Im Auftrag des Drachen (The Eiger Sanction, USA 1975) #Filmfest 199

Filmfest 199 A

2020-08-14 Filmfest ANur die Nordwand zählt

„The Eiger Sanction“, wie der Film im Original heißt, ist bereits die fünfte Regiearbeit von Clint Eastwood. Heute ist er mit zwei Regie-Oscars einer der am höchsten dekorierten Filmemacher Hollywoods. Diesen Typ kann man kaum in eine Schublade stecken, weder filmisch noch politisch, aber es gibt natürlich eine Tendenz in seinem Schauspiel: Mitte der 1970er war er vor allem auf harte Action-Typen konzentriert und vielleicht der Ansicht, er kann einen Geheimagenten realistischer porträtieren, als das in den James-Bond-Filmen getan wird, in denen zu der Zeit Roger Moore als Hauptdarsteller eingesetzt wurde.

Außerdem waren Agentenfilme seit den 1960ern in, gerne auch solche, die in Europa spielten, wo der Kalte Krieg viel näher und authentischer wirkte als in den USA. Also hatte sich auch Clint Eastwood hier erstmals diesem Genre gewidmet. Was dabei herauskam, steht in der -> Rezension.

Handlung

Der Kunstdozent Dr. Jonathan Hemlock ist an einem Provinzcollege beschäftigt. Er hat eine bemerkenswerte Sammlung alter und wertvoller Gemälde. Hemlock arbeitete früher für eine Geheimorganisation der Regierung namens „C2“, für die er als Sanktionen bezeichnete Mordanschläge verübte. Er ist aus dem Geschäft jedoch ausgestiegen.

Sein ehemaliger Vorgesetzter mit dem Codenamen „Drache“ – ein Altnazi und Albino mit Lichtallergie – beauftragt ihn noch einmal mit der Eliminierung zweier Männer, die einen Geheimagenten getötet haben. Als Boten sendet Drache den aufdringlichen und unerträglichen Handlanger Pope, den Hemlock zutiefst verabscheut. Zuerst lehnt Hemlock ab, akzeptiert den Auftrag aber schließlich doch, nachdem ihm der Drache droht, der Steuerbehörde einen Tipp über die Herkunft des Geldes für die Gemälde zu geben.

Den ersten Mann spürt er schnell auf und ermordet sowohl ihn als auch dessen Bodyguard. Damit er auch den zweiten Mann aufspürt, setzt der Drache die Agentin Jemima Brown auf ihn an, die ihn verführt und ihm die 20.000 Dollar für den ersten Auftrag abnimmt. Als er vom Drachen erfährt, dass der Geheimagent, der von den zwei Männern getötet worden war, ein alter Freund war, ist er einverstanden, den zweiten Mann bei einer Expedition auf den Eiger ausfindig zu machen. Zudem soll er nach Erfüllung des Auftrags 100.000 Dollar und eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des Finanzamtes erhalten.

Um sich vorzubereiten, übt Hemlock, der bereits zweimal an der mörderischen Eiger-Nordwand scheiterte, das Bergsteigen mit der Unterstützung seines Freundes Ben Bowman in den Bergen von Arizona. Bowman betreibt dort ein Hotel und eine Schule für Bergsteiger. Hemlock wird dort von der schweigsamen Indianerin George trainiert. Bald darauf taucht Miles Mellough auf, ein alter Bekannter von Hemlock, und er will ihm ein Geschäft vorschlagen. Er verrät ihm den Namen des zweiten Mannes und Hemlock soll ihn dafür am Leben lassen (Mellough hatte ihn früher einmal verraten). Hemlock geht aber nicht auf den Handel ein.

George taucht in Hemlocks Schlafzimmer auf und verführt ihn. Anschließend greift sie ihn an und versucht ihn mit einer Spritze zu betäuben. Hemlock geht davon aus, dass sie im Auftrag von Miles Mellough operiert habe. Nach der Betäubung hätte ihm Mellough wahrscheinlich dann eine Überdosis Drogen injiziert. Bowman bewahrt ihn davor. Hemlock trifft Mellough und dessen Leibwächter in der Wüste, er erschießt nach einer Autoverfolgungsjagd in Notwehr den Leibwächter. Mellough wird von Hemlock mitten in der Wüste ohne Wasser und Transportmittel ausgesetzt und verdurstet erwartungsgemäß.

Schließlich findet die Expedition statt, die Eiger-Nordwand soll durchstiegen werden. Die Gruppe C2 der Geheimorganisation hat jedoch noch nicht herausgefunden, welcher Teilnehmer der Expedition der gesuchte Mann ist. Dies soll Hemlock während der Besteigung tun. Die Teilnehmer sind neben Hemlock der Deutsche Karl Freytag, der Österreicher Anderl Meyer und der Franzose Jean-Paul Montaigne mit seiner Frau Anna, die jedoch nicht mitklettert. Über ein Teleskop verfolgt Bowman das Geschehen von seinem Hotel auf der Kleinen Scheidegg aus. Hemlock hegt zunächst Misstrauen gegen alle Teilnehmer, die sich charakterlich alle voneinander unterscheiden. Einer der Teilnehmer hat eine Affäre mit Montaignes Frau, was der ganzen Sache zusätzliche Brisanz verleiht.

