Der Eskimo – Tatort 894 #Crimetime 553 #Tatort #Frankfurt #Steier #HR #Eskimo

Crimetime 553 - Titelfoto © HR, Bettina Müller

Eine Handlung, von Außerirdischen mitkonstruiert

Diese in einem Satz, ohne Auflösung: Nach betrunken im Park nächtigend, wird Kommissar Steier Zeuge eines Mordes, begangen von einer Person im roten Jogginganzug; der Tote stellt sich als Lehrerkollege von Steiers Exfrau heraus, die Täterperson jedoch kann nicht in ein Phantombild umgesetzt werden, da Steier eine Erinnerungslücke hat; alsbald gibt es einen zweiten Todesfall, der sehr rituell ausgeführt scheint, und zwischen Lehrern, Exschülern und der US-Army bewegt sich Steier erst einmal trocken und zielstrebig voran. Was wir außer der Kurzzusammenfassung zum Eskimo schreiben wollten, steht in der -> Rezension.

Handlung

Frank Steier ist am Ende – ein Wrack. Als er sich nach einer mal wieder durchzechten Nacht im Stadtpark auf einer Bank wiederfindet, wird er Zeuge eines Mordes an einem Jogger. Seine Verfolgung der Täterin endet kläglich. Im Präsidium warten gleich zwei Überraschungen auf ihn: Sein Chef präsentiert ihm die nassforsche Kriminalkommissarsanwärterin Linda Dräger (Alwara Höfels), die ihm zur Seite stehen soll, und gleichzeitig wird er als Tatzeuge von dem Mordfall abgezogen.

Doch das hält Steier nicht davon ab zu ermitteln. Dass er die Täterin nicht erwischt hat, nagt an seiner Eitelkeit. Er findet heraus, dass das Opfer ein Lehrer-Kollege seiner Exfrau war. Die zeigt sich kurz erschüttert von dem Mord, benutzt das Treffen aber auch, um ihm von ihrem jungen Geliebten Lars zu berichten. Kein guter Tag für Hauptkommissar Steier. Klammheimlich observiert er den neuen Mann im Leben seiner ehemaligen Frau und entdeckt einige Ungereimtheiten. Gleichzeitig wird er zu einem mysteriösen Toten gerufen. Scheinbar gibt es eine Verbindung zwischen dem Toten und dem Liebhaber seiner Exfrau. 

Rezension

Am Abend des 5. Januar 2014 gab es erstmalig zwei Tatort-Premieren direkt hintereinander  bzw. mit einer kleinen Unterbrechung für die Nachrichten. Es war klar, dass wir zeitnah nur eine Rezension würden schreiben können, uns also entscheiden mussten. Da wir „Franziska“ aus Köln in komplett wachem Zustand verfolgen konnten, obwohl er später angesetzt war als „Der Eskimo“, während Letzterem die Aufmerksamkeit jedoch nicht hochhalten konnten, obwohl er zur üblichen Zeit um 20:15 gesendet wurde, war klar, dass wir uns zuerst um „Franziska“ kümmern würden.

Ein paar Wochen später haben wir’s dann noch einmal mit „Der Eskimo“ versucht und sind wieder dabei eingeschlafen. Was also tun? Den Film noch einmal liegen lassen und es zum dritten Mal versuchen. Nach 35 Minuten wieder das Wegdämmern. Aber dieses Mal wollten wir partout nicht aufgeben. Die Notlösung musste her, in Form eines großen Potts Kaffee – und das ist bei uns wirklich ein beinahe letztes Mittel. Damit und mit ein paar Minuten zurückspulen und dort, wo wir mit Sicherheit noch dabei waren, wieder einsteigen, hat es dann geklappt.  

Es ist schon verwunderlich, dass der Alkoholismus des Kriminalhauptkommissars Frank Steier um 20:15 Uhr so offen gezeigt wird, und auch, dass man trotzdem noch einen super Job machen kann. Um es klar zu sagen, das ist nicht die Realität. Aber es wird um eine Uhrzeit so verkauft, wo Hunderttausende jugendlicher Komasäufer noch vor dem Fernseher sitzen und sich freuen, dass auch gestandene Polizisten nicht anders drauf sind als sie selbst.

