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Lage Corona #65 vom 30.05.2020 21:00 CEST

Wir haben keine guten Nachrichten von der Pandemie-Front. Erstmals ist gestern die Zahl der weltweiten Neuinfektionen auf über 125.000 gestiegen, am Vortag wurde weltweit die Zahl von 6 Millionen Infizierten überschritten.

In Europa beruhigt sich die Lage, auch wenn immer noch täglich viel zu viele Menschen an den Folgen einer Infektion mit COVID19 sterben. In den USA hingegen sinken die Fallzahlen sehr langsam, immer wieder wird die wichtige Marke von 25.000 neuen Fällen pro Tag überschritten.

Zusätzlich ist das Land wegen des anhaltenden Rassismus in Unruhe, es handelt sich dieses Mal um den von der Polizei begangenen Mord an George Floyd in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota. Auch bei uns in Berlin und in Städten überall auf der Welt wird wegen dieser Tat demonstriert – und man versucht möglicherweise auch, sich damit möglicherweise auch von der schweren Last zu befreien, die Corona auf uns alle gelegt hat. Man kehrt zurück zu einer Normalität, die nicht besser geworden ist, aber die man immerhin kennt. Wir hoffen inständig, dass die vielen Versammlungen der letzten Tage nicht zu neuen Corona-Ausbrüchen führen. Allerdings stieg die Zahl der Neuinfektionen nach den verschiedenen Lockerungsmaßnahmen der letzten Woche nicht signifikant an und wird heute in Deutschland vermutlich unter 300 liegen.

Zahlen vom 28.05.2020

Anders leider in anderen Teilen der Welt. Die USA haben wir erwähnt, aber es hat sich insgesamt in den vergangenen Wochen eine signifikante Veränderung ergeben.

Unter den zehn Ländern mit der größten Zahl an Neuinfektionen ist kein einziges europäisches mehr, sofern man Russland ausklammert, das von „Worldometer“ im Ganzen dem Kontinent Europa zugeschlagen wird, inklusive seiner asiatischen Teile.

Hingegen sind nicht weniger als vier Länder lateinamerikanisch, Mexiko rechnet zu Nordamerika rechnet, eine Region Mittelamerika gibt es bei diesem Modul nicht. Den nächsten Hotspot Indien sehen wir am Horizont. Wir sind eher überrascht, dass die Fallzahlen dort nicht schneller ansteigen. Möglicherweise liegt das an der sehr niedrigen Testungsquote.

Auch in Deutschland gibt es Kritik daran, dass zu wenig getestet wird. In der Tat liegt Deutschland nicht mehr in der Spitzengruppe der größeren Industrieländer, was die relative Zahl der Tests angeht (getestete Personen in Relation zur Bevölkerungsgröße) und es ist bekannt, dass mehr Kapazitäten zur Verfügung stehen, als genutzt werden. Der richtige Schritt wäre jetzt aber, so viele Menschen wie möglich testen zu lassen, nachdem klar ist, dass die Krankenkassen die Kosten übernehmen.

Ganz andere Sorgen hat Brasilien, das die USA als Hotspot Nr. 1 abgelöst hat. Diese Explosion der Fallzahlen war von Experten lange erwartet worden. Ein schlechtes Gesundheitssystem, riesige Slums, dort Favelas genannt, mit prekären Hygienestandards, mit Rio de Janeiro / Sao Paulo eine der größten städtischen Agglomerationen der Welt, die eine weitaus größere (offizielle) Bevölkerung ausweisen als der in den USA besonders betroffene Staat New York; lassen Brasilien geradezu für eine Position als Corona-Hotspot prädestiniert erscheinen. Hinzu kommt ein Präsident, der nach immer noch gültigen europäischen Maßstäben geistig möglicherweise nicht gesund ist und demgemäß auch zu COVID19 keine vernünftige Einstellung finden kann. Es ist im Grunde wie in den USA, nur mit erheblich niedrigerem Lebensstandard und weniger Möglichkeiten, rigoros gegen die Ausbreitung des Virus vorzugehen. Es ist nicht auszuschließen, dass die Fallzahlen in Brasilien ähnliche Höhen erreichen werden wie in den USA, die etwa 50 Prozent mehr Einwohner haben. Gegenwärtig zählt Brasilien ca. 28.000 Todesfälle, die USA ca. 105.000.

Das Denken daran, was dem einst als Hoffnungsland der neuen Welt geltenden Superstaat auf der Südhalbkugel bevorstehen könnte, ist bedrückend. Die derzeit höchsten Neuinfektionsraten täglich seit dem Ausbruch der Pandemie gehen im Wesentlichen auf den starken Anstieg in Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern zurück. Afrika hingegen spielt offiziell weiterhin kaum eine Rolle, wenn man vom Staat Südafrika absieht. Wenn man sich anschaut, wie niedrig die Testzahlen in Afrika sind, kann man sich denken, warum die Lage dort so ruhig wirkt. Die Übersterblichkeit im Jahr 2020 wird die Wahrheit ans Licht bringen. In Deutschland liegt sie gegenwärtig bei ca. 8 Prozent. Das gilt als hinreichender Beweis dafür, dass Corona tatsächlich Menschen tötet, die ohne Infektion mit dem Virus nicht gestorben wären.

TH

Lage Corona #64 vom 29.05.2020 13:30 CEST

Obwohl die Fallzahlen in den letzten Tagen in Deutschland wieder ansteigen, kann man noch nicht von einer zweiten Welle sprechen. Eine solche ist bisher in keinem Land zu beobachten, das zu den bisherigen Hotspots zählte. Große Unterschiede gibt es allerdings darin, wie schnell sich die Lage beruhigt und natürlich bei den Gesamtfallzahlen. Auf Schweden werden wir unter anderem in einem der kommenden Lage-Beiträge noch einmal eingehen.

Aber wie sieht es innerhalb Deutschlands aus? Die Unterschiede sind verblüffend groß, wie die folgende Grafik ausweist, die wir im Anschluss besprechen werden:

Bevölkerungsdaten: Wikipedia. Corona-Fallzahlen: DER SPIEGEL. Tabelle © Der Wahlberliner

Der Unterschied bei den Fallzahlen zwischen den „besten“ und den „schlechtesten“ Bundesländern beträgt nicht weniger als das 8,4-fache, der Unterschied bei den Todesfallzahlen sogar mehr als das 18-fache. Von einem einheitlichen Corona-Management kann in Deutschland nicht annähernd gesprochen werden. Wer in Baden-Württemberg lebt, hat ein 18,5-fach höheres Risiko, an Corona zu sterben, als in Mecklenburg-Vorpommern. Dort sind bisher nur 0,05 Prozent der Bevölkerung als infiziert gemeldet, in Baden-Württemberg 0,42 Prozent.

Mit diesen beiden Bundesländern, dem mit den relativ sowie absolut geringsten und dem mit den höchsten Fallzahlen und Todesfallzahlen, ist auch die Haupttendenz beschrieben: Der Norden zeigt sich deutlich robuster als der Süden, der Osten kommt bisher besser durch die Corona-Krise als der Westen. Mit zwei signifikanten Ausnahmen: In Thüringen liegt die Todesfallquote über dem Durchschnitt, Hamburg ist der Ausreißer nach unten im Norden und weist die zweithöchste Infektionsquote aller Bundesländer auf.

Selbstverständlich sind Menschen in dichter bevölkerten Regionen dem Infektionsrisiko stärker ausgesetzt als in ländlichen Gegenden. Aber das erklärt nicht, warum Hamburg zum Beispiel so viel schlechter liegt als Berlin, das zudem bekannt ist für eine Bevölkerung, die sich gegenüber behördlichen Vorgaben, sagen wir mal, überdurchschnittlich resistent verhält. Wir glauben nicht, dass daraus auch eine erhöhte Corona-Resistenz resultiert.

Bezüglich der Todesfallquote zählt Berlin sogar zu den Spitzenreitern, das beruhigt uns auch ganz persönlich: Die medizinische Versorgung in unserer Wahlstadt bestätigt ihren guten Ruf. Genau am anderen Ende leider unser Herkunfts-Bundesland. Nirgendwo ist die Zahl der Toten, auf die Zahl der Fälle gerechnet, so hoch wie im Saarland. Das erinnert uns auf ganz unangenehme Weise an die miserablen Wirtschaftsdaten dieses CDU-geführten Bundeslandes und daran, dass es das einzige Bundesland im Westen ist, das in den letzten Jahren einen Bevökerungsschwund aufwies. Man kann auch sagen: Spitzenwerte sind dort offenbar nur noch möglich, wenn man die Bundesländer-Vergleichstabellen auf den Kopf stellt.

Wir kennen die Argumente aus Bayern und Baden–Württemberg, dass die Grenzsituation und der starke Tourismus, auch die Einschleppung von Corona aus Österreich, die Zahlen dort angetrieben hätten – aber angesichts der sehr hohen Besucherfrequenz in Berlin müsste das mindestens genauso gelten und für touristische Hotspots an der See ebenfalls. In Berlin gab es ja auch zwei Fälle, in denen sich große Clubs als Ausbruchsherde erwiesen hatten, weil man mit dem Lockdown zu lange zögerte – die Gesamtzahlen in der Stadt liegen trotzdem im deutschen Mittelfeld.

Damit zählt Berlin im europäischen Vergleich zu den Metropolen mit bisher sehr geringer Corona-Fatalität.

Herausragend aber sind die Zahlen auf der positiven Seite in Mecklenburg-Vorpommern. Das Land steht bei sämtlichen Kennzahlen, auch bei den beiden gemessenen Todesfallquoten (in Relation zur Bevölkerung, in Relation zu den gemeldeten Infektionsfällen), am besten da.

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) wurde vielfach für ihr rigoroses Corona-Management kritisiert, das ihrem auf den Tourismus stark angewiesenen Bundesland erhebliche wirtschaftliche Probleme machen dürfte, aber die Politikerin, die selbst von einer schweren Krankheit betroffen war, hatte zur Gesundheitsfürsorge für die Bevölkerung vom Beginn der Krise an ein besonders intensives Verhältnis und der Erfolg gibt ihr Recht.

Selbstverständlich gibt es viele Einflussfaktoren, die darüber bestimmen, wie erfolgreich ein Bundesland bei der Corona-Bekämpfung ist, aber der Nord-Süd-Gegensatz und der Ost-West-Unterschied sind signifikant und relevant. Eine Art politische Skala lässt sich daraus nicht ableiten, es gibt gute und schlechte Werte unabhängig davon, welcher Partei der / die Ministerpräsident*in oder der Regierende Bürgermeister angehört. Trotzdem müssen wir auf die schlechten Zahlen von Baden-Württemberg (grün-schwarz regiert), Hamburg (rot-grün regiert) und dem Saarland (schwarz-rot regiert) hinweisen. Auch Bayern (schwarz-freie Wähler) „performt“, insbesondere, wenn man seine Wirtschaftskraft und seine gute Infrastruktur bedenkt, die sich zum Beispiel in der Flüchtlingskrise bewährte, nicht gerade großartig. Daran sieht man wieder sieht, wie subjektiv die Wahrnehmung des Krisenmanagements ist. Eine gute Leistung in diesem Bereich wird dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) nach Umfragen mehr als allen anderen Länderchefs zugerechnet.

Nordrhein-Westfalen hingegen, das, vor allem wegen der Todesfälle in Heinsberg, den ersten Hotspot in Deutschland herausbildete, hat sich auf einem mittleren Platz stabilisiert und weist eine deutlich geringere Infektionsquote auf als die beiden großen Süd-Bundesländer. Auch dies ist ein Beweis dafür, dass man in Agglomerationsgebieten nicht unbedingt Katastrophenzustände haben muss.

Allerdings dürfte auf diesen noch annehmbaren Zahlen auch das selbstbewusste Auftreten des Ministerpräsidenten Armin Laschet fußen, der den Lockerungspropagandisten unter den Landes-Regierungschefs gibt und so gut ist NRW auch wieder nicht, dass dies aus Gründen des guten Krisenmanagements gerechtfertigt wäre.

Was wir schon länger beobachten: Die Todesfallquote, gemessen an den Infektionszahlen, liegt in Deutschland deutlich höher als die Letalitätsrate, die man COVID19 bisher zugeschrieben hat, das sind allgemein zwischen 1 und 2 Prozent der Infektionsfälle. Da Deutschland gemäß den Zahlen bei Worldometer (nahezu identisch mit denen der Johns-Hopkins-Universität) mittlerweile eine sehr hohe Zahl an Genesenen ausweist, wird sich die Todesfallquote nicht mehr wesentlich nach unten bewegen.

Wichtig ist in dem Zusammenhang nämlich der „Outcome“: Wie wurden die Fälle abgeschlossen? Mit der Genesung oder mit dem Tod des / der Erkrankten? In anderen westlichen Ländern liegen die Todesfallquoten teilweise noch wesentlich höher. Die sogenannte Heinsberg-Studie hat zwar für den Landkreis nur 0,37 Prozent ausgewiesen, aber sie wird wohl zu Recht vielfach für einige in ihr enthaltenen Annahmen und mangelnde Repräsentativität kritisiert.

Nicht alles, was wir oben an Zahlen sehen, ist regional beeinflussbar, aber es zeigt sich wieder einmal, dass der Föderalismus die Möglichkeit gibt, sich auch im Pandemiefall auszuzeichnen. Einige Landesregierungen haben diese Möglichkeit deutlich besser genutzt als andere. Trotzdem ist ein wichtiger Teil der Wahrheit: Aus den obigen Daten lässt sich leider nicht ablesen, welche Maßnahmen nun genau wie gewirkt haben, man hat dadurch noch keinen Maßnahmenplan für die von vielen erwartete „zweite Welle“zur Hand, der das Beste aus dem bisherigen Corona-Krisenmanagement von 16 Bundesländern vereint.

TH

Lage Corona #62 vom 25.05.2020 09:30 Uhr CEST

Es hatte sich leider abgezeichnet, dass die Zahl der Corona-Toten in den USA 100.000 übersteigen würde. Erstmals seit der Überschreitung der Millionengrenze bei der weltweiten Zahl der Infizierten (Corona #26) nehmen wir wieder eine Zahl in den Titel eines Lageberichts auf.

Wir operieren bereits in den Lageberichten selbst viel mit Zahlen, aber die Erkrankten und Toten sind nicht einfach statistische Werte, sondern Menschen, von denen jeder ein einzigartiges Leben hatte. 100.000 Leben sind ausgelöscht, die mit unzähligen weiteren Leben verknüpft waren und deren Ende große Lücken hinterlässt.

Die New York Times hat die Menschen hinter den US-Zahlen in einer aufsehenerregenden Weise Individualität verliehen, indem sie alle Namen veröffentlicht und einen Satz zu ihrer Biografie beigefügt hat. „A massive piece of journalism“ wurde dieses aufwendige und in Corona-Zeiten bisher einmalige Vorgehen des amerikanischen Leitmediums in den sozialen Medien genannt.

New York ist die große Stadt, die weltweit die höchsten Todesfallzahlen zu verzeichnen hat.

Wir gedenken der 29.500 Todesopfer von Corona im Bundesstaat New York, der 100.000 Corona-Toten in den USA und der 350.000 Menschen überall auf der Welt, deren Leben COVID19 bisher gefordert hat.

Die globale Zahl der gemeldeten Infizierten liegt derzeit bei 5,7 Millionen.

Es gibt von der New York Times auch eine Online-Version in Form einer Timeline, in der einzelne Personen herausgehoben werden.

TH

Lage Corona #60 vom 21.05.2020 22:00 Uhr CEST

80 Prozent aller COVID19-Patienten haben einen „leichten Verlauf“ und müssen meist nicht einmal stationär behandelt werden. Doch bei jedem fünften entsteht Sauerstoffmangel im Körper. Für die Versorgung mit Sauerstoff gibt es nicht eine Stufe, sondern mehrere – und je höher die Versorgungsanforderung ist und je länger sie andauert, desto schwerer sind die Folgen für den gesamten Körper.

