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Lage Corona #38 vom 20.04.2020 19:15 Uhr CEST

Es ist soweit. Die ersten Lockerungen der Kontaktsperre traten heute in Kraft. Die Diskussionen darüber sind im Gange, „#Öffnungsdiskussionsorgien“ trendet. Ebenso wie „Tag 1“. Leider haben wir uns an die hohen Todesfallzahlen gewöhnt, die das Corona-Virus verursacht, andererseits bleibt die Zahl der Neuinfektionen weltweit seit einigen Tagen mehr oder weniger gleich – überschlägig betrachtet. Das heißt, prozentual sinkt sie. In Europa gibt es unter den größeren Staaten oder Flächenstaaten einen neuen „Spitzenreiter“ bezüglich der Todesfälle. Nur der Stadtstaat New York liegt unter den Einheiten mit mehr als 10 Millionen Einwohnern noch schlechter.

In Bayern kommt nun die Schutzmaskenpflicht, die wir für ganz Deutschland gefordert haben, inklusive kostenfeier Ausgae an alle Haushalte.

Weitgehend unbemerkt hat sich Belgien an die Spitze der europäischen Hotspots geschoben. Ganz neu ist die Entwicklung nicht, wir beobachten sie seit Tagen, aber wir wollen unsere Leser*innen nicht jeden Tag mit einem neuen Lageartikel konfrontieren. Wir haben zuletzt klargestellt, dass uns das Schreiben über Corona, besonders die Lageberichte, weniger diejenigen zu Ethik und Recht, nicht gleichgültig lässt, sondern belastet. Wir vermuten, dass es vielen Leser*innen ähnlich gehen könnte.

Immerhin hat der SPIEGEL darüber einen Artikel verfasst und den Leser*innen mitgeteilt, dass die belgische Zählweise sehr offensiv sei, zumindest nach Darstellung der heimischen Politik, es werden aber auch Versäumnisse erwähnt. Der Vergleich mit den deutschen Zahlen, also denen eines gut vergleichbaren Landes, vor allem jenen von Nordrhein-Westfalen, offenbart aber einmal mehr, dass die deutschen Todesfallzahlen verdächtig niedrig liegen. Denn es ist unmöglich, alle „echten“ Corona-Fälle, also die Menschen, die nicht mit, sondern an Corona verstorben sind, zu identifizieren, sofern nicht alle Verdachtsfälle obduziet werden. Das findet nach wie vor nicht statt. Insofern ist die belgische Zählweise, auch die Menschen „mit“ Corona einzubeziehen, die sichere oder seriösere.

Wir haben hier die elf Länder mit den höchsten Todesfallzahlen in Relation zur Einwohnerzahl abgebildet, sortiert nach der dritten Spalte von rechts.

Die weltweite Zahl der Neuinfektionen hat an einem Tag bisher nie die 100.000 überschritten – wir hatten den Verdacht, dass das durch neue Hotspots in Südamerika oder Afrika geschehen könnte, aber die Fallzahlen dort steigen bisher nur maßvoll an.

Die absolute weltweite Fallzahl liegt gerade bei 2,44 Millionen (Stand 20.04., 18:55 Uhr), ca. 640.000 Menschen innerhalb der Gruppe der bisher Erkrankten gelten als genesen. Das sind weniger, als allein die USA derzeit an Infiziertne zählen (771.000), die wohl in dieser Woche die Millionengrenze übersteigen werden. Dennoch stehen sie in der obigen Rangliste an elfter Stelle. Besonders rudimentäre Medien vergessen bei Horrormeldungen aus den Vereinigten Staaten regelmäßig, zu erwähnen, dass die USA beinahe die vierfache Einwohnerzahl Deutschlands aufweisen, aber: Die Todesfallzahl liegt, gerechnet auf die Einwohner, mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Die Zahl der neuen Fälle stabiliserte sich hier zuletzt unterhalb 30.000 pro Tag:

Allerdings hat am 15. April eine ungewöhnlich hohe Zahl gemeldeter Todesfälle in den USA dazu geführt, dass es zum höchsten weltweiten Anstieg seit Ausbruch der Pandemie kam. Vielleicht hat sich die Zählweise verändert, das hatte in der „chinesischen Phase“ auch schon zu einem sehr starken Anstieg der Fälle an einem einzigen Tag geführt – der Infizierten, nicht der Todesfälle:

Apropos China: Vor wenigen Tagen hat Chian wie aus dem Nichts über 1.000 Todesfälle nachgemeldet, das war diemit Abstand höchste Zahl, die es dort je innerhalb von 24 Stunden gegeben hat. Dennoch sind die Todesfallzahlen und nach aktuellen Maßstäben sehr niedrig.

Vergleicht man nun die USA und Europa, ergibt sich für die USA sogar ein besserer Verlauf. Das gilt insbesondere für die Todesfallzahlen. Aber die Grafik hat zwei erklärungsbedürftige Besonderheiten. Sie gilt für die beiden Vergleichsregionen ab dem jeweiligen Tag des 100. Todesfalls, daher auch der kürzere Graph der USA – und es wird nicht berücksichtigt, dass Europa je nachdem, welche Länder man integriert (z. B. den europäischen Teil Russlands) zwischen 80 und über 100 Prozent mehr Einwohner hat als die USA. Gleichwohl bleibt die stärkere Abflachung der Kurve der USA festzuhalten.

Das Problem der Vereinigten Staaten ist vor allem, dass es einige Bundesstaaten mit sehr hohen Zahlen gibt, vor allem New York (mehr Fälle als in Spanien, das bezüglich der Gesamtinfektionszahlen in Europa weiterhin vorne liegt, 247.000 zu 202.000). Die Zahl der Todesfälle pro Einwohner liegt sogar fast doppelt so hoch wie im oben erwähnten Belgien (957 / 503). Wir haben hier die Zahlen der zehn am stärksten betroffenen US-Bundesstaaten abgebildet, die heutigen Zahlen liegen mehrheitlich noch nicht vor.

Wir registrieren also eine Art Verstetigung, wenn wir die weltweiten Zahlen betrachten. Ob das schon der Moment ist, in dem Lockerungen wirksam werden sollten, wie sie heute in vielen Ländern, auch in Deutschland, umgesetzt werden? Wir sind skeptisch. Ab heute gilt in Bayern übrigens Maskenpflicht. Na bitte. Geht doch. Die Fallzahlen in Deutschland sind in den letzten beiden Tagen, pünktlich zu den vorgesehenen Lockerungen, stark gefallen, auch die Todesfallzahlen.

Irgendwie sind wir hier doch ein kleines China.

TH

Lage Corona #35 vom 15.04.2020 15:45 Uhr CEST

In den letzten Tagen haben wir keine Zahlen mehr besprochen, die Corona-Krise betreffend. Zum einen ist diese Form von Aufbereitung belastend, das wollen wir nicht verschweigen. Es ging aber auch um etwas anderes: Abwarten, wie die Dinge sich entwickeln. Nach dem Feiertagswochenende dreier Religionen und an den beiden ersten Tagen danach. Am gestrigen Dienstag stieg zwar nicht die Zahl der neuen Infektionen in Deutschland stark an, aber die Zahl der registrierten Todesfälle auf den bisher zweithöchsten Stand an (285).