Bei allen psychischen und sonstigen Problemen, die Tatort-Ermittler in den letzten Jahren vermehrt ins Figurenschema geschrieben bekamen, auch die bisherigen Darstellungen von Frank Steier waren schon grenzwertig, nachdem man ab dem 4. Film klar wusste, welches sein Knackpunkt ist.

Es geht nicht darum zu verurteilen, dass jemand alkoholkrank ist, dafür gibt es so viele Gründe wie für alle anderen Krankheiten und Suchterscheinungen. Aber die Umwelt so darzustellen, dass so jemand einfach weiter durch die Welt torkelt und sämtliche Schutzpflichten des öffentlichen Arbeitgebers dabei gekickt werden – das ist wohl wieder typisch Frankfurt. Schon bei Sänge & Dellwo hat der HR es geschafft, diese Stadt als eine Art emotionales Sibirien zu zeigen, aber jetzt sind wir wirklich in Polnähe angekommen, wo es nur noch hart gesottene Eskimos – pardon: Inuits – dauerhaft aushalten, und auch nur dann, wenn sie viele Klare kippen.

Es hat tatsächlich funktioniert, Steier noch mehr als einsames Wrack zu zeigen als jeden anderen Tatorertmittler zuvor. Das darf der HR sich jetzt anheften, mehr geht in diesem Bereich kaum noch. Dass gerade dies erstaunlich locker genommen wird, auch von der Kritik, sagt einiges über diejenigen aus, die sich im sozialen Raum bewegen und gar nicht merken, dass der Raum nur noch von Aliens bevölkert wird, die keinerlei Zugang zur Empathie nach menschlichem Muster haben. Ausnahme: Steiers neue „Schülerpraktikantin“, die aber nicht ein so deutliches Gegengewicht zum depressiven Steier bilden kann wie zuvor Conny Mey.

Schon richtig und schon konsequent: Mey ist nicht gegangen, weil Steier ihr zu sehr alkoholisiert war, sondern Steier trinkt jetzt hemmungslos, weil seine platonische Angebetete wech ist. Nina Kunzendorf ist an allem schuld. Ihr Verschwinden lässt die sehr fragile emotionale Balance kippen, in der Steier sich während der Zeit mit ihr befunden hat, eine junge Assistentin nimmt er nicht ernst genug, um sie als neuen Gegenpol zu sich selbst anzunehmen und sich ihretwegen zu disziplinieren.

Wenn man vom Alkoholismus absieht, ist etwas Wahres an dem, was da passiert. Joachim Król geht ja nun auch ab vom Tatort, obwohl das ursprünglich nicht klar war und Margarita Broich ihm als neue Partnerin zur Seite gestellt werden sollte. Den Steier dann so zu zeigen, dass ihm sein Image komplett wurscht ist, war wohl die Rache der Drehbuchschreiber. Anders kann man sich diese Destruktion eines Polizisten nicht erklären, die wir nach „Der Eskimo“ ja noch einmal erleben werden.

Keine Frage, dass Kól auch allein in der Lage ist, einem Film als Zugpferd zu dienen. Was waren wir gespannt und interessiert, als er mit Nina Kunzendorf zusammen angefangen hat, und wie wohlwollend haben wir seine im Vergleich zum Vorgängerduo Sänger / Dellwo zunächst eher konventionellen Tatorte bewertet, in Erwartung von big Things to come.  „Der Eskimo“ ist nicht mehr konventionell – er ist jenseits von Gut und Böse. Und natürlich sind wir persönlich enttäuscht auf eine Weise wie noch nie, denn Steier und Mey waren das erste Team, das wir für den Wahlberliner von deren Start an begleitet haben und wir halten dieses Duo nach wie vor für eines von denen, die eine neue Tatort-Ära hätten mitprägen können.

