Brief einer Unbekannten (Lettre d’une inconnue), F / D 2001

Filmfest 10

2019-01-25 filmfest - neue version mit mittiger schrift

 Jetzt machen wir einen gewagten Sprung, auch wenn wir ganz im Thema bleiben.

Folgend auf „Brief einer Unbekannten“ nach Stefan Zweig in der grandiosen Verfilmung von Max Ophüls aus dem Jahr 1948 nehmen wir uns die neue Version vor, die Jacques Deray im Jahr 2002 fürs Fernsehen erstellt hat – es war sein letzter Film. Der dumme Zufall will es, dass ich gerade versucht habe, ein Werk von ihm aus den 1970ern anzuschauen, das heißt „Borsalino & Co.“ und ist immerhin mit Alain Delon, der auch produziert hat. Da ich aber vergessen habe, zum Ausgangsfilm, dem bekannteren „Borsalino“, in dem auch Jean-Paul Belmondo mitspielt, eine Kritik zu erstellen, bin ich froh, da nicht weiter durcharbeiten zu müssen. Auch dieser Film entstand unter der Leitung von Jacques Deray. Wie sein letztes Werk auf mich gewirkt hat, beschreibe ich in der -> Rezension.

Handlung

Wien, in den 1930er Jahren. Der attraktive und berühmte Schriftsteller Albert Rank erhält den Brief einer Unbekannten. Er entdeckt darin, dass sie ihm ihr gesamtes Leben ihre grenzenlose Liebe widmete. In ihrem Brief blickt Rose auf eine Vielzahl von Treffen mit Albert zurück: Seit der Kindheit ist sie sklavisch in ihn verliebt und ihr ganzes Leben lang ist sie nie wieder davon losgekommen. Bei vielen Begegnungen konnte Rank sie nicht erkennen, auch wenn die gemeinsamen Momente wunderbar gewesen waren. Als erwachsene Frau ist die Liebe der Rose zu schmerzvoll, um weiter zu gehen, und sie zieht verhängnisvolle Konsequenzen. (Angaben: ARD)

Rezension

Während Ophüls‘ Version heute als Meisterwerk und einer seiner besten Filme gilt, gibt es von Derays Fernsehspiel nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag und in der IMDb keine einzige Kritik und keine Nutzerbewertung. Der Durchschnitt der Nutzer, die keine Rezension geschrieben, aber eine Bewertung abgegeben haben, liegt bei 7,2/10 (Ophüls‘ Version kommt auf mehr als berechtigte 8/10). Mich haben die 7,2 ein wenig überrascht, zumal „Clarissa – Tränen der Zärtlichkeit“, der 1996 entstand und ebenfalls auf einem Werk von Stefan Zweig basiert, nur auf 5,7 kommt. So weit auseinander fand ich die beiden Filme nicht. Allerdings habe ich über „Clarissa“ nicht geschrieben, das sagt vielleicht doch einiges. Kurzum, es gibt wenig Material zu diesem Film und ich muss richtig aus dem Bauch heraus arbeiten, mittlerweile eher eine ungewohnte Vorgehensweise.

Vielleicht fange ich so an: Jacques Deray ist einer von jenen Regisseuren aus der großen Zeit des französischen Kinos, die hierzulande nicht jeder kennt. Aber er hat „Der Swimmingpool“ gemacht. Das Original mit Romy Schneider und Alain Delon aus 1969, nicht das blutleere Remake; als dieses entstand, war Deray schon verstorben. Die IMDb sieht das Original zwar nur bei 7,0/10 und der Film hat ein paar Schwächen, aber diese heißkalte Atmosphäre, die etwas aufgesetzte Psychologie und das Spiel der Superstars sind absolut sehenswert.

