Keiner schreit – Polizeiruf 110 Episode 293 #Crimetime 971 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Schmücke #Schneider #MDR #Halle #schreien

Crimetime 971 - Titelfoto © MDR

Tradition und Konzession

Sexueller Missbrauch, zumal von Kindern, ist wohl das schwierigste Thema, dem ein Krimi sich widmen kann und die Gefahr, dass die Darstellung nicht den Ton trifft oder sich bezüglich der politischen Aussage vergreift, ist groß. Mittlerweile ist das Sexualstrafrecht erheblich verschärft worden und es wird genauer hingeschaut und offener kommuniziert. Vielleicht habe daran nicht nur reale Fälle, sondern auch Polizeirufe einen gewissen Anteil, die sich bis heute immer wieder mit Sexualdelikten auseinandersetzen. Wie ist die Auseinandersetzung in „Keiner schreit“ gelungen? Es steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Auf einer Motocrossstrecke kommt es zu einem schweren Unfall. Der fünfzehnjährige Jonas Koch stürzt mit dem Motorrad seines Trainers Maik Raake und zieht sich eine Querschnittslähmung zu. Die Kriminaltechnische Untersuchung zeigt Manipulationen an der Cross-Maschine.

Die Kommissare Schmücke und Schneider vermuten einen Anschlag, der dem Jugendtrainer galt, denn niemand konnte wissen, dass der Junge ausnahmsweise mit diesem Motorrad fahren würde. Raake wiegelt jedoch ab und meint, dass er sich nicht vorstellen könne, wer ihm würde schaden wollen. Die Kommissare finden allerdings schnell einen Verdächtigen, denn nach Schneiders Recherche hat Raake eine kriminelle Vergangenheit und der Mittäter, Ingo Jessen, hat noch eine Rechnung mit Raake offen.

Ein weiterer Verdächtiger ist der ehrenamtliche Verwaltungschef der Chrossstrecke, Stefan Bachmeier. Schmücke und Schneider finden heraus, dass Raake ihn erpresst. Auf der Suche nach dem Grund, mit dem der Trainer Bachmeier in der Hand hat, stoßen die Ermittler auf ein ungutes Geheimnis. Auffälligkeiten im Verhalten von Bachmeiers Sohn Tim lassen auf einen Kindesmissbrauch schließen, doch es erweist sich als schwierig den Jungen zum Reden zu bringen. So wird eine richterliche Verfügung erlassen, um den Jungen zu untersuchen. Das Ergebnis bringt jedoch nicht den erhofften Erfolg, denn an Tim können keine Spuren eines sexuellen Missbrauchs festgestellt werden. So kommen die Ermittler dahinter, dass es sich dabei gar nicht um Tim Bachmeier handelt, sondern um seinen Schulkameraden Maurice Mertens, denn Bachmeier ist sein Klassenlehrer. Nachdem sie dafür stichhaltige Beweise haben und auch Raake wegen der Erpressung belangen können, nehmen sie Stefan Bachmeier fest, der am Ende die Manipulation des Motorrads zugibt.

Rezension

Die Reihe Polzizeiruf 110 begann viel früher und konsequenter als der westdeutsche Tatort, sich mit den Sexualdelikten auseinanderzusetzen und brachte es dabei schon während der DDR-Zeit zu einer beachtlichen Reife. Darauf wird bis heute aufgebaut, auch wenn es nicht mehr so ist, dass ein genereller Vorsprung erhalten geblieben ist. Oder doch? Jedenfalls gehen die Polizeirufe oft sehr dicht an Täter und Opfer heran und wirken nicht so kolportagehaft, wie man das in manchen Tatorten immer noch sieht. Natürlich mussten auch Schmücke und Schneider, die beliebtesten Polizeiruf-Ermittler der Nach-Wendezeit einen Krimi bekommen, der sich mit der sexuellen Misshandlung von Kindern befasst. Wir sind ein bisschen zwiespältig, dieses Werk betreffend.

Einerseits ist der Film noch vor der versuchten Renaissance der beiden im Jahr 2008 schon recht betagt wirkenden Ermittler angesetzt, also vor der Endphase, in der man ihnen mit Nora Winkler eine junge Kollegin zur Seite gestellt und auch am Schema der Filme einiges verändert hat. Der Traditionalismus in „Keiner schreit“ wirkt sich zum Beispiel so aus, dass der Film als typischer Whodunit konzipiert ist. Das verunmöglicht es beispielsweise, dass man den Täter von Beginn an ausleuchten kann, der eine recht interessante Figur ist. Klischess inbegriffen. Ein Lehrer, der dazu  noch im Jugensport tätig ist, oh, oh. Tatsächlich werden aus dem Sportbereich immer wieder Missbrauchsvorwürfe laut, besonders von Frauen gegenüber männlichen Trainern. Ziemlich langsam ist der Film ebenfalls und etwas vorhersehbar – bis auf den wirklichen Schluss. Wir hätten gedacht, dass es darauf hinausläuft, dass der Lehrer seinen Sohn missbraucht, das wird ja auch sehr geschickt aufgebaut. Durch das Verhalten des Jungen einerseits, durch die sehr körperliche Art des Pädagogen, mit seinem Sohn umzugehen, andererseits. Da ist so ein Touch drin, der leider schwierig zu bewerten ist. Sollen Eltern nun ihren Kindern gegenüber zärtlich sein oder sich so distanziet verhalten, dass aber auch ja nicht ansatzweise der Verdacht eines Übergriffs aufkommen kann – und damit die typische deutsche Erziehung fortführen, die wir überwinden müssen, um emotional kapable Persönlichkeiten entstehen zu lassen.

