Der Pakt – Tatort 1082 / Vorschau Sonntag, 27.01.2019, DAS ERSTE, 20:15 Uhr // #Tatort #DerPakt #Pakt #TatortSaarbrücken #SR #Stellbrink #Marx #Emmrich #DevidStriesow #Abchied #Tatort1082

Titelfoto © SR, Manuela Mayer

Kein Pakt mit den Zuschauern

Zur Afterview-Rezension.

„Mit „Der Pakt“, Tatort-Episode 1082, gibt das Saarbrücker Ermittlerteam in der Konstellation Stellbrink, Marx und Emmrich seine Abschiedsvorstellung. Es ist Devid Striesows achter Fall in sieben Jahren Tätigkeit für die Krimireihe – und es war sein Wunsch, aufzuhören. Die finale Folge „Der Pakt“ wird am Sonntag, den 27. Januar 2019 um 20.15 Uhr in Das Erste erstausgestrahlt.“ (Tatort Fans)

Ernst schaut er aus, der Kommissar auf Abschiedstour. Ob Devid Striesow wirklich etwas wie Wehmut empfindet oder roh ist, dass es zu Ende geht? Wir spüren in dieser vergleichsweise langen Vorschau seinem Wirken nach.

Wir rechnen uns durchaus ein gewisses Urteilsvermögen zu, wenn es darum geht, was zum Saarland passt oder nicht. Kommissar Stellbrink tut es jedenfalls nicht. Aber spielt das eine Rolle?

Die SR-Tatorte wären schlecht dran, wenn sie auf die Million Menschen als Zuschauer angewiesen wären, die im Saarland leben, vom Baby bis zum Greis gerechnet. Wir meinen, auch andere Städte haben keine „typischen“ Kommissare und das Lokalkolorit besteht vor allem darin, dass ein paar Nebenfiguren den örtlichen Dialekt babbeln dürfen. Im Saarland heißt es „Schwätze(n)“, wie auch in der Pfalz. In Stuttgart sieht man das exemplarisch. Die Kommissare Lannert und Bootz würde kein Mensch als schwäbisch geprägt identifizieren, dabei ist dieser Dialekt ja wirklich schwer rauszukriegen. Trotzdem gehören die beiden zu den Topteams, erfreuen sich großer Beliebtheit und es würde sicher von den meisten Tatort-Fans als schade empfunden, wenn sie aufhören würden.

Bei Jens Stellbrink alias Devid Striesow hatte man nie das Gefühl, dass er zu den essentiellen Persönlichkeiten der Tatortgemeinschaft zählt, das Gleiche gilt für seine Mitarbeiter_innen. Selbst wenn der „Der Pakt“ ein Hammer werden sollte, kann der Stellbrink nicht mehr aus dem unteren Drittel in der Beliebtheitsskala der aktuellen Ermittler_innen heben. Zu spät. Und leider in den ersten Filmen vermasselt.

Aber nicht, weil Stellbrink aus dem Norden kommt – schon Kappl, einer seiner beiden Vorgänger, war ja als Zugereister immer schön in Kontrast zum Lokalen gesetzt worden und Deininger, der Saarländer von den beiden, musste ihm das Land und vor allem die Leute erklären. Das war nicht dumm, denn die Eigenarten des Saarlandes sind nicht so bekannt wie etwa die von München oder Berlin. Man konnte es auch spielen wie bei Max Palü alias Jochen Senf, der das Saarland auf eine figürlich nicht sehr vorteilhafte, aber vom Lifestyle her recht authentische Weise verkörperte. Ohne Erklärungen, einfach durch zeigen, was ist.

Doch Stellbrink war das Kopfprodukt einer überkandidelten, wie es im Saarland heißt, wenn Leute etwas abheben, einer viel zu sehr aufs Exzentrische bedachten Intendanz oder Spielfilmdirektion. Da wollte man wohl Münster nachahmen und das ging gründlich schief – auch, weil Stellbrink kein Umfeld hat, das so kapabel ist wie die vielen mit humoritischem Talent ausgestatteten Schauspieler_innen, die beim WDR tätig sind. Ein so großes Team mit Topkräften wäre für den  SR vermutlich auch zu teuer gewesen.

Bis zu einem gewissen Grad liegt es aber auch an Striesow selbst. der zu knuffig wirkt für eine kräftig ausgeformte Polizistenfigur. Was in Filmen, in denen wir ihn sehr geschätzt haben, wie „Drei“ oder „Ich bin dann mal weg“ hervorragend funktioniert, weil die Rollen zu seinem Typ passen, stand in Gefahr, schiefzugehen, wenn dieser Typ einen Krimi fast allein zu tragen hat, weil die übrigen Darsteller_innen nicht die Präsenz aufweisen können wie bei manchen anderen Tatort-Schienen. Seine anfangs betont auf öko-psychedelisch gedrehte Art passt zwar wiederum gut zu diesem Darsteller, aber nicht zu desen tatortmäßiger Aufstellung als Leiter einer Mordkommission.