Was bisher kaum im Blick ist: Die medizinische Rehabilitation für Menschen mit schweren Verläufen, schreibt „Spektrum“. Wir hatten in der bisherigen Phase von Corona in Deutschland immer genug Intensivbetten, offenbar gab es sogar genug Kinikpersonal, um die Versorgung der Menschen, die stationär behandelt werden mussten, tatsächlich sicherzustellen, es gab also bisher keinen Engpass bei der Krankenhausversorgung in Deutschland. Aber bei den Plätzen in den Rehakliniken könnte es anders aussehen, heißt es im „Spektrum“-Artikel. Bisher sei das Thema nicht im Fokus der Öffentlichkeit, weil für COVID19-Patienten in der Regel keine Reha vorgesehen war. Diese sei aber notwendig, um die körperliche Leistungsfähigkeit von Menschen mit schweren Verläufen wiederherzustellen.

Wir dachten, als wir das lasen, sofort an die vergleichsweise sehr hohe Zahl von Genesenen, die Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern ausweist. Wir wollen hoffen, diese Zahlen sind nicht auch dadurch bedingt, dass die Nachsorge weniger intensiv ausfällt als anderswo und die Nachsorge in anderen Ländern noch innerhalb des Status „noch nicht genesen“ abläuft.

Eigentlich ist dies ein Servicethema, bis jetzt jedenfalls und solange die Kapazitäten in den Rehakliniken ausreichen. Aber wir fanden die Darstellung zu den Folgen von künstlicher Beatmung und Versorgung mit Sauerstoff so interessant, dass wir sie innerhalb eines kurzen Lage-Artikels zum Lesen empfehlen.

Lage Corona #58 vom 17.05.2020 16:30 Uhr CEST

Es ist erstaunlich, wie seit vielen Wochen die Zahl der weltweit registrierten Corona-Neuinfektionen zwischen ca. 75.000 und ca. 100.000 Fällen pendelt. Derzeit bewegen sie sich eher am oberen Ende dieses Kanals, ein dramatischer Ausbruch ist aber nicht zu erwarten. Warum nicht?

Weil sich mittlerweile in vielen Ländern ein Muster wiederholt. Kaum merklicher Beginn, schneller Anstieg, dramatische Spitzenwerte, dann ein langsames Abklingen. Das alles bisher etwa innerhalb von zwei bis zweieinhalb Monaten. In der Phase des Abklingens befinden sich derzeit z. B. die südeuropäischen Staaten, die im März und April für einige Katastrophenmeldungen gesorgt haben. In den USA ist der Peak von über 30.000 Neuinfektionen pro Tag nun wohl ebenfalls Geschichte, auch wenn die Zahl der Neumeldungen pro Tag dort immer noch weltweit am höchsten sind – dafür warten Brasilien (derzeit Nr. 2) und Russland (derzeit Nr. 3) mittlerweile mit sehr hohen Fallzahlen auf.

In Brasilien entspricht diesen hohen Infektionszahlen leider auch die Zahl der Todesfälle – in Russland nicht. Deswegen ist Russland heute einer unserer Schwerpunkt-Staaten. Wir schauen auch nach Schweden, das wegen seines Sonderweges, des Versuchs, Herdenimmunität herzustellen, weiterhin im medialen Fokus ist – und was macht Italien, das Land, das für die schrecklichsten Nachrichten in Europa sorgte? Fast 32.000 Menschenleben hat COVID19 in Italien gefordert. Die höchste Zahl in Europa ist das allerdings nicht mehr, das Vereinigte Königreich kommt jetzt auf über 34.000, dank einer zunächst sehr fahrlässigen Politik von Premierminister Boris Johnson, der dann ironischerweise selbst durch COVID19 erkrankte.

Im Folgenden die Grafiken und einige Länderbetrachtungen:

„Konstant auf hohem Niveau“ kann man die Lage überschreiben und einige Weltgegenden, wie Afrika, sehen immer noch erstaunlich niedrige Zahlen, das Gleiche gilt für Indien. Überall dort wird sehr wenig getestet, aus einigen dieser Länder werden offenbar nicht einmal Daten zur Testung gemeldet, jedenfalls weist „Worldometer“ keine aus. Der Unsicherheitsfaktor ist also gerade in ärmeren Weltgegenden sehr hoch.

Anders als bei den Neuinfektionen geht die Zahl der täglichen Todesfälle allerdings seit der dritten Aprilwoche schrittweise zurück. Der Grund liegt einerseits darin, dass in Europa das Gröbste überstanden ist, sofern keine zweite Welle eintritt – und weil aktuelle Hotspots wie Russland nun zwar hohe Fallzahlen melden, aber weiterhin außergewöhnlich niedrige Todesraten. Ebenfalls schwächt sich nun die rasche Ausbreitung ab, die in den USA für die höchsten Werte bei beiden Zahlen weltweit gesorgt hat und in besonders betroffene Bundesstaaten wie New York beruhigt sich die Lage allmählich etwas. Innerhalb der USA lässt sich das gleiche Phänomen beobachten wie weltweit: Die Zentren der Epidemie wechseln, aber insgesamt treten dabei nicht mehr ganz so viele Todesfälle auf.

Der interessanteste Fall mit hohen Infektionszahlen ist derzeit sicher Russland. Dass es zu vielen Fällen kommen würde, wurde erwartet, warum sollte das in Russland mit zwei Städten, die jeweils wesentlich höhere Einwohnerzahlen haben als z. B. Berlin (Moskau 12 Millionen, St. Petersburg 5 Millionen), anders sein als sonst in verstädterten Weltregionen? Auch in Russland hat man das Corona-Ei des Kolumbus bisher nicht gefunden, das weist diese Grafik aus:

Der Peak ist vielleicht jetzt erreicht und liegt bei etwa 11.000 Neuinfektionen pro Tag (Deutschland in derselben Phase ca. 7.000). Aber Russland zählt auf ganz aktuellem Stand erst 2.631 Todesfälle (Deutschland in dieser Minute 8.027). Die Zahl der Gesamtfälle liegt aktuell in Deutschland fast 100.000 unter der in Russland.

Diese Besonderheit bleibt nicht ohne mediales Interesse. „Wird in Russland anders gezählt? Wird dort besser geheilt? Oder sind die Russen weniger anfällig?“, hat sich beispielsweise der Spiegel gefragt. Wenn sich die zweite Antwort als wahr herausstellen sollte, wäre dies ja auch für andere Länder sehr interessant. Dann hätte es die russische Regierung aber wohl längst gemeldet, weil es sich hier ja nicht einfach um exorbitant bessere medizinische Versorgung handeln kann als in europäischen Ländern, die diesbezüglich weltweit an der Spitze stehen, sondern es müsse ein richtiger Durchbruch erzielt worden sein. Den traut man aber im wissenschaftlichen Bereich, z. B. die Entwicklung eines flächendeckend einsetzbaren Impfstoffs betreffend, eher Ländern wie China, den USA, Israel oder vielleicht Westeuropa zu. Und da heißt es im Moment: 2020 wohl nicht mehr.

Demographen, die leider alle nicht genannt werden wollen (das russische Außenministerium schreibt auch Medien aus dem Ausland an, die seiner Meinung nach zu kritisch berichten) erzählen jedoch von einer hohen Übersterblichkeit, beispielsweise in Moskau, die sich nicht mit den offiziellen Zahlen deckt. Die Übersterblichkeit als Indikator für die tatsächlichen Todesfallzahlen haben wir u. a. hier thematisiert. Aber es zeigt sich auch wieder etwas, was von Beginn an ein schräges Licht auf alle nationalen Zahlen wirft: Werden als Corona-Tote nur die Personen gezählt, die nachweislich an Corona verstorben sind oder alle, die sich infiziert hatten und dann verstarben, was auch immer die tatsächliche oder hauptsächliche Ursache für den Tod gewesen sein mag?

Aufschluss darüber bringt letztlich nur eine Obduktion und weder in Deutschland, noch in anderen europäischen Ländern werden alle Infizierten, die versterben, obduziert, um die genaue Todesursache zu ermitteln. Dadurch entstehen tendenziell höhere Zahlen – als zum Beispiel in Russland. Die Behauptung der öffentlichen Stellen geht dort nämlich in die Richtung, dass wirklich alle Menschen geöffnet werden, die eine Corona-Infektion hatten und verstarben. Nun wird aber seitens der Quellen des Spiegels behauptet, dass Pathologen in der Regel das als Todesursache aufschreiben, was von offizieller Seite gewünscht wird, und das ist eben nicht COVID19 als Todesursache – und es wird von einem „gelenkten System“ gesprochen. Was man daran wieder einmal feststellen kann: Es gibt eine regelrechte Pyramide oder ein ganzes Bündel von Unsicherheiten bei der Datenlage.

Das Beste oder auch Makaberste aber kommt zum Schluss: Da die Russen (auf die Russinnen trifft das nicht ganz so extrem zu) ohnehin eine niedrige Lebenserwartung haben, erreichen sie selten die Altersklasse, in der eine sehr hohe Mortalität zu erwarten ist und in Altersheimen leben sie (u. a. deswegen) auch selten, und diese gelten bekanntlich als besonders zu beachtende Infektionsherde. Daraus erklärt sich vielleicht auch die geringere Todesrate in Deutschland: Wir werden nun einmal im Durchschnitt nicht so alt wie die Spanier*innen oder Italiener*innen, weil wir zu viel Bier trinken und zu wenig Paella essen. Scherz beiseite, bei einem so ernsten Thema: Es wird geschätzt, dass in Russland die tatsächliche Todesrate mindestens dreimal höher liegt als die ausgewiesene – und das wäre immer noch günstig, denn sie entspräche dann etwa der deutschen und diese liegt um das 5,5-fache niedriger als beispielsweise in Italien.

Und damit zu Italien: Dieses leidgeprüfte Land wird sich nun wieder den Menschen aus aller Welt öffnen, die so gerne dorthin reisen. Die italienische Wirtschaft hat ohnehin schon seit vielen Jahren Probleme, der Tourismus ist für das Land besonders wichtig, auch wenn die Regionen, die von der Corona-Pandemie am stärksten betroffen sind, überwiegend zu den wohlhabenden zählen.

Wo hingegen nicht die Regierung, sondern die Mafia das Sagen hat, sind die Fallzahlen erstaunlich niedrig, also in den meisten Gegenden des Südens. Die Grafik im nebenstehend abgebildeten Tweet weist das aus. Ganz sicher ist das Sozialleben „unten“ kontrollierter als in den großen Städten im Norden, aber trotzdem wirkt der Unterschied gigantisch. Zwischen der niedrigsten und der höchsten „Durchseuchung“ ist in der im Tweet eingebetteten Grafik ein Faktor von mehr als 100 dokumentiert. Das spiegelt sich zum Beispiel nicht so extrem in den ländlichen und städtischen Regionen Deutschlands und widerspricht auch dem Narrativ, dass in Italien eine höhere Gefährdung als bei uns herrschen soll, weil das Leben geselliger ist und mehr in Großfamilien oder Mehrgenrationen-Häusern stattfindet; Letztere gibt es nämlich im Süden häufiger als im urbanen Norden.

Ab dem 3. Juni wird Italien die Grenzen für Bürger aus anderen EU-Ländern wieder öffnen. Wir hoffen und wünschen den Menschen in Italien, dass alles gutgeht und denjenigen, die dann dorthin reisen werden, ebenfalls.

Derzeit kommen in Italien ca. 200 bis 250 Corona-Tote pro Tag hinzu. In Deutschland (23 Millionen Einwohner mehr als Italien) würde diese Ziffer dazu führen, dass zumindest alle gerade vorgenommenen und demnächst geplanten weiteren Lockerungen in Frage stehen würden.

Wir reisen nun auf die Nordseite des Kontinents und betrachten ein weiteres EU-Land: Schweden. Das aber so klug war, sich nicht den Euro zuzulegen. Es hat auch die allgemeine Haltung nicht übernommen, das Corona-Virus zunächst herunterzuspielen und dann in Panik zu verfallen, als die Zahlen doch anstiegen. In Schweden geht alles weiterhin seinen eher lockeren Gang, auch wenn sich längst zeigt, dass die Zahl der Neuinfektionen nur langsam zurückgeht und die Todesfallzahlen, gerechnet auf die Größe der Bevölkerung, höher sind als zum Beispiel in Deutschland. Aber sie sind doch nicht höher als beispielsweise – genau, als in Italien, sondern liegen derzeit bei ca. 70 Prozent der italienischen Todesrate. Tendenz steigend. In Schweden sind derzeit ca. 30.000 Fälle registriert und 3.679 Corona-Tote.

Abgesehen davon, dass die Todesfallzahlen etwas erratisch wirken, weil an Wochenenden offenbar kaum erfasst wird, sieht man, Wochenzeiträume betrachtet, eine gewisse Gleichmäßigkeit. Mit leicht rückläufiger Tendenz. Allerdings: Schweden hat etwa 10 Millionen Einwohner – wie lange soll es bei täglichen Neuinfektionszahlen von ca. 500 bis 700 dauern, bis die Herdenimmunität erreicht ist? 20 bis 30 Jahre wären ein Richtwert. Ist es bedauerlich, dass in einem so sozialen und nun auch wieder betont antiautoritär vorgehenden Land wie Schweden so viele Menschen in Altersheimen sterben – oder unvermeidlich und letztlich „schonender“?

Oder ist es doch sozialdarwinistisch und soll ein wenig helfen, den Altersdurchschnitt der Bevölkerung zu drücken? Wir sind skeptisch, wenn in einem Land, das ein Achtel der deutschen Einwohnerzahl aufweist, die Todeszahlen bei 50 Prozent der deutschen liegen, ungeachtet der Tatsache, dass wir die deutschen Zahlen für weiterhin auffällig niedrig halten. Ganz sicher spielt dabei auch eine Rolle, dass wir uns nicht vorstellen mögen, dass der harte Weg, den wir gegangen sind und noch gehen, nicht viel mehr bringen soll als einer, der wesentlich weniger stark ins soziale und wirtschaftliche Leben eingreift. Ob es möglich ist oder ob es gerecht wäre, das muss man dabei eben auseinanderhalten.

Allerdings: Auch in Schweden gibt es Einschränkungen, und die müssen vermutlich noch lange aufrechterhalten werden. Was wohl nicht in dem Maße vorkommt wie hierzulande – Verrückte, die sich in einer Diktatur wähnen und durch ihr verantwortungsloses Verhalten sich und andere bewusst gefährden. Darauf kann die dortige Regierung natürlich setzen, aber sind viele Schwed*innen der Meinung, mehr Schutz wäre besser. Die Umfrage stammt allerdings von Anfang April und umfasst eine recht kleine Befragungsgruppe.

Schweden ist derzeit ein Unsicherheitsfaktor in der Argumentation über Corona, damit müssen wir leben und können das auch nicht „faktchecken“, weil sich alle Daten, die wir dazu gesehen haben, auch wirtschaftliche, hinterfragen lassen. Dies weist uns aber wiederum auf ein wichtiges Prinzip hin: Wir können ebenso wenig einschätzen wie alle anderen, ob am Schluss die Schweden besser liegen als der Rest der Welt. Vergleiche sind ohnehin nicht so einfach, wenn man alle wirtschaftlichen, sozialen und gesundheitssystemrelevanten Faktoren in einer Zusammenschau betrachten will.

Fahren auf Risiko, und die schwedische Politik ist angesichts des noch immer nicht sehr hohen Wissensstandes über COVID19 und seine Ausbreitungsmöglichkeiten riskant, bewusstes Risiko also contra Vorsorgeprinzip, das wird ein ethisches Thema bleiben.

