UPDATE Corona #5 #Shutdown required? + offizielle Lage Berlin + China, Italien, Serbien – und nochmal Berlin #COVID19 #COVID2019 #COVIDー19 #Coronavirus #coronavirusdeutschland

Wir machen im fünften Beitrag (hier zu #4) zum Corona-Virus keine umfassende Faktendarstellung, die heben wir uns für die nächste Ausgabe auf – trotzdem einige Grunddaten:

  • Italien hat als erstes Land außerhalb von „Mainland China“ die Zahl von 10.000 Infizierten erreicht. Gerade sind die neuen Zahlen für heute eingetroffen: über 2.300 neue Fälle, fast 200 weitere Todesfälle.
  • In Deutschland kam es heute zum dritten Todesfall – wieder in Heinsberg, wie schon vor zwei Tagen.
  • Das Gesundheitsministerium empfiehlt, Großveranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen abzusagen, immer mehr Bundesländer folgen dieser Empfehlung, nun auch Berlin, wo man zunächst gezögert hatte. Schulschließungen wird es in Berlin vorerst aber nicht geben. Die heutige Pressekonferenz des Regierenden Bürgermeisters zur Lage:

Wir wollen nun einen Artikel kommentieren und empfehlen, den Alexander Unzicker heute in Telepolis veröffentlicht hat. Unzicker empfiehlt einen Shutdown in Europa, legt die Gründe für seine Ansicht dar und verweist auch auf Gegenmeinungen. Was er schreibt, klingt sehr plausibel.

Auch die Technik, Fragen zuzulassen und Diskussionen anzuregen, haben wir als sehr angenehm empfunden.

Bereits vor vier Tagen, angeregt durch eine Meldung auf Twitter, haben wir darauf hingewiesen, dass der Ausbreitungsverlauf der Epidemie in Deutschland bisher dem in Italien entsprach – zeitversetzt um etwas mehr als eine Woche. Bis heute hat sich diese Parallelität bestätigt. Nach unserer Ansicht lassen sich fünfstellige Fallzahlen nun ohnehin kaum noch vermeiden, aber was danach kommt, ist noch stark beeinflussbar. Kürzlich war in einem SPIEGEL-Artikel davon die Rede, dass 60 bis 70 Prozent der Menschen hierzulande sich infiziere werden. Offenbar geht diese Zahl auf eine Aussage von Angela Merkel zurück. Wir hoffen, das war ein Versprecher und 60 bis 70 Promille waren gemeint. Das wären immer noch mindestens 500.000 Menschen. Und damit achtmal so viele wie in China derzeit offiziell registriert sind (knapp über 80.000).

Unzicker empfiehlt wesentlich striktere Maßnahmen, als die gegenwärtig getroffen werden oder absehbar sind, ein „Shutdown“ sind sie allerdings ebenfalls nicht:

Keine Versammlungen mehr (auch keine unter 1000 Personen), Schließen von Universitäten, Schulen und Kindergärten, ausreichender Personenabstand am Arbeitsplatz, etablieren von Gesichtsmasken als soziale Norm, ebensolcher Personenabstand in Restaurants. Vermeidung aller Ansteckungswege durch Händeschütteln, Aufzugsknöpfe, Türgriffe, PIN-pads etc. Desinfektion. Sehr viel lässt sich aber realisieren, wie Telearbeit, Videounterricht etc. Man stelle sich vor, die Welt müsste die Situation ohne Internet bewältigen.

Vieles davon wurde kürzlich im erwähnten Internet noch belächelt, aber bis auf Atemschutzmasken hätten wir mit diesen Maßnahmen kein Problem. In manchen Weltgegenden zählen sie auch ohne Corona-Virus zu den Alltags-Utensilien, auch wegen der schlechten Luft, bei uns eher nicht. Nur: Wenn es nicht anders geht, geht es nicht anders, der eigenen Gesundheit und der anderer Menschen zuliebe.

Der Artikel befasst sich mit Ausbreitungskoeffizienten, mit Paradoxien der Gefahrenwahrnehmung, mit falschem Krisenmanagement, sehr interessant sind auch die Kommentare, die dazu geschrieben wurden. Telepolis hat eine der am besten strukturierten Kommentarzonen aller Medien, wird nur gering zensiert und man merkt durchaus, dass die Leser*innen überdurchschnittlich gebildet sind. Es handelt sich um eine Fundgrube für interessante Überlegungen.

