Trimmel und der Tulpendieb – Tatort 67 #Crimetime 978 #Tatort #Hamburg #Trimmel #NDR #Tulpen #Dieb

Crimetime 978 - Titelfoto © NDR

Man klaut nicht aus dem Garten der Königin

Denn dies kann zur Entlassung aus der Armee führen und dazu, dass ein begnadeter Pilot zunächst Söldner, dann Bankräuber wird. So hat die Hamburger Landeszentralbank ein Problem, weil die niederländische Königin Beatrix sich das Betreten ihrer Rabatten verbittet. Kausalketten wirken manchmal total verrückt und doch gibt es sie. Gilt das auch für den 67. Tatort? Darüber ist mehr zu lesen in der -> Rezension.

Handlung

In Hamburg wird ein Geldtransport überfallen. Von den Tätern fehlt jede Spur. Ein Komplize sagt aus, daß man sich in „REM“ treffen wolle. Das kann Remscheid, Remagen oder auch ein Ort in Afrika sein. Tatsächlich handelt es sich um die holländische REM-Insel, früherer Fernsehsender „Radio TV Nordsee“ und jetzt Meßstation. Von hier aus wollen sich die Täter per Boot nach England abholen lassen. Doch überraschend bekommen sie Besuch von einem Paar, das sich die REM-Insel ansehen will. Als plötzlich die Polizei eintrifft, benutzen die Gangster die Insel-Besucher als ihre Geiseln. Dennoch gelingt es Kommissar Trimmel, in Zusammenarbeit mit der holländischen Polizei den Fall zu lösen.

Rezension

Für manche der frühen NDR-Tatorte mit Paul Trimmel als Ermittler kann ich mich ziemlich begeistern, trotz der Ermittlerfigur, die damals schon antiquiert gewirkt haben dürfte. Die Filme waren innovativ, intensiv und man hatte sich eine Menge (zu-) getraut. Anhand des Abschiedstatorts von Jan Casstorff aus dem Jahr 2008 („Und Tschüss“) habe ich dann die Geschichte der Hamburg-Schiene ein wenig aufgerollt und die Rezension von „Exklusiv!“ aus dem Jahr 1971 beigestellt.

Aber nicht alle Trimmel-Tatorte sind herausragend und es fällt, wenn man sich die Bewertungen der Nutzer von „Tatort-Fundus“ anschaut, dass die Bewertungen zum Ende von Trimmels Karriere hin schwächer werden – bis auf „Trimmel hält ein Plädoyer“, den ich noch nicht gesehen habe. Die alten Trimmel-Episoden ziehe ich derzeit aus der ARD-Mediathek und gehe dort chronologisch vor. Auffällig wird dadurch auch, dass die Trimmel-Filme mit der Zeit kürzer geworden sind. Die ersten hatten nach heutigen Maßstäben Überlänge (mehr als 90 Minuten Spielzeit), „Trimmel und der Tulpendieb“ hingegen nur noch eine Spielzeit von 79 Minuten.

Das Bemühen, etwas Besonderes zu machen, ist aber auch bei „Trimmel und der Tulpendieb“ erkennbar, während man die Kiel-Tatorte mit Kommissar Finke mit weniger Aufwand gedreht hat – aber nicht weniger effektvoll, wie sich daran erweist, dass Finke nach der Meinung der Fundus-Nutzer bis heute die besten Fälle lösen durfte.

Die ehemalige Piratensender-Insel, die ich zunächst für eine kleine, stillgelegte Bohrinsel hielt, ist ganz gewiss ein origineller Schauplatz und die starke Einbindung der niederländischen Polizei hat etwas herrlich Zeitdokumentarisches. Besonderes Highlight: Die Nachrichten, die man mit hören kann. Die Niederlande hatten gerade das übernommen, was man heute EU-Ratspräsidentschaft nennt und der Regierungschef warnt die Mitglieder der damaligen EG vor nationalen Alleingängen, denn so ließen sich die großen Probleme der Zeit (gemeint ist wohl vor allem die Ölkrise von 1974 mit ihren wirtschaftlichen Folgen) nicht lösen. Noch Fragen dazu, ob alles schon mal dagewesen ist, was uns heute beschäftigt?