TH

Lage Corona #53 vom 12.05.2020 21:00 Uhr CEST

„Eines Tages werden wir über die Zeit der Corona-Krise lachen. Wir werden zurückblicken, uns in den Armen liegen und sagen: Waren das verrückte zwölf Jahre!“

Eine Texttafel, die wir auf Facebook gesehen haben, sinngemäß wiedergegeben. Die wissenschaftliche Erforschung des Corona-Virus COVID19 ist die eine Sache. Wir müssen mehr über den Krankheitserreger wissen, um ihn dauerhaft bekämpfen zu können. Die Befürchtung, dass wir noch lange mit dem Virus werden leben müssen, wird mittlerweile häufiger geäußert. Wie lange wird es dauern, bis ein flächendeckend einsetzbarer Impfstoff vorhanden ist? Davon wird vieles abhängen. Diesen gibt es aber noch nicht, also können Abwehrmaßnahmen nur durch Eingriffe ins öffentliche und private Leben in Gang gesetzt werden.

Umso wichtiger ist es, zu erforschen, welche Länder bei der Bekämpfung der Pandemie am besten abschneiden und welche Maßnahmen dabei die wirksamsten sind. Spektrum hat vorgestern versucht, den Stand der Forschung oder der Erhebung von Daten, die dann vergleichbar gemacht werden sollen, wiederzugeben – und Einschätzungen darüber, welche Länder die Krise sehr gut gemanagt haben, welche weniger. Da wir jeden Tag die neuen Daten auf Worldometer abgleichen (Datenbasis ähnlich jener der Johns-Hopkins-Univeristät, etwas schneller bei der Präsentation), waren wir nicht überrascht, dass zum Beispiel Hongkong als klarer Outperformer benannt wird. 7,5 Millionen Einwohner, nur 1.051 Fälle, nur vier Todesfälle. Das soll den Sonderzonenchinesen jemand nachmachen. In Westeuropa sticht natürlich Deutschland hervor, das einschneidende Maßnahmen in Relation zum Stadium der Epidemie früher ergriffen hat als Frankreich oder Italien. Interessanterweise, nicht erwähnt, setzt sich Österreich immer mehr ab, gestern nur noch ein Todesfall, in Deutschland hingegen über 100.

Forscher haben das Vorgehen Hongkongs untersucht. Sie stellten fest: Eine rasche Überwachung, Quarantäne und Maßnahmen zur sozialen Distanzierung, wie die Verwendung von Gesichtsschutzmasken und Schulschließungen, haben dazu beigetragen, die Übertragung des Coronavirus zu senken. Gemessen haben sie das an der durchschnittlichen Zahl der Menschen, die jede infizierte Person infiziert hat, auch »R« genannt. Bis Anfang Februar reduzierte das Land sie auf den kritischen Wert von 1.

Dummerweise konnte man aber nicht auseinanderhalten, welche Maßnahmen nun genau wie viel zu diesem herausragenden Ergebnis beigetragen hat. Das alles soll nun systematisch, nach unserer Ansicht aber anhand doch recht weniger Datensätze, erforscht werden. Inklusive nationaler Besonderheiten, die unterschiedliche Maßnahmen in verschiedenen Ländern vielleicht auch unterschiedlich wirksam sein lassen. Die Methoden, mit denen aus den Zahlen am Schluss sogar Empfehlungen an die Politik möglich sein sollen, sind im Artikel beschrieben.

Man muss sich vorstellen, dass dann etwa folgendes herauskommen könnte. Eine Ausgangssperre ist in Ländern wie Deutschland wirksamer als in Ländern, in denen Mehrgenerationenhaushalte wesentlich häufiger sind, während es bei Schulschließungen umgekehrt sein könnte. Je mehr Kinder den ganzen Tag außerhalb der Familie betreut werden, desto wirksamer ist es, das zu ändern, um Infektionsketten zu vermeiden. Das ist nur ein Beispiel, keine Erkenntnis. Wir fragen uns allerdings, wie derlei Unterschiede tatsächlich weltweit vergleichbar gemacht werden sollen und es taucht wieder ein Problem auf, das noch niemand bisher lösen konnte: Nur, wenn die Erfassung von Fallzahlen und Todesfallzahlen weltweit einigermaßen ähnlich wäre, könnte auch der Erfolg von Maßnahmen auf vergleichender Basis berechnet werden. Gerade dabei gibt es aber Fragezeichen und auch Unmut. Was erlaubt sich Belgien? Die höchsten Todesfallzahlen in Europa, gerechnet auf die Einwohner, Erklärung: Wir zählen genauer. Heißt: Alle anderen Länder sind etwas lässig bei der Erfassung der Corona-Toten. Genaues Gegenbeispiel: Russland. Mittlerweile zwar riesige Neuinfektionszahlen, ähnlich hoch wie in den USA, auf die Einwohnerzahl gerechnet, aber kaum Todesfälle. Kann das stimmen? Ist das russische Gesundheitssystem bei der Behandlung der mittlerweile recht vielen Corona-Infizierten allen anderen haushoch überlegen, trotz der bekanntlich sehr großen sozialen Ungleichheit im Land? Belgien und Russland, das sind nur zwei weit auseinanderliegende Markierungen auf der Skala der Todesfallzahlen in Relation zu den Einwohnerzahlen. Es gibt weitere, ähnliche Beispiele.

Aber damit sind wir lange nicht am Ende der Fragen: Wie wirken sich unterschiedliche Testungsquoten in verschiedenen Ländern auf die Fallzahlen aus, welche propagandistischen Ideen beeinflussen die Meldung von Daten an die WHO? Und auf der Ebene der Maßnahmen: Wie kann erfasst werden, in welchen Ländern sich die Menschen diszipliniert verhalten und was macht es aus, wenn so viele #Covidioten unterwegs sind wie zuletzt in Deutschland, als die Social-Distancing-Maßnahmen in Großstädten gar nicht mehr durchsetzbar waren? Wenn diese Unterschiede keine Auswirkungen haben, dann könnte man auch sagen, dies alles war nicht notwendig, diese großen Anstrengungen und die erheblichen Einschränkungen, an welche die Mehrheit sich gehalten hat – und würde damit kurioserweise diejenigen bestätigen, die den Verdacht äußern, Corona sei eine Verschwörung zur Einführung der Diktatur. Wir haben ernsthaft die Sorge, dass weiterhin niedrige Neuinfektionszahlen in Deutschland solchen Meinungen Auftrieb geben könnten, obwohl die Ursache dafür vielleicht eine andere ist, die wir noch nicht kennen oder nicht als sicher identifizieren können.

Auf vielen Ebenen gibt es so große Unwägbarkeiten, dass wir meinen, man soll sich von der Erforschung der Maßnahmenwirksamkeit, wie sie von Spektrum beschrieben wird, keine Wunder erwarten und ab und zu den gesunden Menschenverstand einsetzen.

Wir denken dabei auch an die Erfassung von Wirtschaftsdaten. Verschiedene Länder verfolgen unterschiedliche Ansätze, sodass die Daten harmonisiert werden müssen. Z. B. von der OECD, wenn sie die in ihr vertretenen Länder statistisch einander gegenüberstellen will. Das ist in diesem Bereich aber wesentlich einfacher, es gibt eine langjährige Übung, anders als bei der Corona-Pandemie. Es gibt weitaus weniger Variablen. Was kommt dabei heraus? Deutschland hat zum Beispiel nach ILO-Erfassungsmethode eine wesentlich niedrigere Arbeitslosenquote als nach jener der Bundesanstalt für Arbeit, weist nach der internationalen Messmethode quasi Vollbeschäftigung auf – und selbst die BA-Erfassungsmethode, die das nicht spiegelt, steht zu Recht in der Kritik, weil sie viele Formen von Unterbeschäftigung nicht ausweist. Dies, obwohl alle Parameter bekannt sind, mit denen man das ändern könnte – anders als bei der Corona-Pandemie.

Wir denken auch daran, wie die OECD zum Beispiel vor der Wende die Länder des Ostblocks bezüglich ihrer Wirtschaftskraft viel zu hoch eingeschätzt hatte, weil sie auf die Daten vertraute, die von dort geliefert wurden. Demnach lag die DDR im Jahr 1986 bezüglich des BIP pro Kopf etwa auf dem Niveau von Frankreich (Rang 17 und 18 weltweit, Quelle: Fischer Weltalmanach 1990).

Dass das nicht ganz stimmen konnte, erschloss sich jedem, der um 1990 einfach nur die DDR und ihre Wirtschaftseinheiten in Augenschein nahm. Heute wird angenommen, dass das Pro-Kopf-BIP der DDR vor der Wende um mehr als 50 Prozent unter dem in Westdeutschland lag. Auf Basis der geschönten DDR-Daten kam es aber in der westdeutschen Politik zu erheblichen Fehleinschätzungen bezüglich der Größe der Herausforderung „Aufbau Ost“.

Auf heutige Corona-Verhältnisse übertragen: Die Zahlen zur Pandemie aus jenen Ländern, die autoritär geführt sind und in denen die Politik sich damit besonders schwertun dürfte, viele Corona-Tote zuzugeben, sind mit großer Vorsicht zu behandeln, ebenso die jener Länder, in denen sehr wenig getestet wird und das Gesundheitssystem schwach ausgeprägt ist. Wie der Erfolg von Maßnahmen gerade in Ländern, die rigide Einschränkungen vornehmen, aber deren Daten vermutlich nicht sehr valide sind, in die Modelle eingebaut werden soll, die den Erfolg von Anti-COVDI19-Maßnahmen vergleichbar machen sollen, erschließt sich uns nicht, denn zusätzlich müsste ein erheblicher Aufwand an Sozialforschung betrieben werden, müsste außerdem die Art der Erfassung der Daten in diesen Ländern untersucht werden (können), um jene Vergleichbarkeit herzustellen.

Sicher wird deshalb eine Einschränkung unabdingbar sein: Man darf nur einigermaßen vergleichbare Länder und deren Maßnahmen und wie sie sich auf die verschiedenen Fallzahlen auswirken, miteinander in Abgleich bringen. Das wären vor allem westeuropäische Staaten, besonders jene, die ihre Sterblichkeitsraten direkt an die Mortalitätserfassungsstelle Euromomo liefern und so einen zeitnahen Blick auf die Übersterblichkeit ermöglichen, die Corona verursacht. Zu diesen Ländern zählt Deutschland beispielsweise nicht, ebenso, wie die osteuropäischen EU-Staaten nicht an das Mortalitätserfassungszentrum der EU melden. Das zu ändern, wäre in diesen Zeiten eine sinnvolle Form von Vereinheitlichung, würde aber bedeuten, dass in Deutschland auf nationaler Ebene die Daten erheblich schneller verarbeitet und weitergereicht werden müssten. Das Statistische Bundesamt hat kürzlich eine eigene Sonderauswertung vorgenommen, um etwas zeitnäher als üblich Aussagen über die Sterblichkeit in Deutschland während der Corona-Krise treffen zu können (untenstehend haben wir darüber berichtet [siehe auch #52]), aber auch diese Daten sind jetzt bereits einen Monat alt.

Wir wollen mit unserer Skepsis nicht ausdrücken, dass wir die Erforschung der Wirksamkeit von Maßnahmen für Hokuspokus halten. Alles, was hilft, die Lage genauer einzuschätzen, ist wichtig, um die Pandemie besser, schonender managen zu können. Und auch wir verwenden die Tabellen, die von Worldometer abgebildet werden, für die Artikel „Lage / Corona“, ohne jedes Mal ausführlich über die Vergleichbarkeit dessen zu referieren, was verschiedene Länder melden. Irgendeinen Ansatz muss es geben, um die Auswirkungen der Corona-Krise sichtbar zu machen und der logische Ansatz ist, die offiziellen nationalen Berichtsquellen zu befragen, sie sind in diesen Tabellen allesamt ausgewiesen.

Deswegen haben wir aber heute die Gelegenheit genutzt, den Beitrag von Spektrum zur Erforschung der Wirksamkeit von in der Regel die Freiheit einschränkenden Maßnahmen zur Abwehr von COVID19 so zu kommentieren, dass klar wird, mit wie vielen Unwägbarkeiten man es zu tun hat und dass es, vorsichtig ausgedrückt, ein immenser Aufwand sein wird, die sich daraus ergebenden Ergebnis-Unschärfen mit schlauen Algorithmen auszufiltern.

Diese Unschärfen und Unsicherheiten gehören natürlich zum Leben dazu, aber wissenschaftlich betrachtet, sind es ein paar zu viele, um zum gegenwärtigen Zeitpunkt oder in naher Zukunft verlässliche Aussagen über die Wirksamkeit einzelner Maßnahmen in der Form zu treffen, dass je nach Lage, beispielsweise bei einem Anstieg der Neuinfektionszahlen über Faktor R = 1,0 hinaus, zielsichere Empfehlungen an die Politik ausgesprochen werden könnten, die auf jenen Vergleichsmodellen basieren.

Gegenwärtig muss daher das Vorsorgeprinzip beherzigt werden, verbunden mit dem Mut, sich später, bei weiter verbessertem Erkenntnisstand, eventuell eingestehen zu müssen: Dieses oder jenes wäre nicht notwendig gewesen. Hinterher weiß man es immer besser, doch wichtig ist jetzt, dass die Politik einen strengen Maßstab für ihr Handeln anwendet, der sich etwa so beschreiben lässt: Wir haben nach bestem zum relevanten Zeitpunkt vorhandenem Wissen und nach unserem Gewissen, unserem Verantwortungsbewusstsein für die Bevölkerung entsprechend, alles getan, nichts unterlassen, um deren Schutz so gut wie möglich zu gewährleisten und ihm die Priorität eingeräumt, die dem Vorrang des Schutzgutes Leben gegenüber anderen Rechtsgütern entspricht.

TH

Lage Corona #52 vom 10.05.2020 21:30 Uhr CEST

Die Neuinfektionszahlen sind in den letzten Wochen stark zurückgegangen, die Todesfallzahlen ebenfalls, wenn auch nicht im selben Maße (Zeitversatz). Die Diskussionen über Corona und die Maßnahmen gegen COVID 19 werden immer heftiger, abstruser und führen zu einer Klärung: Wie viele Vernünftige und wie viele Menschen, die mehr oder weniger abgedreht sind, gibt es in diesem Land?

Erste Hinweise darauf geben die komplett chaotischen #Hygienedemos der letzten Tage, die nicht zu Unrecht unter dem Hashtag #Covidioten zusammengefasst werden. Vielleicht der richtige Moment, eine Zahl in Spiel zu bringen, die wir mehrfach erwähnt haben: Die Übersterblichkeit, die durch das Corona-Virus verursacht wird. Gibt es diese Übersterblichkeit oder nicht? Eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes legt den Schluss nahe: Sie zeichnet sich zumindest ab.

Damit starben zwischen 6. und 12. April knapp 2000 Menschen beziehungsweise elf Prozent mehr als im vierjährigen Durchschnitt für diese Woche. Vergleicht man einzelne Jahre, waren es zwischen 6. und 12. April 18 Prozent mehr Tote als 2017 und 4 Prozent mehr als 2018„, heißt es in „Spektrum“ dazu.

Für die größeren westeuropäischen Länder hat EuroMoMo eine erhebliche Übersterblichkeit während der Phase 1 der Corona-Krise ausgewiesen, leider gibt es keine zentrale Meldung der Daten aus Deutschland an diese Stelle, sodass ein Abgleich mit der Auswertung von Destatis nicht möglich ist.

Die Abweichung, die man in der Destatis-Grafik sieht, ist freilich nur für wenige Wochen Ende März / Anfang April 2020 dokumentiert. Wir werden weitere, aktuellere Zahlen brauchen, um eine Bestätigung dafür zu erhalten, dass die Corona-Krise zu erheblich mehr Todesfällen in bestimmten Zeiträumen führt als üblich. Deswegen finden wir es richtig, dass die Zeitschiene (X-Achse) der Grafik so gewählt ist, dass man sofort erkennt, dass derzeit erst ein sehr kurzfristiger Ausschlag nach oben im Jahr 2020 gegenüber den Durchschnittszahlen von 2016-2019 (gemittelt) beobachtet wird. Das Jahr 2018, in dem die Grippewelle im Februar / März besonders viele Leben forderte, ist zusätzlich ausgewiesen. Inklusive einer zweite Spitze im Sommer, die auf eine zweite Grippewelle oder auf die extreme Hitze in jenem Jahr zurückzuführen sein könnte.

