gelöst wird. Schon die Lösungen sind unbefriedigend, die Täter betreffend.

Noch schlimmer steht es mit dem Leben des gesamten Justiz- und Ermittlungspersonals. Da gibt es Enttäuschungen, Abschiede, Ängste und dazwischen wird irgendwie Dienst geschoben oder der Dienst quittiert oder eine Versetzung eingereicht und dann wieder zurückgezogen. Und erst diejenigen außerhalb des sicheren Öffentlichen Dienstes. Der Unternehmer vertuscht, aber wird mehr getrieben als ein Böser zu sein, alle Geschäftsmänner, deren Namen mit „ic“ enden, unterschlagen nicht nur Steuern, wie wir aus der Realität wissen, sondern haben auch sonst das übliche unsaubere, undurchschaubare Geschäftsgebaren, das man ihnen schon dann zurechnet, wenn man ihnen, wie Lannert, ansieht, dass sie Gauner sind.

Das ist deprimierend bis erschreckend. Und dann diese schöne Sache mit dem Privatackeranteil, die haben wir uns auch schon überlegt. Aber wieder alles nix, nebenan ist ein Lastwagen mit hochgiftigem Material umgekippt und das Projekt jedem eine Ökofurche steht vor dem Aus. Kaum von der Idee gehört, schon begraben. So geht es der Staatsanwältin Habermas, so geht es uns.

Die über allem liegende Unsicherheit unserer Zeit und der Verlust von Ankerplätzen für die Seele und das gute Gewissen, die überall wuchernde Komplexität, die Antworten auf drängende Fragen immer schwieriger macht, die sickert auch in die Mentalität der Tatort-Figuren wie Schwermetalle ins Blut der Ökopiraten. Es lässt sie apathisch bis somnambul wirken, die Dialoge statisch und hölzern, die Gesten sparsam, reduziert und natürlich ist alles in blaugrau gefilmt.

Die Sehnsucht nach starken Figuren in kräftig gezeichneter Umgebung wächst. Die Sehnsucht nach Fällen aus Stuttgart, die nicht baukastenmäßig  wirken, die wächst mindestens in gleichem Tempo mit. Vielleicht sind wir heute nicht drauf für ein so düsteres Porträt unserer Zeit, wie „Tote Erde“ eines ist. Der Titel ist für uns nicht nur auf dieses Geländestück bezogen, das weggebaggert wird (natürlich von einem Subunternehmer mit „ic“), sondern auf alles und jedes. Geschäfte, Beziehungen, Ermittlungen, alles beginnt seinen Sinn zu  verlieren und verursacht nur noch Druck, Angst und Schmerz. Kleine, schöne Momente und Erfolge reichen nicht mehr aus, um diesen Schmerz im Zaum zu halten.

Handlung

Ein Toter am Fuß des Cannstatter Pfeilers ist für die Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz der Beginn eines rätselhaften Falls. Sieht es zunächst so aus, als sei der Student beim Freeclimbing abgestürzt, lässt die Obduktion auf Fremdverschulden schließen. Zudem zeigt sich, dass Lukas tödlich vergiftet war. Eine erste Spur führt die Kommissare zu Melli, Freundin des Toten und Ex-Freundin von dessen Kumpel Timo, der sich der Befragung durch Flucht entzieht.

Lukas und Timo, so stellt sich bald heraus, waren in einer Umweltschützergruppe namens „eco pirates“ aktiv, die am Vorabend des Mordes eine Aktion angekündigt hatten. Grund genug, Lukas auszuschalten? Lannert und Bootz stehen vor vielen Fragen: Was hat die geheimnisvolle Wahrsagerin Saraswati mit den „eco pirates“ zu tun, wo hat sich Lukas vergiftet und wie passt der Unternehmer Johannes Riether, der seit kurzem mit Staatsanwältin Emilia Alvarez liiert ist, ins Bild? Nur langsam kommen die Kommissare der Wahrheit näher.

Rezension

Der Tatort „Tote Erde“ ist wie ein konkaver Spiegel für uns und unsere Realität gewesen. Alles etwas verzerrt, etwas größer, aber dann doch dieselben Fragen wie in der Wirklichkeit. Was ist ein gutes Ding? Die radikele Art der Ökopiraten, von Greenpeace abgeschaut? Die Stiftung, die Umweltprojekte finanzieren kann? Beides kommt in Konflikt miteinander. Der Film sagt uns nicht, was wir glauben sollen, was besser ist. Geld stinkt. Aber im Untergrund Todesfälle riskieren, auch den eigenen Tod? No way out.

Was ist richtig im Zwischemenschlichen? Das ist noch viel komplexer, alle Figuren handeln ohne äußere Kommentierung, der Tatort macht es nicht leicht, Kurz zu behalten. Ist es richtig von Sebastian Bootz, einen Antrag auf Versetzung in den Innendienst zu stellen, weil er befürchtet, dass seine kranke Frau stirbt? Seinem Co-Ermittler kann er davon nichts sagen, weil seine Frau nicht will, dass Lannert von ihrer Krankheit erfährt. Sie aber findet die Idee von der Versetzung gar nicht gut, als sie davon erfährt. Oder nehmen wir die Staatsanwältin Habermaas. Die ist anders als ihre Vorgängerin Alvarez, die plötzlich weg ist. Die ist tief und ernst, auch wenn sie als einzige Figur schwäbelt, was das Ernste ja ein wenig mildert. Da lernt sie einen attraktiven, großzügigen Typ kennen und dann ist der in den Fall verwickelt, den ihre beiden Ermittler gerade am lösen sind. Das Ende ist eine gerötete Leere im Blick. Ähnlich bei Lannert, der seine  Nachbarin zum Flughafen bringt, so long secret passion, never declared.

In dem Moment klirrt ein Gag wie sprödes Glas, das auf harten Industrieboden fällt; das geschieht in jenem Moment, in dem ein Flughafenbesucher zu Lannert sagt, dass seine Tochter nicht aus der Welt ist. Demütigung des Alters, bevor man wirklich alt ist, sondern eigentlich im besten Saft steht, als erfahrener, aber noch nicht verbrauchter Ermittler. Wenn das so weitergeht mit den inneren und äußeren Problemen, dann sehen wir schwarz. Man wird den Verdacht nicht los, die fulminant gestarteten Lannert und Bootz (Richy Müller und Felix Klare) arbeiten an ihrer Frühpensionierung wegen latentem Dauer-Burnout.

Ja, wir alle sind in Abhängigkeiten gefangen, können vielleicht unseren  Job noch ganz gut machen, verlieren aber im Privaten immer den Kompass, ebenso wie beim richtigen Weg zu einer besseren Umwelt. Beides bedingt ja einander. Wie soll man mit der Natur in Einklang leben, wenn im Herzen Bedrängnis und im Kopf Disharmonie herrscht? Auch Indiens Weisheit ist keine Lösung, wie der Tatort drastisch zeigt. Hinter dem Psychedelischen der Indien-Wahlphilosophin Saraswati (Katharina Heyer) verbrigt sich eine Fanatikerin, die auch ein Generationenproblem hat, wie einst die politischen Aktivisten von 68, dahinter wieder verbirgt sich Indien, wie es wirklich heute ist: Gute, billige und vollkommen philosophiefreie Dienstleistung – Zeit ist Geld. Selbst dort,wo alle hinpilgerten, die aussteigen wollten aus unserem System und aus irgendwelchen Gründen nicht in den Ostblock wollten, als es ihn noch gab. Gerade dort. Dort, wo es erst losgeht mit der Umweltverschmutzung und dem immer schneller und immer billiger. Es ist so trostlos, denn jeder Trost im Privaten oder Beruflichen oder Ideologischen ist eine Illusion, bei deren Erkennen sich unendliche Abgründe für jedermann auftun, der an irgendetwas geglaubt hat.

Was ist die Botschaft von „Tote Erde“? Vielleicht, dass es keine Botschaften mehr gibt – und ist das nicht trostlos? Bootz konnte bisher immer in die Arme seiner Familie heimkehren, doch selbst dort lauert nun das Unberechenbare in Form der nicht näher erklärten Krankheit seiner Frau. Das Nichterklären verstärkt die Unsicherheit. Lannert verliert seine Nachbarin, die immer doch da war, auch wenn die beiden nie zusammenkamen. Vielleicht zieht jetzt ein kompletter Idiot gegenüber ein, der den ganzen Tag Techno hört oder rassistische Sprüche von sich gibt, wenn er einen Typ wie den Wohnheimhausmeister trifft, der auch irgendwie klischeehaft wirkt und ein wenig moslemparodistisch, vielleicht ist das ein leichter Spott gegenüber unseren Erwartungen und Mustern, aber sicher ist selbst dies nicht.

Die neue Staatsanwältin hat die Arschkarte gezogen. Sie bringt sich ein und versucht sich zu binden. Sie verliert die Bindung in schmerzlicher Erkenntnis der Wahrheit, dass der mögliche Partner auch ein ziemlich ambivalenter Mensch ist und im Wege dieser Erkenntnis lässt sie sich suspendieren. Die wirklich einzige Figur, die fest wirkt in diesem Szenario ist der nervige Staatsanwalt Blesinger (Holger Kunkel), der Habermaas ersetzt. Der ist noch von altem Schrot und wirkt dadurch wie ein kompaktes Stück Fleisch, das den beiden beiden sensiblen Ermittlern Lannert und Bootz ins Gesicht geklatscht wird. Diese Figur wirkt auch deshalb so katastrophal deplatziert im Szenario, weil eben das Szenario so anders ist, die Stimmung so elegisch. Wäre ein solcher Typ nach Münster gekommen anstatt der Staatsanwältin Klemm, dann wäre daraus ein Kampf der Titanen zwischen ihm, Boerne und Thiel entstanden.

