Dettmanns weite Welt – Polizeiruf 110 Episode 264 #Crimetime 1024 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Herz #Krause #RBB #Welt #weit

Crimetime 1024 - Titelfoto © RBB,

Aus der kleinen Welt in die weite Welt

Einstimmung per Radio, Nachrichten aus der Region: Vom Jobcenter wurden zwei Personen in Arbeit vermittelt, eine Steigerung von 100% gegenüber dem letzten Jahr. Bei den Ich-AGen gibt es genauso viele Insolvenzen wie Neugründungen, ein Zeichen für Ausgewogenheit und außerdem marktwirtschaftlichen Theorien entsprechend. Der Brandenburg-Ton wird schnell gefunden und dann erklärt sich alles von allein – auch die skurrilen oder biederen Träume der Einwohner von „Wustermark“. Bei der Umsetzung der großen Pläne kleiner Leute kommt es dann zu einem Todesfall, der nicht als natürlich gelten kann. Mehr dazu und zum letzten Teil der „Dettmann“-Trilogie steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Richard Lansky und Jobst Dettmann leben mittlerweile von Gelegenheitsarbeiten. Dettmann träumt davon mit dem eigenen Truck durch die Welt zu fahren. Obwohl Dettmann das Geld des Bausparvertrags in ein Haus für seine Familie stecken soll, kauft er kurzentschlossen einen Truck von der Spediteurin Charlotte Pelzer. Den Wagen hatte bis dahin Herbert Herbst gefahren, aber da er die letzten drei Raten schuldig geblieben ist, hat Pelzer ihn kurzerhand abserviert.

Schon am nächsten Morgen soll es losgehen. Doch Kommissarin Johanna Herz erscheint noch in der Nacht bei Dettmann und verdächtigt ihn des Mordes an der Spediteurin. Sie wurde kurz zuvor tot aufgefunden. Und da die Anzahlung auf den Truck verschwunden ist, fällt der Verdacht auf Dettmann. Er hat aber ein Alibi, da er zur Tatzeit in der Dorfschenke war und dafür Zeugen hat. Trotz der schnellen Entlastung ist es für seine erste Tour zu spät und sein Truck bereits mit dem Vorbesitzer Herbst unterwegs. Dettmann ist wütend und bittet Lansky um Hilfe, weil er seinem Truck hinterherfahren will. Beide machen sich mit dem Bus auf den Weg in Richtung polnischer Grenze. Dort treffen sie überraschend auf Polizeihauptmeister Krause, der auch Jagd auf Herbst macht, da dieser der Mörder von Pelzer sein könnte. Mit dem Motorrad und Beiwagen fahren sie gemeinsam weiter. Als sie kurz davor sind, Herbst zu stellen, flüchtet dieser mit Krauses Gefährt und überlässt seinen Verfolgern den Truck.

Kommissarin Herz weiß von dem plötzlichen Einfall Krauses nichts und wundert sich, wo ihr Kollege abgeblieben ist. Doch auch sie findet Hinweise, die auf Herbst als möglichen Mörder deuten. Sie lässt sich von Pelzers Tochter die geplante Route des Trucks geben, lässt Herbst zur Fahndung ausschreiben und macht sich allein auf den Weg hinterher.

Da nun Lansky, Dettmann und Krause mit dem polizeilich gesuchten Truck unterwegs sind, werden sie von den polnischen Behörden aufgehalten. Herz erhält die Information und ist überrascht statt Herbst ihre drei Helden im Gewahrsam in Stettin anzutreffen. Nun gehen sie zu viert auf die Jagd nach Herbst. Krause kann sein Motorrad auf einem polnischen Markt wiederfinden. Schäferhündin Vera, die noch immer im Beiwagen sitzt, zeigt Krause den Weg zu Herbst. Der hat sich im Stettiner Hafen in eine Schiffskajüte zurückgezogen und mittlerweile eingesehen, dass sein Weg hier zu Ende ist. Kommissarin Herz gegenüber schildert er die Geschehnisse des Vorabends. Er hatte Pelzer aufgesucht, weil er sein Geld zurückhaben wollte, das er seinerzeit für den Truck angezahlt hatte, den sie nun einfach Dettmann verkauft hat. Sie sei wie eine Furie auf ihn losgegangen und er habe sie von sich gestoßen. Dabei sei sie gestolpert und mit dem Kopf aufgeschlagen. Er hätte das nicht gewollt.

