2045 klimaneutral? Die Wahrheit über den CO²-Ausstoß | #Frontpage ++ Kommentar #Klimaschulden | #Umwelt #Klima | #EU #Deutschland #USA #China #Russland #CO2 #Klimaneutralität #Klimawandel #Wahlkampf #btw21 #b2609 #Bundestagswahl

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Welch ein Fortschritt. Nach dem viel gepriesenen Urteil des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts zum Thema Klimaneutralität musste die Bundesregierung ihre Klimaziele nachbessern und im Eiltempo sickern nun die Vorschläge durch: Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden, heißt es aktuell in einer Vorlage der SPD, fünf Jahre früher als bisher geplant, bis 2030 soll eine Reduktion um 65 Prozent gegenüber dem aktuellen Stand erreicht werden (bisher 55 Prozent), 2040 eine solche um 88 Prozent (ein bisher nicht vorhandenes mittelfristiges Limit). Die Bundeskanzlerin ist bereits darauf angesprungen, wie seit jeher auf alles, was gerade opportun erscheint: Angela Merkel: Deutschland soll bis 2045 klimaneutral werden – WELT.

Sicher wird es Menschen geben, denen das immer noch zu langsam geht, immerhin sind es bis dahin noch fast 25 Jahre, eine weitere Generation, die damit groß wird, dass im Land mehr CO² emittiert wird, als gebunden werden kann. Aus gegebenem Anlass veröffentlichen wir hier eine Nachdenk-Grafik, die uns erzählt, was die übrige Welt zu tun gedenkt, um den CO²-Ausstoß zu verringern. Die Daten sind sehr aktuell und nach dem letzten US-Klimagipfel erstellt worden, der unter anderem die Botschaft brachte, dass die USA nicht nur wieder mitmachen wollen bei der CO²-Reduktion, sondern auch eine Vorreiterrolle einnehmen wollen:

Auf dem US-Klimagipfel, der am heutigen Freitag zu Ende geht, kündigten mehrere Länder an, ihre im Kampf gegen den Klimawandel zu erhöhen – unter anderem die USA und Japan. Beide Länder gehören zur Gruppe der sechs weltgrößten Emittenten. Die Statista-Grafik zeigt, wie sich deren Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO₂) entwickelt haben und wie stark sie fallen müssen, damit die jeweiligen Länder ihr Versprechen – sofern vorhanden – einhalten. (Begleittext von Statista)

Sofern vorhanden? Sollte es in dieser dringenden Klimalage nicht für alle Länder selbstverständlich sein, dass sie ihren CO²-Ausstoß reduzieren? Das war es bisher nicht, wie man der Grafik eindeutig entnehmen kann:

• Infografik: Die Klimaziele der größten CO₂-Emittenten | Statista

Die viel gescholtene EU steht mit einer leichten realen Reduktion seit 1990 noch mit am besten da, in Russland sanken die Emissionen zunächst, weil nach der Auflösung der Blöcke die Schwerindustrie einbrach. Gleiches gilt übrigens auch für Mittelosteuropa inklusive der DDR, für den Fall, dass die EU hier seit 1990 als EU-27 dargestellt wird. Trotzdem ist seit etwa 2007 zu erkennen, dass die EU der einzige große CO²-Emittent ist, der tatsächlich etwas gegen die zu hohen CO²-Emissionen getan hat, wenn man es mit den früheren 1990ern vergleiht. Sehen Sie den kleinen Knick im Jahr 2009, als es plötzlich viel schneller zu gehen schien? Das war die Finanzkrise mit teilweise erheblichen Produktionseinbrüchen, nicht etwa eine plötzliche Eingebung in Richtung mehr Nachhaltigkeit. Trotzdem wurden danach sowohl in der EU als auch in den USA die bisherigen Spitzenwerte nicht mehr erreicht.

Deutschland als größtem Emittenten innerhalb der EU mit einem hohen Kohleanteil am Strommix kommt eine Schlüsselrolle zu, ob die EU tatsächlich zur Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein wird. Insofern ist es richtig, dass sich bei uns etwas tut. Es darf aber auch nicht vergessen werden darauf hinzuweisen, dass einige Länder ihre besseren Werte z. B. unter verstärktem Einsatz von Atomkraft erreichen, vor allem auf Frankeich als weitere große Volkswirtschaft im Zentrum der EU trifft das zu. Aber die EU steht nur auf Rang drei der größten Emittenten, mit ziemlichem Abstand zu den USA und vor allem zu China. Als weiteres Land auf dem Marsch in die Industrialisierung ist neben China nur Indien in der Grafik enthalten.

