Crimetime 324 - Titelfoto © DFF / ARD
Mitten in der Niemalszeit
„Abgründe“ ist der erste Polizeiruf aus der Wendezeit, den wir rezensieren und wurde vom 28. November 1989 bis im Februar 1990 gedreht. Die Drehzeit mutet recht lang an, aber warum wir sie ausnahmsweise erwähnen, hat natürlich den Grund, dass wir dem Tentor des Films nachspüren wollen und dafür ist dieser Zeitraum wichtig. Der Dreh wurde nach der Wende begonnen und vor den ersten freien Volksammerwahlen im März 1990 abgeschlossen. Vertraut ist uns mittlerweile das ernste, symptathische und mittlerweile recht faltenreiche Gesicht von Ermittler Jürgen Hübner (Jürgen Frohriep), der bis zu seinem Tod im Jahr 1993 für die Reihe Polizeiruf im Einsatz war. Wie nahmen wir diesen Film aus der Zeit, die es beinahe nie gegeben hat, auf? Das steht in der -> Rezension.
Handlung (Wikipedia)
Im Elbsandsteingebirge stürzt ein junger Mann von einem Felsen in den Tod. Unweit ist gerade der Wanderführer Max Haase mit einer Gruppe Touristen unterwegs und alarmiert die Polizei. Oberleutnant Jürgen Hübner und Oberleutnant Lutz Zimmermann übernehmen die Ermittlungen. Der Mann hatte keine Ausweispapiere bei sich, dafür aber einen pathetisch-altmodisch geschriebenen Abschiedsbrief, in dem er einen Mord als Motiv für seinen Sprung angibt. Da sich in seinem Magen Speisereste vom Mittagessen befinden, begibt sich Jürgen Hübner als erstes in die unweit des Tatorts gelegene Gaststätte Felsenkeller. Sie war das einzige Lokal, das mittwochs trotz Schließtag geöffnet hatte. Der Wirt Genghein erinnert sich an den jungen Mann, der sich „Backmann“ nannte. Auch andere Gäste des Lokals, darunter Schnitzer Wolf und Uhrmacher Reichard, haben den jungen Mann gesehen. Der Revierförster traf ihn später im Wald und Backmann erkundigte sich nach dem Weg zur Waldbühne. Bei ihm war eine blonde Frau, die nach dem Zugverkehr an diesem Tag fragte. Der ABV sah beide schließlich am Bahnhof, als die junge Frau abfuhr.
Max Haase kennt seit Jahren sämtliche Details der Gegend. So fällt ihm auch auf, dass die Bank am Plateau, von dem Backmann sprang, verrückt wurde. Wäre Backmann von der Stelle gesprungen, an der die Bank eigentlich stand, wäre er auf einem durch Laub gepolsterten Felsvorsprung gelandet und hätte den Sturz überlebt. Max Haase erinnert sich auch an verschiedene Schlupfwinkel unweit des Tatorts, darunter einen Geheimgang unter der alten Waldbühne. In dem Gang finden die Ermittler Backmanns Unterschlupf. Hier lagern auch ausgepolsterte Kisten, in denen die Ermittler einen Porzellandeckel finden. Untersuchungen ergeben, dass der Deckel zu einem Service gehört, das vor einiger Zeit im Schloss Domburg gestohlen wurde. Auch der Aschenbecher von Schnitzer Gerd Wolf ist Teil des Services und Wolf gibt an, die Schale auf einem Flohmarkt erworben zu haben.
Vergeblich suchen die Ermittler in ihren Karteien nach einem „Backmann“. Lutz Zimmermann erfährt von einer Freundin, dass der Name in Magdeburg eine umgangssprachliche Bezeichnung für einen „Problembürger“ ist. Tatsächlich fand sich unweit des Tatorts der Teil eines Zettels mit der Anschrift eines Clubs in Magdeburg und mehreren Zugverbindungen. Jürgen Hübner begibt sich nach Magdeburg, wo die Clubbesitzer ihm bestätigen, dass der Zettel Anja Ludwig gehört – der blonden Begleiterin des Toten. Anja Ludwig wohnt zur Untermiete bei Ute Usch und Jürgen Hübner erkennt schon beim Betreten der Wohnung, dass zahlreiche Fotos an der Wand den Toten zeigen: Es handelt sich um Ferdinand Usch, angehender Maler und Sohn von Ute Usch. Er lebte seit einiger Zeit mit Anja in einer umgebauten Mühle an der Elbe. In seinem dortigen Atelier finden die Ermittler nicht nur Gemälde, die Anja schwanger zeigen, sondern auch zahlreiche Kisten mit Porzellan – der Rest des Raubes aus Schloss Domburg.