Leider nichts davon in „Brief einer Unbekannten“, den ich deshalb nicht als Remake des Ophüls-Films bezeichnen möchte, weil beide auf einer literarischen Vorlage fußen, die für sich steht. Stefan Zweig steht eben für sich, das ist nicht das Gleiche, als wenn ein Kriminalroman verfilmt wird und dann noch einmal und die Menschen eher die Filme als das zugrundeliegende Buch kennen. Wie bei Psycho, exemplarisch, der nicht etwa nach einem „Originaldrehbuch“ entstanden ist. Aber zurück zu Zweig und Deray.

Mir ist der Film zu kühl geraten, zu statisch. Man kann die Atmosphäre, die in den 1940ern im US-Film noir geherrscht hat, nicht auf 2001 übertragen, aber was wir sehen, ist eine typische bi- oder multilaterale Produktion unserer Zeit, die so zurückgenommen wirkt, dass ihr jede Eigenart, jede Individualität fehlt.

Das traurige Schicksal der Frau, die im Roman keinen Namen hat und im Film Rose genannt wird und das im Grunde ebenfalls traurige Dasein des Schriftstellers Albert berühren im Grunde nur aus der Konstellation heraus, aus der Imagination, dass eine große Liebe sich in wenigen Sexnächten banalisiert, weil der Mann nicht einmal in der Lage ist zu erkennen, dass die junge Frau von 22, mit welcher er zusammen ist, die Frau von 31 kurz vor ihrem Suizid, dieselbe Person sind wie seine Nachbarin mit 15, die er ja doch häufiger gesehen hat.

Man könnte nun witzeln, das kommt daher, dass zwischen Alter 15 und 22 die Schauspielerinnen gewechselt wurden und einander nicht sehr ähneln. Und natürlich ist dieses Nichterkennen der Dame, die dem Literaten zum Geburtstag immer die Rosen schickt, eine literarische Konstruktion oder Konzeption, die darauf hindeutet, dass Schriftsteller zwar goldene Worte können, sogar über die Liebe, wie man annehmen darf, aber vor allem eitle Typen, mithin Narzissten sind, die niemals wirklich in die Welten anderer, schon gar nicht in weibliche Welten vordringen können. Der unprätentiöse Beobachter, der Diener Johann hingegen, der merkt alles.

In Ophüls‘ Film ist er stumm, das ist eine gute Idee, wenn auch keine perfekte, denn er hätte ja seinem Herrn einen Hinweiszettel schreiben können. Aber natürlich ist auch der stumme Beobachter ein Archetyp. In der Deray-Verfilmung hingegen kann Johann sehr wohl sprechen, sodass ihm Rose den Schwur abnehmen muss, dass er seinen Herrn nicht instruiert, wer die Frau ist, welcher er im Hof des Miethauses begegnet – als sie 22 ist.

Dass Stefan Zweigs Werk ein Briefroman ist, erkennt man noch recht gut, denn mit dem Brief, den der Schriftsteller erhält, fängt alles an und wird in Rückblenden erzählt. Der Film strahlt, sicher kommt er da dem Buch recht nah, eine große Melancholie aus, aber  die Innigkeit und die Glaubhaftigkeit der großen Gefühle der Frau, die konnte Oscarpreisträgerin Joan Fontaine, die Hitchcocks „Rebecca“ war, einfach besser rüberbringen und Louis Jourdan wirkt wesentlich getriebener und gleichzeitig nachlässig-verspielt, das können Irène Jacob und Christoper Thompson nicht nachbilden; dieser Wille zum Unbedingten ist in diesen Stilübungen der Zeit um die Jahrtausendwende nicht das herausragende Merkmal des paneuropäischen Mainstream-Fernsehfilms gewesen.

Natürlich, in den 1940ern wurde im Film theatralischer gespielt, aber gerade Fontaine mit ihrer zurückhaltenden, viel mehr als bei ihrer älteren Schwester Olivia de Havilland nach innen gekehrt wirkenden Art wirkt dabei keineswegs übertrieben.

