Der Mann, der lügt – Tatort 1071 / Crimetime 132 // #Tatort #Stuttgart #Lannert #Bootz #DerMannderlügt #SWR #Tatort1071 #Jubiläum #TatortDerMannderlügt #ManuelRubey

Crimetime 132 - Titelfoto © SWR, Alexander Kluge

Wenn nichts mehr bleibt als die Wahrheit

Jakob, der Lügner, Version 2018. Aber er lügt nicht, um seinen Mitmenschen schreckliche, berechtigte Ängste zu lindern, sondern, um sich aus einem Geflecht zu befreien, das sein Leben darstellt. Und Lannert und Bootz ermitteln. Ein Netz zieht sich zusammen. Bis zum Ende bleiben große Zweifel. Ein ungewöhnlicher Tatort, aber auch ein außergewöhnlicher Krimi? Wir klären das in der -> Rezension.

Handlung

Erst mal ist es nur eine kurze Befragung. Die Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz ermitteln im Mordfall des Anlageberaters Uwe Berger und wollen von Jakob Gregorowicz wissen, warum sein Name im Terminkalender des Ermordeten stand. Ein Irrtum, antwortet Jakob, er sei keineswegs mit dem Opfer verabredet gewesen, und glaubt die Sache damit erledigt.

Doch schon bald können die Kommissare ihm nachweisen, dass seine Aussage unvollständig war. Sie bohren immer weiter nach, reden auch mit seiner Frau Katharina. Jakob meint, plausible Erklärungen zu liefern, aber es tauchen neue Unstimmigkeiten auf. Da hilft es auch nicht, dass er versucht, Spuren zu beseitigen. Im Gegenteil, immer wieder bitten die Kommissare ihn zum Gespräch ins Präsidium, weil sie neue Indizien finden. Bald stellt auch Katharina Fragen, sie bekommt Zweifel an den Aussagen ihres Mannes.

 

Jakob gerät in Bedrängnis, weil so manches zum Vorschein kommt, das er lieber im Verborgenen belassen hätte. Er wird immer unsicherer, die Kommissare immer insistierender. Als Jakob zugeben muss, dass er mit Uwe Berger verlustreiche Geschäfte gemacht hat, wird er zum Hauptverdächtigen.

Mehr zu Lannert und Bootz

Thorsten Lannert und Sebastian Bootz feiern Geburtstag. Seit zehn Jahren sind sie an Tatorten in Stuttgart im Einsatz, haben Mordfälle aufgeklärt, Menschen hinter Gitter gebracht oder deren Unschuld nachgewiesen, haben Gewalttaten verhindert oder nicht verhindern können, tiefe Einblicke in verletzte Seelen oder kriminelle Gehirne getan und wurden das ein oder andere Mal auch persönlich heftig in Mitleidenschaft gezogen.

Zum zehnten Geburtstag gibt es mit dem „Tatort – Der Mann, der lügt“ einen Fall, der aus ungewöhnlicher Perspektive erzählt ist und in dem die Zuschauer die Kommissare einzig und allein durch die Augen eines Verdächtigen erleben. Die Autoren Sönke Lars Neuwöhner und Martin Eigler erzählen davon, was es für einen Menschen bedeutet, wenn all seine Aussagen in Zweifel gezogen und als potenzielle Lügen behandelt werden und zu welchen Kettenreaktionen Ausflüchte führen können.

Rezension

Viel Wesens um das „Neue“ an diesem Tatort. Berechtigt? Ja und nein. Für einen Tatort ist die Täterperspektive ungewöhnlich. Nach über 600 Filmen fällt mir einer ein, in dem sie so durchgehend eingehalten wurde. Es gab vor allem in den ersten Jahren auch Filme, in denen sehr wohl die Täterperspektive eine große Rolle spielte, aber auch die der Polizei. Es handelte sich also um Filme mit wechselnder Perspektive. In „Der Mann, der lügt“ zählt aber nur dessen Sicht, die Polizisten Lannert und Bootz werden ganz eindeutig aus seinem Blickwinkel gezeigt – und wie. Doch dazu später.

