Dicker als Wasser – Tatort 944 / Crimetime 161 // #Tatort #TatortKöln #Köln #Tatort944 #Ballauf #Schenk #DickeralsWasser

Crimetime 161 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Nicht in der Probezeit, Chef!

In der Vorschau sind wir davon ausgegangen, dass dieser Tatort uns ins unerschöpfliche Milieu der Kneipen führt, Clubs sind auch okay. Aber wir sehen den Sax Club nicht einmal von innen, dafür gibt es viel Innenleben von Freddy zu betrachten, und von einem gewissen Herren Trimborn, der von Achim Rohde verkörpert wird. Wenn man bedenkt, wie ähnlich man bei Rohde und Schenk-Darsteller Bär das Wort „verkörpern“ auslegen kann, ist es ganz natürlich, dass die beiden sich zu ebenbürtigen Partnern im pseudophilosophischen Dialog entwickeln.

Handlung

Max Ballauf und Freddy Schenk müssen den Mord an dem jungen Kneipenbesitzer Oliver Mohren aufklären. Seine Freundin Laura Albertz hatte ihn mitten in der Nacht tot vor seinem Lokal aufgefunden. Wer hatte eine Rechnung mit dem beliebten Szenewirt vom „Sax Club“ offen?

Bei den Fragen der Kommissare verwickelt Laura sich in Widersprüche. Schnell gerät Erik Trimborn unter Verdacht. Er und Oliver waren einmal Freunde. Doch dann hatte der ihm Laura ausgespannt. Allerdings traut Olivers Vater Jürgen Mohren Erik eine solche Tat nicht zu. Da erscheint Ralf Trimborn auf der Bildfläche.

Eriks Vater ist ein Mann mit einem langen Vorstrafenregister. Erst kürzlich wurde er aus dem Gefängnis entlassen. Hat er sich an Oliver für seinen Sohn gerächt? Kaum zu glauben, denn die Beziehung zwischen Erik und Laura war ihm schon immer ein Dorn im Auge. 

Rezension

Ach, was, was ist es nur, was uns immer wieder so anzieht, an den Rhein-Tatorten? Die Loreley ist doch gar nicht in Köln ansässig, sondern steht flussaufwärts und singt und singt. Schon beinahe ähnlichen Ewigkeitscharakter hat der Gesang der lebenden Seelen in den Kölner Krimis. Die Toten werden oft etwas nachlässig behandelt, wenn sie nicht gerade Franziska heißen. Lewwe geht weiter, und sich darauf zu konzentrieren, ist anstrengend genug.

Der Fall „Dicker als Wasser“ ist überragend konventionell, als Mittelklasse-Fall der Zukunft erstaunlich gut gespiegelt durch das Opel Rekord Coupé von ca. 1969, das Freddy dieses Mal anstatt überproportionierter amerikanischer Schlitten bewegen darf. Es ist wieder sein Film, wie zuletzt „Freddy tanzt“, also braucht er sich gar nicht zu beschweren und uns mit seinen Ausstiegsgedanken nervös zu machen. Mann, Freddy, du bist der King im Revier! Wie du am Ende losstürmst, die dicke Sicherheitsweste unter dem Hemd vertarnt, das hat echte Greiferqualität. Dass uns bloß nicht einmal ein mieser Möpp wie dieser Trimbaut … nein, Trimborn heißt er … auf die Idee kommt, etwas höher zu zielen. Das hätte schon beim preisgekrönten „Im Schmerz geboren“ zu einer kaum schließbaren Lücke unter den profilierten Schauspielern unter den profilierten Ermittlern führen können. Aber es gibt einen Unterschied: Während Murot die Weste immerhin sichtbar trug, dachte sich Freddy, wir machen einen kleinen, typischen Kölner Karnevalsscherz, weil bei unserer Statur eh nicht auffällt, dass unter dem Hemd so ein dickes Schußabwehrteil versteckt ist. Haha.