Weltweit ist eine gewisse Verschiebung unter den betroffenen Ländern zu beobachten, in Westeuropa scheint der Höhepunkt der Neuinfektionszahlen weitgehend überschritten zu sein. Aber ist die Lage deshalb im Griff?

Unter diesen Voraussetzungen findet gerade die Konferenz der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel statt, in der über eine Exit-Strategie verhandelt wird. Natürlich ist klar und wünschenswert, dass der Corona-Modus auf eine sinnvolle und verantwortungsbewusste Weise wieder in den Normalzustand übergeht, aber es gibt auffällige Unterschiede in der Haltung von Politikern, die Regierungsverantwortung tragen. Besonders der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, tut sich als Express-Normalisierer hervor, obwohl NRW zu Beginn des deutschen Teils der Pandemie das am stärksten betroffene Bundesland war. Inzwischen sind die Fallzahlen in Bayern und Baden-Württemberg bei jeweils geringerer Bevölkerungszahl höher. Aber es geht um eine Regelung fürs gesamte Land, nicht um Alleingänge einzelner Bundesländer, das wird immer wieder ausdrücklich betont – nach unserer Ansicht aber, wie schon bei den jetzigen Lockdown-Maßanhmen, nicht zu einer kompletten Vereinheitlichung der Exit-Tatbestände führen.

Die Expertise der Leopoldina hat zuletzt bezüglich der Exist-Strategie eine große Rolle gespielt, wir haben uns an dieser Stelle dazu geäußert. Ebenso hat es die Heinsberg-Studie des Wissenschaftlers Hendrik Streeck zu einer Bekanntheit gebracht, die wissenschaftliche Publikationen nur in Zeiten erreichen, in denen Politik und Wissenschaft miteinander eine so seltene direkte Verbindung eingehen wie im Ausnahmezustand der Corona-Krise und beide zusammenwirken, um innerhalb weniger Tage unser Leben sehr stark zu verändern.

Viele von uns, die sich mit dem einen oder anderen Politikgebiet auszukennen glauben, müssen jetzt etwas tun, was sie nicht sehr schätzen. Aber wenn schon der Begriff der Herde durch das Wort Herdenimmunität wieder so in Gebrauch gekommen ist, bietet sich der Vergleich an. Sie müssen sich in die Herde einreihen, die nicht in der Lage ist, die Lage zu beurteilen. Die meisten von uns haben bei Weitem nicht genug Fachwissen, um bei Corona mitreden zu können. Immerhin wissen wir, dass auch die Fachleute nicht einer Meinung sind, in dieser Sache.

Darum geht es in diesem ausführlichen und hervorragend geschriebenen Beitrag von „Riffreporter“:

Wie es jetzt ausgenutzt wird, dass wir die Beurteilungsmaßstäbe, die wir uns über viele Jahre hinweg angeeignet haben, nicht mehr verwenden können und dass dadurch auch die Stunde der Manipulateure gekommen ist. Die sind immer unterwegs, aber was eignet sich besser als eine neuartige Situation, die vielen Menschen Angst macht, um zu zeigen, was moderne PR leistet und wie sie politisch eingesetzt werden kann? Der Beitrag ist deshalb für uns nicht nur in Bezug auf Corona interessant, denn wir haben uns natürlich Gedanken darüber gemacht, auf welchen anderen Gebieten, die wichtig für uns alle sind, ähnlich vorgegangen wird.

Immerhin haben wir uns bei unserer Berichterstattung stark auf Corona eingestellt und lesen uns jeden Tag stundenlang durch die Nachrichtenlage. Wir sind deshalb keine Befürworter der Laschet-Linie. Wenn man bedenkt, wie stark die Beschränkungen in einigen Bereichen sind und wie zivilgesellschaftliches Engagement derzeit behindert wird, haben wir kein Verständnis dafür, dass jetzt ausgerechnet dort, wo die Infektionsgefahr am höchsten ist, wieder der Normalzustand herbeigeführt werden soll. Das gilt für Schulen ebenso wie für die Verwertung von Menschen in der Wirtschaft.

TH

Lage Corona #31 vom 08.04.2020

Die Zahlen zur Corona-Epidemie lösen derzeit unterschiedliche Gefühle aus. In manchen Ländern wie Spanien und Italien ist es denkbar, dass man das Gröbste überstanden hat, Neuinfektions- und Todesfallzahlen gehen langsam zurück. Dafür nimmt das Geschehen in den USA immer mehr Fahrt auf und es gibt eine neuen Krisenherd in Europa – nicht erst seit heute, aber deutlicher als bisher: Frankreich.

Einiges zu Deutschland haben wir auch aufgeschrieben, als Fortsetzung unseres Triage-Beitrags #29. Man kommt kaum hinterher, so schnell werden derzeit zivilisatorische Tatbestände ad acta gelegt.

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Sochen sieht es jetzt so aus, als ob die Zahl der neuen Fälle sich weltweit stabilisieren würde. Der Peak vom 3. April mit über 100.000 Neuerkrankungen, an dem gleichzeitig die Zahl aller Fälle die Millionengrenze übersprang, wurde bisher nicht wieder erreicht. Allerdings gibt es für diesen Peak einen besonderen Grund: Ein Land weist sehr erratische Zahlen auf und hatte an dem Tag fast viermal so viele Fälle gemeldet wie sonst üblich – gleichzeitig zog die Zahl der Neuerkrankungen in den USA auf über 30.000 täglich an und pendelt sich derzeit um diese Zahl herum ein. Die Hoffnung, dass die Spitze erreicht ist, zumal sich im besonders betroffenen Staat New York eine Beruhigung erkennen lässt, darf man also haben:

Allerdings gilt das noch nicht für die Todeszahlen. Sie erreichten gestern mit 1.970 einen neuen Höchstwert:

Ob sich an der Erfassungsmethode etwas geändert hat, wissen wir nicht, der Unterschied zu den Vortagen ist jedenfalls sehr deutlich sichtbar. Mit ca. 43 Todesfällen pro Million Einwohner liegen die USA zwar mittlerweile höher als Deutschland (26, Zahlen bereits vom 8. April, 21:25 MESZ), aber immer noch weitaus niedriger als in den europäischen Hauptkrisenländern, die sämtlich zahlen von über 100 Tote pro Million Einwohner aufweisen, an der Spitze der größeren Ländern Spanien mit 314. Mit beängstigender Geschwindigkeit holt Frankreich allerdings auf:

Fast 11.000 neue Fälle gestern wären eine neue Höchstzahl gewesen, hätte es nicht bereits am 3. April einen Ausreißer (ca. 23.000 Neufälle) gegeben, der darauf schließen lässt, dass viele Fälle nachgemeldet wurden. Wir hatten am zweiten April berichtet, wie seltsam wir es fanden, dass die Fallzahl in Frankreich ausgerechnet an dem Tag extrem niedrig war, an dem weltweit die Millionengrenze überschritten wurde. Nicht, dass Frankreich nun bei der Gesamtfallzahl knapp vor der deutschen liegt, ist aber das Problem, sondern die enorm hohe Todesrate:

Die Zahlen schwanken zwischen den einzelnen Tagen sehr stark, aber sie sind horribel. Am 3. April und am gestrigen Tag jeweils über 1.400 Tote, das ist mit Abstand europäischer Rekord. Spanien und Italien hatten auf dem Höhepunkt ihrer jeweiligen Krise nur knapp 1.000 Tote pro Tag gemeldet. Um es zu verdeutlichen: Wenn man die gestrige Zahl von Toten auf die Bevölkerung der ebenfalls stark betroffenen USA umlegen würde, hätten dort ca. 7.000 Menschen sterben müssen, damit sich dieselbe Relation zur Bevölkerungsgröße gebildet hätte.