Rezension

Die weiteren Sätze der Radiomeldung gehen dann schon in den Stimmen der Menschen unter, die an der Imbissbude eintreffen, in der das Radio steht. In der Neubausiedlung geht die Ironie weiter, ein Haus mit Klinkerimitation wird sinnfrei „Florida“ genannt und das große Projekt des Lebens ist es natürlich, ein solches Haus zu erwerben, mit künstlich befeuertem Kamin im pompösen Scheinvillen-Stil.

Bis der Todesfall sich ereignet, dauert es ziemlich lange, gefühlt bis zur Mitte des Films und die Polizei wird in Person von Hauptmeister Horst Krause nur wenig früher sichtbar – er ist einer der Besucher im Festzelt, in dem eine Art Westernparty gefeiert wird. Man merkt dem Film auch im weiteren Verlauf an, dass Regisseur Bernd Böhlich den Krimi eher notgedrungen hingenommen hat, um seine Brandenburger*innen inszenieren zu können. Und das kann er, wie sich schon in den ersten beiden Teilen der Trilogie, „Totes Gleis“ (1995) und „Das Wunder von Wustermark“ (1998). Inzwischen sind sieben Jahre vergangen, das ist eine lange Zeit.

Doch sie sind alle wieder gekommen, um mitzumachen und ein Statement für das gebeutelte Brandenburger Outback abzugeben, die 1A-Schauspieler*innen, die diesen Film schon von der Besetzung zu einem Highlight machen. Ben Becker spielt noch einmal die Titelfigur Dettmann, Otto Sander seinen Kumpel Lansky, Katharina und Anna Thalbach sind dabei, Robert Wien, einer der besten Charakterdarsteller in Polizeirufen schon während der DDR-Zeit und Andreas Schmidt, der Fuhrunternehmer werden will. Vielleicht kam Regisseur Andreas Dresen aufgrund dieser Darstellung auf die Idee, ihn ein Jahr später wieder als Fernfahrer in dem wunderbaren „Sommer vorm Balkon“ zu besetzen.

Der Regisseur des 264. Polizeirufs hingegen ist ja auch voll und allein verantwortlich für die Spinoffs mit Horst Krause, die keine oder noch weniger als „Dettmanns weite Welt“ Kriminalfälle sind und es gibt von den Figuren her einige Ähnlichkeiten. Man kann den Niedergang von Ostbrandenburg wohl am besten ertragen, wenn man ihn liebevoll-ironisch darstellt. „Alle bewegen sich, aber es bewegt sich nichts“, heißt es in einem der im Anschluss aufgelisteten Kritiken-Ausschnitte sinngemäß, aber die Menschen sind individuell und auf ihre Art lebendig und nicht unterzukriegen, darauf kommt es an. Der Mainstream hat dort, wo es für den Mainstream keine Jobs, keine Lebensgrundlage mehr gibt, keinen Platz, übrig bleiben die Käuze und ihre treuen Frauen.

Ich war im Jahr 2007 erstmals in jener Gegend, ab 2008 dann häufiger – man sieht natürlich die Menschen nicht so auf der Straße, aber sie sind vorstellbar und vor allem ist die Atmosphäre gut getroffen. Mittlerweile entdecken ja immer mehr Städter diese Idylle und möbeln dort alte Höfe und dergleichen auf. Da sie aber meist in Berlin arbeiten und es nicht so viele sind, dass dadurch die Zentren wiederbelebt würden, ergibt sich dadurch kaum neue Infrastruktur und wie sie zu den Dörflern passen, ist wieder eine andere Frage.

Das Symbolische ist das „tote Gleis“ und wie es in „Das Wunder von Wustermark“ wiederbelebt werden soll. Es gibt einen Bahnhof, aber dort fahren schon lange keine Züge mehr. In „Dettmanns weite Welt“ haben Dettmann und Lansky es dazu gebracht, dass man ihnen ABM-Stellen vermitteln konnte und was tun sie? Sie demontieren das Gleis. Das ist schon fast überdeutlich. Heute könnte man die Story vielleicht mit einer Drehung weiterspinnen, denn es hat sich herausgestellt, dass das Kaputtsparen der Regionalstrecken der Bahn den Niedergang der Dörfer besechleunigt hat und dass eine vernünftige ÖPNV-Anbindung eine der wichtigsten Maßnahmen für deren Erhalt oder Reaktivierung ist.

