Liebe am Nachmittag – Tatort 645 / Crimetime 244 // #Tatort #Köln #Koeln #TatortKöln #TatortKoeln #Ballauf #Schenk #LiebeamNachmittag #Tatort645 #WDR

Titelfoto © WDR, Michael Böhme

Warum Männer wirklich früher sterben als Frauen

Zehn Jahre ist der Tatort 645 alt, und es hat sich etwas verändert. Die Altersstruktur von Männern und Frauen hat sich marginal angeglichen. Und die Lebenserwartung beider Geschlechter ist noch einmal gestiegen. Ob das künftig so weitergeht? Im Trendland USA gibt es bereits ein Ende dieser positiven Entwicklung. Mehr dazu und was sonst zu „Liebe am Nachmittag zu sagen ist“, steht in der -> Rezension.

Handlung

Jost Brüggmann und seine Frau Lene hatten Streit. Nur wenige Stunden später wird der 50-jährige Versicherungskaufmann erschossen am Rheinufer aufgefunden. Der Fall scheint klar: Bei der Vernehmung durch Ballauf und Schenk verstrickt sich die Witwe schnell in Widersprüche. Auch ihre Freundin Michelle Vandenberg weiß offensichtlich mehr, als sie der Polizei gegenüber preisgibt. Alles deutet darauf hin, dass Lene Brüggmann eine Affäre mit dem Automechaniker Ahmet Turgut hat, der in der Oldtimer-Werkstatt der Vandenbergs arbeitet. Ist auch er in den Mordfall verstickt.

Rezension 

Freddy, das liegt am schlechten Essen, also pass bloß auf, du Currywurstjunkie.

Wir brauchen dich noch. In diesen Zeiten brauchen wir dich mehr denn je. Aber dafür bist du wenigstens verheiratet, und Eheleute werden älter als Singles. Nur Singles schreiben eine Tatort-Rezension und essen nebenbei und nebem dem Laptop eine Fertigpizza. Singles sind halt einsam. Und einsam scheint mehr auf die Psyche und auf die Lebenserwartung zu schlagen als Dauerstress in der Ehe. So wie bei Freddy mit seiner Susanne, die es mehr nach Bildung als nach zünftigen Essen gelüstet. Nach Selbstverwirklichung. Nach postindustrieller Befriedigung.

Kein Wunder, dass Freddy sie verdächtigt, sie könnte ja, anstatt auf Lehrgang, auch beim Callboy zugange sein. Bei einem Typen wie, sagen wir mal, Ahmed oder Kalle. Bei ihr wäre es wohl eher Ahmet. So wie bei Lene Brüggemann. Da hat die virutelle Seitensprungagentur-Leiterin gut reden. Ja, die Männer können nie zufrieden sein mit dem, was sie haben. Die Frauen etwa? Sie zahlen für junge, knackige Körper. Genau wie die Männer. Das ist ja auch gerecht. Das fühlt sich richtig richtig an. Ach, wär man doch ein Callboy. Ein Typ, wie er durch „Asphalt Cowboy“ und „American Gigolo“ ins Licht unserer Wahrnehmung gerückt wurde. Dabei kann man auch so viel mehr verdienen wie in der tollen Autowerkstatt, deren Chef-Frau auch die Agentur managt, mit ihre zwei Zugpferde Kalle und Ahmed. Dass die beiden immer von der Arbeit weg können, wenn sich gerade ein Kundenverhältnis anbahnt, geschenkt. Der Chef weiß ja, was seine Frau nebenbei für ein Business betreibt.

Dabei sind diese alten Autos, an denen bei den Vandenbergs geschraubt wird, doch liebenswert.