Auch in Deutschland steigen die Todesfallzahlen kontinuierlich an und wer am vorgestrigen Abend die NDR-Talkshow mit dem Krankenpfleger Alexander Jorde als Gast gesehen hat, erhielt die Klarheit, die Funktionärinnen der Ärzte und der Pflegeberufe bei Anne Will am Sonntag noch vermissen ließen: Bereits seit 2017, damals noch als Azubi, macht Jorde auf den Notstand in der Pflege aufmerksam und gestern in „Fakt“ und in der Talkshow wurde richtig Tacheles geredet über die allgemeinen und die aktuellen Zustände und über die Unfähigkeit der Regierung, die Produktion und den Ankauf von Schutzkleidung und Masken im notwendigen Maße hochzufahren. Die Statements Betroffener aus Krankenhäusern, Pflegeheimen und Arztpraxen waren dramatisch und wütend. Man fühlt sich nicht mehr und nicht weniger als im Stich gelassen.

Es kulminiert in der Krise, was bisher von der Politik einfach ignoriert wurde, im Gegenteil, man privatisierte in den letzten Jahren immer weitere Kliniken, machte die Pflege durch Unterbezahlung unattraktiv, alles zugunsten des Profits. Jetzt muss die Arbeitszeitordnung geändert werden, damit Zwölf-Stunden-Schichten möglich werden, ebenso der Personalschlüssel, mehr Kranke pro Pfleger*in, der Schlüssel war bisher schon zu hoch, die Ausfälle aus Infektionsgründe und wegen Überlastung werden im Pflegebereich steigen.

Nun kommt, was kommen musste: Der Ethikrat macht sich Gedanken über die Triage, über die wir vor wenigen Tagen geschrieben haben. Wir haben uns angesichts der Statements aus dieser Richtung gefragt, ob wir es mit ethisch hochstehenden Menschen oder mit einem Gruselkabinett zu tun haben, das den Mangel in Handlungsempfehlungen umsetzt, wen man nun zuerst sterben lassen könnte, anstatt das einzig Richtige und Wahre zu tun: Der Regierung endlich klarzumachen, dass sie Menschen wissentlich umbringt, mit ihrer kruden Art von Gesundheitspolitik und mit einem Krisenmanagement, das zwar rigide beim Einschränken von Freiheitsrechten, aber hilflos im Organisatorischen ist.

Stattdessen darf eine Rechtsanwältin, die sich in anderen Zeiten vermutlich … nein, das lassen wir weg …, darüber philosophieren, dass das Leben einer jungen Mutter mehr wert sei als das eines älteren Menschen, weil sie ja noch mehr davon vor sich habe – selbst dann, wenn der ältere Mensch die besseren Heilungsaussichten hätte. Das würde wohl sogar gelten, wenn eine junge Person Vorerkrankungen hätte, die deren Weiterleben möglicherweise nicht wahrscheinlicher machen als das einer älteren Person ohne Vorerkrankungen. Dass solche Erwägungen noch wichtig werden, können wir uns sehr gut vorstellen. Der Ethikrat empfiehlt diese Art von Ideologie nicht, sondern will die zu treffenden Entscheidungen noch anhand der Heilungschancen ausrichten – aber die Triage ist damit implementiert. Die Gewöhnung an sie wird eingeübt.

Wenn insbesondere in Senioreneinrichtungen weiterhin nicht ausreichend Schutzkleidung für das Personal zur Verfügung steht, wird sie bald zum Einsatz kommen. Ohnehin kam es in diesem Bereich schon zu unfassbaren Vorgängen, zu Massensterben in einzelnen Häusern. Derweil werden Maskenlieferungen umgeleitet und kommen nicht in Deutschland an. Derweil wird Betrug mit Masken begangen, die Masken gibt es gar nicht. Derweil müssen Unternehmen ihre geschäftlichen Verbindungen einsetzen, um irgendwo auf der Welt Schutzkleidung zu organisieren. Weil die Regierung es nicht hinbekommt, müssen Privatmenschen für sich und andere Masken nähen, natürlich unentgeltlich, während bei der Auslandsbeschaffung der Meistbietende den Zuschlag bekommt.

Derweil befürchten Ärzt*innen dass die sonstige Versorgung und Vorsorge zusammenbricht, weil alles auf Corona konzentriert ist. Viele Untersuchungen und auch Operationen müssen längst zurückgestellt werden, um Kapazitäten für die Krise freizuhalten. Werden die sich daraus ergebenden Kollateralschäden in die Corona-Statistik einfließen? Eher nicht. Vermutlich wird man am Ende des Jahres eine erhöhte Sterblichkeit feststellen. Kann ja mal passieren.

Die Zivilgesellschaft muss wieder einmal für die Fails der neoliberal gestrippten Gesundheitsvorsorge geradestehen und sieht Todesfälle, die niemals hätten eintreten dürfen. Selten zuvor hat man in einem so direkten Zusammenhang gesehen, dass die Unterordnung jedweder anderen Überlegung unter die Belange eines menschenverachtenden „Marktes“ tödlich ist. Deswegen Markt in Anführungszeichen, denn hier handelt es sich um eine Perversion dieses Begriffs. Dieser „Markt“ hat nichts mit friedlichem, gleichberechtigtem Austauschandel zu tun: Bis auf ein paar Reiche sind Patienten die Opfer und sind Ausübende von Helferberufen Opfer, sind selbst hilflos gefangen in einem rüden System, das gegen die gemeinsamen Interessen und die Interessen der weit überwiegenden Mehrheit von uns gerichtet ist.

Wenn man dann sieht, wie die Union in Wahlumfragen immer weiter steigt, trotz der massiven Einschränkungen für die Menschen, das auch durch zu geringe Kapazitäten im Gesundheitswesen notwendig wurde und trotz eines eklatanten Beschaffungs-Missmanagements, kann man beinahe nur noch einen Schluss ziehen: Die Jüngeren tendieren vermehrt in diese politische Richtung, weil sie erkannt haben, dies ist eine günstige Gelegenheit, um einige Ältere, die ohnehin als überflüssig betrachtet werden, loszuwerden und mit etwas Glück erbt man dadurch vorzeitig. Dass betagte Menschen das, was im Moment läuft, witzig finden, können wir uns nicht vorstellen, zumal darüber nachgedacht wird, sie wegzusperren, damit der Konsumladen wieder läuft.

