Tanz auf dem Hochseil – Tatort 391 / Crimetime 204 // #Tatort #TatortDresden #Dresden #Sachsen #Ehrlicher #Kain #Tatort391 #TanzaufdemHochseil

Crimetime 204 - Titelfoto © MDR / HA Kommunikation

Jemand wo weiß

Ein Zirkusartist fällt vom Seil und da es einen geheimnisvollen Zettel gibt, der von Mord kündet, beginnen die Kommissare Ehrlicher und Kain zu ermitteln, tauchen ein in die Welt eines kleinen Wanderzirkus und kommen schnell dahinter, dass es finanzielle Probleme gibt und persönliche Animositäten vor allem gegenüber dem Direktor Rostowsky, mit denen das jähe Ende des Seiltänzers etwas zu tun haben könnte. Ob das tatsächlich so war, lösen wir in der -> Rezension auf.

Handlung

Kommissar Ehrlicher und sein Assistent Kain ermitteln in einer ihnen fremden und exotisch anmutenden Welt der Artisten und Zirkusleute. Auf den Elbwiesen, neben dem „Körnergarten“, hat Zirkus Hain seine Zelte aufgeschlagen. Während einer Vorstellung stürzt der Starartist Vladimir vom Hochseil tödlich ab.

Ist sein tragischer Tod aber wirklich nur die Folge eines Unfalls? Kommissar Ehrlicher kann das nicht glauben. Er spürt, daß in diesem Zirkus etwas nicht stimmt. Sein einziger Anhaltspunkt in diesem Fall ist zunächst nur ein anonymer Brief: „Vladi kein Unfall. Mord. Einer, wo weiß.“. Nur mühsam gelingt es den Kommissaren, das Vertrauen der Artisten zu gewinnen. Doch auch dann gibt sich der Schreiber der anonymen Nachricht nicht zu erkennen. Die Kommissare bleiben aber hartnäckig am Ball und decken die mysteriösen Umstände des angeblichen Unfalls auf. Doch wer hatte ein Motiv, den Hochseilartisten zu töten? 

Rezension

Ein prägnantes Statement nach dem Film? Da wir bei der Rückwärts-Aufarbeitung des großen Tatort-Fundus bei Kapazitätsengpässen meist gegen die Wiederholungen von Kain und Ehrlicher-Folgen entschieden haben und diese Engpässe sich erledigt haben, weil wie die häufig wiederholten Tatorte mittlerweile mehrheitlich abgehandelt haben, sind wir nun im Stadium der intensiven Befassung mit den beiden Ermittlern angelangt, die erst in Dresden, dann in Leipzig tätig waren. Und wir merken immer mehr, es war richtig, die erste Ostschiene der Tatort-Reihe nicht sofort zu bearbeiten.

Warum solch langes Zögern bei Ehrlicher und Kain? Weil die Tatorte wirklich anders sind. Zumindest anders als die West-Tatorte jener Zeit. „Tanz auf dem Hochseil“ wurde 1998 gezeigt, nachdem in Köln gerade Max Ballauf und Freddy Schenk gestartet waren, die um eine Generation jünger und demgemäß moderner wirken – vollem als Ehrlicher. Was sie ja altersmäßig auch sind. Aber Ehrlicher ist auch kein Herren-Ermittler der alten Schule mit Trench und Hut, sondern ein Sonderfall, besonders in „Tanz auf dem Hochseil“.

Was ist so besonders? Es fängt schon damit an, dass lang und breit erklärt wird, dass es Seillauf heißt, und nicht Seiltanz. Was ja auch stimmt, niemand tanzt auf einem Hochseil einen Walzer. Trotzdem heißt der Film konsequent ignorant „Tanz auf dem Hochseil“. Ist dieses Nicht-Einbeziehen von Erkenntnissen ein spezielles Ost-Trauma? Durchgerutscht, unter der oberflächlichen Vorgabe, dem Publikum nicht mit dem Titel schon Rätsel aufzugeben? „Lauf auf dem Hochseil“ hätte blöd geklungen, aber es hätte viele andere Möglichkeiten gegeben, den Respekt vor dem Zirkusleben nicht so deutlich mit Füßen zu treten.