Kaum besser: Der Versicherungsbetrug, der ist echt für Anfänger, und klar, dass das bei den Ermittlungen zum Tod der Person, die hier so sichtbar keine Unterschrift geleistet hat, gar nicht auffiel. Ein Aspekt, der sichtbar in den Plot hineinkonstruiert wurde, weil es motivationstechnisch noch etwas geklemmt hat, beim Trimball … Trimborn, als uns klar gemacht werden soll, welch ein jovialer Egomane dieser brutale Vater ist. Als wenn brutale Menschen nicht immer in diese unterdrückende Richtung tendieren würden. Letztlich ist es nicht so wichtig, dass hier mal alles hätte passen können, wenn man etwas sorgfältiger zu Werke gegangen wäre.

Denn die Figuren bieten es an. Freddys Anfangspatzer in der Nacht ist noch irgendwie doof, aber als Trimble … Trimborn auftritt und man anfangs den Eindruck hat, das sei die Rhein-Variante vom Inkasso-Heinzi, da wird der Bildschirm weiter und wärmer und man schaut nur noch diesem Typ zu, wie er agiert und chargiert. Bei allem Schrecklichen, was er verkörpert, schafft es sein Darsteller, ihn als Charaker vorstellbar zu machen. Zum zweiten Mal eine starke Performance nach „Das Haus am Ende der Straße„, genau wie im Frankfurt-Fall, gekonnt überzeichnet.

Dem müssen wir uns einem Extra-Absatz widmen. Für uns keine Frage, dass es Menschen gibt, die auf eine boshafte Art faszinierend sind, rücksichts- bis ruchlos, aber in gewisser Weise auch Opfer ihrer manipulativen Fähigkeiten. Trimborn ist, obwohl er eine miese Tour nach der anderen inszeniert, im Leben nie wirklich zu etwas gekommen. Daran ändert auch der Wolfsbarsch nichts. Das innen düster und abgestanden wirkende Haus, das kurz vor der Versteigerung steht, dieser  Hinterhof, indem mit allerlei Kleinkram und Gerümpel hantiert wird, das prägt unser Bild von Trimbonrs Leben.

Ein unaufgeräumtes Leben, genau seiner Gehirnstruktur entsprechend. Er ist kein Stratege des Verbrechens, sondern nur ein Taktiker, der ein gutes Gespür für die Schwächen anderer Menschen hat. Wären die Ermittler im Zusammenhang mit dem Tod seiner Frau nicht so grunddämlich gewesen, hätte der als 944. Tatort gezeigte Fall gar nicht stattfinden können. Insofern funktioniert die Figur Trimborn nur, weil man einige Besonderheiten in ihrer Vergangenheit nicht ernst genommen hat. Ein schwieriges Schicksal, wenn uns jemand als so bedrohlich und fies über fast 90 Minuten in Atem halten darf, der unter normalen Umständen längst über die Unausgeglichenheit seines Charakters gestolpert wäre.

Ihn ins Duell mit Freddy zu schicken, gehört allerdings zu den besten Einfällen, die wir in den letzten Tatorten bewundern durften. Wir, zwei von selben Schlag, Kumpel – so versucht Trimborn den Schenk zu vereinnahmen. Dass dieses Gespräch über zwei ähnliche Menschen in verschiedenen Arbeits- und Lebensrollen trotz seines abgedroschenen und psychologisch nicht besonders feinsinnigen Inhalts so kultig wirkt, kommt einfach daher, dass die richtigen Darsteller es führen.

Fazit

Freddy weiß, das Verbrechen ist eine Hydra, schließlich hat er auch einen Fernseher, und wenn er dienstfrei hat und weil ihn sein Job, Familie hin oder her, ja nie loslässt, schaut er sich andere Tatorte an wie „Hydra“ oder norddeutsche Fälle, in denen die OK etwas so realistisch Unausrottbares geworden ist. Kein Wunder, dass der Gemütsmensch Nummer Eins da irgendwann und nach vielen Dienstjahren schlapp macht. Gemütsmensch Nummer Zwei versucht, wenn Freddy deswegen abdreht, die Dienststelle im Rahmen der Legalität arbeiten zu lassen. Und das immer wieder und immer wieder.

Wie oft kam es jetzt vor, dass der eine von beiden die Alleingänge des andern zu beklagen hatte? Dass mindestens einer von beiden, manchmal auch beide in schöner Verschworenheit, illegal unterwegs waren? Wie oft haben wir uns schon gefragt, wieso wir dessen nie müde werden? Andere Teams oder Tatortschienen hätten von uns bei einem solch massiven Recycling von bekannten Motiven, Situationen und Abläufen längst eine Bewertungs-Watschn verpasst bekommen.