Vergleicht man die obige Grafik mit derjenigen der täglich gemeldeten Corona-Sterbefälle in Deutschland bis zum 9. Mai 2020, lässt sich erkennen, dass gerade der Peak erreicht war, wo die Statistik endet, aber die Woche mit den höchsten Sterbefallzahlen (13. bis 19. April) ist noch nicht in dieser Sonderauswertung enthalten.

Weltweit bleibt die Zahl mit ca. 75.000 bis 100.000 Neuinfektionen täglich hoch, aber seit Wochen beinahe konstant, die Hotspots allerdings haben sich verschoben: Weg von Westeuropa in andere Regionen. Russland zählt zu den aktuellen Hotspots, ebenso Brasilien mit jeweils ca. 10.000 Neufällen pro Tag, weiterhin sehr hoch ist die Rate in den USA (regelmäßig über 25.000 gemeldete Neuinfektionen).

TH

Lage Corona #51 vom 05.05.20 21:30 Uhr CEST

Kürzlich machten Zahlenaufstellungen in den sozialen Netzwerken die Runde, die Corona im Vergleich zu anderen Todesarten wie eine Petitesse aussehen lassen. Da wurde mehr oder weniger alles zusammengeklaubt, was weltweit zum Tod von Menschen führt.

Das hat die Faktenchecker von CORRECTIV, die seit ihrer Aufdeckung des Cum-Ex-Cum-Cum-Skandals ihre Autorität als gültige Wahrheiten produzierendes Kollektiv entdeckt haben, nicht ruhen lassen und sie sind vor allem darauf eingestiegen, wie die Zahlen von „Worldometers“ ermittelt werden, die zu jenen Vergleichen und Listen geführt haben. Da wir für die Corona-Berichterstattung auch „Worldometers“ verwenden, hat uns das natürlich interessiert.

Es wird für jede der aufgeführten Todesarten mehr oder weniger dargelegt, warum die Zahlen unpräzise oder gar nicht ermittelbar sind:

Der Stichtag der Darstellung ist der 25. März 2020, also ein mittlerweile weit zurückliegendes Datum, wenn man auf die Relevanz von Fallzahlen gerade bei  Corona abhebt, die sich inzwischen erheblich weiter nach oben entwickelt hat. Das gilt auch für die Todesfallzahlen, die (Stand 04.05.) mit ca. 252.000 angegeben werden. Dass die Corona-Zahlen stärkeransteigen als die anderer Todesarten, bei denen der Fallzahlenverlauf eher linear ist, wird aber Corona-Leugner nicht überzeugen, denn selbstverständlich oder hoffentlich wird COVID19 niemals gleichermaßen hohe Todesfallzahlen wie Krebs oder Alkoholmissbrauch auslösen.

Was im Faktencheck erwähnt wird: Dass Corona trotzdem gefährlich ist. Was zu wenig oder gar nicht herausgestellt wird (dafür gibt es möglicherweise andere Artikel von CORRECTIV) ist, dass es sich zum zusätzliche Todesfälle handelt. Die teilweise erhebliche Übersterblichkeit in einigen europäischen Ländern, in denen Todesfälle insgesamt zeitnah statistisch erfasst und an Euromomo weitergegeben werden (Deutschland zählt nicht zu diesen Ländern) belegt, dass Corona etwas verändert hat.

Ein weiteres Problem der Faktenhuberei, die mit den Listen betrieben werden, ist nicht nur die Validität dieser Zahlen, sondern die Ethik, die dahinter sichtbar wird. Was sind schon diese paar zusätzlichen Toten, z. B. in Relation zu den wirtschaftlichen Schäden durch Lockdowns und Einschränkungen verschiedener Stufen? Und erst der Verlust der Freiheit! Diktatur! Die Maßnahmen folgen der Bedeutung des Problems, mehr können wir bisher nicht erkennen, und wir sind eher besorgt darüber, dass Lockerungen zu schnell und zu unkoordiniert – und vor allem zu selektiv erfolgen. Das schafft berechtigterweise Unmut bei denjenigen, die weiterhin stark von Einschränkungen betroffen sind. Das auffällige Ungleichgewicht zwischen der mittlerweile in vielen Bereichen wieder ungehindert möglichen Wirtschaftstätigkeit und den weiterhin großen Problemen, zivilgesellschaftliche Aktivitäten wahrzunehmen, lässt sich nur schwer rechtfertigen. Die Ansteckungsgefahr ist im Kaufladen und in größern Wirtschaftseinheiten mindestens so hoch wie bei gemäß Corona-Regelungen durchgeführten Veranstaltungen.

Das Hauptproblem dieser Vergleiche lässt sich gut anhand der genannten Verkehrstoten illustrieren: Warum aufwendige Forschung für mehr Sicherheit im Straßenverkehr auf allen Ebenen, wenn doch die Zahl der Verkehrstoten immer noch gering ist im Vergleich zu den Krebstoten? Das lässt sich für fast alle Todesarten ähnlich argumentieren und entspricht dem kompletten Mangel an heuristischer Herangehensweise, die man jeder statistischen Darstellung angedeihen lassen sollte: Was bedeutet eine Statistik, gemessen in Leid für real existierende Menschen, die betroffen sind? Da gibt es keine Whataboutismen, auch wenn wir uns viel mehr um den Hunger in der Welt kümmern und den Politiker*innen das Sterbenlassen in Afrika nicht so durchgehen lassen dürften und viele Menschen auf eine ganz sinnlose und grausame Weise sterben.

Die Frage, wie viele Corona-Tote es gäbe, wenn nicht einschneidende Maßnahmen ergriffen worden wären, ist damit noch nicht beantwortet, aber die Entwicklung der Fallzahlen lässt eine relativ sichere Vermutung zu: Seit vielen Wochen liegt die weltweit gemeldete Neuinfektionsrate bei ca. 75.000 bis 100.000 Fällen pro Tag, die Todesfallzahlen haben sich im Durchschnitt bei ca. 5.000 pro Tag eingependelt. Es glaubt doch wohl niemand ernsthaft, dass ohne die vielen Krisenregelungen die Fallzahlen nicht, wie in der Anfangsphase der Pandemie, weiterhin exponentiell angestiegen wären? Bis jetzt gibt es keine Erkenntnisse dahingehend, dass das Virus COVID19 irgendwann von selbst die Lust am Anstecken verliert und in Rente geht.

Warum wir auf „Worldometer“ (bisher nur bei der Corona-Berichterstattung) setzen: Keine andere Plattform dokumentiert so ausführlich und zeitnah und bietet in ihren Tabellen auch die relativen Zahlen an (zur Bevölkerungsgröße eines Landes). Wir haben in einem früheren Beitrag dargestellt, dass die Zahlen weitgehend denjenigen der Johns-Hopkins-University entsprechen, die von Medien aller Art als Referenz herangezogen werden – aber dass Worldometer die verwendeten Quellen noch etwas zeitnäher ausertet und daher immer um einige tausend bis zehntausend Fälle „vorausläuft“.

Ein Problem haben freilich alle Datensammlungsstellen, und das halten wir für gravierender, als unsinnige Vergleiche zu hinterfragen. Wir machen es am Fall Belgien fest. Es fällt seit Längerem auf, dass Belgien pro Kopf der Bevölkerung die höchsten Todesfallzahlen aller europäischen Länder mit mehr als 100.000 Einwohnerm melde – ohne dass es zu Katastrophenmeldungen wie in Spanien oder Italien kommt. Selbstverständlich sind Medien dem nachgegangen: Die belgische Regierung behauptet, sie erfasst einfach genauer als andere (und es wird in Belgien vergleichsweise viel getestet, wie man in der Worldometer-Übersichstabelle ebenfalls sehen kann). Wen die belgische Regierung richtig liegt, dann wären die Fallzahlen überall sonst, gerade in Deutschland mit seinen auffällig niedrigen Todesraten, untererfasst. Belgien ist bezüglich seiner Corona-Maßnahmen unauffällig, verfährt ähnlich wie andere europäische Länder, durch ein besonderes Laissez-faire lassen sich die hohen Todesfallzahlen ebensowenig erklären wie durch eine schlechtere medizinische Versorgung im Vergleich zu anderen EU-Staaten.

Diese Abweichungen zwischen wirtschaftlich, sozial und bezüglich des Corona-Managements ähnlich aufgestellten Ländern sind nur eines von vielen möglichen Problemen bei der Datenerfassung auf einem neuen Feld und die wohl  leider auch ein Grund dafür sein dürfte, warum bestimmte Weltgegenden, wie Afrika, noch sehr moderate Fallzahlen aufweisen. Auch die Frage, ob Corona-Tote als solche gezählt werden dürfen, wenn sie nur mit, aber nicht an Corona verstorben sind und wie das ohne Obduktion auseinandergehalten werden soll, ist von großem Einfluss auf die Ergebnisse. Schon möglich, dass die belgische Regierung besonders offensiv rechnet. Die deutsche Statistik, die bezüglich Corona vom RKI geliefert wird (Robert-Koch-Institut) ist übrigens bekannt für ihre großen Verzögerungen, auch bei der Sterblichkeitserfassung im Allgemeinen. Wir werden uns ansehen, ob dies auch alles faktengecheckt wird, oder ob private Blogs wie „Science Files“ sich der Sache annehmen müssen, wenn es um wissenschaftliche Methoden geht – was wir bedauerlich fänden, denn aus politischen Gründen (wegen der rechten Einstellung des Betreibers) zitieren wir dieses Medium nicht gerne und es fehlt uns oft die Möglichkeit zum journalistischen Gegencheck. Bei den Corona-Zahlen von Worldometer ist dieser aber relativ einfach: Anhand der Daten der Johns-Hopkins-Universität, die fast identisch sind. Wer es ganz genau haben möchte: Worldometer nennt alle bezogenen nationalen und internationalen Quellen in der aktuellen Gesamtübersicht.

Es bleibt also dabei, dass vor allem die ethische Bewertung der Corona-Zahlen davon gesprägt sein sollte, dass es sich hier um eine zusätzliche Gefahr handelt, die für vorzeitiges Ableben vieler Menschen und sehr viel Leid sorgt und dass die Gefahr so gering wie möglich gehalten werden sollte, wenn man den Grundsatz ernst nimmt, dass jedes Menschenleben zählt. Aber warum nicht auch ernsthaft die Diskussion führen, wie wir z. B. unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem täglichen Sterben in Kriegen überall auf der Welt rechtfertigen? Es wäre schon lange an der Zeit dafür und selbstverständlich legt Corona auch die großen Schwächen unseres Mindsets und einige menschliche Eigenschaften offen, die dazu führen, dass wir uns noch immer nicht als „Eine Welt“ begreifen können und daher weiterhin u. a. massive Umweltsünden begehen. Tote durch Umweltschäden enthält die Liste der verglichenen Todesarten übrigens gar nicht. Würde sie das, käme es wiederum zu Mehrfachzählungen. Wieviele Fälle von Atemwegs- und Krebserkrankungen mit tödlichem Verlauf sind zum Beispiel auf menschengemachte Umwelteinflüsse zurückzuführen? Ist das messbar, wurde es schon gemessen?

TH

Lage Corona #48 vom 01.05.2020 14:30 CEST / Credit für Grafiken und Bilder von der BVV-Versammlung Berlin-Mitte vom 29.04.2020 an @HeimatNeue / Mieterinitiative der Habersaathstraße 40-48 in Mitte.

Die ersten Lockerungen des Corona-Regimes sind in Kraft getreten. Kleine Versammlungen sind wieder erlaubt, kleinere Läden dürfen branchenunabhängig wieder öffnen, dafür gilt nun die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und bei Einkaufen. Mehr dazu hier.

Fallzahlen für Berlin.

Nun warten wir alle darauf, wie die Lockerungen sich bewähren. Die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland ist in den letzten Tagen zurückgegangen, die der Todesfälle noch nicht in gleichem Maße, aber hier ist ein Zeitversatz zu berücksichtigen. Und wie sieht es in Berlin aus? Wir hatten am 29.04. die Gelegenheit, von unseren Freunden aus der @HeimatNeue Infos direkt aus der Versammlung der Bezirksverordneten in Berlin-Mitte zu erhalten und dadurch ein wenig Einblick, wie Corona auf dieser Ebene kommuniziert wird. Wir zeigen einige Grafiken, die bei der Gelegenheit vorgestellt wurden.

Zu dem Zeitpunkt, als die obige Grafik erstellt wurde, gab es in Deutschland insgesamt ca. 155.000 Fälle und ca. 6.200 Todesfälle. Deutschland hat 83 Millionen Einwohner, Berlin 3,7 Millionen, Berlin stellt also 4,5 Prozent der deutschen Einwohnerschaft. Hätte Berlin eine durchschnittliche Infektionsrate, müsste es auf ca. 6.900 Fälle kommen, es sind aber nur 5.738. Noch größer ist die Abweichung vom Durchschnitt nach unten bei der Zahl der Verstorbenen. Sie müsste in Berlin bei ca. 280 liegen, beträgt aber nur 137. Dementsprechend geringer ist die Prozentzahl der Verstorbenen an den „abgeschlossenen“ Vorgängen, die bundesweit derzeit bei etwa 5 Prozent liegt, in Berlin aber nur bei 2,4 Prozent. Auch die Zahl der als genesen angegebenen Personen liegt mit mehr al 82 Prozent sehr hoch, in Deutschland insgesamt wird sie derzeit (01.05.) mit 75 Prozent beziffert.

Die Daten, die wir lesen, sind in Relation zum gesamten Land sehr beachtlich. Besonders, wenn man bedenkt, dass Berlin, von der Rhein-Ruhr-Schiene abgesehen, aus der größten Ansammlung von Menschen auf engerem Raum besteht, die es in Deutschland gibt. Uns erstaunen diese Zahlen auch angesichts der immer noch sehr lässigen Umgangsweise mit der Corona-VO, die wir beobachten. Die Maskenpflicht beim Einkaufen wird eingehalten, wir waren bisher aber seit ihrer Einführung nur in Läden, in denen Mitarbeitende oder Security-Personal bereits am Eingang über die Einhaltung wacht, die Griffe von Einkaufswagen desinfiziert etc. und in den Parks ist wieder ziemlich was los, auch wenn die Mehrzahl der Menschen das tut, was sie auch ohne Corona tut. Sich, wenn Platz genug ist, nicht in Tuchfühlung mit der nächsten Gruppe setzt.

Blicken wir nun auf die Zahl der Corona-Patienten, die sich in stationärer Behandlung befinden, bestätigt sich das relativ entspannte Bild, das Berlin derzeit abgibt. Berlin zählte von Beginn an zu den Bundesländern mit den größten freien Kapazitäten im Intensivbettenbereich pro Einwohner, daran hat sich bis heute nichts geändert. Die Zahl der insgesamt stationär behandelten Patienten überschritt nie die Marke von 600, was allerdings auch bedeutet, dass weit mehr als zehn Prozent der registrierten Fälle in Berlin mit einem Krankenhausaufenthalt verbunden sind. Die Grafik ist leider auf Stand 19.04., wir ergänzen mit einer RBB-Information von gestern Abend:

In Berlin gibt es 5.881 bestätigte Coronavirus-Infektionen (Stand 30.04.2020, 20 Uhr). Binnen 24 Stunden sind damit 60 Infektionen hinzugekommen. Laut Senat sind 566 Menschen in stationärer Behandlung, 162 von ihnen werden intensivmedizinisch versorgt. Bislang sind 149 mit dem Coronavirus infizierte Menschen in Berlin gestorben.

Die Zahl der registrierten Neuinfektionen bleibt also weiterhin gering, die Zahl der neuen Todesfälle ebenfalls. Gleiches gilt für die Zahl der stationär Behandelten und der belegten Intensivbetten. Wer nun in Berlin erkrankt und einen schweren Verlauf hat, muss nicht befürchten, dass er nicht versorgt werden kann. Das ist beruhigend, auch wenn uns jeder Todesfall betroffen macht. Die Formulierung des RBB weist allerdings auf etwas hin, was wir nicht verschweigen dürfen: Es handelt sich bei den Verstorbenen um Menschen, die eine Corona-Infektion hatten, als sie verstarben. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie an Corona selbst verstorben sind. Um diesbezüglich Klarheit zu erhalten, müssten alle Menschen, die „mit“ Corona verstarben, obduziert werden. Das findet nach wie vor nicht statt.