Die trotzdem zu beobachtende überwiegende Gefasstheit dieser Generation und die Wut und Fassungslosigkeit der „Systemrelevanten“ jeden Alters berühren uns gleichermaßen und steigern unsere Entschlossenheit, gegen die Ausbeutung der Mehrheit und die Ökonomisierung jedes Lebensbereichs die Stimme zu erheben.

TH

Corona #31 vom 06.04.2020

Seit unserem letzten Corona-Artikel in der Rubrik „Lage“ sind zwei Tage und zwei Talkshows vergangen und wir schreiben über unsere Eindrücke zum Krisenmanagement in Deutschland.

Die politischen Auswirkungen sind schon ebenso dramatisch wie die sozialen und wirtschaftlichen. Alles versammelt sich hinter der Regierung, speziell hinter der Bundeskanzlerin, die beinahe wieder ein Heiligen-Status erreicht wie im Herbst 2015, besonders ausgeprägt in derselben Gruppe außerhalb der CDU-Stammwählerschaft, wenn wir die Reaktionen in den sozialen Netzwerken richtig deuten. Kritik in Zeiten der Krise ist verpönt, das haben wir verstanden. Wir machen trotzdem keinen Kotau, sondern schauen etwas genauer hin. Es geht um Kausalität, aber auch um aktuelle Eindrücke.

Es beginnt mit einer Beichte. Nach dem Sonntags-Tatort hat sich bei uns ein ganz neuer Rhythmus eingestellt. Wir bleiben bei der ARD, schauen Anne Will, die Tagesthemen und auch noch TTT. Nicht, weil wir mehr Zeit hätten, sondern, weil sich auch bei uns ein Phänomen bemerkbar macht, das in diesen Zeiten wohl viele Menschen erfasst: Man ankert sich bei den Ankerjournalisten der Öffentlichrechtlichen, weil man hofft, von ihnen doch aufgrund größerer Möglichkeiten und Recherchefähigkeit und einer gewissen Ausgewogenheit die Lage so dargeboten bekommen, dass wir zumindest einen Ansatzpunkt für die Diskussionen der kommenden Woche haben. Alternativmedien können in dieser Zeit nicht bieten, was Menschen suchen, das ist offensichtlich, denn scharfe Kante und die Aggressionen, die bestimmte Darstellungen auslösen, sind im Moment einfach nicht gefragt.

Insofern verstehen wir sogar, dass Angela Merkel wieder mal auf einen Schild gehoben wird, auf den sie definitiv nicht gehört und eine Regierung hohe Zustimmungswerte erreicht, die im Grunde nur da tut, was in anderen Ländern auch getan wird – und immer noch ist die Faktenlage in Deutschland erstaunlich, wie z. B. die gegenüber vergleichbaren Ländern wesentlich geringeren Corona-Todesfallzahlen. Wird bei uns doch nur gezählt, wer nicht mit dem Virus, sondern durch es verstorben ist? Bisher deutet nichts darauf hin, denn, um darüber Sicherheit zu erhalten, müssten alle infizierten Toten obduziert werden.

Zwei Tage zurück zu Anne Will. Haben Sie Olaf Scholz gesehen, den Vizekanzler? Und haben Sie danach immer noch den Eindruck, das Krisenmanagement sei gut? Nur, weil die Ärzte- und Pflegeberufe-Vertreterinnen so rücksichtsvoll waren, Scholz kaum anzugehen, obwohl ihre inhaltlichen Aussagen klar waren? Es wird nicht genug Schutzausrüstung beschafft, die gegenwärtige Situation ist gefährlich, wenn nicht lebensgefährlich für die Mitarbeitenden von Kliniken und unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen. Soziale Träger haben übrigens sowieso nur noch Notbetrieb mit möglichst wenig Kontakten, also das Gegenteil von dem, wofür sie eigentlich da sind – weil keine Sicherheit für alle Beteiligten gewährleistet ist.

Die Beschaffung von Schutzmaterialien hätte mindestens einen Monat früher anlaufen müssen, aber man hielt Corona offenbar für eine exotische chinesische Angelegenheit, als dort alles sichtbar war, was sich jetzt bei uns zeigt. Und die Wirtschaft nun zur Produktion zu verpflichten, anstatt sie weitgehend stillzulegen, selbstverständlich unter Bereitstellung der notwendigen finanziellen Mittel, das traut sich die Regierung nicht. In den erzkapitalistischen USA, deren Administration natürlich ebenfalls viel zu spät reagiert hat, geht das. In Deutschland werden außerdem „Marktpreise“ gezahlt. Der Markt, der einen Fail nach dem anderen liefert, wird immer noch bedient, anstatt korrigiert. Kennen wir das irgendwoher? Aber ja, wir müssen nur an unser Zentralthema Mietenwahnsinn denken. Es müsste so laufen, dass kostendeckend gearbeitet, aber keine Krisengewinnlerei betrieben werden kann. Von einer „nationalen Anstrengung“ sind wir derzeit weit entfernt und Geld ausschütten und das öffentliche Leben herunterregeln, sind kurzfristig notwendig, aber keine Maßnahmen, die von visionärer Politikgestaltung zeugen. Okay, warum sollte das Vorwärtsdenken gerade jetzt entstehen, wo „auf Sicht“ gefahren wird?

Volkswirtschaftler. Volkswirtschaftler können wir derzeit kaum noch sehen oder hören. Jeder von ihnen, weil nur eine bestimmte Gruppe eingeladen wird, versucht, die Pfründe des Neoliberalismus zu retten, anstatt einzugestehen, dass die Modelle, mit denen bei uns versucht wird, den Menschen und seine ökonomischen Verhaltensmuster zu erklären, schon lange nicht mehr taugen. Sie führen zu sozialen Disparitäten enormen Ausmaßes, sie trugen nach 2008 nicht nur Normalisierung der Verhältnisse bei und das fällt nun in der Corona-Krise noch zusätzlich an: Dass viele Länder in Europa noch immer unter den Folgen der Bankenkrise leiden und finanziell nicht beweglich genug sind in der Corona-Krise. Die herrschende Lehre stolpert von einem Fail zum nächsten, wird aber hofiert, als sei das, was sie verkündet, nicht nur eine Religion, sondern die einzige. Es gibt nur einen Gott, und der heißt maximaler Profit für wenige auf Kosten der Mehrheit.