Schauen wir uns die Entwicklung seit 1990 an, dann wird vor allem ab dem erwähnten Wendepunkt 2007-2009 klar, dass zwar der Westen seitdem mehr schlecht als recht eine leichte CO²-Reduktion hinbekommen hat, aber das alles wird bei weitem konsumiert und der Gesamttrend wird ins Gegenteil verkehrt durch den Aufstieg Chinas zur führenden Industriemacht. Zwar legen in China die erneuerbaren Energien sehr schnell zu, abe das reicht nicht aus, um den rasant wachsenden Energiehunger abzufangen, auch der Kohleverbrauch steigt immer weiter. Deswegen ist es von China nicht nett, aber klug, nicht zu viel zu versprechen. Eine Reduktion des Kohleverbrauchs ab 2025, wie auf der Grafik als einziges Ziel ausgewiesen, ist vermutlich machbar, mehr nicht. Allerdings ist ein Effekt dabei noch nicht bedacht: Dadurch, dass China immer weitere Länder wirtschaftlich kolonisiert und als Werkbänke verwenden will, wird es außerhalb seiner eigenen Grenzen den CO²-Verbrauch antreiben. Was die betreffenden Länder dann damit anfangen? Vielleicht grüne chinesische Technologie kaufen, wenn wir alle Glück haben, sodass der Anstieg sich in Grenzen hält.

Deutschland ist weltweit nur noch für zwei Prozent des CO²-Ausstoßes verantwortlich. Das heißt nicht, dass es unwichtig ist, was hier passiert, zumal die EU ein geschlossenes Bild abgeben sollte und es ist wichtig, dass wieder eine junge Generation das Gefühl bekommt, etwas bewirkt zu haben, nachdem die vorherige, also auch die grün wählenden Eltern, versagt hat. Aber es ist klar, dass das nicht umsonst zu haben wird und wenn es nicht sozial abgefedert wird, dann wird sich daraus neuer Sprengstoff und eine noch größere soziale Ungleichheit ergeben. Dagegen haben die Grünen bisher herzlich wenig getan.

Die zweite Grafik, die wir einbetten, zeigt die größten Klimaschuldner weltweit. Man kann sagen, die meisten Staaten haben mittlerweile CO²-Schulden und China tut alles, um Platz eins zu erreichen. Allerdings wäre, kongruent zur obigen Grafik, die EU im Grunde zusammen darzustellen gewesen, nicht deren einzelne Länder, dann wäre die Farbe auch hier wesentlich dunkler ausgefallen:

• Infografik: Die Klimaschulden der Welt | Statista

Die USA sind das Land, das seit dem Jahr 1970 weltweit die größte Menge des Treibhausgases Kohlendioxid emittiert hat. Auf Platz zwei folgt China, an dritter Stelle liegt Russland. Das zeigt die Statista-Grafik auf Basis von Daten der Emissions Database for Global Atmospheric Research der EU-Kommission. Deutschland liegt mit 47,7 Mrd. Tonnen auf Rang sechs, hinter Japan und Indien. Betrachtet man lediglich das Jahr 2019, ist die Reihenfolge eine andere, wie diese Statista-Grafik zeigt. Demnach sind derzeit viele asiatische Länder unter den größten Emittenten. China ist dabei mit 11,5 Milliarden Tonnen im Jahr 2019 der weltweit größte CO₂-Emittent. Das Land hat zwar die Energiewende begonnen, baut aber weiter Kohlekraftwerke und exportiert diese Technologie auch in andere Länder. In den 1970er Jahre waren hingegen mehrheitlich europäische Länder unter den größten CO₂-Emittenten, wie diese Statista-Grafik zeigt, heißt es im Begleittext.

Da wir nun alle politischen Beiträge auch als Special zum Wahlkampf 2021 betrachten, beobachten wir mal, was zum Beispiel die Union gerade tut.