Wie nun die obige Grafik zeigt, ist die Zahl der Fälle in Berlin nur im Zeitraum vom 19. bis 22. März 2020 deutlich schneller gestiegen als im Bundesdurchschnitt, seitdem verläuft die Kurve etwas flacher. Was in der Grafik fehlt, ist die Skala für Berlin, die einen anderen Maßstab hat als die für Deutschland, aber der Trend ist bis zum 19.04. günstig gewesen und gemäß den eingangs gezeigten Zahlen ist es bis gestern so geblieben. Trotzdem haben wir den Zeitraum der schnelleren Ausbreitung in Berlin nicht ohne Grund erwähnt. Erinnern wir uns: Am 22.03. wurde das „Corona-Regime“ eingeführt. Seitdem verläuft die Ausbreitung in Berlin langsamer als im übrigen Bundesgebiet, obwohl alle Bundesländer ähnliche Verfügungen getroffen hatten, einige gingen sogar noch etwas rigoroser vor als die Berliner Stadtregierung.

Nach unserer Ansicht helfen gerade in einer Großstadt, in der Menschen auf engem Raum leben und die Ansteckungsgefahr im öffentlichen Bereich hoch ist, Maßnahmen wie die getroffenen besonders gut, um die Ausbreitung einzudämmen. Die Wirksamkeit der Maßnahmen vom 22.03. steht für uns nach den gegenwärtig erhältlichen Zahlen außer Frage. Berlin wäre ohne diese Einschränkungen, die uns allen viel abverlangt haben, vermutlich ein Corona-Hotspot in Deutschland geworden, das zeigt speziell die Entwicklung im Zeitraum 19. bis 22. März, als ein sprunghafter Anstieg der Fallzahlen zu verzeichnen war und die Verdopplungsrate bei nur 3 bis 4 Tagen lag.

Es ist jetzt an der Zeit, dies zu betonen, falls wir in Berlin insgesamt einigermaßen glimpflich davonkommen. Denn die wirtschaftlichen Schäden sind enorm und die Diskussion, ob es richtig war, sie in Kauf zu nehmen, ist bereits in vollem Gange. Wir sagen bei gegenwärtigem Kenntnisstand: Ja, es war richtig, stark ins Alltagsleben einzugreifen.

Wir werden die weitere Entwicklung beobachten, die sich nach den ersten Lockerungen ergibt.

In wenigen Tagen werden wir wissen, ob damit ein Wiederanstieg der registrierten Neuinfektionen verbunden ist. Die Logik liegt auf der Hand: Nicht nur die Restriktionen, sondern auch die Lockerungen wirken sich in einer Großstadt deutlicher aus als in dünner besiedelten Gebieten, in denen Ausbruchsherde besser lokalisiert und Infektionsketten leichter zurückverfolgt werden können, in denen es also auch eher möglich ist, gezielte kleinräumige Maßnahmen anstelle allgemeiner Einschränkungen zu treffen, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzuschränken. Die unteren Bilder stammen aus der BVV-Versammlung vom 29.04.2020, die in Berlin-Mitte, wie immer, live gestreamt wurde. Sie vermitteln einen Eindruck davon, wie die Kommunalpolitik in Zeiten der Corona-Krise arbeitet. Es ist alles etwas trist geworden; auch an der Beleuchtung wird offenbar im Hinblick auf die sich abzeichnende Wirtschaftskrise gespart.

TH

Lage Corona #41 vom 25.04.2020 13:15 CEST

Die Welt will sich vom festen Griff des Corona-Virus lösen. In Deutschland gibt es seit dem 22.04. erste Erleichterungen, es werden erste Schritte gegangen auf dem Weg der Exit-Strategie. Für Berlin haben wir die aktuellen Vorgaben hier festgehalten. Doch gestern stieg erstmals die Zahl der registrierten Neuinfektionen weltweit auf über 100.000, insgesamt wird spätestens übermorgen die 3-Millionen-Grenze überschritten sein (derzeit 2,846 Millionen, 25.04., 13:00 Uhr). Fast 200.000 Menschen werden aktuell als Todesopfer von COVID19 gezählt.

Am 24. April gab es einen traurigen Rekord. Erstmals überstieg die Zahl der Neuinfektionen die Marke von 100.000:

Angesichts der Tatsache, dass bereits in den Tagen zuvor ein Anstieg zu bemerken war, sieht die gegenwärtige Bewegung wie ein neuer Wellenkamm aus, aber das Wellental zuvor war nicht tiefer als das vorherige, sondern lag leicht darüber, knapp unter 75.000 Neuinfektionen täglich. Allerdings kamen gestern zwei Faktoren zusammen, von denen zumindest einer sehr ungewöhnlich ausschaut. Gestern hatte das südamerikanische Ecuador über 11.000 neue Fälle gemeldet, damit hat sich die Fallzahl dort an einem Tag fast verdoppelt. Selbstverständlich handelt es sich dabei um Nachmeldungen oder um eine geänderte Zählweise.

Der andere Faktor, nicht ganz so überraschend: Die USA haben gestern mit fast 40.000 gezählten Neuinfektionen eine neue landeseigene Höchstmarke aufgestellt:

In den Vereinigten Staaten hatte sich in den vergangenen Tagen bereits ein erneuter Anstieg der Fallzahlen ergeben, nachdem es vom 18. bis 21. April so aussah, als sei zumindest eine Stabilisierung bei ca. 25.000 neuen Fällen täglich zu erreichen. Gestern lag die Zahl der Todesfälle in den USA unter 2.000, aber angesichts der massiven Zunahme der Neuinfektionen wird auch sie zeitversetzt wohl wieder ansteigen. Die USA bestimmen in den letzten Tagen auch maßgeblich das Bild der weltweiten Kurve der Neuinfektionen – ca. 37 Prozent aller weltweiten Neuinfektionen wurden gestern in den USA registriert. Und wie schaut es in Deutschland aus?

Angesichts dieses Verlaufs ist verständlich, dass viele denken, das Gröbste sei vorüber. Auch die Todesfallzahlen erreichen keine neuen Höchstmarken mehr und sind gestern unter 200 gefallen. Der Rückgang ist aufgrund des Zeitversatzes von Ansteckung bis Tod aber noch nicht so gering wie bei den Neuinfektionszahlen. Angesichts dessen, was wir in Berlin beobachten, befürchten wir allerdings: In den Milieus, die sich am wenigsten an die Corona-Verordnung halten, wird auch nicht gerade häufig getestet, die Dunkelziffer dürfte hoch sein – und damit das Potenzial, dass andere mit voller Gleichgültigkeit angesteckt werden.

Wir würden uns wirklich freuen, wenn wir in diesem Fall nicht Recht behielten. Auch wenn uns während der Alltagsbeobachtung manchmal der Gedanke überkommt: Warum wird nicht endlich ein Virus frei, das nur die Dummen krank macht und die Ignoranten? Ein schwerer Verlauf bei der eigenen Person oder im Familienkreis würde vielleicht ausreichen, damit wenigstens bezüglich Abstand halten, in Gruppen unterwegs sein und Schutzmaske tragen umgedacht wird – es muss ja nicht die Todesfolge sein.

In einem unserer nächsten Beiträge zur Corona-Krise werden wir uns speziell mit den Corona-Leugnern bzw. den Leugnern der Gefährlichkeit des Virus befassen und wie ihre Ansichten a.) durch vollkommen absurde politische Spins gefärbt sind und b.) sie offenbar auch einfachste Statistiken nicht lesen können. Vor allem Hochschullehrern, die das nicht können, müsste umgehend die Lehrerlaubnis entzogen werden, damit sie nicht eine weitere Generation von Wissenschaftlern produzieren, die weder einen heuristischen Zugang zu Statistiken hat, noch zwischen relativen und absoluten Zahlen unterscheiden kann. Wir wiederholen es gerne: Wir verwenden „Worldometer“ als unsere Datenbasis für die Betrachtung der weltweiten Entwicklung, weil WM auf dieselben Quellen zugreift, aber schneller bei der Auswertung ist, als die Johns-Hopkins-Universität und – weil gleich die relativen Zahlen (Fallzahl, Todesfallzahl, Zahl der Tests usw. in Relation zur Bevölkerungszahl) mitgeliefert werden, die wir daher nicht selbst berechnen müssen.

Wenn zum Beispiel Wissenschaftler diese relativen Zahlen ignorieren und ernsthaft behaupten, Schweden, das letzte Herdenimmunitäts-Land, macht es derzeit besser als Deutschland und das mit geringeren absoluten Todesfallzahlen belegen will, dabei nicht berücksichtigt, dass Deutschland mehr als achtmal so viele Einwohner hat (und viel dichter besiedelt ist, btw.), ist entweder in erheblichem Maße böswillig oder so wenig erleuchtet, dass man sich die Frage stellen muss, nach welchen Kriterien bei uns Lehraufträge vergeben werden.

TH

Lage Corona #38 vom 20.04.2020 19:15 Uhr CEST

Es ist soweit. Die ersten Lockerungen der Kontaktsperre traten heute in Kraft. Die Diskussionen darüber sind im Gange, „#Öffnungsdiskussionsorgien“ trendet. Ebenso wie „Tag 1“. Leider haben wir uns an die hohen Todesfallzahlen gewöhnt, die das Corona-Virus verursacht, andererseits bleibt die Zahl der Neuinfektionen weltweit seit einigen Tagen mehr oder weniger gleich – überschlägig betrachtet. Das heißt, prozentual sinkt sie. In Europa gibt es unter den größeren Staaten oder Flächenstaaten einen neuen „Spitzenreiter“ bezüglich der Todesfälle. Nur der Stadtstaat New York liegt unter den Einheiten mit mehr als 10 Millionen Einwohnern noch schlechter.

In Bayern kommt nun die Schutzmaskenpflicht, die wir für ganz Deutschland gefordert haben, inklusive kostenfeier Ausgae an alle Haushalte.

Weitgehend unbemerkt hat sich Belgien an die Spitze der europäischen Hotspots geschoben. Ganz neu ist die Entwicklung nicht, wir beobachten sie seit Tagen, aber wir wollen unsere Leser*innen nicht jeden Tag mit einem neuen Lageartikel konfrontieren. Wir haben zuletzt klargestellt, dass uns das Schreiben über Corona, besonders die Lageberichte, weniger diejenigen zu Ethik und Recht, nicht gleichgültig lässt, sondern belastet. Wir vermuten, dass es vielen Leser*innen ähnlich gehen könnte.

Immerhin hat der SPIEGEL darüber einen Artikel verfasst und den Leser*innen mitgeteilt, dass die belgische Zählweise sehr offensiv sei, zumindest nach Darstellung der heimischen Politik, es werden aber auch Versäumnisse erwähnt. Der Vergleich mit den deutschen Zahlen, also denen eines gut vergleichbaren Landes, vor allem jenen von Nordrhein-Westfalen, offenbart aber einmal mehr, dass die deutschen Todesfallzahlen verdächtig niedrig liegen. Denn es ist unmöglich, alle „echten“ Corona-Fälle, also die Menschen, die nicht mit, sondern an Corona verstorben sind, zu identifizieren, sofern nicht alle Verdachtsfälle obduziet werden. Das findet nach wie vor nicht statt. Insofern ist die belgische Zählweise, auch die Menschen „mit“ Corona einzubeziehen, die sichere oder seriösere.

Wir haben hier die elf Länder mit den höchsten Todesfallzahlen in Relation zur Einwohnerzahl abgebildet, sortiert nach der dritten Spalte von rechts.

Die weltweite Zahl der Neuinfektionen hat an einem Tag bisher nie die 100.000 überschritten – wir hatten den Verdacht, dass das durch neue Hotspots in Südamerika oder Afrika geschehen könnte, aber die Fallzahlen dort steigen bisher nur maßvoll an.

Die absolute weltweite Fallzahl liegt gerade bei 2,44 Millionen (Stand 20.04., 18:55 Uhr), ca. 640.000 Menschen innerhalb der Gruppe der bisher Erkrankten gelten als genesen. Das sind weniger, als allein die USA derzeit an Infiziertne zählen (771.000), die wohl in dieser Woche die Millionengrenze übersteigen werden. Dennoch stehen sie in der obigen Rangliste an elfter Stelle. Besonders rudimentäre Medien vergessen bei Horrormeldungen aus den Vereinigten Staaten regelmäßig, zu erwähnen, dass die USA beinahe die vierfache Einwohnerzahl Deutschlands aufweisen, aber: Die Todesfallzahl liegt, gerechnet auf die Einwohner, mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. Die Zahl der neuen Fälle stabiliserte sich hier zuletzt unterhalb 30.000 pro Tag:

Allerdings hat am 15. April eine ungewöhnlich hohe Zahl gemeldeter Todesfälle in den USA dazu geführt, dass es zum höchsten weltweiten Anstieg seit Ausbruch der Pandemie kam. Vielleicht hat sich die Zählweise verändert, das hatte in der „chinesischen Phase“ auch schon zu einem sehr starken Anstieg der Fälle an einem einzigen Tag geführt – der Infizierten, nicht der Todesfälle:

Apropos China: Vor wenigen Tagen hat Chian wie aus dem Nichts über 1.000 Todesfälle nachgemeldet, das war diemit Abstand höchste Zahl, die es dort je innerhalb von 24 Stunden gegeben hat. Dennoch sind die Todesfallzahlen und nach aktuellen Maßstäben sehr niedrig.

Vergleicht man nun die USA und Europa, ergibt sich für die USA sogar ein besserer Verlauf. Das gilt insbesondere für die Todesfallzahlen. Aber die Grafik hat zwei erklärungsbedürftige Besonderheiten. Sie gilt für die beiden Vergleichsregionen ab dem jeweiligen Tag des 100. Todesfalls, daher auch der kürzere Graph der USA – und es wird nicht berücksichtigt, dass Europa je nachdem, welche Länder man integriert (z. B. den europäischen Teil Russlands) zwischen 80 und über 100 Prozent mehr Einwohner hat als die USA. Gleichwohl bleibt die stärkere Abflachung der Kurve der USA festzuhalten.

Das Problem der Vereinigten Staaten ist vor allem, dass es einige Bundesstaaten mit sehr hohen Zahlen gibt, vor allem New York (mehr Fälle als in Spanien, das bezüglich der Gesamtinfektionszahlen in Europa weiterhin vorne liegt, 247.000 zu 202.000). Die Zahl der Todesfälle pro Einwohner liegt sogar fast doppelt so hoch wie im oben erwähnten Belgien (957 / 503). Wir haben hier die Zahlen der zehn am stärksten betroffenen US-Bundesstaaten abgebildet, die heutigen Zahlen liegen mehrheitlich noch nicht vor.

Wir registrieren also eine Art Verstetigung, wenn wir die weltweiten Zahlen betrachten. Ob das schon der Moment ist, in dem Lockerungen wirksam werden sollten, wie sie heute in vielen Ländern, auch in Deutschland, umgesetzt werden? Wir sind skeptisch. Ab heute gilt in Bayern übrigens Maskenpflicht. Na bitte. Geht doch. Die Fallzahlen in Deutschland sind in den letzten beiden Tagen, pünktlich zu den vorgesehenen Lockerungen, stark gefallen, auch die Todesfallzahlen.

Irgendwie sind wir hier doch ein kleines China.

TH

Lage Corona #35 vom 15.04.2020 15:45 Uhr CEST

In den letzten Tagen haben wir keine Zahlen mehr besprochen, die Corona-Krise betreffend. Zum einen ist diese Form von Aufbereitung belastend, das wollen wir nicht verschweigen. Es ging aber auch um etwas anderes: Abwarten, wie die Dinge sich entwickeln. Nach dem Feiertagswochenende dreier Religionen und an den beiden ersten Tagen danach. Am gestrigen Dienstag stieg zwar nicht die Zahl der neuen Infektionen in Deutschland stark an, aber die Zahl der registrierten Todesfälle auf den bisher zweithöchsten Stand an (285).