Deswegen ist übrigens auch zu befürchten, dass der massive Mitteleinsatz zugunsten der Wirtschaft, der eingeleitet wurde, nicht im vorgesehenen Maße in Innovation / Produktion gesteckt werden wird, sondern die Fehlallokationen der letzten Jahre weitertreiben wird: Alles fließt in konservative Geldanlagen und diejenigen, die davon profitieren, erzählen uns, diese Schräglage sei Marktwirtschaft. Blödsinn! Sie ist Ausfluss hilfloser Versuche, die europäische Wirtschaft über Wasser zu halten und hat auf die Mehrheit der Menschen vor Ort massive negative Auswirkungen.

Es ist so bezeichnend, dass in der Corona-Krise die Wirtschaft gepampert wird ohne Ende, aber weiterhin mit Samthandschuhen angefasst wird, was ihre Verpflichtungen angeht, bei der Krisenbewältigung zu helfen.

Haben Sie Olaf Scholz gesehen? Den Harten, den Trickreichen, wie wir seit dem G20-Gipfel 2020 wissen? Er saß da und dachte die ganze Zeit: Hoffentlich kommt nicht noch jemand, der mal Tacheles redet, sonst muss ich losheulen, dann kommt vielleicht doch noch raus, dass unser Krisenmanagement vor allem darauf setzt, dass die Systemrelevanten und Millionen von Freiwilligen durchhalten, sich der Gefahr aussetzen und nicht davonrennen, dass sie das schaffen, was wir nicht schaffen, nämlich das Land vor Szenarien wie in Italien oder Spanien zu bewahren.

Und wie gut passt da seine Haltung zur Schutzmaskenpflicht. Wir finden die Schutzmaske auch nervig und man schwitzt sogar darunter, wie wir jetzt, wo’s wärmer wird, festgestellt haben. Und erst diese medizinischen Handschuhe beim Einkaufen. Die Mehrheit hält das übrigens schon wieder für weitgehend überflüssig, wie wir gestern wieder einmal feststellen durften. Aber wie wäre es denn, mit diesem Angebot an die indolenten Teile der Bevölkerung, die nur ihr eigenes Ding sehen? Wir machen eine Maskenpflicht, dafür können bestimmte andere Restriktionen alsbald gelockert werden. Sogar das Vermummungsverbot wäre aufgehoben. Scherz, muss in diesen Zeiten auch sein. Aber Olaf Scholz sitzt unangenehm berührt da und fürchtet, es könnte wieder die SPD und nicht die CDU treffen, dass die Deutschen sich viele Freiheitsrechte abnehmen lassen, ohne groß zu murren. Doch andere damit schützen, dass man sich mal so ein Tuch vors edle Antlitz hängt, vielleicht gibt’s auch schon Designermodelle, die manches Gesicht eher aufhübschen, das geht gar nicht. Das würde eine revolutionäre Stimmung auslösen. Das wäre der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Corona-Bonds. Wenn es einen Gott gibt, möge er uns helfen. Jetzt. Was Vertreter*innen vieler Parteien im Moment unisono von sich geben, zeugt von einer Ahnungslosigkeit, die schon in der Eurokrise dazu geführt hat, dass zu Recht Grüne und der Mainstream der Linken damals keine guten Umfragewerte hatten. Nein, Corona-Bonds sind etwas anderes als Eurobonds nach der Bankenkrise, da hat Professor Hüther vom IW ausnahmsweise Recht. Aber nur, solange es um die Motivation geht und die Hintergründe, nicht die Folgen betreffend. Die könnten ähnlich sein. Die Bundesregierung lehnt Corona-Bonds noch ab. Nach unserer Ansicht aber nicht, weil die Unterschiede zur Situation von 2008 nicht verstanden werden, sondern, weil die Gemeinsamkeiten erkannt werden und man weiß, wie gefährlich Bonds dieser Art für die ohnehin wackelige EU sein könnten. Man hat sich durch ein inkonsequentes Krisenmanagement seinerzeit selbst Steine für die Zukunft in den Weg gelegt, über die stolpert man jetzt. Den Zusammenhang zu benennen, traut man sich nicht. Denn die Erosion oder EU hat auch damit zu tun, dass damals Risse, die sich zeigten, nicht ernsthaft besprochen und dann repariert wurden.

Wir meinen, es kommt schon gar nicht mehr darauf an. Corona-Bonds für die Euro-Zone? Die EU-Länder, die da nicht drin sind, können sich ja alleine helfen. Und der Witz: Das könnten sie in der Regel wirklich, weil ihre Wirtschaft stabiler ist als die der meisten Eurozonen-Staaten. Bei ebenjenen kommt es eigentlich nicht mehr darauf an, auf den bisherigen Dauer-Notfallmodus der Geldpolitik auch noch Corona-Eurobonds zu packen. Wenn der Euro dadurch doch Schaden nimmt und man doch feststellt, dass ein einziges größeres Land mit Noch-Topbonität, nämlich Deutschland, nicht ausreicht, um Niedrigzinsen für Eurobonds abzusichern, falls man sie nicht gleich alle von der EZB kaufen lässt, sondern sie an den Finanzmärkten platzieren will: Papiere, mit denen für 19 wirtschaftlich ganz unterschiedlich aufgestellte Euro-Staaten Geld beschafft wird. Dann hat man’s wenigstens versucht.

Wir meinen auch, jeder Widerstand ist mittlerweile weitgehend zwecklos. Eine ökonomische Krise hätte es sowieso in den nächsten Jahren gegeben, jetzt kommt sie härter, sodass das Ausschleichen praktischerweise als Boom empfunden werden wird, und die Politik kann sich wunderbar hinter einem Virus als Auslöser der misslichen Wirtschaftslage verstecken. Die dringenden Reformen weg vom neoliberalen Layout, welches die EU so dringend nötig hätte, hat man nicht vorgenommen, deshalb ist Solidarität schwierig: Sie ist einfach nicht im Mindset der Entscheider*innen enthalten.

Und Deutschland spielt in dieser Angelegenheit eine gleichermaßen dominierende wie unproduktive Rolle. Nur, wenn Deutschland sozialer ausgerichtet wäre und mehr auf ökonomisches Gleichgewicht anderen gegenüber, hätte es diese Reformen mit seinem Gewicht in der EU befördern können. Genau jene Kanzlerin, die jetzt wieder hofiert wird und deren Tross haben aber genau dies verhindert.

Natürlich, die Ego-Shooter unter den Regierungen der EU-Länder hätte man nicht mitnehmen können, aber Solidarität ist eben keine Einbahnstraße und wer nichts beiträgt, muss nicht unbedingt as Trittbrettfahrer dabei sein. Wenn man eine vom europäischen Geist überzeugte Kerngruppe herausgebildet hätte, wäre es auch leichter gewesen, in diesen Wochen die Dramen zu verhindern, die sich an der EU-Außengrenze abspielen. Aber jene Zusammenhänge! Viel zu kompliziert für das, was man glaubt, den Menschen verkaufen zu können. Leider ist da sogar Wahres dran und wenn man es so sieht, fällt es auf uns zurück und wir geben es weiter und sagen: Was können wir dafür, dass wir von klein auf mit dem Gift der maximalen Konkurrenz und der egozentrischen Sichtweise gefüttert wurden?

