Der Selbstbetrug – Polizeiruf 110 Episode 85 #Crimetime 1011 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Hübner #Selbstbetrug #Betrug #selbst

Crimetime 1011 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Biogas gegen altes Denken oder: Selbstbetrug kann zum Selbstmord führen

Vorwort anlässlich der Veröffentlichung am 27.06.2021

Heute vor 50 Jahren wurde die Krimireihe „Polizeiruf 110“ geboren. Am 27.06.1971 zeigte das Fernsehen der DDR (zu der Zeit: DFF) „Der Fall Lisa Murnau„. Wir haben diese Tatsache heute schon mit der Veröffentlichung eines Porträts des Schauspielers Jürgen Frohriep veröffentlicht, der als Oberleutnant Hübner eine der prägenden Persönlichkeiten des Polizeirufs vor der Wende war. Er spielte aber in „Der Fall Lisa Murnau“ noch nicht mit, daher haben wir einen Film aus dem Jahr herausgesucht, in welchem Hübner alleine ermittelt und dessen Kritik wir noch nicht gezeigt haben.

Zu „Selbstbetrug“

Es war die 85. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110. Oberleutnant Jürgen Hübner ermittelte in seinem 41. Fall. Im Film ist Musik aus der Ballett-Suite Der Feuervogel von Igor Strawinsky zu hören. Die Kritik nannte Der Selbstbetrug den „ersten Polizeiruf mit ökologischem Hintergrund“[3], so tüftelt der erfindungsreiche Jürgen Schreiner an einer Biogasanlage, die er im Dorf errichten lassen will. (Wikipedia)

Die Musik ist wirklich schön, die Biogasanlage fällt als Thema auf, aber ist sie der Kern des Falls? Darüber und über weitere Aspekte von „Der Selbstbetrug“ steht alles Wichtige in der -> Rezension.

Handlung

Karl-Heinz und Inge Schreiner finden in ihrem Briefkasten eine Nachricht ihres Sohnes Jürgen vor. Darin schreibt er, dass er sie um Entschuldigung bittet. Karl-Heinz nimmt den Brief als Zeichen dafür, dass sich Jürgen von seiner Freundin Rica trennen will, die von seinen Eltern abgelehnt wird. Lieber wäre Karl-Heinz die solide Ilona, Tochter des Gastwirts, gewesen. Karl-Heinz begibt sich mit seinem Motorradgespann zu Ricas Eltern und nimmt einen Teil der Kleider seines Sohnes mit, glaubt er doch, dass Jürgen wieder im Elternhaus einziehen will. Wenig später brennt die neue Halle vom Bauhof, dessen Leiter Jürgen ist. In den verkohlten Resten der Halle werden nicht nur Jürgens Schlüssel, sondern auch eine Leiche gefunden. Anhand eines in der Jugendzeit erlittenen Beinbruchs kann eindeutig festgestellt werden, dass der Tote Jürgen ist. Für Karl-Heinz steht nun fest, dass sein Sohn ermordet wurde.

Oberleutnant Jürgen Hübner wird mit den Ermittlungen betraut. Immer wieder muss er den unbedacht handelnden Karl-Heinz aufhalten. Jürgen hatte am Vortag des Hallenbrandes eine Auseinandersetzung mit Maurer Artloff, der im Bauhof mitgearbeitet hat. Jürgen hatte Artloff angezeigt, weil er Baumaterialien entwendet hatte. Artloff erhielt eine Bewährungsstrafe. Im Verhör gibt Artloff zu, die Halle mit Benzin angezündet zu haben. Sein Freund Klaus Munk hatte unmittelbar nach den ersten Flammen die Feuerwehr alarmiert. Jürgens Leiche jedoch lag am anderen Ende der Halle. Die Ermittler kommen bald zu der Ansicht, dass Brand und Tod zwei verschiedene Delikte waren.

Rica erscheint im Dorf. Sie ist auf der Suche nach Jürgen, der Zeugenaussagen nach am Vortag zu ihr in die Stadt gefahren war. Rica hat Jürgen jedoch nicht gesehen, auch wenn der Pförtner des Wohnheims, in dem Rica lebt, bestätigt, dass Jürgen da war. Nach kurzer Zeit sei er aus dem Wohnheim gerannt. Es stellt sich heraus, dass Rica Jürgen mit Gärtner Bodo Macher betrogen hat. Ilona, die selbst in Jürgen verliebt war, wusste von Ricas Verhalten und schrieb Jürgen ein falsches Telegramm, in dem sie ihn in Ricas Namen ins Wohnheim einlud. Sie hoffte, Jürgen so die Augen zu öffnen. Es stellt sich heraus, dass Jürgen in der Nacht zurück ins Dorf kam und am Bahnhof wartete. Macher kam zwei Stunden später im Dorf an, sah Jürgen nach eigenen Angaben aber nicht.