Wirtschaftsminister Altmaier lobt per Twitter die Entscheidung des BVerfG, als sei nicht die CDU und nicht speziell seine Energiepolitik dafür verantwortlich, dass sich bisher nicht mehr getan hat. Altmaier gilt als die persönliche Bremse des Windkraftausbaus zugunsten der Lobbys fossiler Energieträger. Als ob diese Heuchelei nicht genug wäre, geht nach einer Meldung von heute Morgen das Konrad-Adenauer-Haus, die CDU-Zentrale auch noch hin und will die Bürger*innen mit elf nach eigener Ansicht offenbar wahlkampfgerecht aufgestellten Stolpersteinen die Menschen gegen grüne Umweltpläne aufbringen, weil diese nicht kostenneutral sind. Anders ausgedrückt: Klimaneutralität und Kostenneutralität shließen einander aus, das weiß auch jeder, der ein wenig realistisch denkt.

Angela Merkel aber – siehe oben. Als ob’s nichts wäre. Wir schaffen das schon = ihr schafft das schon, mir ist es bis dahin sowieso egal. Was man sich unwillkürlich fragt: Gibt es überhaupt noch ein Thema, bei dem die Union glaubwürdig ist?

Wie schräg und verworfen das ist und was es für künftige Generationen bedeutet, lässt sich kaum in Worte fassen. Wer trotzdem gedenkt, im Herbst die Union zu wählen, begeht eine, ja man könnte sagen, eine Straftat an seinen Kindern und Enkeln und an noch nicht Geborenen, das muss uns allen klar sein. Im Grunde ist dies genau das, was das BVerfG gesagt hat: Dass gegenwärtig Unionspolitik auf Kosten der folgenden Generationen gemacht wird. Hier habe ich einen Satz zitiert, der sich auf Politiker*innen wie Altmaier und Angela Merkel persönlich bezieht und der leider auf der Hand lag, aber auch für einen Artikel wie diesen zu sehr als argumentum ad hominem gestaltet war.

Aber auch die Grünen darf man nicht einfach alleine lassen. Zum Beispiel nicht mit ebenjener Union als Koalitionspartner und schon gar nicht mit der FDP als Drittem im Bunde, denn sonst wird es nicht dazu kommen, dass endlich die Reichen stärker zur Finanzierung ihres eigenen riesenhaften ökologischen Fußabdrucks herangezogen werden und dann ist die Finanzierung des Wandels der Wirtschaft hin zur Nachhaltigkeit wirklich nicht machbar.

Um diese Finanzierung zu stemmen und den Wandel sozial zu gestalten, muss immenser Druck auch international aufgebaut werden, zum Beispiel, um endlich der nur in Billionendimension zu denkenden Steuervermeidung, die weltweit jährlich stattfindet und die im unionsgeführten Deutschland besonders lässig behandelt wird, obwohl sie mehr als ein Viertel der möglichen bzw. korrekten Körperschaftssteuer kostet, ein Ende zu bereiten. Es muss endlich als moralisch verwerflich und nicht mehr als schlau gelten, sich auf Kosten der anderen und der Umwelt zu bereichern. Der weltweite Wettbewerb um die besten Konditionen für jene, die sich vor Gemeinschaftsaufgaben drücken wollen, muss endlich beendet werden. Ich hoffe, die Grünen, ohne die wohl ab 2021 im Bund nicht regiert werden wird, haben das auf dem Schirm.

Insofern ist es jedoch richtig, wenn Parteien starke umwelterhaltende Regeln setzen und durchsetzen wollen, denn von alleine wird der Kapitalismus sich gewiss nicht befrieden und in seiner zerstörerischen Kraft bremsen lassen. Die Grünen vermeiden starke Rhetorik in diese Richtung und auch von den Linken hört man zu wenig Klares. Auf diese Weise kriegt man aber die Mehrheit nicht dazu, darüber nachzudenken, dass sie zum Beispiel, auf Deutschland bezogen, dreimal im Jahr das konsumiert, was die Erde einmal im Jahr für alle bereithält, ohne zu leiden und auszubluten. In den USA verbraucht der Durchschnittsmensch sogar 5,5-mal das, was ihm angemessen wäre. Klimaneutralität ist in dem Zusammenhang nicht das einzige Problem, sondern auch der enorme Wasserbrauch in Ländern wie diesem und allgemein der hohe Ressourcenverbrauch.

Kein ökologischer Fortschritt ohne soziale Gerechtigkeit.

