Letzte Tage – Tatort 878 / Crimetime 159 // #Tatort #TatortKonstanz #SWR #KlaraBlum #KaiPerlmann #Tatort878 #TatortLetzteTage #LetzteTage

Crimetime 159 - Titelfoto © ARD, Peter Hollenbach

Die Melancholie des Beamten in den Zeiten früher Tode

Wir haben lange darauf gewartet, dass Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) einen großen Auftritt bekommen wird. Wir hatten den Eindruck, angesichts der geringen Möglichkeiten, sich auszdrücken, welche ihm die letzten Drehbücher für Konschtanzer Tatorte einräumten, erschien er uns ein wenig verbittert. Und jetzt diese Ironie: Er sagt selbst, er habe noch nie so viel am Stück gesprochen. Noch nie so viel wie in jener Szene mit der Studentin Mia, die sich nur mit ihm einlässt, weil sie sowieso aufgrund ihrer schweren Krankheit durch den Wind ist. Am Ende ist er noch ein Stück desillusionierter als zu Beginn, der  Arme.  Wer mehr über dieses Trauerspiel lesen möchte, tue das bitte in der -> Rezension.

Handlung

Als die Autofähre aus dem schweizerischen Romanshorn in Konstanz anlegt, sitzt einer der Passagiere tot in seinem Wagen. Vieles spricht dafür, dass Jochen Heigle sich selbst umgebracht hat, schließlich hatte der leukämiekranke Mann nicht mehr lange zu leben. Doch Klara Blum hegt Zweifel. Anders ihr Thurgauer Kollege Matteo Lüthi, der die Leitung der Ermittlungen beansprucht und Heigles Tod für Selbstmord hält.

Davon unbeirrt, ermittelt Klara mit Kai Perlmann im Umfeld der Konstanzer Leukämie-Selbsthilfegruppe. Denn Jochen Heigle nahm an der Patientenstudie für ein neues Medikament teil, hatte aber offensichtlich Zweifel an dessen Wirksamkeit bekommen.

Bei der Herstellerfirma Sanortis in der Schweiz scheint ausgerechnet Matteo Lüthi gut bekannt zu sein. Während Kai Perlmann mit Hilfe der engagierten und reizvollen Medizinstudentin Mia Einblick in die Arbeit der Selbsthilfegruppe bekommt, lässt Klara bei Sanortis und Matteo Lüthi nicht locker. Denn der scheint vorzugsweise die Interessen des Pharmakonzerns zu verfolgen.

Hoffnung und Verzweiflung, Einsatz für die Heilung von Menschen und Anstrengung für geschäftlichen Erfolg, all das liegt bei Klara Blums neuestem Fall nahe beieinander. Denn das Opfer und die Menschen in seinem Umkreis kämpfen mit den Folgen der Leukämie, und die meisten von ihnen kämpfen mit verzweifelten Mitteln. Kai Perlmann bekommt die Intensität dieses Kampfes ganz persönlich zu spüren, während Klara Blum bei dieser zweiten Begegnung mit ihrem Schweizer Kollegen Matteo Lüthi erst einmal einem schwerwiegenden Verdacht nachgehen muss. 

Rezension

Zu Beginn, das meint vor allem die erste Szene, in welcher er über die Vorbestimmtheit seines Daseins mit dem vermutlichen Dienstende in der Besoldungsstufe A13 reflektiert. Uns hat er echt leid getan. Ohne größeren Sarkasmus. Wie sich Beamte wirklich fühlen, das verstehen wir jetzt. Sie haben nicht den Thrill, jeden Tag um ihre Existenz kämpfen zu müssen, und sie haben beruflich auch nicht die Action, die sie sich mal gewünscht hatten, als sie zum Beispiel Polizisten wurden. Welch ein kapital verwirktes Leben. Adieu, les combats de la vie, bonjour tristesse de la sécurité. Und gesund ist man auch noch, im Wesentlichen, auch wenn man etwas auf die Linie achten muss, wie zum Beispiel der Perlmann. Es ist so traurig. Schnief.

Wie sanft gewaltsam und überhaupt nicht larmoyant Klara Blum wieder durch diesen Fall schwebt. Sie diskutiert ein wenig mit dem Schweizer Kollegen, und damit dem das nicht zu viel wird, nimmt sie ihn gleich an die Handschellen. Am Ende stellt sich aber heraus, dass es auch bei den Eidgenossen integere Kriminaler gibt, auch wenn die Tendenz, alles vertuschen und der Industrie dienlich sein zu wollen im Hintergrund für weitere Melancholie sorgt. Wir regen uns nicht mehr auf, es ist eben so, dass auch Leukämie-Selbsthilfegruppen instrumentalisiert werden, wenn es um die Pillendreher geht. Dabei hilft der Geheimdienst mit. Tut er das bei uns jetzt auch oder tut er’s nicht? Am Ende bleibt es offen.

