Crimetime 366 - Titelfoto © ORB / RBB, Torsten Lindner
Truffaut-Disclaimer
Mit dem berühmten Film von François Truffaut „Die Braut trug Schwarz“, in dem der Nouvelle Vague-Meister seinem Vorbild Alfred Hitchcock frönte, hat „Braut in Schwarz“ nichts zu tun, bis auf den Titel erkennen wir keine Hommage. Der Stil und die Handlung und die Personen zeigen keine Anleihen, dafür aber zeigt sich Kommissarin Johanna Herz (Imogen Kogge) recht unspektakulär in ihrem ersten Fall und wie sie dadurch zwangsläufig Horst Krause kennenlernt, der hier in einem fünften Film zu sehen ist. Ein Puzzleteil, das wir anschließen können, denn den direkten Brandenburg-Nachfolger „Die Schlacht“ haben wir bereits rezensiert und werden die Gelegenheit nutzen, diese Kritik im Anschluss an die vorliegende zu veröffentlichen – unterhalb der Handlungsbeschreibung geht’s zur vorliegenden -> Rezension.
Handlung (Wikipedia)
Arndt Weinert besucht unmittelbar nach seiner Haftentlassung ungebeten die Hochzeit seiner einst großen Liebe. Vor den Augen der Hochzeitsgäste prügelt er sich mit dem Bräutigam. Später trifft er ihn noch einmal im Keller eines leerstehendes Hauses, wo Weinert das Geld aus seiner Diebesbeute versteckt hatte. Erneut geraten beide in Streit. Kurz nachdem Weinert das Gelände verlässt, explodiert das Haus und der frisch gebackene Ehemann kann nur noch tot geborgen werden.
Die neue Kommissarin Johanna Herz trifft am Unglücksort ein und wird von Polizeihauptmeister Horst Krause in Empfang genommen. Sie befragt die noch im Dorf anwesenden Hochzeitsgäste und erfährt von dem ungebetenen Gast am Vortag, der sofort von allen für den Täter gehalten wird. Diverse Indizien sprechen auch dafür und so wird die Fahndung gegen Arndt Weinert eingeleitet. Nachdem Herz ihn beinahe stellen kann, gelingt ihm dennoch die Flucht und er versteckt sich.
Kommissarin Herz vermutet, dass Arndt zusammen mit Rene die Tankstellenüberfälle begangen hat, für die er drei Jahre ins Gefängnis musste. Seinen Komplizen hatte er nie verraten und ihn nun möglicherweise aus dem Weg geräumt, nachdem er ihm nicht nur das Geld, sondern auch noch die Freundin ausgespannt hatte. Allerdings kämpft Arndt verbissen um seine Freiheit und beteuert an Renes Tod nicht schuld zu sein. Der Kommissarin kommen auch Zweifel, als sie feststellt, dass das abgebrannte Gebäude zu einem Gelände gehört, dass ein Investor für einen Freizeitpark benötigt. Doch nach weiteren Recherchen wird klar, dass das Haus vom Land für eine Asylunterkunft ins Auge gefasst wurde, was die Dorfbewohner um jeden Preis verhindern wollten. Da Rene Grabow Geld für seine Surfschule brauchte, die er eröffnen wollte, hatte er die Aufgabe übernommen das Haus anzuzünden. Dazu hatte er diverse Propangasflaschen im Keller des Hauses deponiert und wurde bei seinem Tun von Arndt gestört und bei dem Streit niedergeschlagen. Da zum vereinbarten Zeitpunkt das Haus nicht brannte, hatte die Bürgermeisterin Thea Weinert nachsehen und die Aktion beenden wollen. Sie ahnte nicht, dass Rene dort bewusstlos lag und durch das Feuer zu Tode kommen würde.
Rezension
In Brandenburg wird anscheinend immer was gefeiert und immer kommt es dabei zu Todesfällen. Im Film. In der Realität sind es die Alleebäume. Am spektakulärsten war das Fest wohl in „Die Schlacht“, dem oben erwähnten Nachfolger von „Braut in Schwarz“, manchmal ist es ein runder Geburtstag, wie kürzlich in „Die Gurkenkönigin“ oder eben eine Dorfhochzeit. Während der Hochzeit trägt die Braut noch weiß, doch am selbigen Tag stirbt der ihr Angetraute im Feuer und am Ende hält Johanna Herz, die recht unspektakulär eingeführt wird, recht unspektakulär auftritt und agiert eine spektakulär bevölkerungspädagogische Rede: Es hat sich nämlich herausgestellt, dass die fiesen Dörfler einen Ex-Kindergarten angezündet haben, der gar nicht wieder ein Kindergarten werden sollte, wie alle lange Zeit behauptet haben, sondern eine Unterkunft für Asylbewerber_innen. Und das wollte man in der Nähe des Ferienparks nicht haben, für den das Dorf gerade den Zuschlag bekommen hat bzw. weil es der rührigen Bürgermeisterin und ihrem Investor-Lebenspartner gelungen ist, die dafür notwendigen Fördermittel vom Land Brandenburg zu akquirieren. Nicht, dass man was gegen Asylbewreber hätte, nein, nein, aber man befürchtete die rechte Szene anzuziehen, die es überall im Umland gibt, aber ausgerechnet in diesem friedlichen Dorf nicht, weshalb es ja auch für den Ferienpark infrage kam.