Da geht es um den Effizienzwahn in Deutschland, der verhindert, dass Schulen und Produktionsstätten geschlossen werden können, darum, dass alles so eng getaktet ist, dass es nur noch funktioniert, wenn nicht die kleinste Störung eintritt, es geht aber auch um die Systemfragen, die wir immer wieder ansprechen: Was sagt es über eine westliche Gesellschaft aus, wenn sie es trotz immer noch hoher technischer Standards nicht schafft, ähnlich ernsthaft auf die Krise zu reagieren wie die asiatischen Länder. Wir müssen aber auch diesen Gedanken relativieren und steigen damit in einen SPIEGEL-Artikel ein, in dem sich China nun als das wohl sicherste Land darstellt, obwohl bisher immer noch davon auszugehen ist, dass das Corona-Virus tatsächlich dort erstmals von Tieren auf Menschen übertragen wurde.

Vor allem haben wir Probleme damit, die dortigen Zahlen nicht zu hinterfragen. Auch in China wurde nämlich im Januar verspätet reagiert, die Lage mit Verzögerung eingestanden und vor allem haben wir, wenn wir Wirtschaftsdaten studieren, das Gefühl, dass die chinesische Regierung genau die Zahlen an die Weltöffentlichkeit weitergibt, die gewünscht sind. Jahrelang bewegte sich das Wirtschaftswachstum fast bis auf die dritte Kommastelle auf Höhe der Planung. Ein solchermaßen schwankungsfreies Wachstum ist normalerweise aber nicht möglich. Der Verdacht vieler Ökonomen: In den Heydays des chinesischen Aufschwungs wurden die Zahlen kleingerechnet, um die Welt nicht zu erschrecken – und um eine Reserve aufzubauen, statistisch gesehen. Diese Reserve wird nach dieser Ansicht derzeit aufgezehrt. Abgesehen von der Reserve könnte es im Fall Corona-Infektionen ähnlich sein: Die Regierung in China setzt sich sehr unter Erfolgsdruck, um die rigiden Maßnahmen, die dort ergriffen wurden, zu rechtfertigen. Da käme ein erneutes Ansteigen der Fälle in rascherem Tempo, vielleicht außerhalb von Wuhan, äußerst ungelegen. Es kam ohnehin zu Kritik aus der Bevölkerung, als die Fallzahlen stark anschwollen.

Ein extremes Gegenbeispiel für die chinesische Methode aus rigoroser Bekämpfung und gesteuerter Informationspolitik ist Berlin. Normalerweise schätzen wir das ja auch, aber gestern haben wir uns doch gefragt, ob nicht etwas dran ist, dass die Stadt für dysfuntional gehalten wird. Es ging darum, dass der Fußballverein Union, seit dieser Saison der höchsten Spielklasse in Deutschland zugehörig, tatsächlich am Wochenende „im engsten aller Bundesliga-Stadien“ ein Spiel gegen den FC Bayern München stattfinden lassen will – nicht als eines der vielzitierten Geisterspiele, sondern vor ausverkauften Rängen. Natürlich: Bayern! Topsiel-Zuschlag! Vermutlich. Ein kleiner Verein, der immer Geld braucht. Ernsthaft jetzt? Das gesamte föderale System in Deutschland gerät wieder mal in Zweifel, weil der Gesundheitsminister ein Veranstaltungsverbot nicht anordnen, sondern nur empfehlen kann. Auch dieser Artikel erschien im SPIEGEL. Trotzdem müssen wir den Vereinspräsidenten des FC Union zitieren, wie er im SPIEGEL wiedergegeben wird:

„Herr Spahn hat ja auch nicht empfohlen, dass BMW in Berlin die Produktion einstellt. Deshalb kann er auch nicht empfehlen, dass wir unseren Betrieb einstellen.“

Und hier der Kommentar dazu:

Das ist schon eine bemerkenswert selbstbewusste Reaktion auf die Coronakrise und die explizite Empfehlung des Bundes. Man könnte auch sagen: eine bemerkenswert naive Reaktion. Aber in Deutschland entscheiden eben Treptow-Köpenick und ein Vereinspräsident und nicht der Gesundheitsminister.