Neu ist diese Täterperspektive nicht. Sie ist ein typisches Konstrukt des Film noir, eigentlich schon des Gangsterfilms, der zeitlich voranging. Ein Mann verstrickt sich in Verbrechen und fällt immer tiefer, meist endet die Handlung tödlich für diesen Antihelden. Es gibt einige Film-noir-Merkmale aber in „Der Mann, der lügt“ nicht: Das Schicksal, die Femme fatale beispielsweise. Oder eben die Tat. Wir korrigieren uns deshalb und sprechen von der Perspektive des Verdächtigen. Der aber auf seine Weise dennoch Täter ist.

Wie ist unter diesen Umständen das Spiel? Manuel Rubey, der 2007 schon Falco verkörpert hat, zeigt eine fantastisch zurückhaltend-intensive Leistung. Darüber sind sich auch wohl alle Kritiker einig. Einen typischen Mann unserer Zeit, einen angespassten Karrieristen, der ein Doppelleben führt, so zerbröseln zu lassen und bereits von Beginn an nie den Eindruck zu erwecken, es handele sich um eine starke Persönlichkeit, das muss man können. Und wie er das macht, einen Blödsinn nach dem anderen und man möchte ihm zurufen, Mann, lass das, du reitest dich immer tiefer in die Scheiße! Aber man versteht es eben doch. Man muss auch verstehen, dass der Film immer eine Verdichtung ist. Entscheidungsprozesse, die über Tage laufen, ein Doppelleben, das über Jahre aufgebaut wird, alles das wird hier innerhalb von 90 Minuten durchdekliniert.

Ich will nicht lästern und sagen, solche Typen können die Österreicher besonders gut. Aber da ist schon was drin, was eh jeder weiß: Sie sind gute Schauspieler, im deutschen Film stark überrepräsentiert und nach meinen Erkenntnissen über Beziehungen in dem Land sind sie tatsächlich oft mehr aufs Ausweichen und sich unterordnen als auf die Konfrontation gepolt. So riesig ist der Unterschied aber zu uns nicht, man kann auch sagen, wir passen uns immer mehr an und dieser Typus wird hierzulande auch immer häufiger. Ohne Zwischenstopp ersetzt er den früher dominanten Mann und ich meine, beides ist falsch und echt auf gleich sein, bleibt schwierig. Darum: Was da alles an Subtext drinsteckt. Ich hoffe, ich kriege es zusammen. Denn dies ist einer der vielschichtigsten und intelligentesten Tatorte, die ich gesehen habe.

Lannert und Bootz werden zum Jubiläum etwas zurückgenommen, haben um einiges weniger Spielzeit als der Verdächtige. Aber die Zeit, die sie haben, ist sehr intensiv. Selten habe ich Ermittler als so bedrohlich empfunden. Es ist nicht nur die Perspektive, die sie so wirken lässt, sondern auch, wie dadurch die Ermittlungen gestaltet sind: Man steckt in der Haut des Verdächtigen oder ist ihm doch  nah und da bekommt man nur mit, wie man eingekreist wird. Das Ausforschen, das normalerweise das Zentrum eines Tatorts darstellt, kommt hier nur in Form von Ergebnissen. Dadurch wirken die Ermittler auf eine Weise versiert, die unheimlich ist. Die Exekutive, die Macht, sie zeigt ein menschliches, aber auch gnadenloses Gesicht. Lannert und Bootz tun das, was sie üblicherweise tun, kaum anders als üblich, aber jeder Schritt von ihnen bringt Jakob Gregorowicz dem Untergang näher.

Dem Untergang? Das Ende ist für mich nachvollziehbar, auch wenn ich mir die Hinführung organischer gewünscht hätte. Ein Mann, der alles verlor und das, weil er alles haben wollte, der begeht Selbstmord. Ein Klassiker der Erkenntnis der wahren Schuld jenseits des Strafrechtlichen und der Folgen davon, die auch in der Realität immer mal wieder zu inneren Zusammenbrüchen und Suiziden führen. Das ist der Teil der Auflösung, den ich sofort verstanden habe. Und dann wird es schwieriger. Wir müssen, um diesen Film auf die Pfanne zu bekommen, also das, was sich alle anderen, die sich damit befasst haben, weitgehend ersparen wollten, indem sie sich aufs Nebulöse verlegten, ganz wie Gregorowicz, also über ihre Durchdringungsfähigkeit beim Erfassen von Krimihandlungen ein wenig gefakt haben, also wir müssen es jetzt allein versuchen. Und wir fangen hinten an. Wir wissen bereits, dass Gregorowicz nicht für schuldig befunden wurde, sich aber als Auslöser von allem begriff, was geschah und das ist richtig. Ohne sein Doppelleben zuzüglich verspieltem Geld, im Grunde sogar eine Dreifach-Existenz, wäre alles alles nicht passiert. Die Kausalkette wird durch sein Verhalten in Gang gesetzt. Allerdings lange, bevor der Mord am Anlageberater Uwe Berger geschieht.