Dies setzt sich im Verhalten von Bruno Ehrlicher fort und Kain lässt sich davon anstecken. Gehört zu einer vorgeblichen sozialistischen Ehrlichkeit eine echte Kotzbrockigkeit? Wie Ehrlicher mit den Leuten, die ja wirklich nicht zu den Privilegierten gehören, umspringt, erinnert uns beinahe an das Überdrüber-Verhalten von Lindholm in allen Lebenslagen, auch wenn es sicher aus einer anderen Geisteshaltung herrührt. Das ist uns allerdings in anderen, vor allem jüngeren Tatorten der beiden Dresdner-Leipziger nicht so ins Auge oder ins Ohr gesprungen.

Wir haben immer nur mal wieder in Kommentaren gelesen „Ehrlicher dieses Mal sympathisch“. Jetzt wissen wir, woher diese Hervorhebung kommt. Ausgerechnet in einer Welt, in der es keine sozialen Positionen zu verteidigen gilt, wirkt Ehrlicher wie ein angewiderter Snob, was ihm optisch zwar nicht steht, aber deswegen nicht minder fehlgeleitet wirkt. Beinahe könnte man denken, in der DDR gab es keine Wanderzirkusse und das ganze Milieu mit seinen Friktionen, seinen Unterdrückungsmechanismen, seiner Enge und seinem morbiden Charme sei dem Ex-DDR-Beamten per se ein Gräuel.

Allerdings dominiert dieses Gehabe den Film nicht so, dass er allein dadurch wesentlich abzuwerten wäre. Es hat uns nur verblüfft. Zuletzt hatten wir von diesem Team „Teufelskreis“ rezensiert und kamen zu dem Schluss, die Ostschiene inklusive dem Kriminaltechniker Walter sind schon kurios und anders, mit ihren vielen schrägen, manchmal auch nervenden Kommentaren und einerseits verklemmten, andererseits auch heimeligen Alltagsallüren. Daran muss man sich gewöhnen, es wirkt ein wenig, als hätte man den früheren DDR-Polizeiruf so designt, dass alles, was früher dem Publikum offen und mahnend ins Gesicht gesagt wurde, nur noch in den nicht vorhandenen Bart gegrummelt werden darf, mit einem gewissen Ingrimm. Eine Art Rückzugsposition, die haargenau auf die herrschende Ostalgie abzielt, mit all ihren fragwürdigen Eigenschaften.

In „Tanz auf dem Hochseil“ gibt es nichts davon, und eines muss man schon sagen: Wenn man den Ehrlicher mit der Tatort-Nummer 391 in Vergleich setzt zu neuen Zirkus-Tatorten wie „Zirkuskind“ oder „Schwindelfrei“, dann – ist man verblüfft, wie alle am Thema Zirkus irgendwie nicht ins Schwarze treffen, aber bei der MDR-Produktion geht der Pfeil wenigstens noch am Rand der Scheibe ein und nicht vollständig vorbei.

Da kommt zwar wenig Glanz und Flair rüber, aber viel vom harten Alltag und den kleinen und großen Träumen von Menschen, die nur dadurch, dass sie besonders sind, überhaupt in einer solchen Welt aushalten können, wie sie hier gezeigt wird. Außerdem ist es noch ein klassischer Zirkus ohne Political Correctness. Es wird zwar schon bestanden, dass ein  Kleinwüchsiger kein Liliputaner ist und ein Seillauf kein Seiltanz, aber es gibt noch allerhand gefangene Tiere, Menschen, die andere Menschen als Zwerge bezeichnen und bunt eingerichtete Wohnwagen, in denen man hin und wieder auf eine oberkörperfreie Zirkusschönheit trifft. So hat man sich’s als Kind oder Jugendlicher vorgestellt, wenn auch ohne die sozialen Missstände.

Natürlich waren wir auch im Zirkus, zuletzt in den 1990er Jahren, aber da war schon eine andere Mode im Kommen: Die reinen Artistenzirkusse, die nur auf Akrobatik, Geschichten und Inszenierungen setzen wie „Flic Flac“, der in unserer alten Heimat häufig in die Städte kam oder, etwas größer, „Cirque du Soleil“.

