Freitagsmörder – Tatort 325 #Crimetime 1040 #Tatort #Frankfurt #Brinkmann #HR #Freitag #Mörder

Titelfoto © HR

Ein Freitagsmörder ist nicht genug

Der Frankfurter Kommissar Edgar Brinkmann war nicht irgendwer im Tatort-Geschäft. Immerhin 16 Jahre (von 1985 bis 2001) klärte er in der Hessen-Metropole Fälle auf und war damit beinahe so durabel wie die beliebten Zeitgenossen aus Hamburg, Stoever & Brockmöller. Und sein Darsteller Karl-Heinz von Hassel hatte schon in vielen Tatorten zuvor mitgewirkt – und dabei einiges an darstellerischer Flexibilität bewiesen.

Erst in den 2010ern haben Tatort-Teams die Gesamt-Dienstzeit von Brinkmann überboten: Lena Odenthal und  Mario Kopper (Ludwigshafen), Batic & Leitmayr (München), die Kölner Ballauf & Schenk und Inga Lürsen in Bremen. In Frankfurt wurde eine Kontinuität wie zur Brinkmann-Zeit seitdem nicht wieder erreicht, obwohl herausragende Teams wie Dellwo / Sänger und vielversprechende wie Steier / Mey gekommen und gegangen sind.

Der Herr mit Schnauzbart, Fliege und Dreiteiler) einem zumeist abwesenden Privatleben (in „Freitagsmörder“ ist es komplett abwesend), seiner leicht überlegenen und nonchalanten Art ist noch ein Fernseh-Ermittler alter Schule und manchmal wirkt das ganz angenehm. „So langweilig kann Mördersuche sein“ schrieb eine Programmzeitschrift vor der Wiederausstrahlung des Tatorts 325. Oder so realitätsnah? Wir klären dies und mehr in der –> Rezension.

Handlung

In Frankfurt wird eine Krankenschwester ermordet aufgefunden. Sie ist das vierte Opfer eines Unbekannten, der als „Freitagsmörder“ Schlagzeilen macht. So nennen ihn die Medien, weil er stets an diesem Wochentag zuschlägt. Hinweise auf den Täter gibt es kaum, die Polizei weiß nur, daß er Linkshänder sein muß und seine Opfer immer mit einem einzigen Schlag tötet.

Kommissar Brinkmann, der die Ermittlungen leitet, steht beträchtlich unter Druck, weil die Suche nach dem Serienmörder bisher so wenig erbracht hat, läßt sich aber nicht aus der Ruhe bringen. Es dauert nicht lange, da wird er zu einem neuen Opfer gerufen. Es ist Lisa Droste, wiederum eine Blondine; sie wurde erschlagen, als sie freitagsabends von einer Probe des Frankfurter Volkstanzensembles zurückkehrte. Leiter des Ensembles ist Helmut Seiff, er besitzt eine Musikhandlung und lebt mit seiner Mutter zusammen, die gern als Sängerin Karriere gemacht hätte.

Frau Drostes Ehe mit ihrem Mann Axel stand nicht zum Besten, beide hatten ein Verhältnis, sie mit ihrem Nachbarn Konrad Biber, er mit Lisas Kollegin Erni Sicarius. Auch der neue Mord bringt Brinkmann kaum voran; als vielversprechend erweist sich dagegen die Aussage einer jungen Orchestermusikerin nach einem weiteren Mordversuch: Der Mann, der sie umbringen wollte, benutzte ein sehr aufdringlich riechendes Rasierwasser.

Tatsächlich gelingt es, den Freitagsmörder anhand dieses Hinweises zu entlarven und zu fassen, als er nach einem neuerlichen Mordversuch flüchten will. Er gesteht vier Morde, nur mit dem Mord an Lisa Droste will er nichts zu tun haben, und das klingt glaubhaft. Kommissar Brinkmann zieht daraus den richtigen Schluß: Frau Droste wurde das Opfer eines anderen Täters, der bewußt vortäuschte, auch sie sei von dem Serienmörder erschlagen worden.

Rezension

Langeweile haben wir nicht als dominierenden Aspekt von „Reitagsmörder“ erkannt. Brinkmanns Fälle gehören nicht zu den absoluten Highlights unter den mittlerweile beinahe 1200 Krimis mit dem Fadenkreuz im Vor- und Abspann, aber zumindest in „Freitagsmörder“ ist eine schrullige Form von Humor zu beobachten, der sich gleich auf mehreren Ebenen zeigt und diesen Tatort, der im Jahr 1996 schon im 16:9-Format produziert worden war, zu einer vergnüglichen Sache werden lassen.