Brandenburg zerfällt nun einmal leider, wie die Gesellschaft, die in einer der nachfolgenden Kritiken erwähnt ist, in zwei Teile: Den Speckgürtel um Berlin mit Potsdam als weiterem Zentrum, dem aufstrebenden Havelland und dem nördlichen und östlichen Teil, in dem die Einwohnerzahlen ständig zurückgehen. Eine Trennlinie stellt auch der Berliner Autobahnring, die A10, dar – alles innerhalb ist begehrt und wird teurer und was weiter draußen liegt, ist einfach zu weit, als dass man von dort ohne wesentliche Einbußen an Lebensqualität jeden Tag in die Hauptstadt und zurück fahren könnte. Ob durch die Corona-Pandemie und ähnliche Einwirkungen noch mehr Menschen noch weiter rausziehen möchten, wird sich zeigen.

Finale

Mir hat „Dettmanns weite Welt“ Spaß gemacht, mehr als die Krause-Ableger von Bernd Böhlich, dir manchmal gar zu langsam sind und deren Humor auch eine nervige Komponente von Überdeutlichkeit und Krampf hat, doch das fantastische Ensemble sorgt im 264. Polizeiruf dafür, dass man immer gerne hinschaut. Dafür muss der Plot nicht das Rad der „Provinzposse“ neu erfinden, die Figuren tragen den Film über die für Polizeirufe üblichen 89 Minuten. Deswegen ist „Dettmanns weite Welt“ kein großer Film, schon gar kein großer Krimi, aber Brandenburg ist doch ein wenig so Brandenburg wie hier, oder?

7/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kritiken

(1), kursiv und als Zitat: Wikipedia

Rainer Tittelbach von tittelbach.tv bewertet diesen Polizeiruf als durchschnittlich und meint: „Es war überfällig, dass der ‚Polizeiruf‘ aus Brandenburg, der sich zuletzt in konventionellen Krimifällen verstrickte, wieder zu seinen schrägeren Anfängen zurückkehren würde. Da war es durchaus richtig, sich an einst Bewährtes zu erinnern. Und so holte der RBB für seine Traditionsreihe mal wieder Bernd Böhlich ins Boot. Nachdem sich der Hoffnungsträger des ostdeutschen Films zuletzt mehr und mehr dem Trivialen zugewandt hatte, muss es dem Autor-Regisseur mal wieder Freude gemacht haben, Geschichten mit Charakteren und Mentalitäten seiner Heimat zu erzählen. Dass dabei der Krimi-Aspekt irgendwo in der brandenburgischen Pampa verloren geht – darüber sollte man schmunzelnd hinwegsehen.“[2]

Die Kritiker der Fernsehzeitschrift TV Spielfilm vergaben eine mittlere Wertung (Daumen zur Seite) und schrieben: „Kein Krimi, sondern verkrampfte Provinzposse.“ Als Gesamtfazit zogen sie: „Der dritte Becker-Sander-Fall langweilt“.[3]

Klaudia Brunst von der Berliner Zeitung findet dagegen viele kleine positive Seiten und schreibt: „‚Dettmanns weite Welt‘ ist kein spannender Krimi, sondern ein liebevoll erzähltes Fernsehspiel. Mit ruhiger Hand erzählt Bernd Böhlich (Kamera: Peter Ziesche) die Geschichte des kleinen Dorfes, in dem alle etwas gegen die große Agonie unternehmen und trotzdem kaum etwas passiert – mal abgesehen von der Toten in der Garage. Die Spielfreude von Otto Sander und seinem Stiefsohn Ben Becker ist dem Stück anzusehen. […] Mit großer Liebe zum Detail und einer entschiedenen Spur Ironie [wurde] die in zwei Hälften zerfallene Welt von Wustermark entworfen. […] Trotz all dieser liebevollen Details und Einfälle tritt die Handlung von ‚Dettmanns weite Welt‘ doch streckenweise zu selbstverliebt auf der Stelle.“[4]

Regie Bernd Böhlich
Drehbuch Bernd Böhlich
Produktion Enrico Demurray
Musik Jacki Engelken,
Ulrik Spies
Kamera Peter Ziesche
Schnitt Karola Mittelstädt
Besetzung

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