Mit dem Milieu vertraut waren wir bereits durch Kinderbücher und, verflixt nochmal, wir wissen genau, dieser Zettel „einer wo weiß“ ist ein Zitat aus einem dieser Bücher, eine Anspielung vermutlich auf ein Fünf Freunde-Abenteuer, von denen mehrere die Zirkuswelt auf eine Weise beleuchten, an deren Intensität bisher kein Tatort herangekommen ist – wiewohl auch diese Bücher nicht frei von Klischees und politischen Ansichten sind, die man heute so nicht mehr für Kinder und Jugendliche aufschreiben würde. Aber „Tanz auf dem Hochseil“ ist bisher der einzige Zirkus-Tatort, der uns überhaupt ein wenig an diese atmosphärisch sehr dichten Beschreibungen erinnert hat.

Inklusive dieses Zettels mit der verstellten Handschrift und der absichtlich gebrochenen Sprache. Wir haben leider die Bücher nicht in Berlin und können nicht nachschauen, aus welchem die Idee entnommen ist bzw. welches  zitiert wurde, aber wenn, hätten wir auch nicht die  Zeit zur Nachforschung. Den Ansatz finden wir aber nicht schlecht, weil’s ein Insider-Gag ist, den viele Zuschauer gar nicht verstehen können.

Wegen dieser Vorlektüre im Alter von zehn oder zwölf Jahren kam uns das Szenario in „Tanz auf dem Hochseil“ bekannt vor, auch wenn man das Personal reduziert hatte – aus Kostengründen sind sehr viel weniger Menschen zwischen den Wohnwagen unterwegs, als das bei einem wirklichen Zirkus der Fall ist und das hat den vorherrschenden Eindruck von Tristesse hinter Clownsmasken und jenseits bunter Showkostüme erhöht.

Aber während uns seinerzeit die Bücher mit Schlag Richtung Zirkusmilieu fasziniert haben – geschickterweise entstammen die Protagonisten ja nicht diesem Milieu sondern tauchen genauso dort ein wie wir, die Leser – hat uns hier das eine oder andere hochgradig genervt.

Der Direktor? Also, wie man Peter Bongartz hier auftreten ließ, war etwas würdelos und seine Art, die finanziellen Dinge zu regeln, wirkte nicht unbedingt logisch, aber komischerweise war es die Figur, die sich – für uns schon relativ früh, nachdem wir den Direktor, der zu offensichtlich gewesen wäre, ausgeschlossen haben – als Täter gezeigt hat: Den kleinwüchsigen Clown Boris. Wir hatten uns auch mal zwischendurch gefragt, ob die PC heute einen solchen kleinen Menschen als Täter noch zuließe, aber es war der Mann selbst, dessen Allpräsenz, dessen Verhalten in uns etwas ausgelöst hat, dem wir noch nicht auf die Spur gekommen sind.

Wir haben alle unsere Prägungen und dieser penetrante Mensch, der zudem allen Konventionen widerspricht, vor allem mit seiner hoffnungslosen Liebe zu einer attraktiven Frau, den haben wir richtiggehend abgelehnt. Das passiert uns in dieser Form bei Tatorten selten und wir glauben, das sind Reste einer Sozialisierung, die sehr auf Konformität und Adäquanz ausgerichtet war, auch wenn sie nicht im Osten des Landes mit seinem Hang zum Egalitären stattfand – im Gegenteil.

Jemand, der so wenig konkurrenzfähig ist, niemals sein Schicksal in einem Ruck oder einer Kraftanstrengung wenden kann wie dieser Boris war für uns ein schmerzhafter Anblick. Zudem rechnen wir uns eine Neigung zur Diskretion zu, die z. B. in  unserer Wahlstadt, die ja auch ein großer Zirkus ist, nicht so häufig anzutreffen ist. Also war uns beim Anschauen von „Tanz auf dem Hochseil“ jeder Voyeurismus fremd und wir haben uns manchmal weggedreht vom Bildschirm. Ein Reflex auf  Zeiten, in denen wir sogar den Fernseher ausgeschaltet haben, wenn es nach unserem Empfinden zu peinlich wurde. Darüber sind wir natürlich längst hinweg, sonst könnten wir keine Filme rezensieren. Dabei wissen wir mittlerweile längst, dass körperliche Handicaps lediglich sichtbarer sind als zum Beispiel innere Grenzen, aber das hat uns gestern nichts genützt.

