„Die Corona-Krise legt dieser Tage schonungslos die Bruchstellen unserer Gesellschaft offen“ @LeilaAls – (Twitter) Kommentar #Corona #COVID19 #COVID2019 #COVID19de #COVIDー19 #Coronavirus #CoronavirusDE #coronavirusdeutschland #Covid_19

Die Journalistin Leila Al-Serori von der SZ hat vor acht Tagen einen Tweet geschrieben, den wir hier weiterleiten und mit einem kurzen Kommentar versehen wollen. Lesen Sie bitte zuerst, unser Text steht darunter.

Hier der Original-Thread auf Twitter.

Die Corona-Krise legt dieser Tage schonungslos die Bruchstellen unserer Gesellschaft offen. Die obere Mittelschicht hat sich in ihre eigenen vier Wände zurückgezogen und macht Homeoffice. Die weniger Privilegierten müssen weiterhin jeden Tag zur Arbeit erscheinen.

Oder, schlimmer noch: sie haben ihre Arbeit gleich ganz verloren, weil Betriebe schließen mussten. Aber auch die, die noch arbeiten, sind unterteilt: in die Gruppe, die im Büro mit reichlich Abstand sitzt, und in die, deren Arbeit nicht ohne menschlichen Kontakt auskommt.

Dann gibt es die, die zumindest noch mit eigenem Auto in die Arbeit fahren, und die Menschen, die sich das nicht leisten können und die öffentlichen Verkehrsmitteln nutzen müssen. Wer heute Öffi fährt, kann die Klassenunterschiede förmlich sehen.

Es ist ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, dass es genau die Berufe sind, die unser System am Laufen halten, die nun tagtäglich ihre Gesundheit riskieren und Überstunden schieben. Dass es die sind, die in der Regel schlechter gezahlt sind und weniger Prestige haben.

Es liegt nun an uns allen, diese Schieflage nicht nur jetzt zu erkennen, sondern sie auch für die Zukunft zu korrigieren. Und den nun so dringend benötigten „Systemerhaltern“ mehr Anerkennung als nur ein tägliches Geklatsche zu geben.

Vorbemerkung

Wir besprechen nicht mehr alles, was im Wege der Corona-Krise veröffentlicht wurde, im Rahmen der gegenwärtig drei Corona-Rubriken („Lage“, „Service“, „Ethik – Corona- Recht“). Oben geht es zwar um eine ehtische Frage, aber um eine, die uns schon lange vor Corona beschäftigt hat. Nur fallen manchen Menschen die immer schroffer werdenden Gegensätze in unserer Gesellschaft jetzt erst auf. Für uns ist das, was jetzt intensiv diskutiert wird, aber eine Fortschreibung dessen, was wir zuletzt unter „System – Diskurs“ oder unter „Economy – Change“ gelabelt haben, also tun wir das auch hier.

Kommentar

Wir fanden das Klatschen seitens der Politik, besonders seitens der Konservativen und Neoliberalen, auch schleimig und billig, wenn nicht unverschämt. Seit Jahr und Tag gibt es den Pflegenotstand und beklagen sich Klinikärzte und Klinikärztinnen darüber, wie überlastet sie sind. Hat das irgendetwas genützt? Oder wurden die „Systemerhalter“ immer weiter mit ihrem Berufsethos erpresst?

Wir sind in der Diskussion acht Tage weiter, aber wir nehmen sie trotzdem an dieser Stelle auf, weil wir vorangeschritten sind auf der Zeitachse und bezüglich der Meinungsbildung, die Aspekte von Corona betreffend, aber nicht vorangekommen beim Sozialen.

Bonuszahlungen für „Systemerhalter*innen“ oder gar eine Umkehrung des Sparkurses im Gesundheitssystem sind noch nicht absehbar und hinreichend Schutzkleidung ebenfalls nicht. Denn es geht nicht nur um Anerkennung und Prestige wird eben in diesem System häufig über die Bezahlung definiert. Ärztinnen und Ärzte genießen übrigens das höchste Sozialprestige aller Berufe, aber diejenigen, die nicht gutgehende (Fach-) Arztpraxen betreiben, sondern im Klinikbetrieb tätig sind, haben in Relation zu ihrer Verantwortung und der Wichtigkeit ihres Tuns ein zu niedriges Gehalt, wenn man es an Jobs in der Wirtschaft misst.

Wir haben diesen Tweet auch besprochen, weil er recht viel Aufmerksamkeit zu einem Zeitpunkt erzielt hat, als die meisten Menschen sich erst sortieren und sich eine Meinung zu verschiedenen Aspekten der Corona-Krise bilden mussten.

Aber liegt es an uns allen, die Probleme zu korrigieren? Hatten die meisten, als sie 1998 SPD gewählt hatten, geahnt, wie sich das wenige Jahre später auf die Sozialsysteme auswirken würde. „Es liegt an uns allen“ ist auch eine Adressierung an niemanden, weil sich die allermeisten Menschen persönlich davon nicht angesprochen fühlen müssen, es sei denn, es geht um bloße Gesten, aber diese fallen prinzipiell in dieselbe Kategorie „nice to have“ wie (bestenfalls) das Klatschen der Politik.

Es ist ein Appell an die Eigenverantwortung, wo die Eigenverantwortung der Bürger nicht ausreicht und in gewisser Weise ein typischer liberaler Fehlschluss (oder „-schuss“). Nein, die Politik muss endlich einen menschenfreundlicheren Kurs einschlagen. Wir können allerhöchstens bei Wahlen korrigierend eingreifen. Die Konsequenz wäre aber, links zu wählen, denn FDP, CDU / CSU, SPD und in der Schröder-Ära und auf Landesebene auch die Grünen waren und sind daran beteiligt, dass die Lage jetzt so ist, wie sie ist und eben nicht korrigiert wurde.