Ganz gerecht ist diese Kritik vermutlich nicht, weil ich den Vergleich habe und bekennender Ophühls-Fan bin. Sowas hätte ich vor einigen Jahren nicht geschrieben, aber mit der  Zeit hat sich ja doch ein Bild ergeben und es liegt nicht daran, dass wir in derselben Stadt geboren sind und dort ein Nachwuchsfilmer-Festival nach ihm benannt ist; Wolfgang Staudte zum Beispiel liegt mir weniger, mit seiner kantig-plakativen Ausformung der expressiven Ufa-Filmweise. Aber die visuelle Eleganz von Ophüls‘ Filmen, gepaart mit psychologischer Finesse, wie sie heute kaum noch realisiert wird, sind etwas Besonderes und Bleibendes, daran kann dieses Alterswerk von Jacques Deray nicht anknüpfen. Es ist eben sehr onventionell. Es gibt stellenweise eine gute Lichtsetzung, welche die Ambivalenz des Schriftstellers Rank recht gut illustriert, aber auf eine doch vordergründige Weise: Am Ende der Brief-Lesung blendet von hinten das Licht der Erkenntnis, es tagt zwischen schweren, dunklen Vorhängen durchs Arbeitszimmer-Fenster.

Ophüls als Vergleich oder nicht, es ist eben das Unglück der Filme ab den 1980ern, dass sie Macher keinen direkten Zugang mehr zu der Zeit hatten, in denen die Vorlagen entstanden sind und vor allem zu der Zeit, in der die Handlung angesiedelt ist. Was man in Hollywood noch in den 1940ern mit großem Schwung und Applomb einfach ins Pathos jener Zeit übertrug, wirkt heute oft leer. Das Buch von Zweig wurde 1922 veröffentlicht und spielt daher in der Zeit vor und kurz nach dem Ersten Weltkrieg. Ich fand, in „Clarissa“ hat Deray die Stimmung jener Jahre sogar etwas besser eingefangen als im beinahe epochenneutral wirkenden „Brief einer Unbekannten“. Natürlich, er muss vor der elektronischen Zeit gespielt haben und diese versonnene, versponnene Liebe des jungen Mädchens und wie sie von einer erwachsenen Frau weitergelebt wird, das ist heute schwer vorstellbar – bestenfalls kann man aber sagen, der Schriftstellertyp, der ist überzeitlich und er ist in etwa so wenig greifbar als Charakter, wie Thompson den Albert Rank im Film darstellt. Er muss ja nicht diesen Beruf haben, es gibt viele andere Professionen, in denen Menschen wunderbar um sich selbst kreisen können – und es nimmt zu, weil die Vereinzelung auch in der Arbeitswelt immer mehr um sich greift. In Ophüls‘ Film hat man ihn zum Pianisten gemacht, dadurch war die Diskrepanz zwischen emotionalem Spiel und menschlicher Leere auch sichtbar, aber das Schöpferisch, das nicht erfühlt ist, diese Ebene gab es nicht, denn er war kein Komponist.

Fazit

„Brief einer Unbekannten“ aus dem Jahr 2002 ist ruhig, ohne Hast gefilmt, hat seine Momente, aber er wirkt auch vergleichsweise steril und arm an Atmosphäre und dramatischer Dichte. Wer nicht zu cineastisch veranlagt ist und nicht alles vergleichen muss, was wir vergleichen, der aber nicht fürchten muss, von Freund_innen ausgelacht zu werden, wenn er sich einen melodramatischen Schwarzweißfilm anschaut, alternativ mental in der Lage ist, darüber zu schweigen, weil er zu jenen rechnet, die noch nicht der Ansicht sind, sie müssten in den Sozialen Netzwerken  Rechenschaft über mindestens jede im Wachzustand verbrachte Lebensminute ablegen, dem empfehlen wir, sich auf das großartige Werk von Max Ophüls aus dem Jahr 1948 einzulassen.

65/100

© 2019, 2018 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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