Sicher, man kann es verbal ruhig angehen und wenn es so weit ist, umso mehr aktiv werden, das ist besser als die übliche Ankündigungsrhetorik à la Groko. Aber wenn wieder die breite Mehrheit alles schultern muss, wie schon während der Finanzkrise, wie jetzt während der Corona-Krise, anstatt dass die Verursacher der Schäden mehr zur Kasse gebeten werden, dann wird das Projekt einer dringend notwendigen ökologischen Marktwirtschaft scheitern, die Gewinne nicht mehr ausschließlich privatisiert und Folgekosten nicht mehr ausschließlich sozialisiert. Was anstelle einer solchermaßen friedlichen Evolution kommen wird, weiß indes niemand. Die Menschen haben mittlerweile auch ein Gefühl dafür entwickelt, wann sie vom Kapital zu sehr über den Tisch gezogen werden, wie sich unter anderem am 1. Mai in Berlin wieder gezeigt hat. Der gewissenlose neoliberale Durchgriff auf die Weltressourcen muss endlich beendet werden. Nachhaltigkeit heißt auch: Endlich mehr Gerechtigkeit. Sonst scheitert ihr ökologischer Teil an mangelnder Akzeptanz. Selbst in Städten wie Berlin gibt es außerdem zahlreiche Menschen, die noch gar nicht in ökologischen Dimensionen zu denken gelernt haben, das kann man jeden Tag beobachten.

Das mag demjenigen, der sehr gut aufgestellt ist und weiß, dass er sich jeden Fortschritt leisten kann, nicht schmecken, aber wer ohnehin ständig unter Gerechtigkeitslücken aller Art zu leiden hat, wie sie seit über 30 Jahren aufgerissen werden, der denkt nicht so global und fürs Ganze und für andere und über den Tellerrand hinaus, wie er es vielleicht tun würde, würde er mehr respektiert und fühlte sich mehr mitgenommen. Mitnehmen, alle, inklusiv sein, handeln, das ist doch so ein schönes Wort, das aus dem grünen Milieu stammt. Wird nur leider im Alltag viel zu wenig angewendet. Wer ökologischen Fortschritt ohne soziale Gerechtigkeit denkt, handelt aber nicht inklusiv, sondern klassistisch und spielt dem Großkapital in die Hände, das gar nicht daran denkt, sich freiwillig zu beschränken. Schon die anhaltende Fixierung großer Unternehmen und Superreicher auf eine Form von Wachstum, das immer mehr Ressourcen verbraucht, belegt, dass es mit freiwillig nicht mit ihnen, sondern nur mit der Mehrheit gegen diese Leute geht. Dazu muss die Mehrheit aber auch – sic! – mit ins Boot genommen werden.

Die Welt im Sinne der menschlichen Zivilisation wird ohnehin im Jahr 2045 und auch nicht im Jahr 2050 klimaneutral sein. Die Daten einiger Länder lassen das gegenwärtig als undenkbar erscheinen. Das sollten wir also nicht erwarten, was immer wir selbst beisteuern.

Es sei denn, man würde die Mentalität während der Corona-Krise auf den Klimawandel übertragen: Es ist alles zu tun, was erforderlich ist, koste es, was es wolle und jedwede wissenschaftliche Kapazität ist einzusetzen, um sich diesem einzigen Ziel zu verschreiben: Den weltweiten Temperaturanstieg noch auf 1,5 bis 2 Grad zu begrenzen. Ob das überhaupt funktioniert, nur weil die Menschen „klimaneutral“ geworden sind, sei außerdem dahingestellt. Aber es ist eine wichtige Voraussetzung dafür. Kann man diese Mentalität übertragen? Denken wir mal daran, was nach der Finanzkrise passiert ist. Es ging fast so weiter wie bisher, manche Schieflage aus jener Zeit ist bis heute durchgeschleppt worden und hat sich sogar verschärft. Vielleicht, weil man die gravierenden Folgen nur indirekt bemerkt, nicht so gut zuordnen kann wie bei einer Corona-Erkrankung, hier die Ursache, direkt am eigenen Leib das sichtbare Ergebnis. Den Klimawandel mit all seinen Folgen zu denken, erfordert mehr Abstraktionsvermögen und die ökologische Evolution tatsächlich eine Kulturrevolution. Kriegen wir das hin? Schauen Sie sich an, wie die CDU derzeit versucht, Wähler*innen zu gewinnen, indem sie nur auf die Bequemlichkeit des konservativen Klientels setzt. Wenn ihr das auf diese Weise gelingen sollte, heißt die Antwort eindeutig: nein. Das wird nichts mehr. Wenn nicht bei uns, wie dann in Ländern, in denen die Menschen sich gerade in den letzten Jahrzehnten erst einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet haben und nun erfahren, dass mehr auch nicht drin ist, aus ökologischen Gründen?

TH

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