Freilich waren die Disparitäten in jener Zeit wohl weit geringer als in der auf 28, jetzt 27 Staaten aufgeblasenen EU von heute und das, was man als „Ausbüchsen“ empfand, sicher nicht so bestandsgefährdend wie das derzeitige Ausfransen an allen Ecken und Enden. Jedenfalls wirkt die deutsch-niederländische Kooperation recht flüssig, nicht nur, weil sie auf dem Wasser stattfindet. Der WDR hat diesen grenzüberschreitenden Ansatz in den 1980ern mit einigen Schimanski-Filmen fortgeführt, inklusive einem Holländer namens Hänschen bei der Duisburger Mordkommission.

Trimmel hingegen tritt in diesem Film sehr zurück. Er kommt erst recht spät zu Einsatz und teilt sich dann die Spielzeit der guten Seite mit den niederländischen Kollegen. Die andere Seite ist aber auch wesentlich interessanter gestaltet. Die Partners in Crime verstehen sich untereinander überhaupt nicht und man merkt: Gemeinsam als Söldner dienen reicht nicht aus, um später auch gemeinsame Sache bei einem Millionenraub zu machen. Es ist vollkommen unsinnig, wie jeder der drei sich verhält und das macht den Film leider zu einer – genau – Räuberpistole auf Trash-Niveau, wie einige Fans beim „Fundus“ richtig anmerken. Die Frage ist, welche Konsequenz man daraus für die Bewertung zieht, denn einerseits ist es toll, zu sehen, wie man sich in jenen Jahren stets etwas Neues einfallen ließ, andererseits kann ich bereits resümieren, dass auch Peter Schulze-Rohr und Friedhelm Werremeier, von denen alle Trimmel-Tatorte stammen, die ich bisher gesehen habe, ihre schwachen Stunden hatten, vor allem beim Verfassen von Drehbüchern.

Ich kann mir aber etwa vorstellen, wo das Problem lag. Der Hauptschauplatz sollte die REM-Insel sein, aber Autor Werremeier war es nicht gewohnt, mit so wenigen Personen und so an einem Ort konzentriert eine logische und spannende Handlung zu entwerfen. Mit „Der Richter in Weiß“ ist ihm zwar das konzentrierte Setting in der Psychiatrie gelungen, aber es waren mehr Charaktere involviert, die außerdem herausragend gespielt wurden und hochklassige Dialoge tragen konnten.

Das geht bei den eher rudimentären Typen, die wir in „Tulpendieb“ sehen, nicht so gut, also hatte man die Idee, eine Störung durch ein Pärchen zu inszenieren, das die künstliche Insel zufällig genau zu dem Zeitpunkt entert, zu dem es sich die beiden Räuber dort gemütlich gemacht haben. Der Satz „So, hier kommt nie jemand her?“ musst dann quasi sein und weist darauf hin, dass dieses Versteck, das auch eine Falle ist, ein höchst zweifelhafter Ort ist. Jedes Bahnhofsschließfach wäre für die Geldtasche geeigneter gewesen. Außerdem, wie wollen die Räuber von der Insel herunterkommen, wenn sie ihre Boote versenken / die Luft rauslassen (damit die Boote nicht entdeckt werden, wie anzunehmen ist)? Von einer weiteren Person, die per Hubschrauber  landen und die beiden aufnehmen soll, ist nicht die Rede. Selbst die Trennung vor der deutsch-niederländischen Grenze wirkt nicht zwingend und wird zudem sehr auffällig inszeniert, weil der große Opel immer wieder anhält und die nachfolgenden Autos ein Hupkonzert veranstalten, das auch die Grenzer hätten hören und als auffällig wahrnehmen müssen.