Deswegen hatten wir besondere Schwierigkeiten mit Boris als Täter und dieser melodramatischen Schluss-Inszenierung, obwohl er als einziger neben dem Direktor ein Motiv hatte und da der Direktor es nicht sein konnte, musste der Clown seinen Chef auf eine ganz schön hinterlistige Weise (subjektiver Tatbestand der Heimtücke in § 211 StGB) um die Ecke gebracht hat. Sachlich ist diese Begehungsgweise übrigens sehr fragwürdig –  zum einen wegen des unsicheren Erfolges, zum anderen, weil diese Sache mit dem Wässern der Stangen ja eine Wissenschaft für sich wäre, würde sie tatsächlich von Akrobaten so angewendet. Es gibt sicher Holz, das von sich aus das richtige spezifische Gewicht hat, um für die Herstellung von Balancierstangen verwendbar zu sein.

Was man ebenfalls vernachlässigt hat, war, die vielen interessanten Typen, die in dem Film vorkamen, mehr als Verdächtige zu präsentieren. Das hätte allerdings ein komplexeres Drehbuch gefordert, und wenn die Tatort-Drehbücher so richtig verzwickt werden, mangelt es ihnen auch meist an Logik, also insofern alles nicht so wild mit der starken Konzentration auf die Seilläuferin, den Clown, den Direktor.

Das Fazit? Die triste Inszenierung mit wenigen optischen Höhepunkten wie Zirkusvorführungen, die mit Sternfiltern abgefilmt wurden oder dem Lauf von Anastasia über die Streben des Plexiglasdachs der Shopping Mal ist für 1998 antiquiert, aber man hat sich beim MDR vorsichtig, aber erkennbar von den DDR-Konventionen, genauer gesagt von denen des Polizeirufs alter Prägung, wegbewegt und die Ermittler, besonders Bruno Ehrlicher, passen ja auch zu dieser Modernisierung in Trippelschritten.

Neben den bisher erwähnten Aspekten muss man auch sagen, dass der Fall etwas dünn geraten und nicht sehr spannend inszeniert ist. Ein Whodunit mit wenigen Möglichkeiten, besonders ab dem Moment, in dem klar war, dass jemand die Balancierstange manipuliert hatte.

Vielen Tatorten, die in besonderen Milieus spielen, ist leider ein gewisser Mangel an Authentizität eigen, der daher kommt, dass weder der Autor noch der Regisseur des Films dem Milieu angehören oder es wenigstens intensiv studieren konnten. Es müssten Filmkünstler ersten Ranges sein, die beim Vaudeville gelernt haben, die Zirkus wirklich können – doch die gibt es in Deutschland nicht und seit die Macher von Tatorten immer mehr an Filmhochschulen anstatt im Leben ausgebildet wurden, werden die Filme zwar optisch immer anspruchsvoller, aber grandiose Inszenierung wird mittlerweile bewusst anstelle einer Authentizität gesetzt, von der die Beteiligten genau wissen, dass sie diese nicht herstellen könnten. So weit war man aber 1998 im Ehrlicher-Land noch nicht und  daher wirkt der Film in seiner Begrenztheit immerhin so, wie seine Hauptfigur heißt: ehrlicher als heutige Produktionen. Wir geben 6/10 für „Tanz auf dem Hochseil“. 

© 2019, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Kommissar Kain – Bernd-Michael Lade
Boris – Michael Markfort
Anastasia – Katja Woywood
Rostowsky – Peter Bongartz
Sven – Tilmann Günther

Stab
Drehbuch – Claudia Sontheim
Regie – Peter Vogel
Kamera – Jürgen Heimlich
Musik – Klaus Doldinger

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