Zur Logik des Geschehens: Per Texteinblendung wird uns vor der Tatsache, dass G. Selbstmord begangen hat, gesagt, sowohl G. als auch seine Frau F., die ebenfalls in Untersuchungshaft kam, seien für unschuldig befunden worden. Das kann a.) bedeuten, dass sie letztlich nicht an dem beteiligt waren, was mit Uwe Berger geschah und was mit dessen Sohn Linus geschah, dass also die Freunde von G., Schacht und Schönfließ, S. 1 und S. 2, alles allein gemacht haben. Sie hatten eigene Motive bei Uwe Berger, von dem sie alle hereingelegt wurden, wie auch G., aber kein Motiv bezüglich Linus, das merken wir uns an der Stelle. Also hätten wir dann die Lösung, dass S. 1 und S. 2 von Beginn an allein gehandelt haben und F. und G. keinerlei tabestandsmäßige  Handlung zuzurechnen ist. Und dass G. nur gelogen hat, um „die Schuld auf sich zu nehmen“, die er längst erkannt hat. Ich meine, das kann nicht sein. Es sei denn, man interpretiert bestimmte, verschwommene Szenen im Film als Wahnvorstellungen von G. Zum Beispiel die Szene, in welcher F. in einer sehr heftigen tätlichen Konfrontation zu sehen ist, bei der man davon ausgehen muss, dass der Malträtierte doch Uwe Berger sein muss, wer sonst? Allenfalls sein Sohn, das würde aber grundsätzlich keinen Unterschied darstellen.

Einschub: G. hat so viel gelogen, weil er nicht wollte, dass sein Verhältnis zu L. auffliegt und dass seine verlustreichen Geschäfte mit B. auffliegen. Das ist nachvollziehbar, das ist leicht zu kaufen. Er wollte sowohl die Beziehung zu L. als auch die Familie mit F. Und für mich ist es auch kein überwiegend gesellschaftliches Problem, das hier angesprochen wird, ob es heute noch so schwierig ist, sich zu outen: Es geht um persönliche Gefühle. Es geht darum, dass ein Partner betrogen wird. Nichts andere als das, was wir hier sehen, würde gelten, wenn G.’s außereheliche Beziehung die mit einer Frau wäre. Sicher ist denkbar, dass F. schärfer reagiert, eifersüchtiger, als wenn sie eine weibliche Konkurrenz hätte, aber das ist Spekulation.

Ein Motiv hat sie. Und zwar in erster Linie daran, den Tod von L. herbeizuführen und erst in zweiter Linie eines am Tod von B. Der Schock über das Außereheliche, vielleicht, aber nicht sicher gepaart mit der Erkenntnis, dass ihr Mann bisexuell ist, wiegt bei der Person, die wir hier sehen, stärker, würde ich ohne Weiteres annehmen. Diese Demütigung ist etwas anderes als ein finanzieller Verlust, den man gemeinsam durchstehen kann. Damit aber auch dieser Verlust nicht zur Marginalie wird, zeigt man F. als eine Person, die sich in der Ehefrau-Rolle eingerichtet hat. Nach dem Kind studierte sie nicht mehr, verdient nichts hinzu. Die immanente Kritik ist augenfällig und damit wieder zum Subtext: Eine Frau, die sich aufs klassische Rollenmuster zurückzieht, hat weniger Möglichkeiten, wenn irgendwas schiefläuft. Sie ist zu abhängig von ihrem Mann, finanziell und emotional. Sie lässt die eigenen Ambitionen schleifen. Ich wage es, etwas mehr steil zu gehen: Dass sie ein wenig „trutschig“ wirkt, nicht übermäßig attraktiv oder schneidig und mondän, passt genau dazu, dass sie sich selbst reduziert hat. Und dass ihr das alles bewusst wird, als die Fassade ihres Mannes bröckelt.

Können wir das alles außer Acht lassen, wenn wir den Fall betrachten?