Von Ute Usch erfahren die Ermittler, dass Ferdinand den Raub nicht begangen haben kann, weil er zu dem Zeitpunkt nicht nur bei ihrer Geburtstagsfeier anwesend war, sondern zwischendurch auch seine Psychologin besuchte. Die Ärztin bestätigt, dass Ferdinand sich bei ihr behandeln ließ. Sie bezweifelt, dass Ferdinand tatsächlich Selbstmord begehen wollte und meint, der Sprung samt Abschiedsbrief erinnere sie eher an eine theatralische Inszenierung. Jürgen Hübner kehrt nach Hause zurück. Hier meldet sich eines Tages Anja Ludwig auf dem Polizeipräsidium. Sie war im Urlaub und berichtet den Ermittlern nun, dass Ferdinand tatsächlich plante, einen Selbstmord vorzutäuschen, sollte „alles schiefgehen“. Als Orientierungspunkt diente ihm die Bank, die jedoch ohne sein Wissen von Uhrmacher Reichard verschoben wurde, da ihn an einem Tag das Licht blendete. Ferdinand wollte mit dem Raub für sich, Anja und das gemeinsame Kind vorsorgen.
Die Ermittler ahnen, dass Ferdinand nicht allein handelte. Zunächst vermuten sie in Schnitzer Wolf einen Komplizen, doch stellt sich heraus, dass Ferdinand Wolfs uneheliches Kind mit Ute Usch war. Er suchte ihn kurz vor seinem Tod auf und wollte Geld haben, damit er untertauchen kann. Wolf gab ihm jedoch nur etwas Bargeld, vor allem für die schwangere Anja. Von der Tat selbst wusste er nichts. Verschiedene Details weisen schließlich auf den Wirt des Felsenkellers als Mittäter hin. Jürgen Hübner und Lutz Zimmermann spannen Max Haase in ihre Arbeit ein. Er besucht den Felsenkeller und behauptet vor Wirt Genghein, dass bald an der alten Waldbühne Probebohrungen durchgeführt werden. Die Ermittler legen sich auf die Lauer und können Genghein auf frischer Tat stellen, als er die Kisten mit dem Porzellan aus dem unterirdischen Gang zu bergen versucht. Er wusste nicht, dass Ferdinand die Kisten heimlich geleert und das Porzellan nach Magdeburg gebracht hatte. Er schimpft auf ihn, habe er doch den Bruch geplant und habe dann ihn ängstlich den Einbruch alleine durchführen lassen. Genghein wird verhaftet.
Rezension
Selten haben wir bei einem Film so wenig von der Handlung behalten, wenn wir ihn zwei Tage nach dem Anschauen rezensiert haben. Uns hat wohl die Vorstellung zu sehr fasziniert, ein Werk vor uns zu haben, das in einer Situation gedreht wurde, in der keinerlei Orientierung darüber bestand, was die Zukunft wohl bringen würde. Die Handlung ist auch etwas unübersichtlich und wir waren bei der Nachrecherche überrascht, dass der Film nur 75 Minuten Spieldauer aufweist; wir dachten, 1990 habe sich der Polizeiruf diesbezüglich bereits an den Tatort angenähert – der zu Beginn der 1990er auch mal länger dauern konnte, besonders, wenn er aus Berlin kam und eine Markowitz-Elegie war, aber nicht mehr unter 88 Minuten. Nun fragen wir uns natürlich, ob man da einiges aus dem Drehbuch rausgenommen hatte, das ursprünglich gewiss schon vor dem 28. November 1989 abgesegnet war. Der Film ist so auffällig frei von ideologischen Tönen in irgendeiner Richtung, dass der Schluss zumindest naheliegt, dass man es nach der Maueröffnung flugs gesäubert hat.