Wie hier ein Mann vier Frauen umbringt und wie schön geradlinig sein abweichendes Verhalten hergeleitet wird, das ist wunderbar und mit einem deutlichen Augenzwinkern inszeniert. Dazu diese Sache mit dem Trittbrettfahrer und dem Verrat der Komplizen, nachdem der Vierfachmörder bereits gefasst ist. Sicher, den  Menschenumbringer als solchen zeichnet ein gewisser Dilettantismus aus und angesichts seines Status als Mehrfach-Täter fragt man sich, wie er bei derlei mangelhafter Situationsbeherrschung so lange unentdeckt bleiben konnte. Aber auch Serienmörder profitieren offensichtlich vom Anfängerglück, und dies kann selbstredend nicht für immer währen.

Dominante Mütter sind ein Kreuz, schlimmer als prügelnde Väter und prekäre Verhältnisse, das wissen wir seit Hitchcocks „Psycho“ (1960), den „Freitagsmörder“ stellenweise zitiert. Mehr aber erinnert er uns an Dürrenmatts „Es geschah am helllichten Tag“ (verfilmt erstmalig 1958). Eine Frau unterdrückt einen Mann und dieser wird zum Killer, um seinem gequältem Herzen Luft zu verschaffen.

„Danach habe ich mich so erleichtert gefühlt“, gibt Helmut Seiff nach seiner Festnahme zu Protokoll, die wieder einmal nicht konsequenter Ermittlungsarbeit, sondern einem Tipp zu verdanken ist, welcher nicht einmal aus der öffentlichen, ein wenig übertrieben dargestellten Suche nach dem Serientäter resultiert. Aber dafür spielt Manfred Zapatka diesen drangsalierten Sohn einer Mutter wundervoll, die ihm liebevoll immer wieder zu verstehen gibt, dass auf dem Weg zu einer großen Gesangskarriere war, als er dazwischenkam und sie deswegen künstlerisch unerfüllt blieb.

Gewiss ist in diesem Film die psychologische Herleitung banalisiert, die Entstehung mörderischer Schuldgefühle und die Wirkung von Unterdrückungsmechanismen ins kleine Einmaleins für Laien übersetzt. Schade in dem Zusammenhang, dass dies alles tatsächlich erklärt wird, nachdem man den Mörder gefasst hat – er spielt den talking head, der dem Zuschauer sagt, wie alles kam. Das hätte er gar nicht tun müssen, auch nicht 1996. Man sollte den Fernsehern eine gewisse Interpretationsfähigkeit zutrauen, sie für psychologisch gefestigter halten als die Titelfigur.

Oder war auch diese überdeutliche Darstellung einer kranken Psyche Teil des erkennbar ironischen Spiels in diesem Film? Ausschließen kann man das nicht. Ebenso wirken die vielen Basis-Krimielemente in „Freitagsmörder“ wie bewusste, verspielte Zitate, die keineswegs aus Mangel aus neuen Einfällen so gewählt wurden.

Ist die Trittbrettfahrerin, die anstatt dem Handwerkerhammer ein Beil verwendet, so viel anders, mit ihrer Gier nach allem, was das Leben bieten kann? Oder der Penthouse-Mieter mit der afrikanischen Freundin, die so herrlich ein Hessisch babbelt, dass man klar merkt, hier wurde synchronisiert – aber es erhöht den Witzfaktor dieser stellenweise mundartlichen Folge. Alle stehen in negativ ausgeformten Verhältnissen zueinander, nur der Grad der gegenseitigen Demütigung und Unterdrückung ist nicht überall gleich. Die Welt der „Normalen“ spiegelt den Psychopathen Seiff auf süffisante Art, doch komisch sind vor allem die Szenen mit ihm, im Verlauf selbst dann, wenn er zur Tat ansetzt und irgendetwas schiefgeht – und die Situationen mit Brinkmanns fixem Assistenten Wegener, der dem Kommissar hier stellenweise den Schneid abkauft, ohne dass Letzterer sich davon aus der Ruhe bringen lassen würde.

Da ist etwas Cooles und Selbstbewusstes in diesem Tatort, da gibt es manch skurrile Szene und manch guten Einfall beim Bildschnitt bzw. Szenenwechsel, der nicht zuletzt klar macht, dass der Film schon an der Schwelle zu den heutigen Tatorten steht und etwas anders gestylt ist als z. B. die Krimis aus der Zeit vor der Wiedervereinigung.