Zurück zur Spur. Es ist also offensichtlich, dass G. von der Entführung des L. wusste, aber zumindest an dessen Verbringung in die alte Fabrik, auch ein Klassiker, nicht beteiligt war. Ihm wird eine SMS zugespielt, da ist L. wohl schon tot oder stirbt gerade. L. muss G., aber erst die Koordinaten nennen. Aber warum sollten S. 1 und S. 2 den L. entführen, nachdem Berger schon tot ist? Doch nur, weil G. und S. 1 und S. 2 beide Parts entweder gemeinsam geplant haben oder weil S. 1 und S. 2 unabhängig von G. den B. ermordeten und L. kam hinzu und bekam es mit. Man bedenke, von beiden fanden sich Nachweise der Anwesenheit am Tatort. Beruhte also die Entführung von L. überhaupt auf einer Vereinbarung von S. 1 und S. 2 mit G? Ich meine, nein. Er ist zwar, als er die  heimliche Wohnung, das Liebesnest besucht, nicht schockiert, weil L. nicht das ist, erwartet ihn nicht, sondern denkt an die gemeinsame Zeit dort, daran, dass sie zu Ende ist, als er merkt, die Polizei hat die Wohnung ausfindig gemacht. G. versucht, die Wohnung so sauberzubekommen, dass keine DNA-Spuren zurückbleiben. Wir halten fest, G. wusste ante mehr von der der Entführung des L. und dasss sie mit dem Mord an B. zu tun hatte, als dass er davon Genaues wusste. Dafür aber ist er noch nicht strafbar, weil er sie nicht arrangiert hat. G. war auch nicht am Mord von B. beteiligt. Man sieht immer maximal zwei Täter im Bild, die ohne weitere Hinweise nur S. 1 und S. 2 gewesen sein sollten.  G. wusste auch nicht, dass L. i der Fabrik sich selbst überlassen wurde. Er wusste, genau wie die Polizei, zunächst nur, dass L. verschwunden ist, das wird ihm durch Lannert mitgeteilt.

Die Unschuld von G., die schließlich festgestellt wurde, resultiert also tatsächlich daraus, dass er keine Straftat begangen hat. Das Lügen kann ihm nicht angelastet werden, niemand muss sich selbst belasten.

Ich wende mich nun F. zu. Es ist hoffentlich keine bewusste Irreführung, dass sie in einer Gewaltszene dargestellt wird, die mit B., vielleicht auch mit L. zu tun hatte. Demnach wäre es doch möglich, dass sie es war, die mit S. 1 und S. 2 zusammen die Taten begangen hat. Sie wird als Person dargestellt, die durchaus Rache nehmen kann, wenn man sie verrät, aber ihr eigener Anteil an der Aufstellung der Familie hindert sie daran, auf ihren Mann loszugehen, sie trennt sich nur von ihm. Aber da ja noch S. 1 und S. 2 da sind, die eigene Motive haben, reicht die Kumulation dieser Motive, die gegenseitige Bestärkung vielleicht aus, um B. umbringen zu lassen. Dann könnte es sogar so sein, dass L. auch deswegen entführt wurde, weil F. dem G. den Geliebten wegnehmen wollte. Und es kann zu einem Moment der Wut der Rachegewalt gekommen sein, bevor die Taten ausgeführt wurden. Das würde aber voraussetzen, dass F. am Tatort anwesend war. Mir kam es eher so vor, als sei die Gewaltszene a.) im Freien gewesen und b.) wäre es eben doch möglich, dass sie eine Halluzination von G. darstellt. Aber wieso, zu dem frühen Zeitpunkt, in dem er noch nicht wusste, dass seine Frau so viel wusste. Offenbar durch S. 1 und S. 2 oder eine weitere Person von den finanziellen Problemen, die B. überall versursacht hat, auch bei ihrem Mann G.

