Wir kriegen euch alle – Tatort 1073 / Crimetime 158 // #Tatort #München #TatortMünchen #BR #Batic #Leitmayr #Wirkriegeneuchalle #Missbrauch

Crimetime 158 - Titelfoto © BR / Tellux Film GmbH, Hendrik Heiden

Sie haben wirklich alle gekriegt

 

Wurde das chinesische Au-pair-Mädchen Chi-Ling nicht von derselben Darstellerin gespielt, die in „KI“ am Ende ihr einsames Leben in einer großen asiatischen Stadt mit der freigelassenen Version von „Maria“verschönt, der KI, die getäuscht wurde und daher einen falschen Mörder benannte? Das wäre doch ein schöner Übergang zu „Wir kriegen euch alle“ gewesen. Aber im neuesten Münchener manipulieren Menschen wieder Menschen und es gibt auch keine KI, sondern nur eine Smart-Puppe, die man als Kommunikationswerkzeug verwenden kann, um kleine Menschen zu manipulieren. Die Puppe heißt nicht Maria, sondern Senta und ihre blauen Augen, die in der Dunkelheit leuchten, wenn sie im Einsatz ist, erinnern an einschlägige Mörderpuppen-Vorbilder aus US-Filmen. Was sonst noch bei diesem Tatort wichtig ist, steht in der -> Rezension.

Handlung

In einer Münchner Villa werden die Eltern eines kleinen Mädchens auf besonders brutale Weise ermordet. Die kleine Lena hat das Massaker überlebt. Sie wurde betäubt. Batic und Leitmayr finden sie schlafend in ihrem Schwebezelt im Garten.

Das chinesische Au-pair-Mädchen Chi Ling hat die Nacht durchgetanzt. Sie erzählt den Kommissaren, dass Lena vor dem Mord von einem Weihnachtsmann gesprochen habe, der in der nächsten Nacht komme. Und tatsächlich zeigt eine Überwachungskamera einen Weihnachtsmann im nächtlichen Garten. Doch wie kam der Mann ins Haus? Hat Lena ihm die Tür geöffnet? Und welche Rolle spielt dabei Lenas Smartpuppe Senta?

Rezension

Nicht nur beim Kinderspielzeug hat man sich was abgeschaut von den Amis, sondern auch bei den blutigen Serienmorden, die aus Rache motiviert sind – und welch besseres Motiv für Rache könnte es geben als Kindesmissbrauch? Ist es  überhaupt Selbstjustiz, wenn jemand nicht direkt für selbst erlittenes Unrecht Rache übt, sondern als Stellvertreter und wenn die Annahme dieser Vertreterstellung aus eigenen Kindheitserfahrungen resultiert?

Es geht im 1073. Tatort nicht nur um Kindesmissbrauch und ich musste ein wenig darüber nachdenken, ob ich das gut finde, denn dieses Thema ist ja nun groß genug, um einen Film ganz füllen zu können. Und ernst genug, um den Ton zu dämpfen und nicht diese Gags zuzulassen, die in München aber nun einmal dazu gehören, da gibt es wenig Pardon. Der Hund, das  Handy, der Baum, das Blatt im Haar, der kiffende Nachbar des Opfer-Täter-Opfers, alles klar. Eine gewisse Robustheit im Umgang mit eigentlich allem ist den Bayern nicht abzusprechen, da kann der Rest der Repbulik immer mehr auf Samtpfoten wandeln, das Wording und die Anforderungen an den Umgang im Allgemeinen betreffend. Das ist sicher ein Grund dafür, warum die professionellen Kritiker, die wir in der Vorschau zitiert haben, dem Film gegenüber eine gewisse Distanz wahren. Zudem wird eine gewisse Überinszenierung bemängelt. Die ist allerdings für heutige Tatorte schon so typisch, dass wir sie nicht mehr gesondert betrachten, sonst müssten wir uns häufig gegen sehr ausgefeilten Stil wenden, den die Filme der Reihe mittlerweile erreicht haben und jedes Mal sehr genau hinschauen, ob er nun zum Thema passt oder nicht. Wenn man „Wir kriegen euch alle“ aber mit Fällen aus den 1980ern vergleichen, die etwa 20 Jahre nach dem Start der Tatort-Reihe das heiße Eisen Kindesmissbrauch aufgriffen – wir erinnern uns dabei z. B. an einen Stoever-Fall – hat sich seitdem eine Menge Gutes getan.