Zickig, anspruchsvoll, nicht mehr so gut in Schuss, wie die Kundinnen, insofern sind die beiden Jobs der beiden Jungs gar nicht so weit auseinander. Unendliche Pflege und Hingabe ist das Motto in beiden Berufen. Nur, warum finden Männer, die es sich leisten können, alte Autos toll, die alle naslang kaupttgehen, wollen aber immer ganz junge Frauen? Darüber könnte man durchaus nachdenken. Denn was einem älteren Wagen das Besondere verleiht, ist ja nicht, dass die Technik besser ist als bei neueren Modellen oder dass sie wirklich schöner waren, denn das ist Ansichtssache. Aber das Besondere beruht doch auf der Biografie, die solche Fahrzeuge schon habe, auf der Patina, die aus einem gelebten Leben resultiert. Ganz umgekehrt aber bei der Partnerwahl. Jung, dumm, unerfahren, das ist angesagt. Vielleicht legen Männer aber auch bei ihren Autos mehr Wert auf die Kommunikation als bei ihren Partnerinnen. Ein Auto widerspricht nicht, es geht kaputt. Das ist Schicskal, nicht etwa miserable Technik. Das andere ist ein Fail bei der Damenwahl.

Und damit zum wirklichen Grund, warum Männer nicht so alt werden wie Frauen. In diesem Tatort kommen zwei zu Tode, die um die Fünfzig sein dürften, vielleicht auch etwas älter. Und einer, den man zwischen 25 und 30 ansiedeln kann. Da haben wir also den wirklichen Grund. Männer werden viel häufiger umgebracht. Und meistens tun sie es gegenseitig, es gibt viel weniger weibliche Mörder als männliche. Und viel weniger Frauen werden ermordet. Das hat mit den Milieus zu tun, in denen Morde sich meistens abspielen und dem Business, das für viele gewaltsame Tode verantwortlich ist. Der immer männliche Serien-Sexualmörder an Frauen, der das Pendel stark auf die Gegenseite zu drücken versucht, ist eben doch eher die Ausnahme. Der Habgierige, der Eifersüchtige, der Profi, der Gangster, der Amokläufer, das sind eher typische Mordgesellen. Okay, Letztere werden, überschlägig betrachtet, für eine ausgeglichene Reduktion der Lebenserwartung beider Geschlechter sorgen. Und sicher nicht so sehr wie Rauchen, Saufen, Auto fahren.

Jetzt haben wir nicht einmal einen überwiegenden Teil der Aspekte betrachtet, die in diesem Film eingewoben sind.

Oder doch? Es geht um Altersrelationen, um Ansprüche ans Leben, materielle und emotionale, wie in so vielen Tatorten. Aber nicht in sehr vielen Tatorten ist die Inszenierung des Zwischenmenschlichen so herausragend gelungen wie in diesem. Die Inszenierung ist eine der besten, die ich seit langer Zeit gesehen habe und gerade solche Filme wie „Liebe am Nachmittag“ haben viel zur Legende von Freddy und Max beigetragen, weil die beiden hier wirklich außerordentlich liebenswert und auch in ihren Rollenprofilen stimmig wirken.

Die Dialoge zwischen den beiden sind fantastisch, sind prototypisch und die visuelle Umsetzung des Films mit kleinen Gimmicks wie Personen, die aus einer Szene sanft herausradiert, einmal auch wechselweise an dieselbe Stelle gesetzt werden, einem großartigen Flow, vielen Gesten und intensiven Momenten ist einen Tick ungewöhnlich, aber nie affektiert und auf sich selbst ausgerichtet. Sie dient immer dem Moment, der Stimmung, den Figuren und der Handlung. Wenn man will, ist die Inszenierung wie eine Luftfederung im Vergleich zu den Blattfedern, die manch anderen Tatort rumpelig und wenig eingefühlt wirken lassen. Das heißt nicht, dass eine ruckige und harte Schnitttechnik generell schlecht sein muss, es kommt darauf an, was man ausdrücken will, ob es konsistent ist, schlüssig wirkt und so weiter. Hier aber, wo so viele zwischenmenschliche Nuancen ein Eigenleben entwickeln, wo so genau auf Figuren geschaut wird, ist dieser weiche, geradezu in die Seelen horchende Stil richtig.

