#Corona 49: Nachlese – Boris Palmers „menschenverachtender Scheiß“ (@pseudonymphe), #Palmer #Altersrassismus #Sterbenlassen #Uebersterblichkeit #Reproduktionszahl #CoronaLage #Maskenpflicht #Mundschutzpflicht #Lockerung #Schuloeffnung #COVID19 #COVID2019 #COVID19de #COVIDー19 #Coronavirus #CoronavirusDE #Coronakrise #coronavirusdeutschland #Covid_19

In Corona #46 (hier und untenstehend) hatten wir uns zur „Causa Palmer“ geäußert. Eher distanziert und auf die Linie zu anderen Politikern und weite Teile der Wirtschaft verwiesen. Natürlich haben wir auch den Bogen zu den Frontstellungen gezogen, die durch Corona nicht verschwinden, sondern die sich, nach allem, was wir derzeit beobachten, eher weiter verschärfen werden. Denn auch diese Krise wird wieder Gewinner und Verlierer sehen und der Verdacht, dass die Gewinner die üblichen Verdächtigen sein werden, erhärtet sich.

Aber nicht alle sind so offen altersrassistisch, wie sich Boris Palmer zuletzt gezeigt hat. Seine in #46 behandelten Aussagen hat er am Tag darauf bei Markus Lanz quasi bestätigt und es gab wieder viel Auftrieb in den sozialen Netzwerken.

In jenen Netzwerken wird, das haben wir gerade anlässlich des 1. Mai wieder gesehen, so Gruseliges geschrieben, dass sich alle Kulturpessimisten bestätigt sehen werden, die sagen: Corona bringt per Saldo mehr vom Schlechtesten als vom Besten zum Vorschein. Es gibt aber auch Perlen und wir haben ja versprochen, hin und wieder solche Perlen zu zeigen. In diesem Fall ist es eine Replik auf die Aussagen von Boris Palmer, die aus einer persönlichen Sicht geschrieben ist, aber die Seelenlage vieler Menschen getroffen hat – auch unsere.

Der Thread, den Jessica Wagener am 28. April geschrieben hat:
Wenn ich so menschenverachtenden Scheiß wie von einem Herrn Palmer lese, packt mich die Wut. Und jetzt lasse ich sie halt mal raus. (Thread).

Ich habe mich bis zu ihrem Tod um meine Großeltern gekümmert. Omi war schwer herzkrank, Opi hatte Parkinson und Demenz. Sie haben zum Schluss in einem Pflegeheim gelebt. Und sie wären heute die Menschen, die „sowieso bald sterben.“

Auch, wenn es aus verschiedenen Gründen oft schwer und schmerzhaft war – es gab auch viel Liebe und Lebensfreude. Omi hat mich in Berlin besucht und wir haben uns ein Wochenende hart gegönnt, daran hat sie sich auf dem Sterbebett Monate später mit Glück im Herzen erinnert.

Opi und ich haben etliche Runden Mensch-Ärgere-Dich-Nicht gezockt und viel gelacht; ich war mit ihm beim Imbiss und wir haben lecker Brathähnchen und Pommes geteilt. So viel unendlich tiefe Liebe zwischen Menschen, das können sich die Palmers dieser Welt gar nicht vorstellen.

Wir haben täglich telefoniert, alles miteinander bequatscht. Sie waren alt und krank, aber sie waren meine Familie, meine besten Freunde. Jede gemeinsame Minute war kostbar, ihr Tod war ganz, ganz schlimm für mich.

Und dann maßen sich so berechnende, lebensfremde Dudes an zu sagen, die wären ja eh bald tot, was soll’s, scheiß auf die Alten. ES KOTZT MICH SO AN. Als wären alte Menschen einfach nicht mehr funktionierender Schrott, den der Kapitalismus am falschen Ende ausgeschissen hat!

Diese widerwärtige Gesellschaft mit ihrem toxischen und tödlichen Fokus auf Profit und Optimierung. Von Alten und Kranken wollen wir nichts wissen, die stören die Ordnung, die machen sich nicht gut in der Excel-Tabelle. Lasst sie halt sterben, ist billiger. HALTET DIE FRESSE.