Jürgens Mutter Inge will den Ermittlern Jürgens Brief zukommen lassen, den sie am Tag des Brandes im Briefkasten vorgefunden hatte. Karl-Heinz verbrennt den Brief, will er doch verhindern, dass sein Sohn als Selbstmörder angesehen wird. Oberleutnant Jürgen Hübner beschafft sich Jürgens Tagebücher und lässt sie durch eine Psychologin analysieren, die ebenfalls zu dem Schluss kommt, dass Jürgen Selbstmord begangen haben könnte. Die Erkenntnis, dass seine einzige Lebensstütze Rica ihn hintergangen hat, könnte zu viel für ihn gewesen sein. Inge berichtet den Ermittlern vom Brief und der Fall ist klar. Karl-Heinz jedoch sucht mit einer Flinte bewaffnet Bodo Macher in einem Gewächshaus auf und bedroht ihn. Er will von ihm das Geständnis erpressen, dass er Jürgen ermordet hat. Die Ermittler rufen ihm durch die Scheibe zu, dass Jürgen Selbstmord begangen hat, doch Karl-Heinz besteht auf einem Geständnis. ABV Oberleutnant Willi Mertens rät Bodo, Karl-Heinz gegenüber die Tat zu gestehen, und Bodo geht darauf ein. Erst jetzt lässt Karl-Heinz ihn gehen und Inge tritt beschwichtigend zu ihrem Mann.

Rezension

Regisseur Hans-Werner Honert war erst 33 Jahre alt, als er „Der Selbstbetrug“ inszeniert, ein Jahr zuvor hatte er für die Reihe bereits „Schranken“ gemacht, über den wir bereits geschrieben haben. Außerdem hat er, wie es traditionell beim Polizeiruf häufig der Fall war, auch das Drehbuch verfasst, der 85. Polizeiruf träg demnach sehr stark seine Handschrift. Die ist so deutlich, dass ich dachte: Die Zensur hat zu der Zeit wohl auch eine etwas lockerere Linie gefahren oder die geschickte Überkreuzung von Motiven hat sie so verwirrt, dass sie diesen ziemlich kritischen Film hat passieren lassen.

Anders als die meisten Polizeiruf-Macher der DDR-Zeit startete Honert erst nach der Wende richtig durch:

Hans-Werner Honert machte 1969 sein Abitur an der Leibniz-Oberschule in Leipzig. Anschließend verrichtete er seinen Wehrdienst. Als Gefreiter der NVA nahm er im September 1970 am 1. Poetenseminar der FDJ in Schwerin teil.[1] Von 1971 bis 1975 studierte Honert am Institut für Kinematographie in Moskau (Meisterklasse von Prof. B. Stolper).

Von 1976 bis 1990 war er Regisseur beim Deutschen Fernsehfunk (DFF) in der DDR. In dieser Zeit trat er als Autor von Hörspielen, sowie diversen TV- und Kinostoffen in Erscheinung. Honert, ab 1971 Mitglied der SED, wurde nach der Wende in der DDR Mitglied der PDS. Als deren Spitzenkandidat in Berlin-Friedrichshain[2] wurde er am 6. Mai 1990 in die Stadtverordnetenversammlung von Ost-Berlin gewählt, schied aber vorzeitig wieder aus.

Von 1995 bis 2012 war Hans-Werner Honert Geschäftsführer und Produzent der Saxonia Media. In diesen 17 Jahren führte er die Saxonia Media zur größten mitteldeutschen Filmproduktionsfirma. Sie produziert Serienentwicklungen, wie In aller Freundschaft, die heute zu den erfolgreichsten deutschen Serien gezählt wird, oder Formate wie Tatort, Polizeiruf 110 und viele große TV-Filme.[3] Zudem war er als Mentor an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg tätig und gab Seminare an der Universität Leipzig. Hans-Werner Honert lebt als freier Autor, Regisseur und Produzent in Berlin und Leipzig und ist Mitglied der Deutschen Filmakademie.