Dabei kamen immer wieder neue Varianten und Perspektiven auf und in „Wir kriegen euch alle“ geht es um Väter als Täter, um Mütter als wegschauende Helferinnen, aber nicht nur um Kindesmissbrauch. Denn im Fall der Familie Grein lag gar kein Kindesmissbrauch vor, vielmehr wird ein solcher vom Sohn erfunden, um seinen Vater unter Druck zu setzen. Das ist offenbar auch ein Racheakt,  nämlich für einen anderen Klassiker: Die Diskriminierung und Herabwürdigung durch mangelnde Empathie und die einseitige Bevorzugung eines Kindes gegenüber einem anderen. Daher ist auch die nicht missbrauchte Gretchen so selbstbewusst im Vergleich zu ihrem Bruder und natürlich im Vergleich zu Lena Faber. Bruder Louis hasst seinen Vater hingegen so sehr, dass er nur noch ans Erbe will, sich dazu mit einer bösartigen Chinesin verbündet und den Rächer der Missbrauchten so manipuliert, dass dieser auf das Elternpaar Grein anspringt – und damit nicht genug, die ohnehin schon manipulierten Kekse werden nochmal gespritzt, damit das darin enthaltene Betäubungsmittel tödlich wirkt. Aber Gretchen, das eigenwillige kleine Biest von Schwester, das Louis damit umbringen wollte, um Alleinerbe zu werden, isst natürlich den Keks nicht.

An dem Tatort passt nicht alles. Im ersten Drittel gehen die Ermittlungen dermaßen schnell und linear voran, dass man richtig merkt, der Drehbuchautor wollte diesen lästigen Whodunit-Teil so unkompliziert wie möglich hinter sich bringen, um die eigentliche Story, die des selbst manipulierten Rächer-Beschützers Hasko und seines bösen Geistes Louis erzählen zu können. Der tiefere Sinn ist in der Tat das Beste an „Wir kriegen euch alle“, auch wenn die Art, wie Hasko sich mit den Blutschmierereien kenntlich macht, nicht so recht zu seinem Typ passen will und er überhaupt ein wenig arg offensiv vorgeht, mit Machete und so. Die spektakuläre Abschreckungswirkung, die er damit erzielen will, korrespondiert mit der Mission, weniger mit dem Charakter. Dieser Fall ist nicht der erste, in dem ein solcher Täter im Grunde ein Werkzeug ist, aber es ist schon sehr hintersinnig und in diesem Sinn überzeugend, dass Menschen wie Hasko, die von ihren Eltern zu sexuellen Handlungen genötigt und manipuliert wurden, sich später nicht gegen Typen wie Louis schützen können. Da fehlt die Fähigkeit, sich abzugrenzen, wenn die alten Wunden durch neue Erzählungen aufgerissen, die nie bewältigten Traumata getriggert werden.

Wir sind deshalb auch skeptisch gegenüber Selbsthilfegruppen, in denen alle einander von ihrem Leid erzählen, ohne dass ein Profi moderiert, also  nicht ein gruppentherapeutischer Ansatz verwirklicht wird. Nützt es wirklich, dass man auch noch von anderen schlimme Sachen hört, die dem selbst Erlebten ähneln und die negativen Gefühle, die dabei aufkommen, nicht in einen Heilungsprozess überführt werden können? Dass auch Ivo Batic eine Missbrauchserfahrung hat, wissen wir nun ebenfalls und auch diese Darstellung war irgendwie grenzwertig. Kann man das, was ein 15jähriger einmalig im Sportverein erlebt, mit jahrelangem hilflosem Ausgesetztsein im Elternhaus vergleichen? Die Betroffenheitsmienen der anderen Gruppenmitglieder sind in dem Fall an der Grenze zur unfreiwilligen Komik, aber mindestens einer der Teilnehmer ahnt ja auch, dass mit dem neuen, silberhaarigen Gruppenmitglied etwas nicht stimmt.