Dabei werden wir alle mal alt und schwach und hilfebedürftig. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass eine Gesellschaft, zur der wir jahrzehntelang beigetragen haben, uns am Ende auffängt und unterstützt, verdammte Axt.

Wer entscheidet denn, wann ein Leben lebenswert ist und nach welchen Kriterien? Und was, wenn sich diese Kriterien plötzlich ändern? Wenn dann das Leben anderer Menschen als der Alten weniger wichtig und wertvoll ist? Da kommen wir ganz schnell in brandgefährliches Terrain.

„Aha. Sie sind also krank. Puh, ja. Das wird teuer. Und da Sie wahrscheinlich eh nicht mehr ewig haben und auch nicht mehr allzu produktiv sein werden, lassen wir Sie lieber sterben.“ NEIN. EINFACH NEIN. Ein Menschenleben ist ein Menschenleben, ganz egal, wie alt der Mensch ist.

Oh, und gleichzeitig womöglich noch um jedes ungeborene Leben „kämpfen“ wollen und damit Frauen die Selbstbestimmung über ihren Körper absprechen. ES KOTZT MICH SO AN.

Irgendwann wird auch Herr Palmer vielleicht eine Schutzhose brauchen. Und jemanden, der ihm das Essen anreicht, ihn wäscht und für ihn da ist, wenn er Angst hat. Und ihn nicht an einem Virus sterben lässt, weil er ja eh nicht mehr lange leben würde.

Da kann er sich jetzt auch 1000 Mal entschuldigen. Und das kann auch alles zu seinem politischen Kalkül gehören und zu seiner Kommunikationsstrategie. Aber so was sagt man einfach nicht – auch nicht, um sich durch Provokation zu profilieren. Trauriger Tropf.

Für mehr Empathie, Mitgefühl und gesunden Menschenverstand. Besonders in Zeiten wie diesen. Besonders in der Politik. Und auch besonders im Gedenken an Omi und Opi. ❤ (Thread-Ende)

Oh, vielen Dank fürs Zuhören und Teilen. Mir liegt das Thema halt sehr am Herzen und es geht mir immer noch sehr nah. Wer wissen möchte, warum – ich habe ein Buch über die Pflege meiner Großeltern geschrieben: amzn.to/2HGMcI0 #hegestufe

Hier in meiner Insta-Story hab ich den Rant nochmal persönlich rausgelassen: instagram.com/stories/scarle…

*ENDE Thread*

Zumindest uns geht es nicht darum, dass keine Diskussion darüber erlaubt sein darf, ob und in welcher Form Lockerungen der Corona-Bekämpfungsmaßnahmen möglich sind, sondern um die vielen Angriffe gegen ältere Menschen – sie laufen meist verdeckt, haben nun aber dazu geführt, dass einer aus der Fraktion der neoliberalen Grünen sich berufen fühlte, ganz deutlich zu werden. Wenn wir zulassen, dass sich diese Tendenz fortsetzt, werden wir den größten zivilisatorischen Zusammenbruch seit dem NS-Regime erleben – denn es geht ja nicht nur gegen Senior*innen, sondern es geht darum, dass Diskriminierungen aller Art in der politischen Auseinandersetzung weiter an Boden gewinnen. So fällt ein Tabu nach dem anderen, werden immer weitere Grenzen der Brutalisierung (Orginalsprache Palmer: „Ich sage es mal ganz brutal“) überschritten und bald haben wir wieder eine Situation, in der bestimmte Kreise ohne jede Scheu und ohne, dass sich Widerstand rührt, über lebenswertes (wirtschaftlich verwertbares) und lebensunwertes Leben philosophieren dürfen.

Ein kleiner persönlicher Gedenkmoment an dieser Stelle. Gewidmet meinen Opa, den ich sehr geliebt habe und immer noch liebe. Er hat mich gelehrt, über die eigenen Interessen hinauszudenken und soziale Gerechtigkeit wertzuschätzen – der liebe, alte Sozi. Er verstarb nach 88 aufregenden und erfüllten Jahren, ohne Pflegefall geworden zu sein. Doch allein die menschenwürdig ausgestaltete Beamtenpension, die er für eine recht lange Zeit und mit jedem Recht des ehrlichen Erwerbs in verantwortungsvoller Position in Anspruch nehmen konnte, würden ihm heute viele Altersrassisten aufs Schärfste missgönnen. 