Nehmen wir nun an, die Polizei hat alles richtig ausermittelt und wir sind nicht mit einem dieser schwachen Drehbücher konfrontiert, die ebenfalls lügen, indem sie den Vertrag mit dem Zuschauer brechen, der sich auf die Logik verlassen möchte, die ihm bis dahin suggeriert wird und die somit konkludent Vertragsbestandteil geworden ist – wenn also alles richtig ermittelt wurde und die Frau wurde freigelassen. Dann warum? Weil sie an nichts beteiligt war, wie ihr Mann? Oder, weil sie irgendeinen Schuldausschließungsgrund oder Rechtfertigungsgrund zugerechnet bekommt. Ich bestehe im Moment darauf, dass diese Gewaltszene eben real war. Für diese Affekttat, die hier aber vielleicht gar nicht verhandelt wurde, könnte sie eben deswegen nicht belangt worden sein. Vielleicht wollte F. den Tod des B. nicht? Oder den von L.? Sodass beispielsweise nur die Entführung des L. und ein Angriff auf B., ein Denkzettel, ihr zugerechnet werden könnte? Ich sehe bei ihr keine Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgründe und deswegen kann die Logik nur sein, dass sie tatsächlich nicht an den Verbrechen beteiligt war und die Szene, dir mir so viel Kopfzerbrechen bereitet, tatsächlich eine Einbildung von G. ist. Damit hätte auch F. kein Delikt tatbestandsmäßig verwirklicht.

Wirklich befriedigend ist das nicht. Deswegen habe ich mir vorgenommen, den Film noch einmal anzuschauen. Und das tue ich ziemlich selten.

Der Film hat weitere gesellschaftliche Merker gesetzt. Da ist beispielsweise die Szene in der Schwulenbar mit dem schönen Song und den Typen, die Schwulenhasser sind und erkennbar „ethnisch“ und dann der rumänische Zahnarzt. Homophobie wird schlaglichtartig beleuchtet und dann noch etwas anderes. Wie gutmütige Migranten von ihren deutschen Freunden ausgenutzt werden, sich dann aber nicht trauen, sich ausnutzen zu lassen, weil sie es zu etwas gebracht haben – Zahnarzt – und sich vor Konflikten mit der Polizei scheuen. Schade, dass das etwas zu sehr typisierend dargestellt wird.

Finale

Die Tragödie eines unauffälligen, durchschnittlichen Mannes wird ins Tatortformat übertragen. Ich habe, weil ich ja nach Anhalt dafür suchte, ob meine Gedanken zur Lösung stimmen, den Tatort-Fundus gewälzt, alle Reaktionen gelesen, die bisher eingingen. Niemand bot mir aber etwas an. Als ich die Liste von oben öffnete, schaute ich direkt, ob das Unwahrscheinliche passiert sein könnte, dass dieser Film ganz oben auf der Rangliste gelandet ist. Ich finde nämlich, er ist ein Love-it-or-leave-it-Fall. Dann gab ich den Titel ein, um direkt zu suchen. Und gleich hielt das Bild wieder an. Bei Platz acht. Wow! Das hätte ich den Tatortfans nicht zugetraut.  Damit haben Lannert und Bootz jetzt den Mega-Tatort, der ihnen bisher gefehlt hat, um zu den ganz Großen zu gehören. Ob sich der Film dort hält? Schlecht wird er jedenfalls nie bewertet werden. Aber wie entscheide ich mich? Zweifel sollen nicht über mein Votum bestimmen, ich werte höchstens ab, wenn ich beim zweiten Anschauen oder irgendwann merke, dass man den Zuschauer nasführen wollte. Heute überwiegt das Gefühl, einen außergewöhnlich dichten, atmosphärisch und darstellerisch starken und auch ziemlich konsequent inszenierten Film gesehen zu haben, in dem es keine gewaltigen Eruptionen gibt, sondern nur einen Mann, der die Kleidung wechselt und zwischendurch nackt vor der Welt steht.

9/10

Aus der Vorschau: 10 Jahre Lannert und Bootz.

Nach Maßgabe des Tatort-Fundus sind Lannert und Bootz die beliebtesten aktiven Ermittler, und das bei mittlerweile 22 Städten und Teams. Eine große Leistung auch des SWR, der die Figuren entwickelt hat und betreut. Die Punktzahl war schon höher als die gegenwärtigen 7,02, die ihre Tatorte bisher durchschnittlich erzielt haben, aber auch Lannert und Bootz hatten eine Schwächephase, in der die Drehbücher nicht mehr so richtig pfiffig waren und sich in den Rückgang an Originalität einreihten, der damals bei den SWR-Schienen (Stuttgart, Ludwigshafen, Konstanz) zu beobachten war. Aber mit Tatorten wie „Stau“ oder „HAL“ haben sie sich wieder an die Spitze der Tatort-Innovation gesetzt, ohne dabei abzudrehen.