Münchener Stil ist aber nun mal anders als Kölner Stil. Es bleibt fast immer etwas mehr Möglichkeit zur Distanzwahrung und das liegt eben an den Ermittlertypen und dieser Art und Weise, nie so richtig sentimental zu werden. Wir halten an der Stelle fest, dass wir beide Varianten mögen, sich voll einzulassen und mit einer gewissen kühlen Beobachterhaltung nur wahrzunehmen, was ist: Es ist wahr, dass Familien häufig Blackboxen sind. Dritte, Außenstehende, können sehr wohl das eine oder andere bemerken, Auffälligkeiten registrieren, aber in der Regel sind sie nicht engagiert genug, um daraus Konsequenzen zu ziehen. Zum Beispiel, indem sie ein Jugendamt zur Nachforschung veranlassen.  Gerade dann, wenn sich Missbrauch im Mittelstand abspielt, ist es nicht so leicht, die Fassaden zu durchbrechen.

Fazit

Die eine oder andere Unwucht in der Handlung kann auch der souveräne Erzählstil nicht kaschieren, aber die Art und Weise, in Familien hineinzuleuchten, ist eine Möglichkeit, darauf aufmerksam zu machen, wie fehlerhaftes Verhalten in Familien Menschen fürs Leben zeichnen und sogar vollständig zerstören kann. Außerdem ist jeder Mensch Manipulator und Manipulierter, nur ist die Gewichtung unterschiedlich. Wir zum Beispiel hatten ursprünglich eine Bewertung von 7,5/10 für „Wir kriegen euch alle“ im Kopf. Aber da wir schon mitbekommen haben, dass die Tatort-Fans diesen Film sehr hoch ansiedeln und sich auf diese Weise auch von den in der Vorschau benannten Profi-Meinungen absetzen, gehen wir doch auf 8/10. 

Aus der Vorschau

Sie sind die absoluten Helden. Im weiten Tatort-Land. Die beiden Münchner Ivo Batic und Franz Leitmayr. Als sie 1991 antraten, waren sie das erste gleichberechtigte Ermittlerteam und auf diese Weise haben sie bisher 79 Fälle in 27 Jahren gelöst, „Wir kriegen euch alle“ ist demnach die Nummer 80.

Aber die Cops in der Bayern-Hauptstadt haben nicht nur die meisten Tatorte inspiziert, sie sind auch qualitativ die größte Nummer. In der Rangliste des Tatort-Fundus stehen ihre vier besten Fälle auf den Plätzen 1 (mit uneinholbarem Abstand, wie es scheint, liegt „Nie wieder frei sein“ vorne, den wir hier bereits besprochen haben), dann folgt „Der oide Depp“ auf Platz 5 und weiter geht’s mit den Plätzen 16 und 18. Das ist eine einmalige Ansammlung von Spitzen-Tatorten für ein einzelnes Team, selbstverständlich befördert durch die hohe Zahl an Fällen, aber nicht nur.

Die ebenfalls sehr renommierten Kölner Ballauf und Schenk, mit denen sich Batic und Leitmayr gerade um Platz 4 in der Gesamt-Durchschnittswertung bewerben, halten zwar in der Gesamtrangliste derzeit die Plätz 6 und 8, aber deren „drittbester“ Fall folgt erst auf Platz 44. Die Kölner kommen bisher auf 71 Fälle, sind also mit den Münchenern bezüglich der Zahl an bisher gedrehten Filmen am besten vergleichbar.

Lena Odenthal, die Dienstälteste unter den Tatort-Kommissar_innen – sie startete bereits 1989 und liegt auf Platz 3 bei der Zahl der Fälle  (67) -, sieht die besten davon gegenwärtig auf Platz 32 und 33. Nicht wenige als sieben Tatorte von Batic und Leitmayr sind besser platziert.