Alles, was gesagt und getan wird, ist auf psychologischer Ebene fein ausgedacht, ist wie das Leben, in dem sich Gespräche auch manchmal so seltsam entwickeln wie in diesem Film, in welchem die Ermittlungen der beide Cops oft ein wenig ins Leere laufen, weil sie die Linie der professionellen Kommunikation verlieren, weil Max, der ja sehr anfällig ist für sowas, zum Beispiel von Frau Vandenberg immer wieder irritiert wird (sehr gut: Jeanntte Hain, wie zuletzt beobachtet in „Blutschrift“, einem Leipzig-Tatort aus demselben Jahr 2006).

Und am Ende ist auch die Handlung okay. Hätte man tatsächlich am ersten Tatort eine weitere Person auftreten lassen, um das Band der Interaktion zwischen Brüggemann und Ahmed zu zerreißen, wäre das ein ganz billiger Trick gewesen. So aber verhält es sich, wie man dachte, wie es zwischenzeitlich auch sehr gut angedeutet wird, man ist also nicht überrascht. Aber auch hier: es wirkt stimmig, und das nimmt man dankbar zur Kenntnis, angesichts heutiger Tatorte.

Es gibt ein paar kleinere Schwächen, wie etwa der stark tropfende Roller. Würde er das den ganzen Tag tun, wie man es hier vermuten muss, wäre er längst leer gelaufen. Oder die an sich tolle Szene, in welcher der Chef Kalle verdächtigt, etwas mit seiner Frau zu haben und die Hebebühne genau so herunterfährt, dass Kalle unter einem Auto eingeklemmt wir, an dem er gerade arbeitet, genau so, dass er nicht mehr raus kann, aber nicht so, dass er dabei verletzt wird. Die Präzision, die man dabei entwickeln muss, wirkt etwas übertrieben. Aber das sind Kleinigkeiten, die dem Gefühl, dass dieser Film von allen Seiten mit viel Liebe und Kunstfertigkeit auf den Weg gebracht wurde, keinen Abbruch tun.

Ich habe gerade mal nachgeschaut, was Regisseur Henry noch gemacht hat. Zu wenige Filme, für meine Begriffe, aber unter anderem den sehr guten Hessen-Tatort „Neuland“ (Rezension beim Wahlberliner) mit dem Duo Dellwo-Sänger, das sich ja auch so gut fürs Soziale und Zwischenmenschliche eignet, und den Schweiz-Tatort „Schutzlos“, einen der besten bisher zum Geflüchteten-Drama. Zumindest an „Schutzlos“ kann ich mich noch gut erinnern, und der weist ebenfalls diese kundige visuell-inhaltliche Handschrift auf wie „Liebe am Nachmittag“.

Dem einen oder anderen mag in dem Köln-Tatort aus 2006 das ganz große Sozialthema fehlen.

Doch es fehlt ja gar nicht. Was wir vom Leben erwarten, ist sogar ein Metathema. Ob wir uns immer weiterentwickeln wollen und uns dafür mächtig anstrengen, wie Freddys Frau, ob alles in einem langfristigen Flow angelegt ist, ob es plötzlich kommt, ob Wünsche nur Kompensation darstellen, ob wir genügsam sind, wie Freddy es seinem Max unterstellt, ob wir das Altern akzeptieren oder versuchen, den Spaß zu konservieren, ob wir Beziehungen opfern für unser Glück des Tages oder sie unter Opfern aufrecht erhalten und manchmal nicht wissen, warum, wann wir enttäuscht sind und ob die emotionalen Enttäuschungen nicht zwangsläufig sind, wenn wir unser Leben auf eine bestimmte Weise arrangieren – das wird hier so gut verhandelt, dass es exemplarischen Charakter aufweist.