Der Verdacht, dass auch wir unsere Interessen immer dann besonders gut durchsetzen, wenn wir auf andere zeigen, wie gerade im Fall der Internetüberwachung durch die Amerikaner und Briten, bleibt bestehen. Wir, die Normalbürger, wir sind nicht einmal Schachfiguren. Wir spielen gar nicht nit. Und das kann durchaus melancholisch machen, in einer Demokratie. Wir sollten uns mit dem Perlmann in eine Gruppentherapie begeben, denn letztlich leiden wir alle an demselben Syndrom: Mangels gravierender gesundheitlicher oder materieller Probleme spüren wir umso deutlicher das Unbehagen gegenüber übermächtigen, unkontrollierbaren und über uns bestimmenden Mächten, das uns im Ernstfall zu Wutbürgern oder Amokläufern machen könnte. Oder eben grenzdepressiv, wie den Kommissar vom Bodensee, der in „Letzte Tage“ mental so auserzählt wirkt, als seien seine letzten Diensttage wahrhaftig angebrochen. Dabei muss er noch pausenlos weitermachen bis 2039, wenn kein Burnout und keine Sabbaticals dazwischenkommen.

Uns überkommt aber auch deshalb ein Feeling, mit dem wir uns dem frustrierten KHK Kai Perlmann nahe fühlen, weil es immer schwieriger wird, Tatort-Erstausstrahlungen zu rezensieren, ohne ins allgemeine Jammern zu verfallen. Ab und zu kommt mal ein guter, aber das 2013-Fragezeichen wird immer größer. Was ist los mit dem Flaggschiff-Krimi des deutschen Fernsehens? Nicht, dass es keine guten Momente und gar Bewegendes gegeben hätte, aber es wirkt alles ein wenig bemüht. Ein wenig zäh. Klara Blum alias Eva Mattes mit ihrer zurückgenommenen Spielweise verursacht dieses Gefühl nicht, denn sie agiert im Wesentliche so, wie wir sie kennen.

Vielleicht ist es das Thema. Wir sind so pappesatt mit den Manipulationen von Staatsorganen allüberall auf der Welt und haben gerade wieder einen wichtigen Film zum Thema Verschwörungstheorien angeschaut und rezensiert (noch nicht veröffentlicht), da ging es ganz anders zur Sache als in diesem Tatort und doch ist „Letzte Tage“ wieder sowas von niederdrückend. Natürlich, das Verbrechen und seine Hintergründe sind kein Spaß und Tatorte sind nicht vorwiegend zum Amüsement da (Ausnahme: die Münsteraner, als sie noch gut waren, einige andere sind unfreiwillig komisch). Und es ist auch nicht so, dass irgendetwas an „Letzte Tage“ grundfalsch wäre, abgesehen von dem ganzen Brimborium um die Handschellen und diesem ewigen Kompetenzgerangel an der deutsch-schweizerischen Grenze. Ewig ist es nicht, sondern erst vorhanden, seit Matteo Lüthi den Reto Flückiger ersetzt hat, aber es wirk so, als ob es das immer schon gegeben habe. Und damit bildet sich ein weiter, dieses Mal ein regional begrenzter Tatort-Manierismus heraus.

Es stecken viele interessante Ideen in diesem Fall. Auch die erwähnte Eingangszene hätte etwas hintergründig Urkomisches haben können, wo also die Kommissare gelangweilt im Auto sitzen und während eines dramatischen Zugriffs über ihr Leben beim Staat philosophieren. Aber wie fast immer in diesem Film fehlt die Spitze. Der Dreh, der für ein Aha-Erlebnis sorgt. Der Witz dieser Szene wird nur sichtbar, wenn man ihn mit der Lupe sucht, und wer hat Sonntagsabends vorm Fernseher schon eine Lupe zur Hand? Ebenso sind die dramatischen Momente ein wenig blutarm, obwohl viel Nasenbluten in diesem Film ist. Dem Thema müssen wir aber trotz unserer persönlichen Übersättigung mit solchen Sujets doch die Referenz erweisen, dass es grundsätzlich nie verkehrt sein kann, wieder einen neuen Aspekt des Verhältnisses zwischen dem Medizinkomplex und den leidenden Betroffenen zu erläutern und dabei zu zeigen, dass jene Betroffenen, hilflos wie sie sind, sogar einander umbringen, weil sich am Ende jeder selbst der Nächste ist, in einer anscheinend auf Charity und Goodwill basierenden Gemeinschaft von Leukämiekranken. Da steckt eine Menge Grundsätzliches drin, aber ist es auch richtig dargestellt? Glauben wir emotional an den Verlauf, der hier gezeigt wird? Eher nicht, und das ist durchaus ein Problem.