Das ist wohl die steilste Entwicklung aller Polizeiruf-Regisseure, die schon vor der Wende ihre Karriere begannen und wohl eine der erfolgreichsten der letzten Jahrzehnte überhaupt, vor allem in Bezug auf „Mitteldeutschland“, aber auch im Westen dürfte es im Filmgeschäft nach der Wiedervereinigung nur selten solche Aufstiege gegeben haben.

Eines spreche ich Honert auf jeden Fall zu: Ein sehr waches Auge für die Realität, den auch andere Regisseure der DDR-Zeit hatten – aber damit gepaart einen Geschäftssinn, der den meisten Filmemachern fremd ist. Mit „Der Selbstbetrug“ hat er einen der bis dahin komplexesten Polizeirufe gemacht, in dem sehr klar ökonomische und mentale Umstände zusammenwirken, um den höchst bedauerlichen Suizid eines begabten, fähigen jungen Mannes auszulösen. Diesen Tod darf man auch symbolisch nehmen für das Ausbluten der DDR bezüglich ihrer Spitzenkräfte, außerdem hat der Regisseur sich mit dem jungen Mann sicherlich mehr identifiziert als mit jeder anderen Figur in diesem Film, obwohl er zu Beginn schon tot ist – struktruell ist dieser Polizeiruf ein Tatort und außerdem ein klassischer Whodunit, der sich auch keine Auflösung der Zeitstruktur erlaubt. Oberleutnant Hübner kommt zwar schon zum Ort des Geschehens, bevor klar ist, dass jemand in der Lagerhalle des Bauhofs verstorben ist, möglicherweise verbrannt, nämlich wegen des Brandes, aber recht schnell konzentrieren sich die Ermittlungen auf den Todesfall und man findet heraus, dass es sich bei dem Brandanschlag und dem Tod des jungen Ingenieurs wohl um zwei verschiedene Vorgänge handelt. Der Brand wurde nicht gelegt, um einen Mord zu vertuschen.

Jürgen Schreiner, der in diesem Film den Tod findet, will nicht nur die Biogasanlage als Energiequelle für eine LPG errichten, er hat sich in seinem Zimmer auch ein Perpetuum mobile gebaut. Das scharrende und verfremdet wirkende Geräusch der laufenden Kugeln hört man während des Films immer wieder, auch wenn das Gerät nicht im Bild ist. Wenn man so will, die einzige stilistische Extravaganz, die man sich im 85. Polizeiruf erlaubt hat und damit zum Kern des Films.

Es handelt sich eindeutig um einen dialektischen Krimi, und zwar in doppelter Hinsicht: Auf der einen Seite wird charakterliche Rigorosität und große Schaffenskraft, wird Innovationsgeist gegen den allgemeinen Lauf der Dinge gestellt, wie er in der späten DDR kaum noch zu übersehen war. Jürgen Schreiner ist einer, der noch etwas erreichen will. Allerdings versucht er das auf eine Weise durchzusetzen, die er sich bei seinem Vater abgeschaut hat: Keine Kompromisse, keine Freunde. Der Vater selbst kam aus Krieg und Gefangenschaft zurück und wusste gesellschaftlich Bescheid, man darf davon ausgehen, dass er spätestens in der SU zum Kommunisten wurde. Er war einer der Unbeugsamen der ersten Stunde, die in der DDR auf durchaus rigide Weise das System etabliert haben – und der Sohn zeigt jeden an, der eine der üblichen kleinen Verfehlungen begeht, die sich mit der Zeit eingeschlichten hatten. Das tut er nicht beim Abschnitssbevollmächtigten (ABV), der ist ihm zu lasch, sondern so, dass es auf jeden Fall zu einem Gerichtsverfahren auch wegen jenes Materialklaus kommt, den wohl damals mindestens jeder zweite begangen hat, der am Bau bzw. in einem Handwerk tätig war; so wirkt es zumindest in den Polizeirufen. Gefühlt kommt diese Art von Ergebnis der Mangelwirtschaft als Haupt- oder Nebenthema tatsächlich fast jedem zweiten Film der Reihe vor, der zwischen 1971 und 1989 gedreht wurde. Die Schlussfolgerung kann nur sein: Wenn die Zensur das jedesmal durchließ, ist wohl klar, wie selbstverständlich und alltäglich diese Art von Delikt war.