Es ist seltsam mit Lannert und Bootz. Nach zehn Jahren waren Ballauf und Schenk für die Fans schon längst Max und Freddy und die Münchener doch überwiegend eher Ivo und Franz, wenn auch die Nachnamen eine etwas größere Rolle spielen, bis heute: Batic und Leitmayr. In unseren Rezensionen verwenden wir die Vor- und Nachnamen bei den beiden etwa paritätisch. Frau Odenthal ist überwiegend Lena, schon wegen des viel kürzeren Vornamens, und Klara Blum ist Klara Blum (gewesen). Die Teams, die noch nicht lange dabei sind, lassen wir mal weg, außer Faber: Bei ihm ist der Nachname so programmatisch, dass er für immer dominieren wird.

Aber haben wir bei den doch eher unprätentiösen, realistisch gezeichneten Typen aus Stuttgart je „Thorsten und Sebastian“ geschrieben? Hat das je irgendein Kritiker getan? Ich kann mir nie merken, ob „Thorsten“ mit „h“ geschrieben wird. Da fängt’s bereits an. Ich plädiere deshalb künftig dringlich für Namen, die in im Deutschen eine eindeutige Vorzugsschreibweise haben, die dann auch angewendet wird (gleiches Problem etwa bei Martina Bö(h)nisch aus Dortmund, ich hasse es, wenn ich jedes Mal nachsehen muss, wenn ich einen Namen verwende, wie er genau geschrieben wird, obwohl er ganz gewöhnlich biodeutsch ist).

Aber es sind nicht nur die wenig griffigen Vornamen Thorsten und Sebastian, die bei den Stuttgartern eie Rolle spielen. Da ist eine gewisse Distanz, die sich über bisher 21 Filme kaum verändert hat, obwohl Lannert eines der dramatischsten Familienschicksale aller Tatort-Ermittler jemals erfahren hat und man bei seinem Kumpel die Trennung von der Frau so deutlichmitbekommen hat wie bei kaum einem anderen Cop. Die Charaktere der beiden drängen sich nicht auf und das empfinde ich als durchaus angenehm, deswegen bietet es sich an, sie Herr Lannert und Herr Bootz zu nennen.

Die beiden sind beinahe zeitlos, sie waren von Beginn an so konzipiert. Ihre Darsteller wirken souverän, Richy Müller bringt diese Reserviertheit aus Verletzung ein, welcher der Lannert-Figur ausgezeichnet steht, Felix Klare gibt trotz Abspaltung von der Familie eher den unkomplizierten Typ, manchmal haben sie Konflikte, wie alle Tatort-Duos. Das Teamsetting, zu dem die Staatsanwältin Alvarez und die Kriminaltechnikerin Banovic rechnen, passt. Alles hängt also von den einzelnen Fällen ab, man wird aber nie den Darstellern die Schuld daran geben, wenn ein Tatort mal nicht so gelungen ist.

Mit diesen Voraussetzungen können Lannert und Bootz auch gut ihr Zwanzigjähriges feiern. Aufgrund ihres Zehnjährigen – vermutlich – werden ja derzeit viele ihrer Fälle auf den Bildschirm gebracht.

Hauptkommissar Thorsten Lannert – Richy Müller
Hauptkommissar Sebastian Bootz – Felix Klare
Staatsanwältin Emilia Álvarez – Carolina Vera
Kriminaltechnikerin Nikita Banovic – Mimi Fiedler
Jakob Gregorowicz – Manuel Rubey
seine Ehefrau Katharina Gregorowicz – Britta Hammelstein
die Tochter Jule Gregorowicz – Livia Sophie Magin
Moritz Ullmann, Rechtsanwalt und Bruder von Katharina – Hans Löw
Zahnarzt Dr. Radu Voica – Daniel Wagner
Frank Schacht – Robert Schupp
Armin Groß – Holger Daemgen
Detlef Schönfließ – Marc Fischer
Frau Gebert – Renate Bahm
Frau Bormann – Gisela Aderhold
Kellner im Schwulencafé – Marc-Philipp Kochendörfer
u.a.

Drehbuch – Sönke Lars Neuwöhner, Martin Eigler
Regie – Martin Eigler
Kamera – Andreas Schäfauer
Schnitt – Claudia Lauter
Szenenbild – Andreas C. Schmid
Musik – SEA + AIR

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