Weltweit ist eine gewisse Verschiebung unter den betroffenen Ländern zu beobachten, in Westeuropa scheint der Höhepunkt der Neuinfektionszahlen weitgehend überschritten zu sein. Aber ist die Lage deshalb im Griff?

Unter diesen Voraussetzungen findet gerade die Konferenz der Ministerpräsidenten mit Bundeskanzlerin Angela Merkel statt, in der über eine Exit-Strategie verhandelt wird. Natürlich ist klar und wünschenswert, dass der Corona-Modus auf eine sinnvolle und verantwortungsbewusste Weise wieder in den Normalzustand übergeht, aber es gibt auffällige Unterschiede in der Haltung von Politikern, die Regierungsverantwortung tragen. Besonders der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, tut sich als Express-Normalisierer hervor, obwohl NRW zu Beginn des deutschen Teils der Pandemie das am stärksten betroffene Bundesland war. Inzwischen sind die Fallzahlen in Bayern und Baden-Württemberg bei jeweils geringerer Bevölkerungszahl höher. Aber es geht um eine Regelung fürs gesamte Land, nicht um Alleingänge einzelner Bundesländer, das wird immer wieder ausdrücklich betont – nach unserer Ansicht aber, wie schon bei den jetzigen Lockdown-Maßanhmen, nicht zu einer kompletten Vereinheitlichung der Exit-Tatbestände führen.

Die Expertise der Leopoldina hat zuletzt bezüglich der Exist-Strategie eine große Rolle gespielt, wir haben uns an dieser Stelle dazu geäußert. Ebenso hat es die Heinsberg-Studie des Wissenschaftlers Hendrik Streeck zu einer Bekanntheit gebracht, die wissenschaftliche Publikationen nur in Zeiten erreichen, in denen Politik und Wissenschaft miteinander eine so seltene direkte Verbindung eingehen wie im Ausnahmezustand der Corona-Krise und beide zusammenwirken, um innerhalb weniger Tage unser Leben sehr stark zu verändern.

Viele von uns, die sich mit dem einen oder anderen Politikgebiet auszukennen glauben, müssen jetzt etwas tun, was sie nicht sehr schätzen. Aber wenn schon der Begriff der Herde durch das Wort Herdenimmunität wieder so in Gebrauch gekommen ist, bietet sich der Vergleich an. Sie müssen sich in die Herde einreihen, die nicht in der Lage ist, die Lage zu beurteilen. Die meisten von uns haben bei Weitem nicht genug Fachwissen, um bei Corona mitreden zu können. Immerhin wissen wir, dass auch die Fachleute nicht einer Meinung sind, in dieser Sache.

Darum geht es in diesem ausführlichen und hervorragend geschriebenen Beitrag von „Riffreporter“:

Wie es jetzt ausgenutzt wird, dass wir die Beurteilungsmaßstäbe, die wir uns über viele Jahre hinweg angeeignet haben, nicht mehr verwenden können und dass dadurch auch die Stunde der Manipulateure gekommen ist. Die sind immer unterwegs, aber was eignet sich besser als eine neuartige Situation, die vielen Menschen Angst macht, um zu zeigen, was moderne PR leistet und wie sie politisch eingesetzt werden kann? Der Beitrag ist deshalb für uns nicht nur in Bezug auf Corona interessant, denn wir haben uns natürlich Gedanken darüber gemacht, auf welchen anderen Gebieten, die wichtig für uns alle sind, ähnlich vorgegangen wird.

Immerhin haben wir uns bei unserer Berichterstattung stark auf Corona eingestellt und lesen uns jeden Tag stundenlang durch die Nachrichtenlage. Wir sind deshalb keine Befürworter der Laschet-Linie. Wenn man bedenkt, wie stark die Beschränkungen in einigen Bereichen sind und wie zivilgesellschaftliches Engagement derzeit behindert wird, haben wir kein Verständnis dafür, dass jetzt ausgerechnet dort, wo die Infektionsgefahr am höchsten ist, wieder der Normalzustand herbeigeführt werden soll. Das gilt für Schulen ebenso wie für die Verwertung von Menschen in der Wirtschaft.

TH

Lage Corona #31 vom 08.04.2020

Die Zahlen zur Corona-Epidemie lösen derzeit unterschiedliche Gefühle aus. In manchen Ländern wie Spanien und Italien ist es denkbar, dass man das Gröbste überstanden hat, Neuinfektions- und Todesfallzahlen gehen langsam zurück. Dafür nimmt das Geschehen in den USA immer mehr Fahrt auf und es gibt eine neuen Krisenherd in Europa – nicht erst seit heute, aber deutlicher als bisher: Frankreich.

Einiges zu Deutschland haben wir auch aufgeschrieben, als Fortsetzung unseres Triage-Beitrags #29. Man kommt kaum hinterher, so schnell werden derzeit zivilisatorische Tatbestände ad acta gelegt.

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Sochen sieht es jetzt so aus, als ob die Zahl der neuen Fälle sich weltweit stabilisieren würde. Der Peak vom 3. April mit über 100.000 Neuerkrankungen, an dem gleichzeitig die Zahl aller Fälle die Millionengrenze übersprang, wurde bisher nicht wieder erreicht. Allerdings gibt es für diesen Peak einen besonderen Grund: Ein Land weist sehr erratische Zahlen auf und hatte an dem Tag fast viermal so viele Fälle gemeldet wie sonst üblich – gleichzeitig zog die Zahl der Neuerkrankungen in den USA auf über 30.000 täglich an und pendelt sich derzeit um diese Zahl herum ein. Die Hoffnung, dass die Spitze erreicht ist, zumal sich im besonders betroffenen Staat New York eine Beruhigung erkennen lässt, darf man also haben:

Allerdings gilt das noch nicht für die Todeszahlen. Sie erreichten gestern mit 1.970 einen neuen Höchstwert:

Ob sich an der Erfassungsmethode etwas geändert hat, wissen wir nicht, der Unterschied zu den Vortagen ist jedenfalls sehr deutlich sichtbar. Mit ca. 43 Todesfällen pro Million Einwohner liegen die USA zwar mittlerweile höher als Deutschland (26, Zahlen bereits vom 8. April, 21:25 MESZ), aber immer noch weitaus niedriger als in den europäischen Hauptkrisenländern, die sämtlich zahlen von über 100 Tote pro Million Einwohner aufweisen, an der Spitze der größeren Ländern Spanien mit 314. Mit beängstigender Geschwindigkeit holt Frankreich allerdings auf:

Fast 11.000 neue Fälle gestern wären eine neue Höchstzahl gewesen, hätte es nicht bereits am 3. April einen Ausreißer (ca. 23.000 Neufälle) gegeben, der darauf schließen lässt, dass viele Fälle nachgemeldet wurden. Wir hatten am zweiten April berichtet, wie seltsam wir es fanden, dass die Fallzahl in Frankreich ausgerechnet an dem Tag extrem niedrig war, an dem weltweit die Millionengrenze überschritten wurde. Nicht, dass Frankreich nun bei der Gesamtfallzahl knapp vor der deutschen liegt, ist aber das Problem, sondern die enorm hohe Todesrate:

Die Zahlen schwanken zwischen den einzelnen Tagen sehr stark, aber sie sind horribel. Am 3. April und am gestrigen Tag jeweils über 1.400 Tote, das ist mit Abstand europäischer Rekord. Spanien und Italien hatten auf dem Höhepunkt ihrer jeweiligen Krise nur knapp 1.000 Tote pro Tag gemeldet. Um es zu verdeutlichen: Wenn man die gestrige Zahl von Toten auf die Bevölkerung der ebenfalls stark betroffenen USA umlegen würde, hätten dort ca. 7.000 Menschen sterben müssen, damit sich dieselbe Relation zur Bevölkerungsgröße gebildet hätte.

Auch in Deutschland steigen die Todesfallzahlen kontinuierlich an und wer am vorgestrigen Abend die NDR-Talkshow mit dem Krankenpfleger Alexander Jorde als Gast gesehen hat, erhielt die Klarheit, die Funktionärinnen der Ärzte und der Pflegeberufe bei Anne Will am Sonntag noch vermissen ließen: Bereits seit 2017, damals noch als Azubi, macht Jorde auf den Notstand in der Pflege aufmerksam und gestern in „Fakt“ und in der Talkshow wurde richtig Tacheles geredet über die allgemeinen und die aktuellen Zustände und über die Unfähigkeit der Regierung, die Produktion und den Ankauf von Schutzkleidung und Masken im notwendigen Maße hochzufahren. Die Statements Betroffener aus Krankenhäusern, Pflegeheimen und Arztpraxen waren dramatisch und wütend. Man fühlt sich nicht mehr und nicht weniger als im Stich gelassen.

Es kulminiert in der Krise, was bisher von der Politik einfach ignoriert wurde, im Gegenteil, man privatisierte in den letzten Jahren immer weitere Kliniken, machte die Pflege durch Unterbezahlung unattraktiv, alles zugunsten des Profits. Jetzt muss die Arbeitszeitordnung geändert werden, damit Zwölf-Stunden-Schichten möglich werden, ebenso der Personalschlüssel, mehr Kranke pro Pfleger*in, der Schlüssel war bisher schon zu hoch, die Ausfälle aus Infektionsgründe und wegen Überlastung werden im Pflegebereich steigen.

Nun kommt, was kommen musste: Der Ethikrat macht sich Gedanken über die Triage, über die wir vor wenigen Tagen geschrieben haben. Wir haben uns angesichts der Statements aus dieser Richtung gefragt, ob wir es mit ethisch hochstehenden Menschen oder mit einem Gruselkabinett zu tun haben, das den Mangel in Handlungsempfehlungen umsetzt, wen man nun zuerst sterben lassen könnte, anstatt das einzig Richtige und Wahre zu tun: Der Regierung endlich klarzumachen, dass sie Menschen wissentlich umbringt, mit ihrer kruden Art von Gesundheitspolitik und mit einem Krisenmanagement, das zwar rigide beim Einschränken von Freiheitsrechten, aber hilflos im Organisatorischen ist.

Stattdessen darf eine Rechtsanwältin, die sich in anderen Zeiten vermutlich … nein, das lassen wir weg …, darüber philosophieren, dass das Leben einer jungen Mutter mehr wert sei als das eines älteren Menschen, weil sie ja noch mehr davon vor sich habe – selbst dann, wenn der ältere Mensch die besseren Heilungsaussichten hätte. Das würde wohl sogar gelten, wenn eine junge Person Vorerkrankungen hätte, die deren Weiterleben möglicherweise nicht wahrscheinlicher machen als das einer älteren Person ohne Vorerkrankungen. Dass solche Erwägungen noch wichtig werden, können wir uns sehr gut vorstellen. Der Ethikrat empfiehlt diese Art von Ideologie nicht, sondern will die zu treffenden Entscheidungen noch anhand der Heilungschancen ausrichten – aber die Triage ist damit implementiert. Die Gewöhnung an sie wird eingeübt.

Wenn insbesondere in Senioreneinrichtungen weiterhin nicht ausreichend Schutzkleidung für das Personal zur Verfügung steht, wird sie bald zum Einsatz kommen. Ohnehin kam es in diesem Bereich schon zu unfassbaren Vorgängen, zu Massensterben in einzelnen Häusern. Derweil werden Maskenlieferungen umgeleitet und kommen nicht in Deutschland an. Derweil wird Betrug mit Masken begangen, die Masken gibt es gar nicht. Derweil müssen Unternehmen ihre geschäftlichen Verbindungen einsetzen, um irgendwo auf der Welt Schutzkleidung zu organisieren. Weil die Regierung es nicht hinbekommt, müssen Privatmenschen für sich und andere Masken nähen, natürlich unentgeltlich, während bei der Auslandsbeschaffung der Meistbietende den Zuschlag bekommt.

Derweil befürchten Ärzt*innen dass die sonstige Versorgung und Vorsorge zusammenbricht, weil alles auf Corona konzentriert ist. Viele Untersuchungen und auch Operationen müssen längst zurückgestellt werden, um Kapazitäten für die Krise freizuhalten. Werden die sich daraus ergebenden Kollateralschäden in die Corona-Statistik einfließen? Eher nicht. Vermutlich wird man am Ende des Jahres eine erhöhte Sterblichkeit feststellen. Kann ja mal passieren.

Die Zivilgesellschaft muss wieder einmal für die Fails der neoliberal gestrippten Gesundheitsvorsorge geradestehen und sieht Todesfälle, die niemals hätten eintreten dürfen. Selten zuvor hat man in einem so direkten Zusammenhang gesehen, dass die Unterordnung jedweder anderen Überlegung unter die Belange eines menschenverachtenden „Marktes“ tödlich ist. Deswegen Markt in Anführungszeichen, denn hier handelt es sich um eine Perversion dieses Begriffs. Dieser „Markt“ hat nichts mit friedlichem, gleichberechtigtem Austauschandel zu tun: Bis auf ein paar Reiche sind Patienten die Opfer und sind Ausübende von Helferberufen Opfer, sind selbst hilflos gefangen in einem rüden System, das gegen die gemeinsamen Interessen und die Interessen der weit überwiegenden Mehrheit von uns gerichtet ist.

Wenn man dann sieht, wie die Union in Wahlumfragen immer weiter steigt, trotz der massiven Einschränkungen für die Menschen, das auch durch zu geringe Kapazitäten im Gesundheitswesen notwendig wurde und trotz eines eklatanten Beschaffungs-Missmanagements, kann man beinahe nur noch einen Schluss ziehen: Die Jüngeren tendieren vermehrt in diese politische Richtung, weil sie erkannt haben, dies ist eine günstige Gelegenheit, um einige Ältere, die ohnehin als überflüssig betrachtet werden, loszuwerden und mit etwas Glück erbt man dadurch vorzeitig. Dass betagte Menschen das, was im Moment läuft, witzig finden, können wir uns nicht vorstellen, zumal darüber nachgedacht wird, sie wegzusperren, damit der Konsumladen wieder läuft.

Die trotzdem zu beobachtende überwiegende Gefasstheit dieser Generation und die Wut und Fassungslosigkeit der „Systemrelevanten“ jeden Alters berühren uns gleichermaßen und steigern unsere Entschlossenheit, gegen die Ausbeutung der Mehrheit und die Ökonomisierung jedes Lebensbereichs die Stimme zu erheben.

TH

Corona #31 vom 06.04.2020

Seit unserem letzten Corona-Artikel in der Rubrik „Lage“ sind zwei Tage und zwei Talkshows vergangen und wir schreiben über unsere Eindrücke zum Krisenmanagement in Deutschland.

Die politischen Auswirkungen sind schon ebenso dramatisch wie die sozialen und wirtschaftlichen. Alles versammelt sich hinter der Regierung, speziell hinter der Bundeskanzlerin, die beinahe wieder ein Heiligen-Status erreicht wie im Herbst 2015, besonders ausgeprägt in derselben Gruppe außerhalb der CDU-Stammwählerschaft, wenn wir die Reaktionen in den sozialen Netzwerken richtig deuten. Kritik in Zeiten der Krise ist verpönt, das haben wir verstanden. Wir machen trotzdem keinen Kotau, sondern schauen etwas genauer hin. Es geht um Kausalität, aber auch um aktuelle Eindrücke.

Es beginnt mit einer Beichte. Nach dem Sonntags-Tatort hat sich bei uns ein ganz neuer Rhythmus eingestellt. Wir bleiben bei der ARD, schauen Anne Will, die Tagesthemen und auch noch TTT. Nicht, weil wir mehr Zeit hätten, sondern, weil sich auch bei uns ein Phänomen bemerkbar macht, das in diesen Zeiten wohl viele Menschen erfasst: Man ankert sich bei den Ankerjournalisten der Öffentlichrechtlichen, weil man hofft, von ihnen doch aufgrund größerer Möglichkeiten und Recherchefähigkeit und einer gewissen Ausgewogenheit die Lage so dargeboten bekommen, dass wir zumindest einen Ansatzpunkt für die Diskussionen der kommenden Woche haben. Alternativmedien können in dieser Zeit nicht bieten, was Menschen suchen, das ist offensichtlich, denn scharfe Kante und die Aggressionen, die bestimmte Darstellungen auslösen, sind im Moment einfach nicht gefragt.