Montaigne erleidet infolge Steinschlags eine Gehirnerschütterung und stirbt in der darauffolgenden kalten Nacht im Biwak. Daraufhin bricht die Gruppe die Besteigung ab und will sich zum Stollenloch, in dem Retter sie bergen können, abseilen. Aufgrund des einsetzenden Föhns verunglücken jedoch auch Freytag und Meyer, nur Hemlock kann von den Rettern, die sein Freund Bowman in den Stollen geführt hat, geborgen werden. Dabei fällt ihm auf, dass Bowman hinkt – wie es der gesuchte zweite Mann auch tun soll.

Auf der Rückfahrt mit der Bahn gesteht ihm Bowman, der Gesuchte zu sein, und für die Ermordung von Hemlocks Freund mitverantwortlich zu sein. Hemlock erfährt, dass George Bowmans Tochter ist und Bowman in eine Notlage geraten war, weil George drogensüchtig war und Hilfe brauchte. Hemlock beschließt, Bowman nichts anzutun.

Als ihn schließlich der Drache anruft und ihn zu seiner (vermeintlichen) Eliminierung sogar aller Expeditionsteilnehmer gratuliert, verschweigt er ihm Bowmans Teilnahme an der Ermordung des Agenten. Anschließend macht er erfolgreich Jemima Brown den Hof.

Rezension

Einen Tag nach dem Anschauen des Films bin ich etwas milder gestimmt und die gelungenen Bergszenen schieben sich etwas mehr in den Vordergrund. Aber gestern musste ich oft an Stellen lachen, an denen es sicher nicht vorgesehen war, denn eines unterscheidet „The Eiger Sanction“ von den Bondfilmen der Zeit – oder eher denen der 1960er, wenn man das Rollenverständnis der männlichen Protagonisten vergleicht: In den Bonds war der Sexismus zwar nicht geringer, aber viel eleganter und aufgrund des ironischen Humors der Filme und von Sean Connery doch irgendwie ansehnlicher, als er hier rüberkommt – mit dem Tiefpunkt, dass Eastwood als Kunstprofessor (!) einer Studentin einen Klaps auf den verlängerten Rücken gibt. Natürlich hat sie vorher versucht, ihn zu verführen, um ihre Noten zu verbessern. Es gibt Filme, in denen sowas gar nicht mal krass klischeehaft wirkt, wenn man sich die Zeit nimmt, Strömungen differenziert darzustellen, aber hier ist es gar zu plump als Füllmaterial reingeklebt.

Andererseits nimmt sich der Professor, der ein Schläfer ist, bis ihn sein Führungsoffizier immer mal wieder wachküsst oder wachtelefoniert, eine dunkelhäutige Freundin und hält sich deswegen vielleicht für progressiv, später auch eine Native American, obwohl sein Freund, der Vater, auf jeden Fall ein Weißer ist. Hm. Vermutlich war Eastwood so eingestellt, dass er damit seinen gesellschaftspolitischen Beitrag als erfüllt ansah. Die Art, wie er vor allem mit der farbigen Kollegin umgeht, ließ mich denken: Cool, dass sie ihn ge… linkt, also um Geld gebracht hat. Nun ja, die Bond-Girls zu der Zeit waren in der Tat noch alle weiß, aber von Beginn an waren vor allem diejenigen, die der dunklen Seite der Macht dienten, gar nicht so unemanzipiert, ihrer zuweilen seltsamen Namen zum Trotz.

Unterstrichen wird der seltsam rohe Duktus des ersten Teils von Dialogen, die vielleicht  schlecht ins Deutsche übersetzt worden sind, jedenfalls sind sie auf Deutsch schlecht bis grottig und legen auch die schräge Anlage des Plots und die fragwürdige Aufstellung der Figuren schonungslos offen. Es gibt kaum ein Handlungselement, das man als logisch oder gar zwingend ansehen kann, und weil das nicht mit einer guten Sprache ein wenig vernebelt wird, knallt es ziemlich rein – und reizt eben dazu, dass die Gesichtsmuskeln nicht ruhig bleiben können, gerade dort, wo es ernst wirken soll, wie etwa in den Dialogen zwischen dem Albino-Chef von C2 und seinem widerwilligen Agenten.