Stattdessen schenkt man jetzt derart ab. Dass diejenigen, die den Plot gestaltet haben, auch nicht mehr so richtig an ihre Mission glaubten, belegt der Plot selbst. Manchmal ist die Kritik witzig, wenn sie einen Film unbedingt hochschreiben will. Da lesen wir zum Beispiel in der „Süddeutschen“, die wir als eines der letzten Leitmedien schätzen: Dieser Tatort vom HR ist ziemlich anspruchsvoll, wer also die Geschichte um einen abgestochenen Mann im Park auf Stringenz und Glaubwürdigkeit hin abklopft, wird ein paar brüchige Stellen finden.

Bei anspruchsvollen Krimis findet man also logischerweise Logiklöcher. Jetzt ist uns klar, warum diese mittlerweile in vielen Tatorten Mondkratergröße erreichen. Weil die Tatorte so anspruchsvoll geworden sind. Schön wär’s ja. Schön wär’s, wenn skurril sein und eine Persiflage machen das gängige Prinzp geworden wären, egal, ob’s den Zuschauern gefällt (wie in Münster) oder nicht (wie in einigen Städten, die versucht haben, den Münster-Ton nachzuahmen).

Es ist aber nicht so. Die Handlungslinie, die ins US-Militär in Deutschland reicht, ist schlicht abstrus, als hätte jemand sie konstruiert, der entweder von Outer Space kommt und ganz andere Denkmuster aufweist als, sagen wir mal, die meisten Menschen – oder jemand, der mit Steier um die Wette gesoffen hat, aber, im Gegensatz zu diesem, anschließend nicht unbeschadet Dienst tun konnte.

Vielleicht war es ein Pakt mit dem Teufel: Der eine durfte nur funktionieren, wenn alles andere dafür den Bach runtergehen durfte. Nie hat ein Ding eben nur eine Seite und meistens sogar mehr als zwei, sonst wäre es ziemlich  zweidimensional.

Schade, diese Art von Verarschung, das hat Steier nicht verdient, und wir auch nicht. Zudem ist es langweilig, weil man den Whodunit schon sehr früh, auch für Spätmerker auf jeden Fall aber nach dem halben Tatort aufgelöst, aber keinen hinreichenden Thrill an dessen Stelle gesetzt hat. So wird das Ganze auf eine Weise trist, die wirklich im Magen liegt, ohne dass es kathartische Wirkung entfalten würde, wie mancher böse, schwierige Film. Dafür ist alles schlicht zu wenig glaubwürdig.

Allein die Kombination, dass Steier zufällig im Park eine Leiche serviert wird, die zufällig ein Kollege seiner Exfrau ist, die sich zufällig gerade neu binden will und deren Lover zufällig ein echt verdächtiger Typ ist, geht uns gegen den Strich, weil man sich gar nicht erst bemüht, das  Zufallsprinzip einigermaßen im Zaum zu halten. Deshalb ist es auch im Anschluss egal, woher der Mensch im roten Kostüm weiß, wann Steier gerade vor dem Minipuff seht und dieser wiederum, wann der Geliebte seiner Frau an welcher Stelle durch die Stadt tigert. Undsoweiter. Das Prinzip der zufälligen Anwesenheit in einem zufällig wichtigen Moment wird hier derart exzessiv ausgelebt, dass ganz gewiss – nein, eben nicht: Keine Botschaft dahintersteckt, die etwa besagen könnte, Murphys Gesetz ist das einzige im Universum, das unwiderlegbar scheint, ohne dass man seine Existenz beweisen kann. Zufällige Kalamitäten in Potenz, wenn man so will.

Wär’s aber anders, müsste Steier in seinem nervlich angeschlagenen Zustand ja richtig ermitteln, und dazu ist er eben doch erkennbar nicht mehr in der Lage. So fügt sich alles: Eine Serie von Unwahrscheinlichkeiten macht es möglich, dass der angeschlagene Frankfurter Kommissar sich durch seinen Fall finden kann.