Insofern verstehen wir sogar, dass Angela Merkel wieder mal auf einen Schild gehoben wird, auf den sie definitiv nicht gehört und eine Regierung hohe Zustimmungswerte erreicht, die im Grunde nur da tut, was in anderen Ländern auch getan wird – und immer noch ist die Faktenlage in Deutschland erstaunlich, wie z. B. die gegenüber vergleichbaren Ländern wesentlich geringeren Corona-Todesfallzahlen. Wird bei uns doch nur gezählt, wer nicht mit dem Virus, sondern durch es verstorben ist? Bisher deutet nichts darauf hin, denn, um darüber Sicherheit zu erhalten, müssten alle infizierten Toten obduziert werden.

Zwei Tage zurück zu Anne Will. Haben Sie Olaf Scholz gesehen, den Vizekanzler? Und haben Sie danach immer noch den Eindruck, das Krisenmanagement sei gut? Nur, weil die Ärzte- und Pflegeberufe-Vertreterinnen so rücksichtsvoll waren, Scholz kaum anzugehen, obwohl ihre inhaltlichen Aussagen klar waren? Es wird nicht genug Schutzausrüstung beschafft, die gegenwärtige Situation ist gefährlich, wenn nicht lebensgefährlich für die Mitarbeitenden von Kliniken und unterschiedlichen Pflegeeinrichtungen. Soziale Träger haben übrigens sowieso nur noch Notbetrieb mit möglichst wenig Kontakten, also das Gegenteil von dem, wofür sie eigentlich da sind – weil keine Sicherheit für alle Beteiligten gewährleistet ist.

Die Beschaffung von Schutzmaterialien hätte mindestens einen Monat früher anlaufen müssen, aber man hielt Corona offenbar für eine exotische chinesische Angelegenheit, als dort alles sichtbar war, was sich jetzt bei uns zeigt. Und die Wirtschaft nun zur Produktion zu verpflichten, anstatt sie weitgehend stillzulegen, selbstverständlich unter Bereitstellung der notwendigen finanziellen Mittel, das traut sich die Regierung nicht. In den erzkapitalistischen USA, deren Administration natürlich ebenfalls viel zu spät reagiert hat, geht das. In Deutschland werden außerdem „Marktpreise“ gezahlt. Der Markt, der einen Fail nach dem anderen liefert, wird immer noch bedient, anstatt korrigiert. Kennen wir das irgendwoher? Aber ja, wir müssen nur an unser Zentralthema Mietenwahnsinn denken. Es müsste so laufen, dass kostendeckend gearbeitet, aber keine Krisengewinnlerei betrieben werden kann. Von einer „nationalen Anstrengung“ sind wir derzeit weit entfernt und Geld ausschütten und das öffentliche Leben herunterregeln, sind kurzfristig notwendig, aber keine Maßnahmen, die von visionärer Politikgestaltung zeugen. Okay, warum sollte das Vorwärtsdenken gerade jetzt entstehen, wo „auf Sicht“ gefahren wird?

Volkswirtschaftler. Volkswirtschaftler können wir derzeit kaum noch sehen oder hören. Jeder von ihnen, weil nur eine bestimmte Gruppe eingeladen wird, versucht, die Pfründe des Neoliberalismus zu retten, anstatt einzugestehen, dass die Modelle, mit denen bei uns versucht wird, den Menschen und seine ökonomischen Verhaltensmuster zu erklären, schon lange nicht mehr taugen. Sie führen zu sozialen Disparitäten enormen Ausmaßes, sie trugen nach 2008 nicht nur Normalisierung der Verhältnisse bei und das fällt nun in der Corona-Krise noch zusätzlich an: Dass viele Länder in Europa noch immer unter den Folgen der Bankenkrise leiden und finanziell nicht beweglich genug sind in der Corona-Krise. Die herrschende Lehre stolpert von einem Fail zum nächsten, wird aber hofiert, als sei das, was sie verkündet, nicht nur eine Religion, sondern die einzige. Es gibt nur einen Gott, und der heißt maximaler Profit für wenige auf Kosten der Mehrheit.

Deswegen ist übrigens auch zu befürchten, dass der massive Mitteleinsatz zugunsten der Wirtschaft, der eingeleitet wurde, nicht im vorgesehenen Maße in Innovation / Produktion gesteckt werden wird, sondern die Fehlallokationen der letzten Jahre weitertreiben wird: Alles fließt in konservative Geldanlagen und diejenigen, die davon profitieren, erzählen uns, diese Schräglage sei Marktwirtschaft. Blödsinn! Sie ist Ausfluss hilfloser Versuche, die europäische Wirtschaft über Wasser zu halten und hat auf die Mehrheit der Menschen vor Ort massive negative Auswirkungen.

Es ist so bezeichnend, dass in der Corona-Krise die Wirtschaft gepampert wird ohne Ende, aber weiterhin mit Samthandschuhen angefasst wird, was ihre Verpflichtungen angeht, bei der Krisenbewältigung zu helfen.

Haben Sie Olaf Scholz gesehen? Den Harten, den Trickreichen, wie wir seit dem G20-Gipfel 2020 wissen? Er saß da und dachte die ganze Zeit: Hoffentlich kommt nicht noch jemand, der mal Tacheles redet, sonst muss ich losheulen, dann kommt vielleicht doch noch raus, dass unser Krisenmanagement vor allem darauf setzt, dass die Systemrelevanten und Millionen von Freiwilligen durchhalten, sich der Gefahr aussetzen und nicht davonrennen, dass sie das schaffen, was wir nicht schaffen, nämlich das Land vor Szenarien wie in Italien oder Spanien zu bewahren.

Und wie gut passt da seine Haltung zur Schutzmaskenpflicht. Wir finden die Schutzmaske auch nervig und man schwitzt sogar darunter, wie wir jetzt, wo’s wärmer wird, festgestellt haben. Und erst diese medizinischen Handschuhe beim Einkaufen. Die Mehrheit hält das übrigens schon wieder für weitgehend überflüssig, wie wir gestern wieder einmal feststellen durften. Aber wie wäre es denn, mit diesem Angebot an die indolenten Teile der Bevölkerung, die nur ihr eigenes Ding sehen? Wir machen eine Maskenpflicht, dafür können bestimmte andere Restriktionen alsbald gelockert werden. Sogar das Vermummungsverbot wäre aufgehoben. Scherz, muss in diesen Zeiten auch sein. Aber Olaf Scholz sitzt unangenehm berührt da und fürchtet, es könnte wieder die SPD und nicht die CDU treffen, dass die Deutschen sich viele Freiheitsrechte abnehmen lassen, ohne groß zu murren. Doch andere damit schützen, dass man sich mal so ein Tuch vors edle Antlitz hängt, vielleicht gibt’s auch schon Designermodelle, die manches Gesicht eher aufhübschen, das geht gar nicht. Das würde eine revolutionäre Stimmung auslösen. Das wäre der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Corona-Bonds. Wenn es einen Gott gibt, möge er uns helfen. Jetzt. Was Vertreter*innen vieler Parteien im Moment unisono von sich geben, zeugt von einer Ahnungslosigkeit, die schon in der Eurokrise dazu geführt hat, dass zu Recht Grüne und der Mainstream der Linken damals keine guten Umfragewerte hatten. Nein, Corona-Bonds sind etwas anderes als Eurobonds nach der Bankenkrise, da hat Professor Hüther vom IW ausnahmsweise Recht. Aber nur, solange es um die Motivation geht und die Hintergründe, nicht die Folgen betreffend. Die könnten ähnlich sein. Die Bundesregierung lehnt Corona-Bonds noch ab. Nach unserer Ansicht aber nicht, weil die Unterschiede zur Situation von 2008 nicht verstanden werden, sondern, weil die Gemeinsamkeiten erkannt werden und man weiß, wie gefährlich Bonds dieser Art für die ohnehin wackelige EU sein könnten. Man hat sich durch ein inkonsequentes Krisenmanagement seinerzeit selbst Steine für die Zukunft in den Weg gelegt, über die stolpert man jetzt. Den Zusammenhang zu benennen, traut man sich nicht. Denn die Erosion oder EU hat auch damit zu tun, dass damals Risse, die sich zeigten, nicht ernsthaft besprochen und dann repariert wurden.

Wir meinen, es kommt schon gar nicht mehr darauf an. Corona-Bonds für die Euro-Zone? Die EU-Länder, die da nicht drin sind, können sich ja alleine helfen. Und der Witz: Das könnten sie in der Regel wirklich, weil ihre Wirtschaft stabiler ist als die der meisten Eurozonen-Staaten. Bei ebenjenen kommt es eigentlich nicht mehr darauf an, auf den bisherigen Dauer-Notfallmodus der Geldpolitik auch noch Corona-Eurobonds zu packen. Wenn der Euro dadurch doch Schaden nimmt und man doch feststellt, dass ein einziges größeres Land mit Noch-Topbonität, nämlich Deutschland, nicht ausreicht, um Niedrigzinsen für Eurobonds abzusichern, falls man sie nicht gleich alle von der EZB kaufen lässt, sondern sie an den Finanzmärkten platzieren will: Papiere, mit denen für 19 wirtschaftlich ganz unterschiedlich aufgestellte Euro-Staaten Geld beschafft wird. Dann hat man’s wenigstens versucht.

Wir meinen auch, jeder Widerstand ist mittlerweile weitgehend zwecklos. Eine ökonomische Krise hätte es sowieso in den nächsten Jahren gegeben, jetzt kommt sie härter, sodass das Ausschleichen praktischerweise als Boom empfunden werden wird, und die Politik kann sich wunderbar hinter einem Virus als Auslöser der misslichen Wirtschaftslage verstecken. Die dringenden Reformen weg vom neoliberalen Layout, welches die EU so dringend nötig hätte, hat man nicht vorgenommen, deshalb ist Solidarität schwierig: Sie ist einfach nicht im Mindset der Entscheider*innen enthalten.

Und Deutschland spielt in dieser Angelegenheit eine gleichermaßen dominierende wie unproduktive Rolle. Nur, wenn Deutschland sozialer ausgerichtet wäre und mehr auf ökonomisches Gleichgewicht anderen gegenüber, hätte es diese Reformen mit seinem Gewicht in der EU befördern können. Genau jene Kanzlerin, die jetzt wieder hofiert wird und deren Tross haben aber genau dies verhindert.

Natürlich, die Ego-Shooter unter den Regierungen der EU-Länder hätte man nicht mitnehmen können, aber Solidarität ist eben keine Einbahnstraße und wer nichts beiträgt, muss nicht unbedingt as Trittbrettfahrer dabei sein. Wenn man eine vom europäischen Geist überzeugte Kerngruppe herausgebildet hätte, wäre es auch leichter gewesen, in diesen Wochen die Dramen zu verhindern, die sich an der EU-Außengrenze abspielen. Aber jene Zusammenhänge! Viel zu kompliziert für das, was man glaubt, den Menschen verkaufen zu können. Leider ist da sogar Wahres dran und wenn man es so sieht, fällt es auf uns zurück und wir geben es weiter und sagen: Was können wir dafür, dass wir von klein auf mit dem Gift der maximalen Konkurrenz und der egozentrischen Sichtweise gefüttert wurden?

Vieles ist ungewiss und das stört uns doch alle mehr oder weniger. Trotzdem könnte die Zeit gekommen sein, um erwachsen zu werden und zu erkennen, dass Corona auch Chancen zur Veränderung bietet. Dass die Regierung daran nicht interessiert ist, zeigt sich immer wieder, denn alles, was sie tut, basiert auf konservativen Mustern. Das heißt, es wird wieder einmal die weniger Privilegierten treffen. Das zeichnet sich bereits ab, denn das Füllhorn wird nur über denen, die ohnehin besitzen, ausgeschüttet.

Aber das Krisenmanagement ist gut. Weil man sich offenbar in einer Krise gut profilieren kann, die weitaus weniger Probleme verursachen würde, hätte man vor ihrem Eintritt vorausschauende Politik gemacht. Aber diese Ironie ist wohl nur dem ersichtlich, der sich schon vor Corona hin und wieder Gedanken über Systemfehler gemacht hat, deren Beseitigung nicht angegangen wurde.

TH

Am späten gestrigen Abend ging es um Corona. Was sonst? Zumindest überwiegend. Wir wollen nicht so tun, als wenn wir heroisch nach Themen-Alternativen suchen würden. Dabei kam auch zur Sprache, dass einige Länder, die ein besonders gutes Gesundheitssystem haben, erstaunlich hohe Fallzahlen und auch teilweise hohe Todesfallzahlen aufweisen.

1.) Testzahlen werden ausgewiesen

Wir wiesen dabei auf die Schweiz hin, mit dem Tenor: Erstaunlich, dass dort pro Kopf der Bevölkerung mehr als doppelt so viele Infiziert gemeldet sind wie bei uns. Bis auf einige Kleinstaaten ist die Schweiz immer noch das Land mit den höchsten Pro-Kopf-der-Bevölkerung-Fallzahlen – nicht mehr. In Spanien ist sie jetzt leider noch höher. Unsere Vermutung: In der Schweiz wird mehr getestet als in den meisten anderen Ländern.

Diese Vermutung hat sich heute bestätigt, denn Worldometer weist nun auch die Zahl der bisher durchgeführten Tests aus und liefert auch die durchgeführten Tests pro Kopf der Bevölkerung, die man ansonsten selbst errechnen müsste. Und da liegt die Schweiz mit fast 18.000 pro eine Million Einwohner, also 1,8 Prozent der Bevölkerung, die schon getestet wurden, um einiges besser als Deutschland mit ca. 1,1 Prozent. Noch besser: Norwegen mit 1,9 Prozent. Auch die hohe Zahl von Infizierten z. B. im kleinen Luxemburg erklären sich genau auf diese Weise: Bisher wurden bereits 3,6 Prozent der Bevölkerung getestet. Spitze: Die Faröer. Dort hat jede*r zehnte Einwohner*in bereits einen Corona-Test hinter sich, gefolgt von Island mit 6,9 Prozent.

Unter vergleichbaren Ländern liegt Deutschland aber nicht schlecht, auf eine ähnliche Testquote kommen Österreich, Italien und Israel. Den USA und vielen anderen Ländern hingegen dürften noch einige unangenehme Erkenntnisse bevorstehen. Zwar haben die Vereinigten Staaten weltweit die höchste Zahl an Tests durchgeführt (1,4 Millionen), aber getestet sind damit nur 0,4 Prozent der Bevölkerung. Und auch dies müssen wir leider erwähnen: Dass in einigen Regionen die Fallzahlen so langsam steigen, liegt, wie im Umkehrschluss zur obigen Darstellung eines Landes mit gutem Gesundheitssystem, wie die Schweiz eines vorweisen kann, offensichtlich daran, dass noch kaum getestet wurde. Wenn wir sehen, dass z. B. in Brasilien gerade 0,025 Prozent der Bevölkerung einen Test durchlaufen haben, in Indien gar 0,0084 Prozent, kommt Furcht auf vor dem, was das Virus in großen Ländern mit niedrigen Standards der Gesundheitsersorgung und vielen engen Slums, teilweise kombiniert mit schwacher Durchsetzungkraft der Exekutive und wenig wirtschaftlichen Möglichkeiten, die es erlauben, schnell und angemessen zu reagieren, anrichten könnte.

Viele Länder des globalen Südens liefern bisher nicht einmal Zahlen – interessanterweise trifft das auch auf China zu. Schade, es hätte uns sehr interessiert, wie viele Tests notwendig waren, um die Maßnahmen so passgenau zu gestalten, wie es retrospektiv wirkt, angesichts von Neuerkrankungszahlen nahe Null nach nur drei Monaten heißer (erster) Corona-Phase und der Tatsache, dass die vor zwei Monaten beinahe ungeheuerlich wirkende Zahl von ca. 3.200 Toten mittlerweile nicht einmal mehr fünf Prozent der weltweiten Fälle ausmacht und vor allem pro Kopf der Bevölkerung viel geringer ist, als in allen westlichen Ländern, in denen der Peak gerade erst erreicht ist oder noch bevorsteht.