Vieles ist ungewiss und das stört uns doch alle mehr oder weniger. Trotzdem könnte die Zeit gekommen sein, um erwachsen zu werden und zu erkennen, dass Corona auch Chancen zur Veränderung bietet. Dass die Regierung daran nicht interessiert ist, zeigt sich immer wieder, denn alles, was sie tut, basiert auf konservativen Mustern. Das heißt, es wird wieder einmal die weniger Privilegierten treffen. Das zeichnet sich bereits ab, denn das Füllhorn wird nur über denen, die ohnehin besitzen, ausgeschüttet.

Aber das Krisenmanagement ist gut. Weil man sich offenbar in einer Krise gut profilieren kann, die weitaus weniger Probleme verursachen würde, hätte man vor ihrem Eintritt vorausschauende Politik gemacht. Aber diese Ironie ist wohl nur dem ersichtlich, der sich schon vor Corona hin und wieder Gedanken über Systemfehler gemacht hat, deren Beseitigung nicht angegangen wurde.

TH

Am späten gestrigen Abend ging es um Corona. Was sonst? Zumindest überwiegend. Wir wollen nicht so tun, als wenn wir heroisch nach Themen-Alternativen suchen würden. Dabei kam auch zur Sprache, dass einige Länder, die ein besonders gutes Gesundheitssystem haben, erstaunlich hohe Fallzahlen und auch teilweise hohe Todesfallzahlen aufweisen.

1.) Testzahlen werden ausgewiesen

Wir wiesen dabei auf die Schweiz hin, mit dem Tenor: Erstaunlich, dass dort pro Kopf der Bevölkerung mehr als doppelt so viele Infiziert gemeldet sind wie bei uns. Bis auf einige Kleinstaaten ist die Schweiz immer noch das Land mit den höchsten Pro-Kopf-der-Bevölkerung-Fallzahlen – nicht mehr. In Spanien ist sie jetzt leider noch höher. Unsere Vermutung: In der Schweiz wird mehr getestet als in den meisten anderen Ländern.

Diese Vermutung hat sich heute bestätigt, denn Worldometer weist nun auch die Zahl der bisher durchgeführten Tests aus und liefert auch die durchgeführten Tests pro Kopf der Bevölkerung, die man ansonsten selbst errechnen müsste. Und da liegt die Schweiz mit fast 18.000 pro eine Million Einwohner, also 1,8 Prozent der Bevölkerung, die schon getestet wurden, um einiges besser als Deutschland mit ca. 1,1 Prozent. Noch besser: Norwegen mit 1,9 Prozent. Auch die hohe Zahl von Infizierten z. B. im kleinen Luxemburg erklären sich genau auf diese Weise: Bisher wurden bereits 3,6 Prozent der Bevölkerung getestet. Spitze: Die Faröer. Dort hat jede*r zehnte Einwohner*in bereits einen Corona-Test hinter sich, gefolgt von Island mit 6,9 Prozent.

Unter vergleichbaren Ländern liegt Deutschland aber nicht schlecht, auf eine ähnliche Testquote kommen Österreich, Italien und Israel. Den USA und vielen anderen Ländern hingegen dürften noch einige unangenehme Erkenntnisse bevorstehen. Zwar haben die Vereinigten Staaten weltweit die höchste Zahl an Tests durchgeführt (1,4 Millionen), aber getestet sind damit nur 0,4 Prozent der Bevölkerung. Und auch dies müssen wir leider erwähnen: Dass in einigen Regionen die Fallzahlen so langsam steigen, liegt, wie im Umkehrschluss zur obigen Darstellung eines Landes mit gutem Gesundheitssystem, wie die Schweiz eines vorweisen kann, offensichtlich daran, dass noch kaum getestet wurde. Wenn wir sehen, dass z. B. in Brasilien gerade 0,025 Prozent der Bevölkerung einen Test durchlaufen haben, in Indien gar 0,0084 Prozent, kommt Furcht auf vor dem, was das Virus in großen Ländern mit niedrigen Standards der Gesundheitsersorgung und vielen engen Slums, teilweise kombiniert mit schwacher Durchsetzungkraft der Exekutive und wenig wirtschaftlichen Möglichkeiten, die es erlauben, schnell und angemessen zu reagieren, anrichten könnte.

Viele Länder des globalen Südens liefern bisher nicht einmal Zahlen – interessanterweise trifft das auch auf China zu. Schade, es hätte uns sehr interessiert, wie viele Tests notwendig waren, um die Maßnahmen so passgenau zu gestalten, wie es retrospektiv wirkt, angesichts von Neuerkrankungszahlen nahe Null nach nur drei Monaten heißer (erster) Corona-Phase und der Tatsache, dass die vor zwei Monaten beinahe ungeheuerlich wirkende Zahl von ca. 3.200 Toten mittlerweile nicht einmal mehr fünf Prozent der weltweiten Fälle ausmacht und vor allem pro Kopf der Bevölkerung viel geringer ist, als in allen westlichen Ländern, in denen der Peak gerade erst erreicht ist oder noch bevorsteht.

2.) Allgemeine Fallzahlen, Stand 04.04.2020, 19:45 Uhr

Gestern wurden erstmals über 100.000 Neufälle gemeldet, davon entfielen mehr als 32.000 allein auf die USA. Die Zahl der erfassten Fälle hat gerade die Zahl 300.000 überschritten und damit 0,09 Prozent der Bevölkerung. Das sind immer noch etwas weniger als in Deutschland (0,11 Prozent), vermutlich dreht sich dieses Verhältnis aber in den nächsten Tagen. Die USA und Frankreich überschritten am 03.04. die Zahl von 1.000 Todesfällen pro Tag und damit eine bisher weltweit nicht erreichte Grenze.

An den beiden vergangenen Wochenenden ging die Zahl neuer Fälle immer etwas zurück und auch das hat sicher damit zu tun, dass samstags und sonntags weniger getestet wird als von Montag bis Freitag. Gegenwärtig stehen wir bei ca. 1.173.000 Fällen weltweit, Zunahme heute bisher „nur“ 55.000, die Zahl der Todesfälle „ermäßigte“ sich von gestern fast 6.000 auf heute bisher ca. 3.600.

Es wäre jedoch schon ein Erfolg, wenn die prozentuale Zunahme der Neufälle pro Tag zurückgehen würde. Die nun vorliegenden Zahlen über durchgeführte Tests bestätigen allerdings eine Befürchtung, die sicher nicht nur wir hatten: Eine dritte Welle nach der in China und im Westen steht uns noch bevor. Werden wir aus manchen Ländern je erfahren, was Corona dort wirklich bedeutete? Vielleicht werden vielerorts auf der Welt nur erhöhte Sterblichkeitsziffern darauf hindeuten, dass eine Seuche unermessliches Leid verursacht hat.

TH

#Corona 26, 02.04.2020

Heute um 20.05 Uhr MESZ meldete unsere Referenzquelle „Worldometer“, dass die Zahl der gemeldeten Corona-Fälle weltweit die Millionengrenze übersprungen hat. Weiteres in Kürze.