Kein Wunder, dass Länder, in denen Gemeinsinn abrufbar ist, wenn er benötigt wird, die vom Neoliberalismus, vom uneingeschränkten Ich-Denken zerfressene europäische Konstitution mittlerweile lächerlich finden. Die Rechnung werden wir vermutlich bald bekommen. In Italien wird sie schon präsentiert und es bricht uns das Herz – denn es ist wohl gerade nicht die Lebenseinstellung, normalerweise ist sie viel gesünder als bei uns, Italiener*innen werden im Durchschnitt auch älter, sondern das noch mehr als bei uns austeritätsbedingt kaputtgesparte Gesundheitssystem, das derzeit für die höchsten Todesraten weltweit sorgt.

Das dezentrale deutsche politische System wird aber im Artikel nicht als ausschließlich negativ angesehen, das sei fairerweise beigefügt.

Zumindest wird bei uns aufgrund der noch immer niedrigen Todesrate noch nicht solcher Klamauk wie vom serbischen „Kurier“, offenbar die dortige BILD-Zeitung, geschrieben, auch wieder auf Kosten Italiens (und Spaniens, wo die Zahl der Infizierten derzeit besonders schnell wächst): Die Angehörigen der eigenen Nation haben einfach bessere Gene und sind nun mal resistenter. Nicht, dass manche bei uns uns nicht anfällig für solches Gedankengut wären, aber zumindest offiziell gibt es derlei Einlassungen noch nicht. Wir wünschen niemandem den Tod, aber es gibt Momente, da ruft schon irgendetwas in uns nach „Quittung, bitte!“. Dieser Gedanke wird aber bald wieder in den Hintergrund gedrängt. Immer nämlich, wenn wir daran denken, dass wir es zugelassen haben, dass der Neoliberalismus, nicht der Föderalismus, in Deutschland für eine Haltung anderen gegenüber sorgt, welche die Ausbreitung des Coronavirus beschleunigt und dass die meisten nicht die Sinnbildhaftigkeit darin erkennen, dass ein ohnehin morsches System von einem echten Virus angegriffen wird und dass die Zerfallserscheinungen in Politik und Gesellschaft eine angemessene Reaktion darauf erschweren.

TH

Wir müssen leider heute noch einmal updaten, weil sich die Ereignisse überschlagen.

  • In Deutschland wurden nun doch die beiden ersten Todesfälle gemeldet, die Bestätigung gab es gegen 13 Uhr, als wir #3 verfassten, noch nicht.
  • Die bestätigten Fallzahlen steigen explosionsartig an. Sie haben seit 13 Uhr weltweit um ca. 3.000 zugenommen, weit überwiegend registriert in Westeuropa, auch in Deutschland.
  • Die Börsen reagieren auf die Situation mit dem „BlackMonday“. Der Handel an der Wallstreet wurde zwischenzeitlich ausgesetzt, der DAX verlor fast acht Prozent. Auch dies ereignete sich erst am Nachmittag.

Hier der Überblick speziell über die Entwicklung in den am meisten betroffenen Ländern nach Gesamtfallzahlen:

Trotz der Abriegelung von 14 Provinzen im Norden Italiens scheint die Situation dort außer Kontrolle zu sein und nichts spricht dagegen, dass es in Deutschland in den nächsten Tagen zu einer ähnlichen Entwicklung kommt – diese Möglichkeit haben wir bereits in #3 am frühen Nachmittag erwähnt.

Dass nun doch die ersten Todesfälle in Deutschland zu beklagen sind, ist leider zu erwarten gewesen. Alles andere wäre ziemlich seltsam und hätte auf Manipulation hingedeutet. Die Zahl von 2 ist aber immer noch sehr gering, verglichen mit ähnlich stark betroffenen Ländern. In Italien ist hingegen die Mortalitätsrate schon dreimal höher als in China. Wenn man bedenkt, welch ein Aufwand in China nötig war und immer noch ist, um die Epidemie einzudämmen und wie weit wir in Europa von dieser Rigorosität entfernt sind, ergibt sich geradezu zwangsläufig, dass es hier vorerst zu keiner Beruhigung kommen wird.