Das gilt auch und insbesondere für die Betroffenen, allemal für die Unzufriedenen unter den Betroffenen: Wer eine der fünf oben genannten Parteien wählt, tut sich selbst keinen Gefallen und sollte über sein politisches Verhalten reflektieren, anschauen, wie er mit seinen Interessen umgeht, ob er nicht mehr oder weniger irrelevante andere Themen und wie die Parteien dort positioniert sind, in den Vordergrund stellt und eben nicht, wie sie mit ihm in Bezug auf Anerkennung und angemessene Bezahlung umgehen, bevor er mehr Solidarität fordert. Das ist die Form von Eigenverantwortung, die jeder für sich wahrnehmen kann. Um es etwas leichter zu machen: Die Probleme im Gesundheitswesen sind nicht zu trennen von anderen Phänomena wie der zunehmenden Vermögensungleichheit, den vielen prekären Jobs außerhalb des Gesundheitssystems, der Vereinzelung und Entrechtung von Arbeitnehmern, den ökologischen Problemen, dem Bellizismus, dem ebenfalls die fünf genannten Parteien fast unterschiedslos frönen.

Die AfD haben wir bisher nicht erwähnt, weil wir davon ausgehen, dass sie für Menschen, die damit befasst sind, anderen Menschen zu helfen, aufgrund ihrer menschenfeindlichen Ideologie ohnehin nicht in Betracht kommt. Sie hat bisher aber im Sozialsystem nichts kaputtmachen können, das waren vielmehr diejenigen, die seit Jahrzehnten Verantwortung tragen und ihr nicht gerecht werden.

Etwas, das jeder selbst tun kann, gibt es aber noch: Auf die Straße gehen und sich solidarisch zeigen. Unser Verdacht: Das ist wieder etwas für diejenigen, die das ohnehin tun, die ihren Unmut über gewisse Zustände schon lange mit Protestaktionen ausdrücken – nicht für die Mehrheit, die soziale und medizinische Dienstleistungen lediglich konsumiert.

Ein paar Kommentare zum Thread wollen wir noch kurz ansprechen:

Diese Sicht ist zum Beispiel richtig – auch ohne Corona wäre irgendwann die Frage immer wichtiger geworden, was ist eigentlich Blödsinn, den in Wirklichkeit niemand braucht und der auf künstlicher Bedarfsweckung basiert? Vieles am Konsumterror macht, das besagt der Begriff, unfrei.

Hingegen nehmen Jobs mit tiefer Wertschöpfung, auch in der Warenproduktion, seit Jahren ab und dieser Prozess wird sich durch Corona erheblich beschleunigen – sofern die Krise nicht dazu genutzt wird, Produktion zurück nach Deutschland zu verlagern, was aber wiederum zu deren Verteuerung führen würde, sofern man Arbeitnehmer*innen nicht noch mehr entrechten und marginalisieren will – und damit zur Notwendigkeit die Löhne in der unteren Hälfte deutlich anzuheben: Damit wieder ein echter unterer Mittelstand entsteht, damit jeder von seiner Arbeit gut leben kann.

Dieser Tweet hingegen zeigt gut, warum Menschen ohne systemkritischen Ansatz es nicht reißen werden. Grüne Bekenntnisse, die bei einem anderen Energiemix enden, aber gleichzeitig eine Tendenz, sich selbst und das, was man tut, in den Mittelpunkt zu stellen und damit zielsicher an den Grundproblemen vorbei zu argumentieren.

Gerade Computerjobs sind u. E. anfällig dafür, in den nächsten Jahrzehnten selbst marginalisiert zu werden. Durch KI und durch die Reduktion aufs Wesentliche, die wir dringend brauchen werden, um die Menschheit zu retten. Anekdotisches, ein Lebensweg, den wir als Leser*innen hinsichtlich seiner Voraussetzungen nicht beurteilen können, wird verwendet, um das Allgemeine zu kontern – auf die Systemrelevanz bestimmter Berufe als zentralem Punkt des Ausgangsthreads wird typischerweise gar nicht eingegangen.

Im weiteren Verlauf der Kommentarspalte zeigt sich, wie tief der Riss ist, der durch die Gesellschaft geht und wie groß die Gerechtigkeitslücke. Wir verfolgen und beschreiben das nicht erst seit gestern oder seit acht Tagen, deshalb hat es uns nicht sehr überrascht, aber am Ende hat der Thread das gezeigt, was er behauptet hat: Die Bruchstellen unserer Gesellschaft werden sichtbar. Und da gibt es weitaus härtere Konfrontationen als diejenige, die wir anhand von Reaktionen von Thread von Frau Al-Serori nachlesen können.

TH

1 Kommentar

  1. Auch wenn der Riss so groß ist, dann sollten wir den Graben überwinden. Mit einem Grundeinkommen statt einen Flickenteppich von vielen Maßnahmen, die alle verwaltet werden und wo der einzelene den Überblick verliert, wäre jetzt der rictige Zeitpunkt die Existenzen aller mit einem Grundeinkommen zu sichern. Gleichwürdig diejenigen gewürdigt, die systemkritische Berufen haben und unser System vor dem Chaos bewahren.

    https://uberlaufer.wordpress.com/2020/03/27/heilung-statt-pflaster/

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