Man kann das seltsame Verhalten von Menschen durchaus plausibel darstellen, aber dazu ist dieses Mal zu wenig Zeit. Ganz sicher ist die Situation der beiden explosiven Charaktere auf der Insel dazu geeignet, den Film in einen Psychothriller münden zu lassen, aber dafür hätte man sich mehr Gedanken um den Verlauf bis zum Schießen des einen auf den anderen machen müssen. Es ist übrigens interessant, dass der Holländer von den drei Komplizen am sympathischsten gezeigt wird und besonnener reagiert als die anderen – und erst in Notwehr bereit ist, von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.

Ohne, dass es erwähnt wird, kommt dadurch zutage, wer wohl beim Überfall auf den Geldtransport einen der Fahrer getötet hat: Es war der Deutsche namens Rostock (manchmal „Roschtock“ gesprochen). Dass es der Fahrer der drei nicht war, wird anfangs schon erwähnt. Das ist eigentlich sehr subtil, weil man es sich über die Persönlichkeiten erschließen kann. Der Niederländer ist ein Abenteurer, eine Spielernatur, muss einen adäquaten Job finden, nach seiner Entlassung aus der königlich-niederländischen Armee, aber ist kein Mördertyp – während der Deutsche wohl auch deshalb bei den Söldnern gelandet ist, weil er gerne herumballert, und die Nerven verliert er auch schneller. Aber auch der Dritte, der Fahrer, ebenfalls Deutscher, schießt plötzlich auf eine komplett unvorhersehbare Weise los. Die Nationaltypen sind gar nicht so schlecht gezeichnet und  nicht ganz gewiss nicht diskriminierend gestaltet, unsere Nachbarn im Nordwesten betreffend. Da schwingt eher etwas wie Bewunderung mit.

Finale

Sehr schade, dass die Handlung dieses Mal schlecht durchdacht ist und dadurch die Figurenpsychologie wenig überzeugend wirkt. Man sollte vielleicht nicht von einer frühen Tatortkrise sprechen, aber gegenüber den ersten Filmen aus Hamburg, die mit so viel Verve inszeniert wurden, hat die Dynamik deutlich nachgelassen, allem Bemühen zum Trotz, immer etwas zu zeigen, was das Publikum so noch nicht gesehen hat. Auch „Trimmel und der Tulpendieb“ ist bei Weitem nicht das, was man heute manchmal, etwas ermüdet von über 40 neuen Tatorten und Polizeirufen pro Jahr (in den 1970ern gab es nur ca. eine Tatort-Premiere pro Monat), als Standardfall bezeichnet. Aber es gibt auch Standardmuster, die gut gefilmt sind und Ungewöhnliches, das nicht so gelungen wirkt.

5,5/10

© 201 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Piet Brügge – Brian O’Shaughnessy
Helmut Rostock – Rudolf Brand
Erich Riesmann – Peter Wagenbreth
Joop de Vrost – Cees Heyne
Lisse van Eick – Gaby Fuchs
Oswald van Eick – Günter König
Erster holländischer Polizeioffizier – Pieter Lutz
Zweiter holländischer Polizeioffizier – René Frank
Küstenwachbootkommandant – Pieter Groenier
Holländischer Luftwaffenmajor – Siem Vroom
Leutnant Loosberg – Walter Kous
Sergeant Bork – John Leddy
Kriminalkommissar Trimmel – Walter Richter
Kriminalobermeister Laumen – Joachim Richert

Regie – Peter Schulze-Rohr
S/B – Mathias Matthies
Kamera – Rainer Schäffer
Produktionsleitung – Karl-Heinz Knippenberg
Kostüme – Bernd Kloth
Autor – Friedhelm Werremeier
Autor – Peter Schulze-Rohr

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