Die Münchner sind eine Macht und irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass es den Bayern nun einmal liegt, Qualität zu produzieren, nicht nur Tatorte betreffend. Das haben sie sich über Jahrzehnte  hinweg erarbeitet. Ihr erster Ermittler Melchior Veigl war zwar eine der prägenden Persönlichkeiten der frühen Tatort-Jahre, aber sein bester Film kommt heute auf Platz 310 – anders als etwa die Tatorte des NDR-Kommissars Finke (u. a. „Die Reifeprüfung“) zählen sie nicht zu den großen Klassikern der 1970er.

Auch die ersten Film des heutigen Spitzenduos aus München waren nicht die Brüller. Die Aufstellung des Teams war schon sehr modern und die Art, wie ihre Filme inszeniert wurden, zumindest für 1991 fortschrittlich, aber bei den seinerzeit noch recht jungen Darstellern Nemec und Wachtveitl, die vorher überhaupt nicht bekannt waren, haperte es noch ein wenig an darstellerischer Statur. Diesen Mangel hat man hinter sich gelassen und durch kontinuierliche Arbeit etwas erreicht, was sich vermutlich niemals wiederholen lässt und vermutlich werden die beiden auch ihr 30jähriges Dienstjubiläum feiern dürfen.

So lange ist es ja nicht mehr hin, bis zum Jahr 2021. Werden sie auch das erste Team sein, das die 100er-Marke bei der Zahl der Tatorte knackt, also etwa so viele Filme für die Reihe gedreht haben wird, wie in 1970ern im Ganzen entstanden? Solange es mit der Spitzbubenleiter noch klappt, gibt es keinen Grund, die beiden für auserzählt zu  halten.

Die Kölner mit ihrer höheren Taktfrequenz tun ihr bestes, um das zu verhindern, aber nach einer Zeit, in der es aussah, als könnten sie die Münchner einholen, wirkt es im Moment, als ob Gleichstand herrscht – und damit der Vorsprung der Bayern erst einmal erhalten bleibt – denn diese nehmen ihr Mission sehr ernst. Nur vier Tatorte nach „KI“ (Rezension im Wahlberliner) kommt nun „Wir kriegen euch alle“ bereits der nächste München-Tatort auf den Bildschirm.

Das war heute mal eine ziemlich wettbewerbliche Vorschau, wir wollten aber angesichts des grausigen Themas auch nicht vorgreifen und über die Serienmörder reflektieren, die es bisher schon gab und dass sich die Vorschau liest, als hätte man wieder einmal bei Steven King Anleihen genommen, erwähnen wir an dieser Stelle nur kurz.

© 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Hauptkommissar Ivo Batic – Miroslav Nemec
Assistent Karl-Heinz „Kalli“ Hammermann – Ferdinand Hofer
Kommissar Ritschy Semmler – Stefan Betz
Gerichtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher – Robert Joseph Bartl
Kinderpsychologin Barbara Jenschura – Anne Werner
Oma Frida Braubacher – Rosemarie Krause
Theo, Leiter der Selbsthilfegruppe– Sebastian Weber
Hasko, Teilnehmer in der Selbsthilfegruppe – Leonard Carow
sein Nachbar Gonzo – Michael Kranz
Ralf, Teilnehmer in der Selbsthilfegruppe – Martin Feifel
Wolfgang Faber – Thomas Limpinsel
Danielle Faber, die Ehefrau – Daniela Jurgens
Tochter Lena Faber – Romy Seitz
Chi-Ling, Au-pair-Mädchen bei den Fabers – Jing Xiang
Volker Grein – Stephan Schad
Rose Grein, die Ehefrau – Elisabeth von Koch
Tochter Gretchen Grein – Lilly Walleshauser
Sohn Louis Grein, Verlobter von Maggie – Jannik Schümann
Maggie, Au-pair-Mädchen bei den Greins – Yun Huang
Rico Kastl – Herbert Schäfer
Sohn Jonathan Kastl – Oscar Vogt
Grossmann K15 – Martin Müller
u.a.

Drehbuch – Michael Comtesse, Michael Proehl
Regie – Sven Bohse
Kamera – Michael Schreitel
Schnitt – Dirk Göhler
Szenenbild – Christine Caspari
Musik – Jessica de Rooij

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