Die beiden Todesfälle sind aus Heinsberg und Essen in NRW gemeldet worden. Auch das klingt leider logisch, denn NRW ist das am stärksten betroffene Bundesland (die Fallzahl liegt weit höher, als es seinem Anteil an der Bevölkerung in Deutschland entspricht), dort kam es zum ersten größeren „Cluster“, die Entwicklung läuft also der in anderen Regionen um ein paar Tage voraus.

Auch eine gesunde Weltwirtschaft hätte auf das, was sich pandemieseitig gerade abspielt, möglicherweise mit einer Korrektur an der Börse reagiert, aber derzeit kommen eine Menge negative Faktoren zusammen. Noch immer Krisenbewältigungsmanagement als Folge von „2008“ vor allem in Europa, Handelsstreitigkeiten, Akkumulationsprobleme in immer mehr Bereichen der Wirtschaft, die Verunsicherung durch die nicht bewältigten Herausforderungen, die der Klimawandel stellt, neuerdings auch der Ölkrieg mit einhergehendem Preisverfall, eine sich allgemein verschärfende politische Lage.

Das Virus Covid-2019 ist geradezu ein symbolischer Auslöser, ein Sinnbild dafür, dass die Welt sich aufgrund des fehlgeleiteten Handelns von uns Menschen in einem schlechten Zustand befindet. Viele spüren die Problemanhäufung oder nehmen sie jetzt erst richtig wahr – und dies verstärkt den negativen psychologischen Effekt von Corona. Dass es vielerorts kein Klopapier mehr gibt, verstehen wir. Aber man kann die braune Scheiße, die man viele Jahre lang angerührt oder geduldet hat, nicht dadurch beseitigen, dass man sich den Keller mit Papierrollen vollstellt: Das alles ist viel zu kurz gegriffen.

TH

Dass wir innerhalb weniger Tage drei Artikel zum Corona-Virus schreiben würden – geplant war’s sicher nicht. (hier zu Nr. 2 am 05.03. und Nr. 1 am 03.03.). Neue Alltagsbeobachtungen und etwas Statistik. Wir erklären unter anderem, wo Deutschland aktuell eine Weltbestmarke in Sachen Corona-Virus hält.

Die Zahl der bekannten Infektionsfälle in Deutschland hat heute die Vierstelligkeit erreicht. Die Zahlen steigen schneller an und es werden schiere Horrorszenarien an die Wand gemalt oder in die sozialen Netzwerke gestellt, die wir heute nicht besprechen wollen – denn es herrscht in der Realität schon genug Panik. Wir wollen aber den Ton durchaus anpassen. Jenseits aller Extremdarstellungen hätte man erwarten müssen, was gerade geschieht, denn in Westeuropa verläuft die Entwicklung im Wesentlichen parallel – die Zahl der Infizierten pro Einwohner ist in den größeren Ländern ähnlich hoch.

Im folgend links abgebildeten Tweet wird es mit der Entwicklung in Italien verglichen, ein sogenanntes Geisterspiel, das auf der Annahme basiert, dass die Entwicklung zeitversetzt hierzulande so laufen wird wie in Italien.

Wir sind bereits einen Tag weiter und die inden Zahlen implizierte Vermutung geht bereits jetzt auf, obwohl der Tag noch lange nicht zu Ende ist: Auch in Deutschland gibt es aktuell 1.151 bestätigte Fälle.

Angesichts der wenig ambitionierten Schutzmaßnahmen hierzulande wäre es vermessen, zu glauben, dass die weitere Zunahme an Fällen wesentlich hinter der Entwicklung in Italien zurückbleiben würde.

Eine seltsame Ausnahme stellt Deutschland im Wettrennen um die meisten Corona-Fälle außerhalb von China immer noch dar: Es gab offiziell noch keinen einzigen Todesfall. Wir haben schon in unserem vorausgehende Artikel darauf hingewiesen. Hier gibt es eine genauere Ausarbeitung dazu. Wir verweisen ungern auf „Science Files“, wegen seiner politischen Ausrichtung, aber die Darstellung zu dieser Auffälligkeit ist sicher eine der besten, die derzeit erhältlich sind. Die Gründe für die Abweichung von allen anderen Ländern? Drei Möglichkeiten werden in dieser Ausarbeitung genannt.