2.) Allgemeine Fallzahlen, Stand 04.04.2020, 19:45 Uhr

Gestern wurden erstmals über 100.000 Neufälle gemeldet, davon entfielen mehr als 32.000 allein auf die USA. Die Zahl der erfassten Fälle hat gerade die Zahl 300.000 überschritten und damit 0,09 Prozent der Bevölkerung. Das sind immer noch etwas weniger als in Deutschland (0,11 Prozent), vermutlich dreht sich dieses Verhältnis aber in den nächsten Tagen. Die USA und Frankreich überschritten am 03.04. die Zahl von 1.000 Todesfällen pro Tag und damit eine bisher weltweit nicht erreichte Grenze.

An den beiden vergangenen Wochenenden ging die Zahl neuer Fälle immer etwas zurück und auch das hat sicher damit zu tun, dass samstags und sonntags weniger getestet wird als von Montag bis Freitag. Gegenwärtig stehen wir bei ca. 1.173.000 Fällen weltweit, Zunahme heute bisher „nur“ 55.000, die Zahl der Todesfälle „ermäßigte“ sich von gestern fast 6.000 auf heute bisher ca. 3.600.

Es wäre jedoch schon ein Erfolg, wenn die prozentuale Zunahme der Neufälle pro Tag zurückgehen würde. Die nun vorliegenden Zahlen über durchgeführte Tests bestätigen allerdings eine Befürchtung, die sicher nicht nur wir hatten: Eine dritte Welle nach der in China und im Westen steht uns noch bevor. Werden wir aus manchen Ländern je erfahren, was Corona dort wirklich bedeutete? Vielleicht werden vielerorts auf der Welt nur erhöhte Sterblichkeitsziffern darauf hindeuten, dass eine Seuche unermessliches Leid verursacht hat.

TH

#Corona 26, 02.04.2020

Heute um 20.05 Uhr MESZ meldete unsere Referenzquelle „Worldometer“, dass die Zahl der gemeldeten Corona-Fälle weltweit die Millionengrenze übersprungen hat. Weiteres in Kürze.

Am Abend zeichnete sich ab, dass die Zahl der Corona-Fälle heute noch die Millionengrenze überspringen würde. Um 19:37 Uhr waren 997.555 Fälle gemeldet. Um 19:41 Uhr lag die Zahl bereits bei 999.798. Kurz zuvor hatte Frankreich seine Zahlen gemeldet. Wir hatten damit gerechnet, dass bereits diese Meldung dazu führen würde, dass die Millionengrenze übersprungen wird, doch aus Frankreich wurden heute nur 2.116 Neuerkrankungen gemeldet. Umso besser!

Plötzlich, um 19:46 Uhr ging die Zahl jedoch auf 998.767 zurück. Was war geschehen? Die Zahlen der USA waren um über 1.000 nach unten revidiert worden, während noch einige Länder mit geringen Infektionszahlen ihre Neufälle gemeldet hatten. Aktuell steht die Neuinfektionszahl in den USA bei ca. 20.700, um 19:37 lag sie bei 21.309. Es mag kurios klingen, aber es wirkt, als hätte man es vermeiden wollen, den millionsten Infizierten im eigenen Land zu haben. An den Hotspots New York und New Jersey lag es nicht, deren Zahlen, die derzeit ganz oben stehen, blieben gleich – und die gesamte US-Tabelle hatten wir nicht durchgesehen oder gar archiviert, denn mit einer Rückwärtsbewegung, deren Herkunft zu analysieren wäre, hatten wir nicht gerechnet.

Wir könnten diese vielleicht durch die Inanspruchnahme der Wayback-Machine ermitteln, aber letztlich ist diese kurzfristige Bewegung nebensächlich und ihre exakte Verfolgung der Situation nicht angemessen, dass die Welt am heutigen Abend des 2. April 2020 über eine Million Infizierte sieht – und ca. 51.500 Tote zu beklagen hat.

Vielmehr heute unsere Solidarität mit allen Erkrankten, mit allen Hinterbliebenen und mit allen, die weltweit in einem aufopferungsvollen Kampf gegen die Corona-Pandemie stehen.

Die Entwicklung der Fallzahlen am 02.04.2020 von 19:37 bis 19:46 Uhr MESZ:

Nachtrag: Die neuen Fälle in Deutschland werden immer noch nach oben korrigiert und liegen aktuell bei 6.303, das ist der zweithöchste Wert weltweit hinter den USA und vor Spanien. Die Todeszahl steigt auf 158, vier mehr als der bisherige Höchststand gestern.

TH

#Corona 25 vom 02.04.2020, ca. 17 Uhr

Vorgestern hatten wir die leise Hoffnung, dass der Höhepunkt der Corona-Krise zumindest bald erreicht sein könnte (# 24 + unten), doch der Wendepunkt ist noch lange nicht erreicht. Vor allem die USA entwickeln sich zum Welt-Hotspot der Pandemie und melden mittlerweile doppelt so hohe Fallzahlen wie jedes andere Land. Weltweit steuert die Zahl der Erkrankten auf eine Million zu (aktuell 965.535, Stand 02.04.2020, 18 Uhr) und wird diese spätestens morgen überschreiten, ebenso wird die Zahl der Getöteten (49.247)in den nächsten Stunden die Marke von 50.000 erreichen.

  • Beim Wechsel vom 01. zum 02.04.2020 zählte man in den USA ca. 216.000 Krankheitsfälle, im danach am meisten betroffenen Land, Italien, ca. 110.000.
  • Die USA sind das bisher einzige Land, das täglich mehr als 10.000 Neuinfektionen meldete (gestern ca. 26.500).
  • Die USA verzeichnen als erstes Land über 1.000 Todesfälle am Tag (01.04.2020).
  • In Relation zur Bevölkerung sind die Zahlen immer noch niedriger als in den am stärksten betroffenen europäischen Ländern Italien und Spanien, aber die Zunahme ist in den letzten Tagen sehr hoch gewesen – nachdem es am 30.03. nach einer Beruhigung, nach einem „Flatten the Curve“ aussah, das sich auch in anderen Ländern zeigte. Die rechten Balken, die den 31.03. und den 01.04. zeigen, machen deutlich, dass eine neue Welle eingesetzt hat:

Was wir teilweise zu der sehr schnellen Ausbreitung in den USA lesen, teilen wir in dieser Form nicht und billigen es auch nicht. Natürlich ist Präsident Trump untragbar und vielleicht ein Psychopath (mit dem Finger an der Atombombe), klar sind seine Wähler irgendwie selbst daran schuld, wenn es sie jetzt dahinrafft, sofern man jeden einzelnen Todesfall dem Missmanagement der jetzigen Administration und den Mängeln im Gesundheitswesen der USA zuschreibt und davon ausgeht, die Menschen wollen das so.

Es gibt viele dort, die eine allgemeine Krankenversicherung als kommunistisches Teufelswerk ansehen – aber es sind dennoch Menschen und Opfer. Wenn wir in Deutschland beim Tod von all jenen Menschen schadenfroh wären, die nicht so recht hinzulernen, kämen wir aus diesem Gefühl niemals wieder raus. Karl Lautenbach (SPD) hat dazu getwittert und auch seine Diktion finden wir in diesem Zusammenhang grenzwertig – sie ist aber bei weitem nicht so hämisch wie einige andere Wortmeldungen. Lautenbach und Nina Scheer hätten wir übrigens gewählt, wenn wir bei der SPD-internen Abstimmung über die neuen Vorsitzenden hätten mitmachen dürfen. Ein Dank an @HeimatNeue für die Zustellung des Tweets!

  • In Europa sieht es zwar immer noch dramatisch aus, insbesondere steigen in Deutschland jetzt die Todeszahlen täglich an, aber sie sind noch weit von jenen in Spanien, Italien oder Frankreich entfernt, die sich auf hohem Niveau zu stabilisieren scheinen.
  • Aktuell hat die Gesamt-Fallzahl in Deutschland gerade die Zahl der Fälle in China überschritten, das eine um fast da 17-fache höhere Bevölkerungszahl aufweist. Erinnern wir uns noch an die Zeit vor zwei Monaten, ja vor sechs Wochen? Als die meisten von uns dachten, dieses Virus sei eine exotische Geschichte aus einem seltsamen Land, in dem ziemlich alles anders ist als hier und wir mit Verwunderung quittierten, welch harte Einschränkungen im Alltag die Menschen in der Provinz Hubei hinnehmen mussten, weil die Regierung nicht auf „Herdenimmunisierung“ gegen einen Krankheitserreger setzte, für den es noch keinen Impfstoff gibt?
  • Mittlerweile existiert es kein westeuropäisches Land mehr, das in Relation zu seiner Bevölkerungsgröße die chinesischen Fallzahlen nicht weit übertrifft. Man mag über die Validität der chinesischen Meldungen denken, was man will – oder vielleicht besser nicht: Das Land ist nicht so hermetisch wie Nordkorea. Es würde durchsickern, wenn das Virus in China weiterhin ungehindert wüten würde, während die Offiziellen das Gegenteil, nämlich Neuinfektionen nahe Null, verkünden, denn die international verflochtene Wirtschaft außerhalb der Provinz Hubei wäre davon erheblich betroffen. Nicht auszuschließen allerdings, dass es zu einer weiteren Welle kommt, wenn die Restriktionen gelockert werden. So schlimm wie das Chaos in Europa, das derzeit herrscht, wird sie nicht werden. Bemerkenswert übrigens: Die Letalität kann man ja bereits gut beurteilen, das sich kaum noch Verschiebungen ergeben: Sie liegt bei 4,5 Prozent, nicht etwa bei einem Prozent, wie bei uns immer wieder als allgemeingültig behauptet wird. Auffällig niedrig ist sie vor allem in Japan mit 0,5 Prozent.
  • In Spanien und Italien, den europäischen Hotspots, stabilisiert sich die Lage auf hohem Niveau, Spanien zeigt derzeit ca. 7.000 Neuinfektionen pro Tag, Italien zwischen 4.000 und 5.000 Doch immer noch sterben viele Menschen, in beiden Ländern regelmäßig mehr als 700 pro Tag. Die Zahlen in Frankreich steigen in letzter Zeit ebenfalls stark an, vor allem die Todeszahlen, in den letzten beiden Tagen jeweils ca. 500. In Frankreich gilt eine sehr strikte Ausgangssperre.
  • Wir haben hier alle Länder mit Fallzahlen über 10.000 abgebildet, Stand 02.04.2020, 00:15 Uhr:

 TH

#Corona 24

Im Rahmen der Auffächerung unserer Beiträge zur Corona-Krise in mehrere Rubriken ist „Lage“ der Fortsetzungsbeitrag zu #Corona 20 und beschreibt die Lageentwicklung vom 27. bis 30. März 2020 bzw. 31. März, 12 Uhr mittags.

  • Innerhalb von vier Tagen hat sich die Zahl der weltweit gemeldeten Infektionen von ca. 470.000 auf 781.000 erhöht, die Zahl der Todesfälle stieg von ca. 24.000 auf ca. 38.000 an, am 30. März wurde ein neuer Tages-Höchststand von 3.703 erreicht, das sind ca. 500 Todefälle mehr, als China, das Land der „ersten Phase“, insgesamt zu verzeichnen hat. Die Zahl der erkannten Neuerkrankungen stabilisierten sich in den letzten Tagen bei ca. 60.000 – der prozentuale Zuwachs ist also deutlich rückläufig.
Quelle aller Grafiken: Worldometer
  • Mittlerweile sind die USA das Land mit den höchsten Infektionszahlen (ca. 164.000), auch Italien hat China vor wenigen Tagen überholt (ca. 102.000 / ca. 82.000), Spanien liegt mit ca. 94.000 Fällen nur knapp dahinter (ca. 88.000, am 31.03. ca. 94.000).
  • Einerseits ist in einigen Ländern, in denen die Corona-Krise am dramatischsten ist, eine Abflachung der Erhöhung bei neuen Fallzahlen eingetreten, teilweise halten sich die gemeldeten Neuerkrankungen seit mehreren Tagen auf nahezu gleichem Niveau, andererseits sinken die Todesfallraten nicht, Italien und Spanien verzeichnen jeweils ca. 700 bis ca. 900 Todesfälle pro Tag.
  • In Deutschland ist die Lage auf hohem Niveau stabil, in den letzten beiden Tagen ging die Zahl der Neuerkrankungen deutlich zurück. Den Rückgang am Sonntag hielten wir noch für typisch für einen Wochenendtag, aber auch gestern gab es nur etwas mehr al 4.000 Neumeldungen, was für die weltweiten Zahlen gilt, trifft also verstärkt auf Deutschland zu – die Zahl der Neuinfektionen nimmt vor allem prozentual ab.
  • Nun steigt nun auch die Zahl der Todesfälle in Deutschland auf etwa 100 pro Tag, mit einem leichten Rückgang gestern, liegt allerdings noch weit hinter der anderer europäischer Länder ähnlicher Größenordnung zurück:
  • Die Bundesländer mit den höchsten Fallzahlen sind derzeit Nordrhein-Westfalen (ca. 15.000) und Bayern (ca. 14.800).
  • In Berlin waren am 30.03., Stand 18 Uhr, 2.581 Fälle gemeldet und 13 Todesfälle. Auffällig ist die Zahl der als genesen Ausgewiesenen (1.055), die in Relation zu den Gesamtfallzahlen weitaus höher liegt als im Bundesdurchschnitt. Diese Menschen und alle anderen, die bereits immun sind gegen Corona sind, könnten enorm wichtig für die Aufrechterhaltung des städtischen Lebens werden. So viele Menschen wie möglich auf Antikörper zu testen und die Genesenen gezielt anzufragen, wenn sie derzeit keine systemrelevanten Tätigkeiten ausüben und besonders dann, wenn ihre Arbeitsplätze ihnen derzeit nicht zur Verfügung stehen, ob sie etwas zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur beitragen möchten, ist sicher keine schlechte Idee.
  • Unser Wohnbezirk liegt mit 257 Fällen und einer Inzidenz von 731 Fällen pro eine Million Einwohner (umgerechnet auf die Weltzahlen, für Berlin weist der Senat die Fälle pro 100.000 Einwohner aus) auf jeweils mittlerem Niveau, hier die Zahlen für Berlin.

Ob die gegenwärtigen Zahlen darauf hindeuten, dass der Höhepunkt der Krise erreicht ist, können wir natürlich nicht sagen, es sieht in den „Hotspots“, den europäischen Ländern, derzeit so aus und wird auch nicht durch höhere Zahlen in anderen Weltgegenden „ausgeglichen“, denen man ein hohes Corona-Potenzial zurechnet (Südamerika, Afrika), wo die Zahlen aber derzeit eher langsam ansteigen.

Anmerkung

Wir wurden gefragt, warum wir die Zahlen der Plattform „Worldometer“ und nicht diejenigen der John-Hopkins-Universität verwenden, die häufig zitiert werden und in sytlischem Dunkelgrau-Hintergrund daherkommen. Der Grund ist einfach: Worldometer ist schneller. Die Zahlen liegen meist regelmäßig höher als bei der John-Hopkins-Universität – nicht, weil sie auf anderer Datengrundlage erstellt werden, sondern, weil die Implementierung offenbar ohne wesentliche Zeitverzögerung geschieht. Außerdem gibt Worldometer alle Quellen an, die verwendet werden, um die Zahlen zu generieren.

Hier ein Beispiel von gestern gegen Mittag, der Screenshot von Worldometer wurde einige Sekunden vor dem der entsprechenden Seite der John-Hopkins-Universität erstellt.

Außerdem werden die Daten umfangreicher für die Öffentlichkeit aufgearbeitet, unter anderem mit den Grafiken, die wir hier hin und wieder abbilden.

TH

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