Da werden alle, die sich noch an brennende Unterkünfte in den 1990ern erinnerten, aufgestöhnt haben, als Johanna Herz im Stil von Inga Lürsen politisch wurde, nur etwas leiser. Und das alles hat sie so getriggert, dass sie heute AfD wählen. In der Pointierung liegt die Veranschaulichung, wir haben es uns erlaubt, die Kausalität ein wenig verkürzt wiederzugeben. Aber eines ist sicher: Diese Art von politischem Bildungsfernsehen hat nicht dazu beigetragen, dass die Menschen im Osten sich respektiert fühlten. Genauso sicher ist aber, dass rechte Einstellungen durch einen pädagogischen Film wie diesen nicht ausgelöst werden können. Der damalige ORB, der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg, der wenig später mit dem SFB, dem Sender Freies Berlin zum RBB verschmolz, wollte doch bloß seinem Auftrag nachkommen, und der beinhaltet bei den Öffentlichrechtlichen nun mal, dass Meinungen nicht nur aufgenommen, sondern auch gemacht werden, wenn’s geht.
Hin oder her, genützt hat es nichts, wie wir bei der Europawahl (2019) gerade gesehen haben, wo die AfD in Brandenburg 20 Prozent bekam. Dass es nicht noch mehr waren, lag vermutlich vor allem an den zugezogenen Städtern aus Berlin, die sich im „Speckgürtel“ angesiedelt haben und natürlich am weltoffenen Potsdam, ansonsten wären die Verhältnisse wohl sachsenähnlich gewesen (25 Prozent AfD). Die Frage ist jetzt, ob es richtig ist, die Verhältnisse so zuzuspitzen und in einem ansonsten ziemlich konstruiert wirkenden Plot trotzdem zu vereinfachen. Wir meinen, man muss dem Polizeiruf zubilligen, was beim Tatort üblich ist, nämlich die deutliche Haltung. Wir haben es nicht so mit dem Zeigefinger, deswegen tun wir uns auch mit Inga Lürsen aus Bremen recht schwer, aber das liegt nicht an unserer politischen Einstellung, sondern an unserer antiautoritären Gesinnung.
Moralische Autorität ist zwar besser als eine, die sich aus Gewalt oder den ökonomischen Verhältnissen ableitet, aber wir sind auch immer etwas beleidigt, wenn Fernsehmacher meinen, sie müssen das, was ohnehin deutlich sichtbar ist, von einem Mr. oder einer Mrs. Oberschlau zusätzlich erklären lassen, wobei die männlichen Ermittler das interessanterweise nie so deutlich ausspielen wie etwa hier Johanna Herz oder Inga Lürsen oder die Hannoveraner Tatort-Ermittlerin Charlotte Lindholm, die aber wiederum ein Sonderfall ist. Am deutlichsten war früher Paul Stoever aus Hamburg, der legendäre BLÖD-Zeitungsverächter. Auffällig ist auch das Nord-Süd-Gefälle: Im Süden vertraut man eher der Interpretationsfähigkeit der Zivilgesellschaft und hält alles etwas dezenter. Nach unserer Auffassung, und da spielt gewiss unsere Herkunft eine Rolle, die bessere Methode, um beeindruckende Filme zu machen, die wirklich filmisch sind, also das Visuelle und den Plot nicht nur einsetzen, sondern auch darauf setzen, dass beides richtig verstanden wird. Das Publikum schätzt dies auch und nach wie vor, trotz veränderter Medienrezeption, wie man daran sieht, dass gegenwärtig die Tatortschiene Stuttgart unter Fans als die beste gilt – gefolgt zwar von Kiel, aber die Borowski-Tatorte sind diejenigen unter den NDR-Produktionen, die eindeutig am subtilsten – und manchmal auch sehr spannend – gemacht sind.