Besorgniserregend ist der Wiederanstieg der Neuinfektionen weltweit. Nachdem in China die Lage mehr und mehr im Griff zu sein scheint, kam es erst einmal zu einer Beruhigung, aber da das Virus nun auf immer mehr Länder übergreift, zeigt sich eine zweite Welle. Die Zahl der weltweiten Neuinfektionen ist jetzt wieder so hoch wie während des Höhepunkts der China-Corona-Krise (Quelle: Bloomberg):

Die heutigen Zahlen sind logischerweise noch nicht komplett und werden am Abend vermutlich einen neuen Höchststand an neuen Infektionen erbringen.

Derzeit ist uns gar nicht danach zumute, uns über ausverkauftes Klopapier lustig zu machen und wir halten auch den Vergleich mit Grippetoten, die es jedes Jahr zu beklagen gibt, heute nicht für die beste Idee. Covid-19 ist in vieler Hinsicht noch nicht erforscht und hat eine auffällig höhere Letalitätsrate als übliche Grippevieren (außer in Deutschland, siehe oben).

Wir trauen übrigens auch den chinesischen Zahlen nicht: Sie zeigen mittlerweile auffällige Ähnlichkeiten mit den Wirtschaftsdaten, die von der KPCh aus dem Reich der Mitte geliefert werden. Der langsame, sichere Rückgang, jeden Tag ein paar Todesfälle weniger, kommt uns „geroutet“ vor, ebenso wie die Wachstumsraten, die über Jahre hinweg fast aufs Zehntel genau den Planvorgaben entsprachen.

In unserem Umfeld erstellen Arbeitgeber nun auch Pandemiepläne, die uns nach dem, was wir bis jetzt wissen, direkt betreffen werden, sollte in diesem Bereich ein Mensch als infiziert gemeldet werden. Wir halten das für richtig, denn hier geht es um viel Verantwortung – wiederum für andere Menschen, die teilweise besonders schutzbedürftig sind. Wir können uns leider auch vorstellen, dass die Fallzahlen in Berlin schneller steigen werden als in dünn besiedelten und weniger von Reisenden frequentierten Gegenden. Hier abschließend die Zahlen für Bundesländer.

TH

Heute nun unser zweiter Artikel zum #COVID-19 (hier zum ersten vom Dienstag). Neue Alltagsbeobachtungen und etwas Statistik. Wir erklären unter anderem, wo Deutschland aktuell eine Weltbestmarke in Sachen Corona-Virus hält.

Wir hatten es gestern geschafft, zwei Packungen Nudeln zu organisieren. Doppelt so viele, wie wir unter normalen Umständen gekauft haben: Die Panik greift nun doch langsam um sich. Klopapier war hingegen komplett aus. Und einige weitere Hygieneartikel. Beim Einkauf Kollegin mit Freund getroffen: Beware, günstiges stilles Wasser in umweltfreundlichen Plastikflaschen könnte auch bald – wir wussten noch gar nicht, dass das Virus durch die Leitung kommt. Vielleicht sollen wir uns in einem Reinraum 100.000 einschließen.

Der Informationsstand nimmt zu. Die weltweiten Todeszahlen leider auch. China hat „das Gröbste hinter sich“, heißt es oft. Die Maßnahmen gegen das Virus sind in der Tat drakonisch und eine ebenso überwachungswillige wie pragmatische Mentalität plus Einsatz neuester Technologien hilft sicher – aber trotzdem kommt es zu ca. 40 weiteren Todesfällen pro Tag, die Covid-19 zugeordnet werden.

Sowas kann in Deutschland offenbar nicht passieren. Wir haben derzeit die höchsten bestätigten Fallzahlen in Europa, wenn man von Italien absieht. Aber niemand stirbt. Das fällt uns seit Tagen auf: Deutschland hält aktuell einen Weltrekord. Es ist das Land mit den meisten Infizierten, in dem noch niemand an Covid-19 gestorben ist. Welch ein Gesundheitssystem. Prävention ist nicht so wichtig, denn die Behandlung ist nach wie vor Sonderklasse – seit ca. 125 Jahren. Daran konnten auch unzählige neoliberale Gesundheitsminister*innen, die versucht haben, das Gesundheitssystem krank zu sparen und zur Profitmaschine zu degradieren, nichts ändern. Oder stimmt vielleicht etwas mit der Statistik nicht?

Auch andere Länder sind auffällig: In den USA scheint jede*r Elfte zu sterben, der an Corona erkrankt, da liegt eher die Vermutung nahe, dass die Fallzahlen insgesamt viel zu niedrig angegeben werden. Es ist Wahljahr. In Russland geht sogar die Zahl der diagnostizierten Fälle zurück. Vor ein paar Tagen waren es fünf, jetzt sind es nur noch vier. Echt jetzt?

Derweil wird auch darüber gerätselt, warum innerhalb Deutschlands die Verbreitung so unterschiedlich verläuft. Und wieder mal ein Ost-West-Ding. Kann man so sehen, muss man aber nicht.

Abgesehen von der auffälligen Abwesenheit von Todesfällen in Deutschland läuft die Welle in Westeuropa „parallel“, das heißt, die Fallzahlen stehen in den meisten Ländern etwa in der gleichen Relation zur Bevölkerungsgröße. Es gilt nach wie vor: Die Zahlen umfassen nur einen Bruchteil der üblichen jährlichen Grippeerkrankungen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen hingegen sind schon jetzt zu spüren (nicht nur wegen des sonderbaren Einkaufsverhaltens einiger Berliner*innen).

Seltsam ist diese Panik schon und wirkt langsam, als ob der kränkelnde Kapitalismus ein Ventil sucht, einen Anlass für einen Krisenausbruch. Denn immer noch steht das, was Corona tatsächlich bewirkt, in keiner Relation zu den Reaktionen und zu anderen Ereignissen, die mit ziemlicher Gleichmut hingenommen werden. In Europa, wieder abgesehen von Italien, gibt es aber weiterhin keine Reisebeschränkungen. Nicht offiziell zumindest, viele Flüge nach Südostasien wurden schon gecancelt. Klimaschützer haben bereits das Gute amVirus entdeckt: Die Emissionen lassen nach.

Verschwörungstheoretiker stricken derweil an Geschichten wie derjenigen, das Virus sei eine Erfindung westlicher Biokriegsführung, um China endlich einzubremsen. Wir hätten da wohl eher Peking oder Schanghai als Wuhan ins Visier genommen, aber was wissen wir schon von Geostrategie. Vielleicht wollte man erstmal warnen und testen. Der jährliche Volkskongress mit fast 3000 Delegierten wurde bereits verschoben, das ist ja auch ein Erfolg. Ob er für das West-Imperium eine Atempause im Kampf gegen das neue Konkurrenz-Imperium bedeutet, wird sich zeigen. Das Blöde sind die nicht zu unterschätzenden Rückwirkungen der Probleme in China auf die westlichen Ökonomien. It’s Globalisierung, folks. Hätte man vor der Freisetzung des rotweißen Dingens vielleicht dran denken sollen, das aussieht wie eine wieder mal neue Bürstenaufsatz-Variante unseres Mundraumquadrantenreinigungsherstellers.

Falls nichts dazwischenkommt, werden wir uns im nächsten Artikel etwas näher mit den wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 befassen und natürlich mit seinen soziokulturellen Implikationen. Mit etwas Glück kommen wir dabei zu einer Betrachtung, die über den nächsten Supermarkt hinausgehen, Ansatz: Vielleicht sollen wir uns in einem Reinraum 100.000 einschließen. Wir sind ja gestern auch zu Fuß ins Büro gewandert (und zurück). Hat etwas gedauert, aber diese überfüllten Verkehrsmittel in Berlin … Begegnung mit asiatischem Paar. Sie mit Mundschutz, er ohne. Kaum kommen die Menschen in diesem Individualismus-Egozentrismus an, der hierzulande herrscht, können selbst zwei einander nahestehende und dicht nebeneinander gehende Personen sich nicht mehr darüber einigen, ob man das rotweiße Ding, das aussieht wie eine Rotationszahnbürste, ernst nehmen soll.

TH

Corona #1 vom 03.03.2020

Wir wollten ja nicht über dieses blöde Virus (ugs.: diesen Virus) schreiben, aber heute Nachmittag gegen 16 Uhr ist es passiert. Wir standen vor einem gähnend leeren Nudelregal.

Wir hatten so gehofft, diese Fotos in den sozialen Netzwerken seien irgendwie Fakes oder wenigstens nicht aus Berlin. Okay, es war nicht unser Kiezladen, sondern ein Discounter in der Nähe unseres Arbeitsplatzes, an einer Hauptstraße, und jeder weiß, je weiter man von dort in die Kieze vordringt, desto ruhiger und elaborierter wird es. Wir wollten heute gar keine Nudeln kaufen. Sondern nur den O-Saft von einer bestimmten Marke abstauben, der im Angebot war. Nudeln sind erst nächste Woche wieder dran. Wird es dann wieder Nudeln geben? Der O-Saft war übrigens auch schon aus.

Nun ist uns aber auch ein Licht dahingehend aufgegangen, warum am vergangenen Samstag gegen 14 Uhr so viele Mitarbeitende im erwähnten Kiezladen, in dem wir heute nicht einkauften, so heftig am Verräumen waren. Damit es nicht aussieht, als ob mittendrin in einer sonst ruhigen Seitenstraßenlage die Bewohner*innen ebenfalls am Durchdrehen seien. Wir haben übrigens vorhin vergessen, ein Foto vom leeren Nudelregal zu machen, so groß war der Schock. Klopapier ist auch alle, liest oder sieht man allerorten.

Tweet!

Berlin ist also nicht mehr so cool, wie es mal war, das ist unsere hauptsächliche Erkenntnis des Tages.

Schon gar nicht, nachdem es hier nun auch den ersten … oh nein, es sind schon sechs Fälle! Bisher ist in Deutschland zumindest offiziell noch niemand im COVID-19 gestorben, aber wenn es passiert, dann – ja, wo eigentlich? Könnte ja nun auch in Berlin sein, sozusagen um die Ecke.

Hoffen wir alle, dass es nicht so weit kommt. Denken wir an die Menschen in den vielen Regionen der Welt, die es schon getroffen hat, in China, besonders in der Provinz Wuhan, wo es ausbrach, in Italien, im Iran, Südkorea und anderen Ländern, in denen schon etliche Todesfälle zu beklagen sind. Wir haben hier einen grafisch sehr instruktiven Artikel, der sich immer wieder updated. Wir setzen den ersten Markstein in dieser Timeline. 2020-03-03, ca. 20 h MEZ: 92.130 Fälle weltweit, 3.130 Tote. Vor ein paar Tagen überlegten wir schon, ob wir über COVID-19 schreiben, als absehbar war, dass die Zahl der durch das Virus Getöteten die Opferzahlen von 9/11 übersteigen würde (offiziell 2.977). Über 9/11 haben wir im „ersten“ Wahlberliner schließlich auch geschrieben. Allerdings für den Nachnachfolger die Policy geändert: Keine Katastrophenmeldungen mehr und schon gar keine Kommentare dazu. Für das Corona-Virus durchbrechen wir dieses Prinzip erstmals.

Wir versprechen an der Stelle aber, dass dieser etwas launige Einstieg nicht typisch für die weiteren Beiträge sein wird, denn die Sache ist ernst, auch, wenn zum Framing geraten wird. Zum Beispiel so: Jedes Jahr sterben in Deutschland über 3.000 Menschen durch Autounfälle und man möge doch bitte hervorheben, dass es tendenziell immer weniger werden. Also könnte man das Corona-Virus in Relation zu anderen Gefahren setzen und feststellen: So schlimm wie der Krebs wird es wohl kaum wüten. Und es gibt so viele andere Themen, zum Beispiel die Situation an der griechischen Grenze. Vielleicht verfassen wir dazu auch noch etwas, aber wer erwartet, dass wir hier alles aufgreifen, was wirklich schlimm ist, der versteht die Situation und das Mindset von Menschen nicht, die ein nichtkommerzielles Freizeitprojekt wie den Wahlberliner betreiben.

Die müssen sich immer wieder auch distanzieren zu jenen Katastrophen, die eher Dauerzustände sind, zu dem, was jeden Tag geschieht und depressiv machen würde, wenn man darüber auch jeden Tag texten würde. Zum Abstand halten eignet sich das Virus der Saison. 188 Erkrankte in Deutschland zeigt die oben verlinkte Seite gerade, aber die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen – als bereits 57 Fälle bestätigt waren, zeigte die Seite immer noch die Zahl 17 an. Drüben in Frankreich sind es übrigens 191. In den USA werden derzeit nur 100 Fälle bestätigt, aber schon sechs Menschen sind am COVID-19 gestorben. In Italien derweil über 50.

Wir sind gegen Whataboutismen mit Todesopferzahlen, daher: Es ist schlimm, traurig, entsetzlich, wenn Menschen es so empfinden. Man kann nicht jemandem, der gerade sein Augenlicht verloren hat, damit kommen, dass er ein Dankgebet dafür sprechen soll, dass er noch immer zwei Arme und zwei Beine hat. Deswegen werden wir den einen oder anderen Beitrag über die sich abzeichnenden Folgen der Epidemie oder Pandemie schreiben, auch wenn ihre Auswirkungen auf die Weltbevölkerung wohl kaum an die der alltäglichen Kriege und die vielen Hungertoten usw. heranreichen werden – die allesamt Ergebnisse der Tatsache sind, dass Menschen mit anderen Menschen nicht menschlich umgehen können. So ein Virus ist wenigstens irgendwie ein Ding für sich, es wurde, Verschwörungstheoretiker*innen bitte kurz ausblenden, wenigstens nicht absichtlich in die Welt gesetzt. Es wirkt nicht wie unser ursächliches Versagen, was man von fast allen anderen üblen Vorgängen sehr wohl behaupten kann.

Apokalyptische Szenarien sind häufig beschrieben und auch in Bewegtbilder umgesetzt worden – am beliebesten waren dabei die Varianten, in denen die Menschheit vom Unheimlichen, vom Unfassbaren, von außen angegriffen wurden und sich mehr oder weniger erfindungs- und erfolgreich zur Wehr setzten. Die Wahrheit ist aber: Wenn eine Dystopie näherkommt, dann mit neunundneunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit, weil wir sie selbst verursachen. Aus Mordlust, aus Gier, aus Dummheit – whatever.

Warum sollte übrigens ein Virus freundlicher zu uns sein als wir selbst, ein mikroskopisch kleines Etwas, das sich nicht einmal in uns hineinversetzen kann und gar nicht weiß, welche Panik es anrichtet? Eine biologische Einheit, die eigentlich nicht mal zu den Lebewesen gerechnet wird, weil z. B., weil sie sich nicht selbstständig vermehren kann, sondern dafür eine Wirtzelle braucht. Aber es gibt ja auch viele Menschen, die Wirtshäuser benötigen, um in eine vermehrungsfördernde Stimmung zu gelangen.

Wir werden uns über Ansichten und Aussichten Gedanken machen, denn eines ist schon sicher: COVID-19 wird wesentlich bedeutendere Folgen haben als Ereignisse, die viel mehr Menschenleben kosten. Das kommt schlicht daher, weil es so viel Aufmerksamkeit genießt und so viele Maßnahmen auslöst, die den wenig erfreulichen, aber allgemein so hingenommenen Normalzustand der Welt aussetzen, weil es ökonomisch und auch politisch entweder nur kurzfristig oder gar dauerhaft Veränderungen nach sich ziehen wird – und wir werden dem nachspüren, was beide Varianten uns sagen, wovon sie künden. Das Corona-Virus und wie darauf reagiert wird, meinen wir, ist ein guter Gradmesser für den Stand der Dinge.

Zum Beispiel dafür, ob Menschen in der Lage sind, von den Nudeln hin zur Betrachtung unserer Mentalität und zum großen Ganzen hin zu abstrahieren, das uns nicht erst seit dem heutigen Regalerlebnis den Eindruck vermittelt, viele von uns sind ziemlich durchgenudelt.

Noch eine kleine Endnotiz: Das Beitragslogo für diese Reihe konnten wir unter dem Namen „Corona_Virus“ nicht in die WordPress-Mediathek hochladen, wir mussten stattdessen eine Tarnbezeichnung nehmen. Hoffentlich lässt sich wenigstens der Beitrag publizieren.

TH

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