Die Kölner aber beherrschen etwas, das ist einmalig im weiten Tatortland: Sie altern genau wie wir oder sogar etwas schneller. Sie entwickeln ihre Macken, verlieren ihre Illusionen, genau wie wir, aber sie machen immer weiter, genau wie wir. Jeder gewaltsame Tod, der für sie ein Fall wird, das wissen sie mittlerweile  ist auch ein kleiner Tod für sie selbst. Sie wandeln nicht durch die Jahre und werden immer reifer und abgebrühter, tragen graue Mähnen stolz zur Schau, wie die Münchener Kollegen, nein, sie bleiben, wie sie sind – leicht angefasst und so sehr anfassbar. Wie sie ihre Jahre leben, wie ihr Dienst aussieht, das ist jeden Abend ein kleines Sterben und jeden Morgen eine Auferstehung, jeder Fall ist ein kleiner Kreis innerhalb eines großen Kreislaufes, den wir alle kennen und von dem wir alle wissen, dass wir in diesem Kreislauf unterwegs sind. Freddy und Max sind nicht nur gute Kumpels untereinander, sie haben sich mit uns verschworen, auf dass wir alle gemeinsam alt und von den Fällen und Wechselfällen des Lebens gezeichnet werden.

Deshalb ist es fast egal, dass die Kölner Tatorte nach einem Zwischenhoch wieder genau dort angekommen sind, wo sie vor dem Zwischenhoch waren. Im Alltag. in jenem irgendwie doch so unabdingbaren Alltag, ohne den wir, und das sollten wir zugeben, dann verstehen wir besser, was Max und Freddy uns bedeuten, den wir sehr benötigen, um unser Leben zu bemessen und alles, was es ausmacht, zu kategorisieren. Wir erwarten von unserem Alltag nicht, dass jeden Tag etwas Exorbitantes geschieht. So auch nicht von den Kölner Tatorten.

Aber wir freuen uns, wenn uns Typen darin begegnen, die wir auch im eigenen Alltag schon erlebt haben. Diesen Trimborn, den haben wir irgendwo schonmal gesehen, und es war nicht auf dem Bildschirm.

Unsere Wertung: 7/10

© 2018, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Dr. Roth – Joe Bausch
Elisabeth Förg – Karyn von Ostholt
Erik Trimborn – Ludwig Trepte
Jupp Geldermann – Jochen Kolenda
Jürgen Mohren – Jochen Nickel
Laura Albertz – Alice Dwyer
Luana Bellinghausen – Horst Neugebauer
Maren – Luana Bellinghausen
Ralf Trimborn – Armin Rohde
Tobias Reisser – Patrick Abozen
u.a.

Drehbuch – Norbert Ehry
Regie – Kaspar Heidelbach
Kamera – Achim Poulheim
Musik – Arno Steffen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

AutismusJournal

Perspektiven und Reflexionen

Carolin Schnelle

Jungjournalistin

thomas post

Alternativen

Telepolis

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

ScienceFiles

Kritische Sozialwissenschaften

Zusammen gegen #Mietenwahnsinn

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

KuBra Consult

Acta, non verba

Nachrichten: ZEIT ONLINE Newsfeed

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Meike K.-Fehrmann (Autorin)

Frieda - Ein Demenz-Krimi / Warum Herr Hagebeck sterben muss / Kakerlaken-Schach / Die Rache stirbt zuletzt

SPIEGEL ONLINE - Politik

Das Netzmagazin von Thomas Hocke

Testkammer

Testen macht süchtig: Filme, Spiele, Bücher etc. im Fokus

Film plus Kritik - Online-Magazin für Film & Kino

„Film is a disease. When it infects your bloodstream, it takes over as the number one hormone. As with heroin, the antidote to film is more film.“

SPD erneuern

Unfrisierte Gedanken zur Wiedergewinnung von Relevanz

Ein Parteibuch

Noch ein Parteibuch

Jan Josef Liefers

Die offizielle Fanseite

Wortwechsel 15

Das Schreibblog von Anja, Armena, Elke und Thomas

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

%d Bloggern gefällt das: