Auch in Schöneberg: Bezirk übt Vorkaufsrecht für Hohenfriedbergstraße 11 aus – Nachdenken über schleichende und natürliche Gentrifizierung in einem Schöneberger Kiez // #Berlin #Schöneberg #Mietenwahnsinn #Milieuschutz #Vorkaufsrecht #Gentrifizierung

Kommentar 121

Bereits vorgestern stellte der Bezirk Tempelhof-Schöneberg die zugehörige Pressemeldung ins Netz: Die Hohenfriedbergstraße 11, eines der letzten unsanierten Häuser in der Gegend, wird vom Bezirk gekauft und an die städtische Gesellschaft „Stadt und Land“ weitergegeben.

Gestern griff die Presse den Vorgang auf, hier ein Beitrag von der Berliner Morgenpost.

„Trotz ausführlicher Hinweise des Bezirksamtes hat der Käufer keine ausreichende Abwendungserklärung abgegeben.“ teilt Bezirksstadtrat Jörn Oltmann mit. „Wie das Verwaltungsgericht Berlin erst kürzlich entschieden hat, braucht sich das Bezirksamt nicht mit ungenügenden Erklärungen zufrieden zu geben. In einem solchen Fall kann das Vorkaufsrecht ausgeübt werden. Und das haben wir getan.“, heißt es in der Pressemitteilung des Bezirks.

Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg hat dieses Jahr bereits dreimal sein Vorkaufsrecht ausgeübt und in elf weiteren Fällen mit den Käufern von Häusern eine Abwendungsvereinbarung hinbekommen, schreibt die Morgenpost. Das heißt, die Bewohner_innen sollten vor drastischen Mieterhöhungen geschützt sein.

Möglich ist das in Milieuschutzgebieten, in einem solchen liegt die Hohenfriedbergstraße 11.

Milieuschutzgebiete, die mit einer „Sozialen Erhaltungssatzung“ ausgestattet sind und in denen die Bezirke vielerlei Vorgaben für Hauseigentümer aufstellen können, die zur Erhaltung günstiger Mietpreise und der Mietermilieus führen, sollen verhindern, dass ein „Bevölkerungsaustausch“ durch unsinnige Luxussanierungen stattfindet. Möglich ist das leider prinzipiell durch die sogenannte „Modernisierungsumlage“, die Umlage der Renovierungskosten auf die Mieten, deshalb das Bestreben linker Politik, die umlagefähigen Kosten pro Jahr erheblich zu kappen (von derzeit 11 auf 8 oder 6 Prozent, radikale Vorschläge gehen bis zur vollständigen Aufhebung der Umlagefähigkeit).

Wer nicht so der Kartenleser ist und wissen möchte, ob sein Haus in einem Milieuschutzgebiet liegt, kann sich hier informieren.

Ich kenne die Hohenfriedbergstraße.

Sie liegt fußläufig oder fünf Minuten mit dem Rad von meinem Wohnort und in ihr ist beispielsweise das Büro angesiedelt, das meine Lohnsteuersachen bearbeitet.

Es ist ja nun bei uns fast alles saniert oder teilsaniert, vielleicht kommt der Gentrifizierungszug irgendwann mal zum Stehen. Bis dahin muss der Milieuschutz und müssen die Baustadträte sicher noch viele Mieter_innen retten. Vor allem dann, wenn aus Miethäusern Eigentumswohnungen werden sollen.

Dann hat auch der Milieuschutz Schwächen. Zumindest derzeit, die Stadtpolitik versucht, das zu ändern.

Man denkt gerne, Schöneberg ist ein eher ruhiger Bezirk oder Bezirksteil, aber selbstredend schreitet auch hier die Gentrifizierung voran und ruhig hängt auch von der Mikrolage ab. In meinem Kiez sind die Preise bei Neuvermietungen zwischen 2010 und 2016 um zwei Drittel gestiegen.

Vor etwa einem Jahr hat eine Genossin, die man als Ureinwohnerin bezeichnen kann, mit mir eine Führung der besonderen Art durch die Akazienstraße gemacht und mir jedes Haus sozusagen vom Erdgeschoss her erklärt und ich war überrascht, wie viele Ladenbesitzer_innen und Kneipiers man persönlich kennen kann, wenn man in einem Kiez langfristig politisch und sozial aktiv ist.

Was ich größtenteils für den Nachweis eines bunten und sehr kleinteiligen, recht urwüchsigen Gewerbe- und Gastronomielebens hielt, war für sie vielfach das Ergebnis einer Konkurrenz, der wesentlich originellere und weniger kommerzialisierte Angebote nicht standhalten konnten.  So ist das also, wenn man erst seit etwa zehn Jahren irgendwo lebt. Erst bildet man sich ein Urteil im Hier und Jetzt, dann auf Basis eines gewissen Zeithorizonts und dann kommen die Geschichtslehrer_innen, die einem sagen:  Weeßte was du weeßt? Nüscht.

Man bekommt in diesem Zeitraum  schon Aufwertungstendenzen mit.

Man freut sich sogar darüber (ganz gut sortierter Biokettenladen anstatt wirklich schlechtem, verschmutzten Discounter) oder auch nicht so: Nacht-Stehbar im Tankstellenshop-Apparel für vom schweißtreibenden Drogenkurierdienst erschöpfte Clanies anstatt Getränke Hoffmann für schnell ne Kiste was auch immer für spontan Party machende Anwohner_innen.

Doch bei uns schreitet der Prozess eher so voran, dass man keinen Schwindel bekommt. Klar sind die Jüngeren aus einer anderen Schicht als die Älteren hier, die waren auch keine Hipster, als sie noch nicht mit Rollator unterwegs waren.

Andauernd wird irgendwo gewerkelt, stehen Gerüste hier und da, wird fast permanent Baulärm gemacht, verändert sich das Publikum, wenn der Baulärm aufgehört hat, gibt es Erscheinungen einer aus den Fugen geratenen Immobilienwirtschaft wie die berüchtigte Grunewaldstraße 87. Schwamm drüber. Es geht voran.

Und hier und da entsteht ein neues Haus.

Wie dieses krasse Eckteil am Eingang zum U-Bahnhof Kleistpark, das sich architektonisch wohl ausschließlich an der gegenüberliegenden Ex-BVG-Zentrale orientiert und auch das nur bezüglich der Traufhöhe.

Dann gibt es noch Ensembles wie die Gleditschstraße 49-69. Das sehr einfache ursprüngliche Erscheinungsbild erkennbar dem Wiederaufbauprogramm der 1950er geschuldet. Immer sehr beflaggt bei Fußball-Großereignissen. Und sogar dazwischen. Jaja, das muss da ein recht konservatives und langfristig verortetes Mietermilieu gewesen sein.

Und dann kam der große Swing und alles wurde weiß, mit schicken Balkonen und – einem neuen Dachgeschoss. Mein Lebensziel: Eine solche DG-Wohnung, die hinten sogar eine Terrasse haben sollte, erstehen und von dort den ganzen Tag auf mein Lieblings-EDEKA runterschauen können mit meinem Lieblingsbettler von der rumänischen B-Mafia vor der Tür. Und natürlich auf die Altmieter unter mir. Die müssen, was man so hört, zwar viel mehr Miete zahlen als zuvor, als alles noch schrecklich 1950er aussah,  sind sauer wie sonstwas, aber dafür hängen statt der vielen D-Flaggen jetzt nur noch zwei LGBT***-Banner da.

Habe ich  das schon angemerkt?

Schick gemacht, die Pflanzenbalkone oder Blumenbalkone, die auf sehr hintergründige Weise Alt- und Neubewohner_innen kenntlich machen und gleichzeitig und hoffentlich Symbole einer neu zusammenwachsenden Gemeinschaft sind. Dass noch recht viele Altmieter_innen dort leben, erkenne ich auch an den Gardinen hinter manchem Isofenster.

In meinem Viertel kann man sich immer die Frage stellen: Was ist bewahrenswert, was sind hingegen natürliche Entwicklungen, wie sie zu allen Zeiten und in jeder Stadt vorkamen?

Die Bezirksverwaltung hat fast die ganze Gegend dem Milieuschutz unterstellt und das ist gut so.

Weil sie nun mitentscheiden kann, wie stark sich alles verändern darf und wie dabei den Bedürfnissen der vielen sehr unterschiedlichen Menschen, die hier leben, Rechnung getragen werden kann. Ich habe nicht die Sichtweise auf mein Umfeld wie jemand, der hier geboren wurde und genauso wenig diejenige von jemandem, der gerade erst zugezogen ist. Deswegen und aus vielen anderen Gründen kann meine Sichtweise nicht die einzige oder gültige sein.

Was ich in diesem Beitrag geschrieben habe, gilt ohnehin nur für meine Ecke in der Nähe der Schöneberger Apostel-Paulus-Kirche und ist stellenweise pointiert. Das sei ausdrücklich betont – und auch diesen Ansichten und Beobachtungen darf man gerne widersprechen. Und sorry, dass ich ein Stück weg von der Hohenfriedbergstraße gewandert bin, über die Julius-Leber-Brücke, über die Hauptstraße hinweg westwärts.

Heute ist so ein Kopfschmerz-Gedankenschweiftag. Alles ist nah, anders und fern zugleich. Und immer dieses Wohnthema! Das hat sich richtig in mir festgefressen und macht manchmal ein Aua. Dann muss ich einen Schritt zurück, etwas distanzierter und doch mehr am Detail und am Persönlichen entlang schreiben.

Um Missverständniss nicht zusätzlich zu befördern, habe ich den Artikel nicht in die Serie „Mieter!“ eingegliedert und einige der üblichen Hashtags weggelassen.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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