Wer dahinter irgendwelchen Tiefsinn vermutet oder das schöne und poetische Lied „Mighty Quinn“ als nicht für Augenwischerei missbraucht ansieht, dem sei gesagt, dass er falsch liegt und zugunsten der Macher eines absurden Films gewillt ist, alles überzuinterpretieren.  Sicher ist das Ende unseres übergreifenden Steier-Wohwohllens durch die oben erwähnte Enttäuschung mitverursacht. Würden wir Steiers Vorletzten aber als grandiosen Film empfinden, wären wir jederzeit bereit, das auch zu dokumentieren.

So aber fügt sich auch wieder etwas: Nämlich unser Bild, dass hier eine große Chance vergeben wurde und dass dies dem Hessischen Rundfunk auch bewusst war, als er „Der Eskimo“ gedreht hat.

Finale

Man kann lange über die Bedeutung philosophieren, die Kindheitstraumata, Sexuelle Gewalt (gerade gelesen: Jede dritte Frau in der EU soll mindestens ein Mal Opfer eines sexuellen Übergriffs gewesen sein), archaische Strukturen beim Militär, anarchische Strukturen bei den Militärgegnern, zu den Steier zählt, individuelle und durch diese Strukturen und Nichtstrukturen ausgelöste oder verstärkte Psychosen, die also all jene Elemente haben können – für den Einzelnen oder für uns alle.

Jedoch, das Übermaß und der erkennbar gewollte unseriöse Umgang mit den einzelnen Aspekten – zum Beispiel die Entdeckung der Botschaft auf dem Barcode des Datenträgers (…) durch einen zur Konzentration kaum noch fähigen Schwerstalkoholiker ist ein Gag, mehr nicht – macht letztlich klar, dass hier nicht mehr viel Elan drinsteckt – denn auch beim HR haben sie gewiss große Hoffnungen in das Nachfolgerduo der schon recht extravaganten Sänger / Dellwo-Schiene gesteckt, und wenn diese enttäuscht werden, dann wirkt sich das nun einmal auf die Qualität der Arbeit aus. Und auf den Anspruch. Das wiederum ist nachvollziehbar und beinahe logisch.

Dass sich dies übrigens nicht so auswirkt, dass die optische Gestaltung des Films mies wäre, versteht sich von selbst, dafür sind sie beim HR einfach zu professionell. Schon die erwähnten Vorgänger wurden stets visuell exzellent in Szene gesetzt. Allerdings, um der Steier-Tristesse die Krone aufzusetzen, hätte man auch gleich in übermäßig konstrastreichem S/W oder Sepia filmen können, ganz der Wahrnehmung eines Alkoholikers entsprechend, dem im Rauschzustand die  vielen Zwischentöne des Lebens und dessen bunte Färbung kaum zugänglich sind. 

Es fällt uns schwer, aber es geht nicht anders, auch nicht mit der Distanz von nun zwei Monaten seit Erstausstrahlung des Films: 5,5/10.

Nachwort 2020: Dass es zu dieser Rezension nur einen Entwurf und keine Veröffentlichung gab,  hat uns sehr gewundert, weil es sich seinerzeit um eine Tatortpremiere handelte. Allerdings wurde der Entwurf offensichtlich erst zwei Monate nach der Premiere geschrieben – und dann wegen der schlechten Bewertung ad acta gelegt, die uns in Bezug auf Steier und seinen großartigen Darsteller wol etwas peinlich war. Diesen Luxus leisten wir uns jetzt aber nicht mehr, sondern – Augen zu und durch!

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Frank SteierJoachim Król
Erik SeidelPeter Kurth
Linda DrägerAlwara Höfels
Julia SteierJenny Schily
Lars Quinn „Tony“Volker Bruch
Walter HillingerGerd Wameling
Till FuchsGerrit Jansen
Michael ViersenJürgen Rissmann
Julia MantlerStephanie Eidt
Barkeeper HotelEisi Gulp
Musik:Christoph M. Kaiser und Julian Maas
Kamera:Bernd Fischer
Buch :Achim von Borries und Hendrik Handloegten
Regie:Achim von Borries

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