Der zweite soziale Kommentar ist jener Widerwille, noch einmal ins schmutzige Business einzusteigen und sogar Menschen zu liquidieren – aber als Kunstprofessor ist man zwar der Schwarm der Studentinnen, aber blöderweise reicht das Gehalt nicht, um tatsächlich Kunst davon erstehen zu können. Schon gar keine echten Meister, von denen Prof. Hemlock (Eastwood) immerhin 21 ergattert hat. Das wäre heute fast ein Milliardenvermögen, aber der Kunstmarkt war in den 1970ern wohl noch nicht ganz so abgedreht, es gibt um Summen von 10.000 bis 20.000 Dollar für wertvolle Gemälde von führenden Impressionisten und am Ende ca. 100.000 Dollar Salär für den Goodbye-Job – die schwierige Besteigung der Eiger-Nordwand auf einem Weg, den bisher niemand genommen hat.

Mir ist bis zum Schluss nicht plausibel geworden, warum eine Bergtour plötzlich den Agenten entlarven soll, der sich bisher vor der Organisation C2 so gut tarnen konnte. Falls dieser Hemlock seinerseits als Spion enttarnt hätte, hätte es wesentlich bessere Möglichkeiten gegeben, als ausgerechnet eine Seilschaft von ihm zu befreien, in der jeder auf den anderen angewiesen ist, damit die schwierige Bergtour gelingen kann.

Ein Hurra-Film ist „The Eiger Sanction“ aber nicht ganz, denn Hemlock scheitert auch beim dritten Versuch, den Schweizer Berg der Versuchung zu erklimmen – aufgrund des Todes eines anderen Mitglieds der Seilschaft. Vorher darf er aber mit seinem alten Freund, der sich als der eigentliche Gegenspion herausstellt, zu Übungszwecken den Berg oder Felsen in den USA erklimmen, der am deutlichsten einem Phallus ähnelt. Fast unmöglich, dass Eastwood diesen Gag nicht erkannt hat und fast genauso unmöglich, dass er ihn tatsächlich ganz ernsthaft und in durchaus schönen Bildern präsentiert. Auch die Eiger-Besteigung ist ist gut gefilmt – da wird „Im Auftrag des Drachen“ zu einem durchaus ansehnlichen Abenteuerdrama. Da, wo nur Männer unterwegs sind, Gefährten einerseits, aber auch eine Konkurrenzsituation mit dem Deutschen, um neben den Unbilden der Natur auch gruppeninterne Spannung zu erzeugen – solche Aufstellungen kennt man aus vielen ähnlichen Streifen und sie wurde schon besser ausgespielt als hier – unter anderem, weil die Besteigung nur etwa ein Drittel des Films ausmacht. Man merkt trotzdem, dass Eastwood dafür grundsätzlich einen Sinn, ein Gespür hat und sich in den gefährlichen Szenen nicht doubeln ließ.

Mit 42 Jahren soll gemäß Dialogsatz im Film der Franzose Montaigne, einer der drei Bergsteiger, die hier zusammenkommen, der älteste Mann gewesen sein, der jemals die Nordwand bezwingen wollte, Hemlock hingegen wird an einer Stelle von seinem Freund aäs 35 bezeichnet. Ob das ernst gemeint ist oder ein Witz sein soll, erschließt sich durch den Ton nicht, aber Eastwood war damals 45 und sah auch nicht aus wie 35. Im Grunde war er für Hollywood-Verhältnisse ein Spätstarter, als er mit der Dollar-Trilogie von Sergio Leone (1964-1966 gedreht) berühmt wurde und hat mittlerweile das gesegnete Alter von 90 Jahren erreicht.

Finale

Man kann sagen, „The Eiger Sanction“ zerfällt in zwei Teile: Einen miserablen und einen respektablen. Davon, dass Eastwood sich als begnadeter Regisseur erweisen sollte, der nicht weniger als fünf Schauspieler zu oscarprämierten Leistungen führte und sechs weitere zu einer Nominierung, ist hier noch nicht viel zu sehen.

Es sind die realistischen Actionszenen, die den Film noch einigermaßen retten, aber um sie genießen zu können, muss man durch eine Menge Unsinn hindurch. Ich war kurz davor, den Film schon vor dem Besteigen der Nordwand abzubrechen. Aber dann hat mich die kuriose Sequenz mit dem offenbar schwulen ehemaligen Freund und dann Verräter abgehalten, die ebenso gnadenlos wie fern jeder Plausibilität zu Ende gespielt wird. Dann waren es die Trainingsszenen mit George (#She), die eine gewisse Spannung vermittelten – und danach ging es im wörtlichen Sinne hoch hinaus.  Der Film ist sehr unrund und in mancher Hinsicht ärgerlich, dies bleibt festzuhalten.

52/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Clint Eastwood
Drehbuch Hal Dresner
Warren Murphy
Rod Whitaker
Produktion Robert Daley
Musik John Williams
Kamera William N. Clark
Frank Stanley
Schnitt Ferris Webster
Besetzung

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