Bester Spruch des Films: „Ich finde meine innere Mitte auch im Dunkeln“ (Freddy). Ja, Mitte der 2000er, das war die Zeit, in welcher dieser Begriff der inneren Mitte in Mode kam.

Und natürlich, wenn auch nicht so deutlich wie in anderen Tatorten mit offensichtlicher an aktuellen Ereignissen ausgerichteten Themen, ist auch „Liebe am Nachmittag“ ein Thesen-Tatort, in dem Prinzipien gegeneinander gestellt werden, was uns selbstverständlich wieder Freddy und Max verdeutlichen, sie klammern ja in allen ihren Tatorten die Inhalte, die Argumente und Gegenargumente.

Fazit

Auch der Titel ist schlau gewählt. „Ariane – Liebe am Nachmittag“ war bereits ein Film von Billy Wilder, in dem es auch um die Beziehung zweier ungleich alter und überhaupt ungleich wirkender Personen geht, wenn auch ohne den Aspekt der organisierten Käuflichkeit.

Nicht ganz sicher war ich mir, ob ich die ethnischen Aspekte gut oder schlecht finden soll. Sehr gut ist, dass hier nicht mit viel Druck PoC gemacht wird, aber auch nicht das Gegenteil, sondern dass alles, was Menschen auch aufgrund ihrer Herkunft prägt, eben menschlich ist, wie etwas das Verhältnis von Fatma zu ihrem Vater und ihr sehr emotionaler und natürlich auch jugendlich-naiver Zugang zu Beziehungsthemen. Dass da auch kulturelle Prägungen eine Rolle spielen – man darf es vermuten, da ist auch in der Realität immer was dran, aber es wird nichts bewertet, sondern man sieht nur Personen, wie wir sie kennen, wie sie in ihrem Leben und dessen Umständen geworden sind. Das genaue Gegenteil einiger allzu deutlich moralisch angelegter, sehr autoritär wirkender Tatorte, wie sie vor allem auf einigen Nordschienen aufgelegt werden, und so viel besser geeignet, Menschen verständlich werden zu lassen, ohne ihnen etwas vorwerfen zu müssen, ohne sie sich allzu sehr zu eigen zu machen oder ihr Verhalten zu verurteilen.

Letztlich gilt das auch für die Mörderin im Fall zwei, der erste Todesfall ist ja aus einem Handgemenge entstanden, der dritte ist der tragische Suizid eines in seiner Ehre verletzten Mannes. Es gilt allerdings mehr bezüglich der Herleitung als der Auflösungsszene. Da nämlich stößt der Film an seine Grenzen. Da wird es für einen Moment ein wenig peinlich, aber gerade, weil es vorher so gut gelaufen ist, fällt es auf und fällt es ab und denkt man sich auch: Es ist so verdammt schwierig, die Kurve zum Sinn einer solchen Handlung zu bekommen, wenn eben die Auflösung doch etwas gequetscht und gestaucht wirkt und die Handlung doch etwas überschießend in Anbetracht der Persönlichkeit, die uns vorher präsentiert wurde. Nevertheless, ein Tatort, der in der Sommerpause und nach etwas Erholung vom wöchentlichen Premieren-Bombardement wieder Lust auf mehr macht.

9/10

© 2019,  2016 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Freddy Schenk – Dietmar Bär
Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Michaelle Vandenberg – Jeanette Hain
Roman Vandenberg – Bernhard Schütz
Lene Brüggmann – Angela Roy
Frau Akinici – Meral Perin
Mehmet Akinci – Adnan Maral
Ahmet Turgut – Erhan Emre
Fatma Akinici – Pegah Ferydoni
Kalle Plöcker – Ronald Zehrfeld

Drehbuch – Norbert Ehry
Regie – Manuel Flurin Hendry
Kamera – Peter Przybylski
Musik – Günter Illi

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