Am Abend zeichnete sich ab, dass die Zahl der Corona-Fälle heute noch die Millionengrenze überspringen würde. Um 19:37 Uhr waren 997.555 Fälle gemeldet. Um 19:41 Uhr lag die Zahl bereits bei 999.798. Kurz zuvor hatte Frankreich seine Zahlen gemeldet. Wir hatten damit gerechnet, dass bereits diese Meldung dazu führen würde, dass die Millionengrenze übersprungen wird, doch aus Frankreich wurden heute nur 2.116 Neuerkrankungen gemeldet. Umso besser!

Plötzlich, um 19:46 Uhr ging die Zahl jedoch auf 998.767 zurück. Was war geschehen? Die Zahlen der USA waren um über 1.000 nach unten revidiert worden, während noch einige Länder mit geringen Infektionszahlen ihre Neufälle gemeldet hatten. Aktuell steht die Neuinfektionszahl in den USA bei ca. 20.700, um 19:37 lag sie bei 21.309. Es mag kurios klingen, aber es wirkt, als hätte man es vermeiden wollen, den millionsten Infizierten im eigenen Land zu haben. An den Hotspots New York und New Jersey lag es nicht, deren Zahlen, die derzeit ganz oben stehen, blieben gleich – und die gesamte US-Tabelle hatten wir nicht durchgesehen oder gar archiviert, denn mit einer Rückwärtsbewegung, deren Herkunft zu analysieren wäre, hatten wir nicht gerechnet.

Wir könnten diese vielleicht durch die Inanspruchnahme der Wayback-Machine ermitteln, aber letztlich ist diese kurzfristige Bewegung nebensächlich und ihre exakte Verfolgung der Situation nicht angemessen, dass die Welt am heutigen Abend des 2. April 2020 über eine Million Infizierte sieht – und ca. 51.500 Tote zu beklagen hat.

Vielmehr heute unsere Solidarität mit allen Erkrankten, mit allen Hinterbliebenen und mit allen, die weltweit in einem aufopferungsvollen Kampf gegen die Corona-Pandemie stehen.

Die Entwicklung der Fallzahlen am 02.04.2020 von 19:37 bis 19:46 Uhr MESZ:

Nachtrag: Die neuen Fälle in Deutschland werden immer noch nach oben korrigiert und liegen aktuell bei 6.303, das ist der zweithöchste Wert weltweit hinter den USA und vor Spanien. Die Todeszahl steigt auf 158, vier mehr als der bisherige Höchststand gestern.

TH

#Corona 25 vom 02.04.2020, ca. 17 Uhr

Vorgestern hatten wir die leise Hoffnung, dass der Höhepunkt der Corona-Krise zumindest bald erreicht sein könnte (# 24 + unten), doch der Wendepunkt ist noch lange nicht erreicht. Vor allem die USA entwickeln sich zum Welt-Hotspot der Pandemie und melden mittlerweile doppelt so hohe Fallzahlen wie jedes andere Land. Weltweit steuert die Zahl der Erkrankten auf eine Million zu (aktuell 965.535, Stand 02.04.2020, 18 Uhr) und wird diese spätestens morgen überschreiten, ebenso wird die Zahl der Getöteten (49.247)in den nächsten Stunden die Marke von 50.000 erreichen.

  • Beim Wechsel vom 01. zum 02.04.2020 zählte man in den USA ca. 216.000 Krankheitsfälle, im danach am meisten betroffenen Land, Italien, ca. 110.000.
  • Die USA sind das bisher einzige Land, das täglich mehr als 10.000 Neuinfektionen meldete (gestern ca. 26.500).
  • Die USA verzeichnen als erstes Land über 1.000 Todesfälle am Tag (01.04.2020).
  • In Relation zur Bevölkerung sind die Zahlen immer noch niedriger als in den am stärksten betroffenen europäischen Ländern Italien und Spanien, aber die Zunahme ist in den letzten Tagen sehr hoch gewesen – nachdem es am 30.03. nach einer Beruhigung, nach einem „Flatten the Curve“ aussah, das sich auch in anderen Ländern zeigte. Die rechten Balken, die den 31.03. und den 01.04. zeigen, machen deutlich, dass eine neue Welle eingesetzt hat:

Was wir teilweise zu der sehr schnellen Ausbreitung in den USA lesen, teilen wir in dieser Form nicht und billigen es auch nicht. Natürlich ist Präsident Trump untragbar und vielleicht ein Psychopath (mit dem Finger an der Atombombe), klar sind seine Wähler irgendwie selbst daran schuld, wenn es sie jetzt dahinrafft, sofern man jeden einzelnen Todesfall dem Missmanagement der jetzigen Administration und den Mängeln im Gesundheitswesen der USA zuschreibt und davon ausgeht, die Menschen wollen das so.

Es gibt viele dort, die eine allgemeine Krankenversicherung als kommunistisches Teufelswerk ansehen – aber es sind dennoch Menschen und Opfer. Wenn wir in Deutschland beim Tod von all jenen Menschen schadenfroh wären, die nicht so recht hinzulernen, kämen wir aus diesem Gefühl niemals wieder raus. Karl Lautenbach (SPD) hat dazu getwittert und auch seine Diktion finden wir in diesem Zusammenhang grenzwertig – sie ist aber bei weitem nicht so hämisch wie einige andere Wortmeldungen. Lautenbach und Nina Scheer hätten wir übrigens gewählt, wenn wir bei der SPD-internen Abstimmung über die neuen Vorsitzenden hätten mitmachen dürfen. Ein Dank an @HeimatNeue für die Zustellung des Tweets!