Wer den MDR-Stil der 1990er kennt, wie er zum Beispiel beim Duo Ehrlicher-Kain herrscht, besonders in deren Dresdner Zeit, kann sich in etwa vorstellen, wie konservativ auch „Abgründe“ gefilmt ist. Allerdings mit einer Ausnahme. Als die blonde Anja erstmalig auftaucht, hat man das Gefühl, etwas Dämonisches findet statt. Man glaubt schon beinahe, sie se ein McGuffin, dann erscheint sie doch und wirkt so maskenhaft, was sich im Verlauf der Szene dann etwas ändert und ist nicht das böse Mädchen, als das sie vorher – natürlich von der Schwiegermutter in spe – dargestellt wird. Die Story vom vorgetäuschten Selbstmord, der schiefging, weil ein Unbeteiligter die Bank verschoben hat, die „als Orientierungspunkt dient“, ist verrückt oder lächerlich oder herrlich schräg, aber der Film hat eigentlich keinen sehr humorvollen Ton, sodass man sicher keine satirischen Absichten heranziehen kann, um sich vor Lachen den Bauch zu halten. Die Grundstimmung fanden wir eher wehmütig.
Vielleicht ist ein Teil dieser Stimmung, wir wir sie beim Schreiben empfinden, aber auch dadurch entstanden, dass wir der Vita des Polizeiruf-Ermittlers Hübner nachgespürt haben und in der Folge derjenigen seines Kollegen Fuchs. Beide verstarben bereits 1993 bzw. 1994 im Alter von 66 bzw. 68 Jahren. Jürgen Frohriep war mit dem berühmten DEFA-Film „Sterne“ bekannt geworden und er und Peter Borgelt (Fuchs) prägten das Fernsehkrimi-Geschehen der DDR maßgeblich. Dass beide kurz nach der Wende starben, obwohl sie auch nach dem Ende des Realsozialismus weiterhin eingesetzt wurden, ist doch auch symbolisch. Bei Frohriep ist auch nachzulesen, dass er die vorläufige Einstellung der Reihe Polizeiruf nicht gut verkraftet hat, die 1991 erfolgte. 1993 nahm man sie allerdings schon wieder auf und er hatte seinen letzten Einsatz, ausgestrahlt erst nach seinem Tod („Keine Liebe, kein Leben“).
Finale
Dies ist eine der kürzesten Rezensionen, die wir bisher für ein Werk der Reihen Tatort oder Polizeiruf geschrieben haben, kommt aber dank der langen Inhaltsangabe über die 1.200 Wörter, die wir als Grundmaß für diese Beitragsrubrik festgelegt haben. Über das Leben zwischen den Zeiten könnte man sicher eine Menge schreiben, aber der Film selbst gibt nicht besonders viel her und ist eben auch ein Stück Geschichte, das nur dadurch zum Zeitzeugen wird, weil es kaum zeitlich einzuordnen ist. Natürlich durch die Mode, die Autos, die Technik, aber da man jedes politische Thema konsequent ausgelassen hat, können wir ihn nicht, wie meistens, einhängen in das, was gerade weltwichtig war, als die Produktion durchgeführt wurde.
Eine Art sozial- und kulturphilosophischen und den seltsamen Träumen der Menschen gegenüber kritischen Ton hat der Film durchaus, das vergebliche Streben nach der Kunst im Leben und der Kunst des Lebens ist Thema vieler Krimis – aber getreu der traditionellen Linie des Polizeirufs in der DDR-Ära führt das hier nicht zu einem Mord, sondern zu einem Unfall und dazu, dass ein Mann ein seltenes Stück Porzellan als Ascher benutzt, obwohl er weiß, dass es aus einem Kunstraub stammt.
5,5/10
© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie | Reinhard Stein |
| Drehbuch | Hubertus Methe |
| Produktion | Hans-Jörg Gläser |
| Musik | Andreas Bicking |
| Kamera | Horst Klewe |
| Schnitt | Renate Müller |
| Besetzung | |
|---|---|
|
|
Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