Was ist das Ziel, was sind die wirklichen Motive? Politik studieren, radikal agieren? Die Aktion als Beruhigungspille? Oder die Karriere oder das Vorschieben der Karriere, die Karriere als Ersatz für innere Sicherheit? Schwer haben’s die jungen Leute heute. Bayerle, eine ironische Verschwäbeniedlichung von Bayer – oder die Ökopiraten? Gibt es eine Antwort? Die Position des Films ist, es gibt keine eindeutig richtige Position. Das wird Menschen, die klare Feindbilder lieben, nicht gefallen, das ist nichts für ideologisch sattelfeste Zeitgenossen. Das könnte am Selbstverständnis rühren, wenn man wirklich darüber nachdenkt, dass es hier kaum böse Motive gibt, sondern nur die manchmal verzweifelt wirkende Suche nach einem eigenen Weg.

n Stuttgart, ausgerechnet im schwäbsich selbstsicheren bis selbstgefälligen Stuttgart aber wird an den Grundfesten dessen gerüttelt, was ein menschliches Ego erst überlebensfähig macht – nämlich die Idee, dass man weiß, was man tut und dass es gut und richtig ist und man sowas wie den Durchblick im Leben hat.

Fazit

Die Zeit der einfachen Antworten ist vorbei, auch im Krimi. Die Fälle werden zwar weiterhin gelöst, aber dass daraus Befriedigung für die Ermittler entsteht, Glück über den Erfolg gar, das kann man vergessen, denn das Leben an sich wird ja nicht dadurch besser und einfacher. Der Glaube daran, dass die Ordnung durch unermüdlichen Polizeieinsatz aufrecht erhalten wird und dass diese Ordnung es wert ist, aufrecht erhalten zu werden, beides geht den Bach herunter.

Die Welt wird nach dem unnötigen Tod des Ökopiraten Lukas nicht stehen bleiben, durch das Ermitteln der Täterin nicht sicherer werden und auch nicht gerechter.

Wir verstehen wohl, warum die Tendenz dieses Krimis so negativ ist und die Allegorie im Titel meinen wir auch ermittelt zu haben, aber ist das sicher? Wir sind schon länger infiziert von diesem Virus der Unsicherheit, heute, im großen Zerrspiegel namens „Tote Erde“ haben wir’s endlich bemerkt, konnten es abgleichen mit dem Geschehen im Film  – und das ist ja auch eine Sicherheit oder wenigstens eine Gewissheit.

Weil das so ist, tun wir uns auch schwer mit einer Bewertung. Nehmen wir die Leblosigkeit vieler Dialoge und die wenig ansprechende Handlungskonstruktion, die gar nicht kaschieren will, dass sie mit höchst bekannten Versatzelementen arbeitet, als Teil des Konzepts hin, das uns sagen will, es gibt nichts Neues, nichts Erbauliches, kein Aha, sondern nur noch ein müdes: War eh klar. So war’s immer, wird es immer sein, da kannst du nichts machen.

Ist das nicht realistischer als manche exorbitanten, künstlichen Konstruktionen, die wir zuletzt in Tatorten immer häufiger antreffen?  Sind diese nicht eskapistisch und ist es nicht das Stuttgarter Reduktionsmodell, das zwar nicht gerade wie der Mercedes unter den Tatorten wirkt, aber  so verdammt lebensecht. Uns allen fällt nix mehr ein, was einigermaßen durchführbar ist, um aus der Eurokrise, der Ökokrise, der kommenden Energie- und Rohstoffkrise zu steuern. Da ist es viel konsequenter, einen Tatort wie „Tote Erde“ zu machen als so zu tun, als so zu tun, als ob da noch eine neue Welt hinter dem Horizont läge.

Sogar im Verlauf des Schreibens dieser Rezension hat sich unsere Sicht auf „Tote Erde“ nochmal verändert. Was ist sicher? Der Tatort gibt uns darauf keine Antworten, also sind wir allein gelassen mit unserem Gefühl, das alles hier flimmert der Ungewissheit entgegen und nicht etwa einer besseren Welt mit mehr Ökosensibilität und weniger Anlässen zu feigen Mordtaten.

Wir geben 7,5/10. Immerhin, die Abwärtstendenz der Stuttgarter ist vorerst gestoppt, wenn auch noch nicht gedreht. Naja, vielleicht. Sicher kann man sich einer Sache und einer Ansicht, die zu einer Bewertung führt, nie sein, wenn man das Gift der Nachdenklichkeit in sich trägt, das irgendwann zum Tod aller Gewissheiten führen wird. Man traut den Fakten nicht mehr und Gefühle machen auch nicht glücklich.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Staatsanwältin Henrike Habermas – Natalia Wörner
Nika Banovic [Kriminaltechnikerin] – Miranda Leonhardt
Daniel Vogt [Gerichtsmediziner] – Jürgen Hartmann
Julia Bootz – Maja Schöne
Lona Wegener – Birthe Wolter
Melli Brandt – Paula Kalenberg
Timo Heller – Philipp Quest
Johannes Riether – Mark Waschke
Wahrsagerin Saraswati – Katharina Heyer
Lukas Baumann – Robin Utz
Bakic – Ljubisa Grujcic
Staatsanwalt Blesinger – Holger Kunkel
Dr. Schroth – Johannes Suhm

Drehbuch: Wolf Jakoby, Thomas Freundner
Regie: Thomas Freundner

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