Es gibt weitere gewöhnungsbedürftige Tatort-Polizisten, aber wir behaupten auch nicht, dass wir alle Ermittlerrollen außer Stellbrink als perfekt besetzt ansehen. Wir fanden im Saarland-Tatort der letzten Jahre keine Identifikationsfigur.

Bei Kappl / Deininger war das noch so, weil wir, wie der Bayer Kappl, damals selbst zweimal kurz hintereinander in ganz verschiedenen Regionen als Zugereiste unterwegs waren und ein bisschen durch musische Hobbys abstechen – und beim Saarländer Gregor Weber, der den Deininger verkörperte – also, der war uns manchmal schon etwas zu glaubhaft, in seiner provinziellen und furchtbar schnell beleidigten Art. Wie er dann reagiert hat, als der SR ihn rausschmiss, war ebenfalls echt echt. Aber mit den beiden konnte man mitgehen und Weber hatte nach unserer Ansicht kaum gespielt, sondern sich selbst gezeigt, zudem war er eine bekannte Größe, als Sohn von „Heinz Becker“ (Gerd Dudenhöfer) und später als Assistent von Max Palü.

Bei Stellbrink hingegen war immer das Gefühl da, hier sehen wir den bekannten Kino- und Fernsehschauspieler Devid Striesow, wie er versucht, einen Kommissar zu interpretieren und wie er sich im Setting fremd vorkommt und das auf uns als Zuseher überträgt.

Ein weiteres Problem der Saarland-Tatorte seit 2012 ist, dass die Gegend ziemlich monoton und zu austauschbar gezeigt wird, wenn man von Mini-Highlights wie der 2010 geschlossenen und als „2.0“ jüngst nach Homburg-Bexbach verlegten „Gulliver-Welt“ im Deutsch-Französischen Garten absieht. Es gab oder gibt kleinere Tatortstädte als Saarbrücken.  Konstanz etwa, mit Erweiterung in Richtung Schweiz. Der Schwarzwald in Nachfolge des Bodensee-Tatorts, der als sehr dünn besiedelt dargestellt wird. Man konnte in Saarbrücken die Grenznähe zu Frankreich ausspielen oder auch zu Luxemburg, Letzteres kam unseres Wissens nie vor. Auf jeden Fall sollte man dazu übergehen, die Kommissare aufs Land oder in die nahen kleineren Städte fahren und dort ermitteln zu lassen, denn das Saarland ist vielfältig.

Vom wunderschönen Saarschleifen-Gebiet im moselfränkisch geprägten Westen des Landes über die alten Stahlstädte Völklingen und Neunkirchen, die man so  apokalyptisch inszenieren kann wie das Ruhrgebiet bis hin zum ziemlich poshen Saarlouis gibt es eine Menge Variationsmöglichkeiten und Saarbrücken selbst bietet mehr, als man in den letzten Jahren sehen durfte. Allerdings muss man bezüglich der Locations den Effekt berücksichtigen, dass die Einheit von Typen und Umgebung nicht mehr vorhanden und dadurch die regionale Aura geschwächt war. Das Kommissariat von der Innenstadt in eine ausgediente Industriehalle zu verlegen, war eine fragwürdige Form von Verfremdung und leider signifikant für das übertrieben auf Kontrast ausgelegte Konzept, denn die vorherige Lage in der Nähe der Ludwigskirche, mitten in einem schön restaurierten Altbauviertel mit seinen vielen netten Lokalen, in denen bzw. in deren Außenbereich man die Mittagspause entspannt verbringen kann, entspricht in etwa der tatsächlichen und dem heutigen Gepräge der Innenstadt.

Wir könnten noch auf die Schwächen und Stärken der einzelnen Fälle eingehen Rezensionen zu ihnen allen haben wir ja verfasst, aber so viel schlimmer als bei anderen Tatorten waren die Plots nun nicht, das Problem der noch aktuellen Saar-Tatorte ist konzeptionell bedingt und hat leider bewirkt, dass der Saarland-Tatort vom Mittelfeld ans Ende der Beliebtheitsskala rutschte. Es sollte weiterhin einen Saarländer geben, diese Schiene trägt auch nicht dick auf, weil nur ein einziger Film pro Jahr entsteht, aber wie man das neue Konzept anlegt? Anders jedenfalls. Man wird sehen, ob sich noch einmal ein Schauspieler aus der ersten Riege darauf einlässt, in der Südwestprovinz tätig zu werden und dort über 20 Drehtage zu verbringen. Es wäre auf jeden Fall gut, wenn wieder eine bessere Verzahnung zwischen Tatort und der Region entstünde, in welcher er spielt. Vor Stellbrinks Ära hatten die Krimis, die von dort kamen, auch werbende Funktion, weil das Saarland nicht jeden Tag in den großen Nachrichten vorkommt, aber diese Tradition zu pflegen, war den Machern dann wohl zu wlenig ambitioniert. Schade drum, denn am peinlichsten wirkt immer gewollt und nicht gekonnt.