Aber Schreiner lässt sogar eine veschließbare Halle errichten, damit nichts mehr gestohlen werden kann. Und sie steht offen, als der Kollege den Brand legt, der sich an Schreiner rächen will, weil dieser ihn wegen ebenjenes Alltagsdelikts hinter Gitter gebracht hat. Will der Film damit sagen, dass man mit Menschen, die versuchen, sich im kargen DDR-Alltag durchzuwurschteln, nicht so streng umgehen darf wie der heißspornige, hochbegabte Jürgen Schreiner es tut? Sicher ist das eine der Botschaften des Films. Ich habe nie zuvor einen ABV so deutlich Stellung gegen rigoroses, übertriebenes Ordnungshandeln beziehen hören wie in diesem Film. Der sympathische Mann beklagt sich darüber, dass an ihm vorbei direkt nach oben durchgestochen wird, wenn Typen wie Schreiner das Sagen haben, während er doch, hätte er die Gelegenheit gehabt, versucht hätte, die Lage zu beruhigen und einen Ausgleich zu finden. Anders als der Klau am Bau ist diese Haltung für einen Staatsdiener,  zumal im Offiziersrang, in einem Polizeiruf sehr ungewöhnlich.

Aber so klar ist es nicht ganz: Jürgen Hübner, bei dem der Satz „Dafür werden Sie sich verantworten müssen“ schon eine Art Running Gag ist (es kann aber diesmal auch Hauptmann Strahl gewesen sein, der ihn ausspricht), weist darauf hin, dass Althoff wohl mehr als die angegebene Kleinmenge an Baustoffen hat mitgehen lassen, wenn er damit den berüchtigten DDR-Eigenheimbau realiseren konnte, der wiederum in manchen Polizeirufen zum Symbol für verlorene Träume und für familiären Unfrieden gemacht wurde, ein Sinnbild für finanzielle oder berufliche Überforderung darstellen musste. Außerdem sagt Hübner dem ABV: „Bei euch ist wohl manches versäumt worden!“

Ja, aber was? Ordnung reinzubringen oder mehr miteinander zu reden und die Lage zum Besten aller zu gestalten? Ist mangelnder Durchgriff oder mangelnde Kommunikationsfähigkeit das Problem? Und resultiert der offensichtliche Mangel an Abstimmung zwischen den Schreiners, die auf Stärke, auf das gute, harte Holz ihrer Charakterstruktur setzen und den im Alltag abgeschliffenen übrigen Menschen, die in diesem Film gezeigt werden, aus zu wenig sozialistischem Denken oder aus einer depressiven Stimmung, die daraus resultiert, dass sich die Erkenntnis breitgemacht hat, dass das sozialistische Denken in der DDR gar nicht umsetzbar war und diese immer mehr zum potemkinschen Dorf eines Scheinsozialismus wurde? Das lässt der Autorenfilmer Hans-Wener Honert sehr klug offen, und zwar wohl gerade so, dass der Film nicht beanstandet wurde.

Finale

Aber nicht so, dass man aus heutiger Sicht keine Interpretationsrichtung festlegen könnte: Diejenigen, die es ruhig angehen ließen, waren ebenso zum Scheitern verurteilt, weil das System nicht mehr funktionierte wie diejenigen, die als Einzelkämpfer noch versuchten, etwas voranzubringen. Man sieht hier nämlich auffälligerweise kein Kollektiv, das eingebunden werden kann, das an einem Strang zieht, sondern lauter Menschen, die nur noch ihrem eigenen Stern folgen und die sich im Zweifelsfall und wenn sie dazu in der Lage sind, ein Perpetuum mobile bauen, ein Gerät, das sich von selbst erhält – wie eine Biogasanlage den Energiekreislauf auf Wiederverwertung umstellt, könnte man profan sagen, aber das ist sicher nicht die einzige Assoziation, die man angesichts dieses geradezu künstlerischen Objekts haben sollte. Es geht auch um die makellose Funktion der Dinge in einem makellosen System; um ein Ideal, das nie erreichbar war. Um die Symbolik zu verstärken, werden letztlich zwei Frauen gezeigt, von denen eine Jürgen liebt, seine Ideen versteht oder so tut, um ihm nah zu sein, eine andere, der das ziemlich egal ist, die ihm aber gefällt und mit deren lockerem Lebensstil er so wenig klarkommt wie mit der Ignoranz in seinem beruflichen Umfeld. Notwendig wären diese weiblichen Figuren nicht gewesen, um den Film zu verstehen, aber sie verstärken die Wirkung und gehören nun einmal dazu, könnte man sagen.