TH

In einer Art Substruktur zu „Ethik / Corona / Recht“ werden wir einen Fortsetzungsbeitrag kreieren müssen, in dem Statements öffentlicher Personen in einer Timeline erscheinen. Damit nicht alles vergessen wird, was z. B. einige Politiker*innen äußern. Zum Beispiel nicht, was der Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer (Grüne) heute Morgen im Sat.1-Frühstücksfernsehen gesagt hat.

„Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“ Das ist der Satz der im Moment viral geht und den wir aus keinem bestimmten Medium zitieren müssen, weil er in den Sozialen Netzwerken hundertfach nachzulesen ist. „Wenn Sie die Todeszahlen durch Corona anschauen, dann ist es bei vielen so, dass viele Menschen über 80 sterben – und wir wissen, über 80 sterben die meisten irgendwann“, heißt es von Palmer weiter.

„Der Armutsschock, der aus der weltweiten Zerstörung der Wirtschaft entstehe, bringe nach Einschätzung der Vereinten Nationen hingegen Millionen Kinder ums Leben“, ist der dritte wichtige Teil des Statements.

Der Tübinger Oberbürgermeister ist zweifellos einer der bekanntesten Lokalpolitiker in Deutschland, denn seine Anmerkungen zur Corona-Krise sind nicht die ersten, die bundesweit für Schlagzeilen sorgen. Wir zeichnen hier aber nicht alle seine Ansichten nach, in der Wikipedia steht eine Menge über ihn, sondern konzentrieren uns auf das, was heute gelaufen ist.

Nachdem sich nun viele über Palmer aufgeregt haben, auch wir, wollen wir einigermaßen ruhig über seine Aussagen nachdenken.

Das erste, was auffällt, ist eine Suggestion, die derzeit keinerlei Basis in der Wirklichkeit hat: Wenn wir in Deutschland weiterhin versuchen, jeden zu retten, der von Corona betroffen ist, unabhängig vom Alter und sozialen Status, sterben irgendwo auf der Welt Millionen von Kindern. Uns ist Palmer bisher nicht als jemand aufgefallen, der sich besonders um die Hungernden sorgt, aber dass die Corona-Handhabe in Deutschland und anderen Industrieländern den Spielraum für Hilfen in anderen Teilen der Welt einengt oder ohnehin arme Staaten noch ärmer macht, und nur so ergibt das Argument von Palmer überhaupt einen Sinn, stimmt nicht. Selbstverständlich gehen derzeit überall die Einnahmen zurück, für ärmere Länder trifft das vor allem auf jene aus dem Tourismus zu. Aber es gibt genügend weltweite Hilfsmechanismen, die eine Hungerkrise wegen Corona verhindern können, die über die ohnehin vorhandene hinausgeht. Und nur darum geht es: Zusätzliche Tote zu verhindern. Alles, was bisher von den reichen Ländern zugelassen wurde, kann nicht der Vergleichsmaßstab sein – wobei es in der Tat wünschenswert wäre, dass mehr auf die Belange des globalen Südens geachtet wird. Diese Forderung ist aber nicht neu. Jedoch existiert keine Kausalität zwischen lebenserhaltenden medizinischen Maßnahmen einerseits, Freiheitseinschränkungen in Deutschland zwecks Infektionsschutz und der Zahl der Hungertoten in der Welt.

Bei Boris Palmer sind nicht nur die Inhalte, sondern ist auch auch die Spache ein Problem: „Ich sage ihnen ganz brutal“ klingt genau nach dem, was es ist: brutal. Und diese Sprachwahl strahlt auch auf die vorgebliche Sorge um hungernde Kinder aus. Effekt: Man glaubt den humanitären Ansatz nicht.

Es ist nicht besser, wenn andere Politiker, vor allem aus der FDP und Teilen der Union, etwas mehr verklausuliert das Gleiche sagen: Wirtschaft vor Lebensrettung. Lindner tut es, Kubicki tut es, Schäuble hat kürzlich kaum etwas anderes gesagt als Palmer. Der Diskurs richtet sich an Aussagen aus, die besonders markant sind und Tabus sind durch solche Aussagen besonders starken Angriffen ausgesetzt. Wie zum Beispiel das Tabu der Aufrechnung von Leben gegen Leben. Von Leben, das mehr wert ist gegen weniger wertvolles, hier länderübergreifend: Kinder gegen Menschen, die sowieso bald das Zeitliche gesegnet hätten.