Dieser Exkurs bindet den Brandenburg-Polizeiruf nun ein und verortet ihn bezüglich seiner Ausrichtung. In „Die Schlacht“ macht Johanna Herz aus ihrem Herzen eher eine Mördergrube als in „Braut in Schwarz“, aber wir haben die Rezension zu „Geliebter Mörder“, der ein paar Jahre später entstand und den wir letzte Woche angeschaut haben, bisher zurückgehalten, um sie zu überarbeiten, weil wir auch diesen Film auf eine Weise für tendenziös halten, die es in sich hat – allerdings in eine etwas andere Richtung, gegen die wir recht scharf formuliert haben – das müssen wir zugunsten besorgter Eltern noch etwas abschwächen oder differenzieren, bevor diese Kritik veröffentlicht werden kann.
Wenn der Krause nicht wäre! An diesem fülligen und herzensguten Menschen, der leider bei der realen Polizei kaum eine Entsprechung hat, also eine Doppelfiktion darstellt oder auch ein Fantasieprodukt, und dies, obwohl der Schauspieler wirklich so heißt, der ihn darstellt, an diesem Revierpolizisten kann man sich orientieren. Er ist unverwechselbar, sein Gefährt, ein historisches Motorrad mit Beiwagen, ist unverwechselbar und wenn aus dem Beiwagen der Hund mit den spitzen Ohren rausguckt, ist Brandenburg so knuffig wie in einem Märchen, das nicht von den Gebrüdern Grimm stammt. Dieser Charakter verleiht den Brandenburg-Polizeirufen ihr Alleinstellungsmerkmal uns ist ein Glücksfall für die gesamte Reihe. Aber auch tollpatschig ist er – in zwei aufeinanderfolgenden Filmen mit ihm, die wir gesehen haben, geht er so unbeholfen mit seiner Dienstwaffe um, dass sie ihm problemlos entwendet werden kann. Dadurch lassen sich Verdächtige wunderbar in eine bessere Position bringen und man glaubt sogar irgendwie, dass es so laufen könnte, weil Krause ja nicht der Beweglichste ist. Jetzt hat man ihn zugunsten des Lenski-geht-nach-Polen-Experiments erstmal rausgenommen, aber vielleicht ist noch nicht aller Tage Abend.
Der Fall als solcher ist eine typische Schachtelkonstruktion, wobei wir, wenn wir „Schachtel“ schreiben, immer eine Schachtel Konfekt vor Augen haben. Komisch. Am Ende wird künstlich Dramatik in den Whodunit gebracht, indem man den jungen Arndt vom Vater des Toten in einer Fahrgrube festzurren lässt und dann Wasser marsch und dräuende Musik. Natürlich geht’s am Ende nochmal gut und die wahre Geliebte des „James Dean für Arme“ darf ihn per Mund-zu-Mund-Beatmung wieder zum Leben erwecken, während Kommissarin Herz eine herzhafte Herzmassage ausführt.
Finale
Befremdlich ist es, Eva Mattes als Täterin zu sehen, die eine Art Brandstiftung mit Todesfolge begeht, deliktisch eine fahrlässige Tötung. Und sie kann hier sogar emotional werden, muss ein wenig mehr aus sicher herausgehen – als in den Bodensee-Tatorten, mit denen sie just in jenem Jahr als Kommissarin Blum begann, als auch dieser Film gedreht wurde. Dort ist sie immer sehr zurückgenommen, was uns immer sehr gefallen hat, weil ihr Spiel sehr auf Nuancen ausgelegt ist. Das Rollenprofil der ruchlosen Bürgermeisterin lässt dieses Unterspielen aber nicht zu und sicher war Eva Mattes froh, als sie ihre Dauerrolle in Konstanz bekam, die sie sozusagen mit links meisterte und dabei einige Fälle lösen konnte, die uns im Gedächtnis blieben.
Wird uns der 242. Polizeiruf im Gedächtnis bleiben? Falls nicht, ist es auch nicht so schlimm, auch wenn mit ihm eine neue Teamkombination installiert wurde. Uns reicht es, dass wir wieder ein anschließbares Teil fürs große Polizeiruf-Tatort-Puzzle gefunden haben. Die meisten Polizeiruf-Stücke liegen ja noch vereinzelt auf dem Tisch, weil wir mit den Rezensionen für diese Reihe erst im April dieses Jahres gestartet sind.
6/10
© 2019 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie | Bodo Fürneisen |
| Drehbuch | Scarlett Kleint |
| Produktion | Alexander Gehrke |
| Musik | Martin Todsharow |
| Kamera | Sebastian Richter |
| Schnitt | Matthias Behrens |
| Besetzung | |
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