Mit dem Selbstbetrug ist aber vor allem das Verhalten von Vater Schreiner gemeint, der sich bis zum Schluss einreden will, sein Sohn könne unmöglich Suizid begangen haben und der beinahe einen Unschuldigen in dessen Gärtnerei (!) mit einer Jagdflinte erschießt. Hübner und die anderen kommen gerade noch rechtzeitig, um durchs Fenster jenes Glashauses zu rufen, in dem in Wahrheit der alte, unbeugsame Mann steht, nicht dessen Besitzer, dass Jürgens Tod aufgeklärt ist – und es war Selbstmord. Sehr interessant, wie Jürgen Hübner auf der Autofahrt nach Berlin,  zu seiner Dienststelle, Cassetten abspielt, auf denen unter anderem die ihm bekannte Polizeipsychologin eine Einschätzung über Jürgen Schreiner abgibt – anstatt, dass das Gespräch gezeigt wird. An einer Stelle sagt sein Kollege, er hätte gerne seine Kassette wieder. Mangel an Möglichkeiten, mehr Darsteller*innen einzusetzen, den Film länger als 77 Minuten werden zu lassen und auch im technischen Bereich der Effekt, dass Alltagsgebrauchsgegenstände wie Tonbandcassetten in der DDR eine ganz andere Bedeutung haben, weil sie teurer und schwieriger erhältlich waren. Wer beobachtet hat, wie in der Corona-Krise bestimmte Artikel nicht uneingeschränkt erhältlich waren und welche desaströsen Auwirkungen im Sinne von freidrehendem Egoismus, gar von Panik, dieser Umstand auf das Verhalten einiger Menschen hatte, kann durchaus auf diese Interpretation verfallen.

Für mich ist deshalb die Biogasanlage ein Symbol für den Fortschritt, der vielleicht noch möglich gewesen wäre, wenn die Mehrheit noch an ihn geglaubt hätten und der Selbstmord von Jürgen Schreiner das Sinnbild für das Ende der Träume. Damit wechselte die Reihe also schon 1983 in den überwiegend melancholischen, manchmal tieftraurigen Modus, der kennzeichnend für die Jahrgänge 1984 und 1985 ist, die sich auch stark mit dem Innenleben von jungen Menschen befassten, ohne deren Verhalten so zu verurteilen, sie so schnell als „asozial“ zu markieren, wie das in der Anfangszeit der Reihe der Fall war.

Das Perpetuum mobile allerdings ist die wirklich tiefgreifendste Konstruktion, die mir bisher in einem Polizeiruf begegnet ist: Ein Perpetuum mobile „erster Art“, wie wir es hier sehen, kann nicht funktionieren. Wir sehen in seinem Zimmer einen Wunsch, keine tatsächlich funktionierende Maschine. Anders ausgedrückt: Jürgen Schreiner hat sich als Mensch und Konstrukteur der Wirklichkeit an der Quadratur des Kreises versucht, in dem alle anderen längst wandelten und außerdem an einem geschlossenen System, das sich selbst in Bewegung hält, während die Mechanik in der Realität Realität immer von Energiezuflüssen, mithin von außen beeinflusst wird.

Da ich im März 2019 „mittendrin“ in zwei Wiederholungsschleifen mit den frühen 1970ern, aber auch mit 1984 in die Rezensionstätigkeit für die Reihe Polizeiruf 110 eingestiegen war, musste ich recht lange warten, bis der Anschluss hergestellt war, doch mittlerweile zeigt sich ein fast vollständiges Bild der Entwicklung dieser teilweise hoch veranlagten Krimireihe. Es ist ein Bild, vor dem man verweilen kann und das sehr nachdenklich macht. Es ist auch ein Fall für Jürgen Hübner, dessen Auftritt passt zu jenem sehr nachdenklich machenden, vielschichtigen Szenario, das uns „Selbstbetrug“ zeigt.

8/10

© 2021 (Entwurf 2020) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans-Werner Honert
Drehbuch Hans-Werner Honert
Produktion Hans-Hermann Ostermann
Musik Igor Strawinsky
Kamera Wolfgang Voigt
Schnitt Margrit Schulz
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s