Die zweite unzulässige Behauptung von Palmer ist die Annahme, dass alle Menschen ab einem gewissen Alter, die Vorerkrankungen haben, ohnehin bald gestorben wären. Das ist eine riesige Anmaßung, zumal Boris Palmer bestimmt nicht in der Lage ist, festzustellen, wer denn ohne Corona ohnehin bald gestorben wäre. Das, was er generell impliziert, stimmt ohnehin nicht: Wer es bis zum 80. Geburstag geschafft hat, unter den Lebenden zu weilen, wird dies im Durchschnitt noch 8 bis 10 weitere Jahre lang tun, Frauen weiterhin etwas länger als Männer, obwohl der Unterschied nicht mehr so groß ist wie noch vor wenigen Jahrzehnten, als z. B. die harten, oft gesundheitsschädlichen Jobs von Männern eine große Rolle bei deren früherem Versterben spielten.

Ethisch betrachtet ist der grassierende Altersrassismus in diesem Land ohnehin eines der am stärksten wachsenden Probleme und wir kennen auch Linke, die davon, vorsichtig ausgedrückt, nicht frei sind und entweder nicht merken, wie sie damit den Neoliberalen in die Hände spielen, oder es wohl wissen, aber Identitätspolitik auf die Spitze treiben wollen, u. a. um eine Nische für ihre Karriere-Ambitionen bei einem hedonistisch-egoistischen jungen Zielpublikum zu finden. Sollten wir Politiker*innen von DIE LINKE bei Aussgen beobachten, die in die Richtung gehen wie dem von Palmer, auch wenn sie nicht so deutlich ausfallen, werden wir schärfer reagieren als in diesem Kommentar, denn bei ihm kommt sowas nicht komplett überraschend. Dass er in seiner Heimat so beliebt ist, sagt zumindest, dass sein Gedankengut auch von Grüne-Anhängern geteilt wird. In Tübingen erzielte er bei der Wahl zum OB im Jahr 2014 fast 62 Prozent der Stimmen im ersten und damit einzigen Wahlgang und schon damals tat er sich mit polarisierenden Aussagen hervor.

Aus Wirtschaftskreisen wird ohnehin stark angezweifelt, dass der Schutz des Lebens prioritär ist gegenüber anderen Erwägungen. In dieses Horn bläst auch Boris Palmer. Aber bisher war von den anderen, die so tendieren, auch den oben Genannten, unseres Wissens niemand so in der Tat brutal, hungernde Kinder in anderen Teilen der Welt gegen die Rettung älterer Menschen in Deutschland zu stellen. Darauf muss man erst einmal kommen. Das Mindeste, was wir von Palmer erwarten, ist eine Entschuldigung und nehmen dafür die grüne Bundesspitze in die Verantwortung, die ihn dazu bewegen muss, denn von selbst wird er nicht einsehen, welchen Schaden er mit solchen Aussagen anrichtet.

Wir wollen hier auch nicht Verfassungskunde betreiben, denn wir haben uns in mehreren Artikeln bereits anhand der Aussagen von Fachleuten mit den verfassungsrechtlichen Implikationen der corona-bedingten Einschränkungen auseinandergesetzt. Vielfach war dabei zu beobachten, dass Argumente durchaus doppelbödig waren und eine bestimmte Form von Freiheit, die wirtschaftliche Freiheit, gerne unauffällig in die allgemeinere Handlungsfreiheit integriert wird, die doch jeder von uns gerne haben möchte – und auf diese Weise als Rammbock gegen die Solidarität eingesetzt.

Solidarität in der Corona-Krise kann man aber wohl nur üben, wenn man immer schon solidarisch gedacht hat. Ein Umdenken jener, die das bisher schon nicht hinbekamen, ist bisher nicht sehr häufig zu beobachten. Dafür immerhin ist Boris Palmer in Bezug auf seinen fortgesetzen Hang zum Spalten ein gutes Beispiel.

TH

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