Im Sport ist ohnehin das Leistungsprinzip vorherrschend, es zählen mehr oder weniger die gleichen Kritierien wie in der Schule und es kommt viel auf die Trainer*innenpersönlichkeiten an, ob trotzdem der Spaß und das Gefühl, angenommen zu sein, erhalten bleiben. Deswegen ist dieses Szenario des Motocross-Fahrens mit dem Thrill und der Faszination, die es für Jugendliche hat, recht gut gewählt, auch wenn es nicht so ausgespielt wird, dass das, was geschieht, eine spezifische Note erhält. Es kann ja auch überall passieren. Bei manchen Spotarten ist es sogar wesentlich schwierigr, sexuelle Untertöne auzufiltern oder nicht zuzulassen, dass sie zu Übergriffen führen.

Schmücke und Schneider meistern ihren Job überwiegend souverän – nicht so überaus wohlgelaunt oder launig wie sonst manchmal, ganz raus sind die üblichen Frotzeleien aber auch nicht (warmes Bier, die Bowlingbahn). Aber vor allem Schmücke wirkt auch sehr betroffen von dem, was er herausfindet und das nimmt man ihm ab. Die Kinderseelen werden gut ausgeleuchtet, das Bedrückende an der Situation des Jungen, den es betrifft und des Jungen, der Bescheid weiß, kommt gut heraus und die es wirkt alles recht stimmig, auch das Setting der Eltern, der Umgebung. Ein ganz normaler Klüngel, dann ein Unfall, die Blackbox wird von der Polizei geöffnet. Die Inszenierung des Unfalls selbst ist mittelmäßig – weil es viel zu unsicher ist, dass der Trainer Raake an der Manipulation seines Motorrads bzw. den Folgen eines dadurch herbeigeführten Unfalls sterben wird. Vielmehr wird ein Unschuldiger so schwer verletzt, dass er eine Querschnittslähmug davonträgt.

Die guten Geister weichen, als Schmücke und Schneider, schön einer nach dem anderen, den Trainer Raake fertigmacht. Tut uns sehr leid, aber, was er sagt, ist zwar keine Entschuldigung für sein Verhalten, aber die einzige schlüssige Erklärung, die jenseits der rücksichtslosen Neigung zum Verbrechen liegt: Weil er als Kind ständig zurückgesetzt wird (der Uneheliche) und sich nicht behaupten konnte, wid er hinterlistig und verlogen und hat kein Gefühl dafür, was er anrichtet, indem er den Missbrauch seines Freundes, des Lehrers, nicht anzeigt, sondern als Tatbestand verwendet, um diesen zu erpressen und damit sein eigenes Familienglück auf eine Weise zu fördern, die nicht funktionieren kann. Das ist bezüglich der Familienaufstellung ein tragischer Fall, aber am Ende lässt der MDR wieder die Befriedigung der, wie wir wissen, gerne mal nach rechts tendierenden Volksseele frei, indem Schmücke und Schneider die moralische Keule auspacken dürfen. Dabei geht es weniger um Mitfühlen mit den Kindern als um eine scheinmoralische Kopf-Ab-Mentalität. Vielleicht war es vorher nicht eindeutig genug: Unrecht ist Unrecht, durch den Verlust seiner gerade erst in Gründung befindlichen Familie, des Hauses etc. ist Raake aber genug gestraft. Weil er das weiß, kickt er das Bäumchen um, das er kurz zuvor mit Hilfe von Kommissar Winkler gepflanzt hat.

Was uns daran stört: Dass diejenigen, die sich über solche Vorgänge am meisten entrüsten, meist auch diejengien sind, die selbs nicht allzu viel Empathie zeigen können. Die Blitzableiterfunktion von Charakteren sollte bei Filmen über sexuellen Missbrauch so gut wie möglich vermieden werden. Das Geschehen als solches ist schlimm genug und zieht Strafe oder Maßregelvollzug nach sich. Es gibt ja auch Krimis, in denen man gerne auf die Seite der Täter gezogen wird, besonders bei Vermögensdelikten, die von skurrilen Typen begangen werden, das wird bei einem  Film über sexuellen Missbrauch sowieso nicht stattfinden.

Finale

Trotz dieses plötzlichen moralischen Übersteigers der beiden Kommissare ist der Film überwiegend gelungen und schafft es auch, den einen oder anderen  Hintergrund zu beleuchten. Gerade weil die Familie Merten so in den Blick gerückt wird, fällt allerdings auf, dass Herr Bachmeier überhaupt nicht in den Blick genommen wird. Zumindest nicht bezüglich biografischer Gründe für sein Verhalten. Man konzentriert sich also eher darauf, wie es geschehen konnte, dass der Missbrauch so lange unentdeckt blieb. Ein Elternhaus, in dem man sich mehr ums Geschäft als um die Ursachen für das veränderte Verhalten des Sohnes Maurice kümmert, spielt dabei natürlich auch eine Rolle. Man hat es nicht gemerkt, dass etwas schiefläuft – und in der Schule auch nicht, in welcher Herr Bachmeier ein geschätztes Glied des Lehrkörpers ist. Was wir sehen, wirkt insgesamt nicht so unrealistisch und erklärt, warum Missbrauch (und Misshandlung) unter dem Radar hindurch stattfinden können, obwohl mittlerweile eine größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit vorhanden ist.

7,5/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Wikipedia

Regie Jürgen Brauer
Drehbuch Annette Hess,
Alexander Pfeuffer
Produktion Oliver Vogel
Musik Paul Vincent,
Oliver Gunia
Kamera Peter Ziesche
Schnitt Haike Brauer
Besetzung

 

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