  • In Europa sieht es zwar immer noch dramatisch aus, insbesondere steigen in Deutschland jetzt die Todeszahlen täglich an, aber sie sind noch weit von jenen in Spanien, Italien oder Frankreich entfernt, die sich auf hohem Niveau zu stabilisieren scheinen.
  • Aktuell hat die Gesamt-Fallzahl in Deutschland gerade die Zahl der Fälle in China überschritten, das eine um fast da 17-fache höhere Bevölkerungszahl aufweist. Erinnern wir uns noch an die Zeit vor zwei Monaten, ja vor sechs Wochen? Als die meisten von uns dachten, dieses Virus sei eine exotische Geschichte aus einem seltsamen Land, in dem ziemlich alles anders ist als hier und wir mit Verwunderung quittierten, welch harte Einschränkungen im Alltag die Menschen in der Provinz Hubei hinnehmen mussten, weil die Regierung nicht auf „Herdenimmunisierung“ gegen einen Krankheitserreger setzte, für den es noch keinen Impfstoff gibt?
  • Mittlerweile existiert es kein westeuropäisches Land mehr, das in Relation zu seiner Bevölkerungsgröße die chinesischen Fallzahlen nicht weit übertrifft. Man mag über die Validität der chinesischen Meldungen denken, was man will – oder vielleicht besser nicht: Das Land ist nicht so hermetisch wie Nordkorea. Es würde durchsickern, wenn das Virus in China weiterhin ungehindert wüten würde, während die Offiziellen das Gegenteil, nämlich Neuinfektionen nahe Null, verkünden, denn die international verflochtene Wirtschaft außerhalb der Provinz Hubei wäre davon erheblich betroffen. Nicht auszuschließen allerdings, dass es zu einer weiteren Welle kommt, wenn die Restriktionen gelockert werden. So schlimm wie das Chaos in Europa, das derzeit herrscht, wird sie nicht werden. Bemerkenswert übrigens: Die Letalität kann man ja bereits gut beurteilen, das sich kaum noch Verschiebungen ergeben: Sie liegt bei 4,5 Prozent, nicht etwa bei einem Prozent, wie bei uns immer wieder als allgemeingültig behauptet wird. Auffällig niedrig ist sie vor allem in Japan mit 0,5 Prozent.
  • In Spanien und Italien, den europäischen Hotspots, stabilisiert sich die Lage auf hohem Niveau, Spanien zeigt derzeit ca. 7.000 Neuinfektionen pro Tag, Italien zwischen 4.000 und 5.000 Doch immer noch sterben viele Menschen, in beiden Ländern regelmäßig mehr als 700 pro Tag. Die Zahlen in Frankreich steigen in letzter Zeit ebenfalls stark an, vor allem die Todeszahlen, in den letzten beiden Tagen jeweils ca. 500. In Frankreich gilt eine sehr strikte Ausgangssperre.
  • Wir haben hier alle Länder mit Fallzahlen über 10.000 abgebildet, Stand 02.04.2020, 00:15 Uhr:

 TH

#Corona 24

Im Rahmen der Auffächerung unserer Beiträge zur Corona-Krise in mehrere Rubriken ist „Lage“ der Fortsetzungsbeitrag zu #Corona 20 und beschreibt die Lageentwicklung vom 27. bis 30. März 2020 bzw. 31. März, 12 Uhr mittags.

  • Innerhalb von vier Tagen hat sich die Zahl der weltweit gemeldeten Infektionen von ca. 470.000 auf 781.000 erhöht, die Zahl der Todesfälle stieg von ca. 24.000 auf ca. 38.000 an, am 30. März wurde ein neuer Tages-Höchststand von 3.703 erreicht, das sind ca. 500 Todefälle mehr, als China, das Land der „ersten Phase“, insgesamt zu verzeichnen hat. Die Zahl der erkannten Neuerkrankungen stabilisierten sich in den letzten Tagen bei ca. 60.000 – der prozentuale Zuwachs ist also deutlich rückläufig.
Quelle aller Grafiken: Worldometer
  • Mittlerweile sind die USA das Land mit den höchsten Infektionszahlen (ca. 164.000), auch Italien hat China vor wenigen Tagen überholt (ca. 102.000 / ca. 82.000), Spanien liegt mit ca. 94.000 Fällen nur knapp dahinter (ca. 88.000, am 31.03. ca. 94.000).
  • Einerseits ist in einigen Ländern, in denen die Corona-Krise am dramatischsten ist, eine Abflachung der Erhöhung bei neuen Fallzahlen eingetreten, teilweise halten sich die gemeldeten Neuerkrankungen seit mehreren Tagen auf nahezu gleichem Niveau, andererseits sinken die Todesfallraten nicht, Italien und Spanien verzeichnen jeweils ca. 700 bis ca. 900 Todesfälle pro Tag.
  • In Deutschland ist die Lage auf hohem Niveau stabil, in den letzten beiden Tagen ging die Zahl der Neuerkrankungen deutlich zurück. Den Rückgang am Sonntag hielten wir noch für typisch für einen Wochenendtag, aber auch gestern gab es nur etwas mehr al 4.000 Neumeldungen, was für die weltweiten Zahlen gilt, trifft also verstärkt auf Deutschland zu – die Zahl der Neuinfektionen nimmt vor allem prozentual ab.
  • Nun steigt nun auch die Zahl der Todesfälle in Deutschland auf etwa 100 pro Tag, mit einem leichten Rückgang gestern, liegt allerdings noch weit hinter der anderer europäischer Länder ähnlicher Größenordnung zurück:
  • Die Bundesländer mit den höchsten Fallzahlen sind derzeit Nordrhein-Westfalen (ca. 15.000) und Bayern (ca. 14.800).
  • In Berlin waren am 30.03., Stand 18 Uhr, 2.581 Fälle gemeldet und 13 Todesfälle. Auffällig ist die Zahl der als genesen Ausgewiesenen (1.055), die in Relation zu den Gesamtfallzahlen weitaus höher liegt als im Bundesdurchschnitt. Diese Menschen und alle anderen, die bereits immun sind gegen Corona sind, könnten enorm wichtig für die Aufrechterhaltung des städtischen Lebens werden. So viele Menschen wie möglich auf Antikörper zu testen und die Genesenen gezielt anzufragen, wenn sie derzeit keine systemrelevanten Tätigkeiten ausüben und besonders dann, wenn ihre Arbeitsplätze ihnen derzeit nicht zur Verfügung stehen, ob sie etwas zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur beitragen möchten, ist sicher keine schlechte Idee.
  • Unser Wohnbezirk liegt mit 257 Fällen und einer Inzidenz von 731 Fällen pro eine Million Einwohner (umgerechnet auf die Weltzahlen, für Berlin weist der Senat die Fälle pro 100.000 Einwohner aus) auf jeweils mittlerem Niveau, hier die Zahlen für Berlin.

Ob die gegenwärtigen Zahlen darauf hindeuten, dass der Höhepunkt der Krise erreicht ist, können wir natürlich nicht sagen, es sieht in den „Hotspots“, den europäischen Ländern, derzeit so aus und wird auch nicht durch höhere Zahlen in anderen Weltgegenden „ausgeglichen“, denen man ein hohes Corona-Potenzial zurechnet (Südamerika, Afrika), wo die Zahlen aber derzeit eher langsam ansteigen.

Anmerkung

Wir wurden gefragt, warum wir die Zahlen der Plattform „Worldometer“ und nicht diejenigen der John-Hopkins-Universität verwenden, die häufig zitiert werden und in sytlischem Dunkelgrau-Hintergrund daherkommen. Der Grund ist einfach: Worldometer ist schneller. Die Zahlen liegen meist regelmäßig höher als bei der John-Hopkins-Universität – nicht, weil sie auf anderer Datengrundlage erstellt werden, sondern, weil die Implementierung offenbar ohne wesentliche Zeitverzögerung geschieht. Außerdem gibt Worldometer alle Quellen an, die verwendet werden, um die Zahlen zu generieren.

Hier ein Beispiel von gestern gegen Mittag, der Screenshot von Worldometer wurde einige Sekunden vor dem der entsprechenden Seite der John-Hopkins-Universität erstellt.

Außerdem werden die Daten umfangreicher für die Öffentlichkeit aufgearbeitet, unter anderem mit den Grafiken, die wir hier hin und wieder abbilden.

TH

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