Einige Szenen-Highlights haben wir chronologisch herausgegriffen:

  • Wie die Mutter mehrmals durch konsequentes Hervorrufen von Schuldgefühlen bei ihrem Sohn diesen davon abbringt, dass er sich wenigstens Freitags aus dem Staub machen kann,
  • Wie Seiff erst nach vier Morden auf die Idee kommt, passende Handschuhe zu erstehen, durch die hindurch man gut fühlen kann, was man in der Hand hält.
  • Zwei Nonnen spielen im Hintergrund Flöte, während Seiff seinem nächsten Mordopfer durchs Schaufenster nachschaut, das in der Oper als Musikerin tätig ist,
  • der Streit von Mutter und Sohn ums Opernglas und wie sie immer damit verzückt auf die Bühne schaut, während Aida gespielt wird – er hingegen etwas tiefer in den Orchestergraben,
  • der Triumphmarsch aus Aida und der Zillertaler Hochzeitsmarsch als musikalische Gegenüberstellung – Volksmusik, die große Oper, die Metiers ziehen das pathologische Verhalten überspannter und auf trügerische Weise biederer Persönlichkeiten offenbar gleichermaßen an,
  • wie die Trittbrettmörder-Fraktion offenbar Stunden braucht, bis sie sich entschließt, endlich das Beil aus dem Garten auszugraben und dabei Brinkmann mit Assistent auftaucht; wie die Plastiktüte mit dem Beil in den Busch geworfen wird und der fixe Wegener sie selbstverständlich hervorbringt und wie aus einer Kumpanei dann ein „rette sich, wer kann“ wird, als die beiden Personen befragt werden.

Finale

Schade, dass der Musikalienhändler (schöne Idee, den Mann mit Dingen handeln zu lassen, mit denen andere große Kunst machen) nicht seine Mutter umgebracht hat. Dann wären all die anderen Dinge nicht passiert. Aber so ist das mit übermächtigen Personen. Sie sind als Opfer nicht geeignet und der aufgestaute Hass richtet sich günstigstenfalls nach innen, die gedemütigte Kreatur wird klein und versagt oder verzagt am Leben. Oder all dies potenziert sich in einem hohen Aggressionspotenzial und drängt hinaus in die Welt, wo es sich an Unschuldigen rächt. Auch Helmut Seiff ist ein Täter-Opfer, wie so viele Verbrecher in Tatorten, die durch ihre Umwelt zu dem wurden, was sie letztlich in die Hände der getreuen Fernsehkommissare führt.

„Freitagsmörder“ zweifelt aber an diesen missratenen Biografien als einzige Ursache für das Absterben der Tötungshemmung, das wird durch die Simplifizierung als Teil einer ironischen Brechung sichtbar. Dass der Herr Seiff immer freitags mordet, liegt nicht etwa an psychologischen Mustern, sondern schlicht daran, dass seine herrische Mama ihn nur an diesem Tag weglässt. Selbst dies muss er sich jedes Mal erkämpfen, es gelingt ihm nicht immer. In Wirklichkeit ist das Unsinn, denn er hat ja ein eigenes Geschäft und könnte sich häufiger unerkannt freimachen. Aber würde dieser Mann es tun, der im Alltag doch sehr pedantisch wirkt und ein auffälliges Rasierwasser verwendet, das ihn schließlich verrät: der Duft des Mörders.

Was uns nicht gefallen hat ist, dass die Trittbrettfahrer-Story für lange Zeit in den Hintergrund tritt. Klar, sie entwickelt sich erst dadurch weiter, dass man Zapatka überführt und er schwört, den fünften Mord nicht begangen zu haben. Trotzdem hätte man da hin und wieder rüberblenden und einige Handlungselemente anders anordnen können, um die Spannung zu erhöhen.

Es gibt in „Freitagmörder“ viel zum Schmunzeln, trotz der recht grausigen Hammermorde.

7,5/10

© 2021, 2016, 2015, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissar Brinkmann – Karl-Heinz von Hassel
Robert Wegener – Martin May
Helmut Seiff – Manfred Zapatka
Karla Seiff – Elfriede Kuzmany
Axel Droste – Jürgen Schmidt
Lisa Droste – Sabina Trooger
Erni Sicarius – Susanne Uhlen
Konrad Biber – Matthias Bullach
Frau Fink – Ruth Kähler

Buch – Heinz Schirk
Regie – Heinz Schirk

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