Wir haben beim Wahlberliner allerdings immer die Balance gewahrt und die Filme mit Stellbrink im Schnitt höher bewertet als die Nutzer des Tatort-Fundus, der dies famosen Ranglisten erstellt – weil wir keine generelle Abneigung dokumentieren wollten, sondern jeden Fall als neue Chance ansahen. Stellbrink hat sich ja auch im Lauf von nur sieben Filmen stärker verändert als fast alle anderen Ermittler und seine jüngeren Filme werden eher akzeptiert als die älteren. Die Veränderung war notwendig, muss man beifügen, die Routine hat dann auch geholfen und man hat viel versucht, um den Saarbrücker Tatort in Richtung „normal“ zu justieren. Die letzten beiden, „Söhne und Väter“ und „Mord ex Machina“ hatten es immerhin in die obere Hälfte der Fundus-Rangliste geschafft. Dadurch hat er sich jetzt auf den drittletzten von 22 Teamplätzen vorgearbeitet und ist dicht dran an denen, die vor ihm liegen. Aber sieben Jahre sind eine lange Zeit. Da es nur einen Tatort pro Jahr aus Saarbrücken gibt, dauert es eine halbe Ewigkeit, bis man Konzeptfehler korrigiert und das Image eines Teams gedreht hat. Je kleiner also der Sender, desto weniger Fehler darf er sich erlauben. Und wenn man dann alles doch noch gerichtet hat, ist es zu spät. Insofern hat Stellbrinks und seiner Teammates Schicksal auch den Charakter eines Gleichnisses. Vielleicht wird die neue Kollegin Emmrich übernehmen. Es täte in die Zeit passen.

Selbstverständlich sind wir gespannt auf Jens Stellbrinks Abschiedsvorstellung, zumal wir seinen Darsteller unabhängig von seiner Ermittler-Rolle gerne sehen.

TH

Handlung

Vanessa und Anika, Schwesternschülerin im zweiten Ausbildungsjahr, sehen sich verblüffend ähnlich. Aber Anika ist deutlich ernster als Vanessa.

Auch an diesem Abend hat Anika andere Prioritäten: Helfen statt im Schwesternwohnheim mit den attraktiven Assistenzärzten Party zu feiern. Seit über einem Jahr arbeitet sie in der Initiative „Mediziner für Illegale (MefI)“ mit, die von der charismatischen Ärztin Annemarie Bindra ins Leben gerufen wurde. Hier hat sie auch den jungen koptischen Christen Kamal Atiya kennengelernt, der mit seinem kleinen Bruder Raouf aus Ägypten geflohen ist. Die Brüder werden in Deutschland geduldet.

Als Anika erfährt, dass Kamal als Zuträger für die Ausländerbehörde arbeitet, setzt die idealistische Schwesterschülerin ihm die Pistole auf die Brust: Entweder er mache seinen Verrat öffentlich oder sie werde es tun. Keine zwei Stunden später trifft Anika im Wohnheim ein. Die Party dort ist vorüber. Auf den Gängen herrscht Totenstille. In ihrem Zimmer stößt Anika auf ihre leblose Freundin Vanessa, mit einem Bademantelgürtel erdrosselt.

Während Jens Stellbrink seine Ermittlungen aufnimmt, fragt sich eine verzweifelte Anika: Ist Kamal Atiya nicht nur ein Verräter, sondern auch ein Mörder?

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Jens Stellbrink – Devid Striesow
Hauptkommissarin Lisa Marx – Elisabeth Brück
Kriminaltechniker Horst Jordan, Chef der KTU – Hartmut Volle
Staatsanwältin Nicole Dubois – Sandra Steinbach
Kommissarin Mia Emmrich – Sandra Maren Schneider
Anika Jahn – Lucie Hollmann
Vanessa Born – Aylin Werner
Assistenzarzt Dr. Sharifi – Jaschar Sarabtchian
Ausbilderschwester Maria Krafft – Nina Vorbrodt
Kamal Atiya – El Mehdi Meskar
sein kleiner Bruder Ayoub Atiya – Ayoub Hussein
Dr. Ulrich Hesse, Ausländerbehörde – Christian Intorp
seine Ehefrau Karin Hesse – Stella Denis
der Sohn Laurenz Hesse – Ben Jost
Sharifis Anwalt Marquardt – Christoph Bautz
Dr. Annemarie Bindra – Franziska Schubert
Hausmeister Lutz Grabbe – Thomas Bastkowski
Pfleger Rico – Benjamin Kelm
Merima Suljagic – Michaela Kis
Alexej Wolkow – Mark Ortel

Drehbuch – Michael Vershinin, Zoltan Spirandelli
Regie – Zoltan Spirandelli
Kamera – Wolf Siegelmann
Schnitt – Magdolna Rokob
Szenenbild – Bärbel Menzel
Musik – Vincent Stein, Konstantin Scherer

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