Die Sache ist nämlich so: Alle Fakten könnten stimmen, sie sind uns nichts wert, wenn wir das Gefühl haben, etwas läuft auf der emotionalen Ebene falsch. Hingegen können historische oder aktuelle Umstände noch so sehr verbogen werden, wir sind geneigt, der Darstellung zu glauben oder ihr glauben zu wollen, wenn sie unseren Nerv trifft. Das ist dem Tatort „Letzte Tage“ bei uns nicht gelungen, und wir bekennen uns in diesem Kontext zur Subjektivität.

Fazit

Die Tage des Tatort-Formats und auch diejenigen Blum & Perlmann als Ermittler am Bodensee sind gewiss nicht gezählt und zuweilen hatte die Folge 878 auch etwas von dem, was die Filme im Dreiländereck auszeichnet – Momente der intensiven Ruhe. Szenen, in denen man verweilen kann, gerade, weil sie nicht aktionsüberladen sind. Deshalb an dieser Stelle eine differenzierte Wertung. Im Grunde: weiter so. Schön auch, dass Perlmann uns mehr sagen darf. Ob seine Präsenz über eine Liebeszene im Kino mit einer todkranken Studentin gesteuert werden muss und ob darob der ebenfalls involvierte Lüthi so eine Art Männerkumpanei inszenieren sollte, was Perlmann eh ablehnt, ist Geschmacksache. Das Problem sehen wir eher darin, dass speziell dieser Tatort die emotionale Tiefe vermissen lässt, die gerade angesichts des Themas so gut darstellbar wäre.

Wir meinen, hätte man die Täter nicht wieder im industriellen Establishment angesiedelt und dabei manch fragwürdiges Handlungselement wie die Handschellenaktion und den Geheimdienst als Mitspieler und wie Lüthi damit umgeht, eingebaut, dann wäre der Zugang zur Welt der Todgeweihten, die alle Hoffnungen auf ein kritisches Medikament setzen, leichter gewesen. Aber es ist tröstlich, dass in Deutschland und in der Schweiz der einfache Polizist jederzeit den Geheimen ans Bein pinkeln kann. Es ist auch hübsch unrealistisch, und weil man das ahnt, wird man noch melancholischer. Die Bewertung ist im Kontext des ersten Halbjahres 2013 nicht dramatisch schlecht, aber auch die Konschtanzer reißen es im Moment nicht raus: 6,5/10.

Jetzt ist erstmal Pause. Fast zwei Monate keine Erstausstrahlungen. Zeit zur Regeneration beim Anschauen und Schreiben über ältere Tatorte.*

© 2018, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Auch dieses Mal beziehen sich alle Angaben wieder auf die ursprüngliche TatortAnthologie und die dortigen Rezensionszeitpunkte.

Eva Mattes – Klara Blum
Sebastian Bezzel – Perlmann
Justine Hauer – Annika Beck
Roland Koch – Matteo Lüthi
Rafi Guessous – Bernd Brandenburg
Natalia Rudziewicz – Mia
Hubertus Hartmann – Professor Dorle
Oliver K. Wnuk – Steffen Rattke
Tim Egloff – Tobi Hennig
Luca Baron – Jonas Rattke
Teresa Harder – Dani Heigle
Sophie Charlotte Conrad – Mimi
Ralf Beckord – Jochen Heigle
Christina Rieth – Frau Emsig
Ronald Spiess – Verbrecher
Silvia Jessen – Krankenschwester
Christian Rudolf – Blattmann
u.a.

Regie – Elmar Fischer
Regieassistent – Jörg Slotty
Produktionsleiter – Hartwig König
Erster Aufnahmeleiter – Steffen Schmölzer
Setaufnahmeleiter – Volker Stappenbeck
Produzent – Uwe Franke
Komponist – Matthias Beine
Maskenbildnerin – Melanie Krieg
Filmtonmeister – Peter Tielker
Drehbuchautor – Stefan Dähnert
Kameramann – Stefan Sommer
2nd Unit Kameramann – Peter Sebera

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