Tod im All – Tatort 350 / Crimetime 430 // #Tatort #Ludwigshafen #SWR #SWF #Odenthal #Kopper #All #Tod

Crimetime 430 - Titelfoto SWF / SWR, Tschira

SETI und die Folgen

Beim Anschauen der Tatort-Folge 350 hatten wir gestern viel Spaß, das vorweg, damit keine Unklarheit über die Tendenz der Rezension herrscht und diejenigen, die für SFzu viel oder zu wenig übrig haben oder einen Tatort, in dem ein Wasserturm zum Ufo wird, nicht witzig finden, nicht mühsam unserer Detailanalyse folgen und sich dann darüber ärgern, dass wir anderer Meinung sind. Love it or leave it, so ein Tatort ist das jedenfalls. Was es sonst noch zu schreiben gibt, und das ist einiges, steht in der -> Rezension.

Handlung

Lunik van Deeling ist tot, der legendäre Bestseller-Ufologe ist ermordet worden. Dies behauptet ein geheimnisvoller, anonymer Anrufer. Oder ist das Ganze nur ein grandioser PR-Gag? Van Deeling auf Exkursion ins All, zur Plauderstunde mit den Außerirdischen? Lena Odenthal, Hauptkommissarin in Ludwigshafen, ist sauer. Sie weigert sich hartnäckig, hinter dem Verschwinden ein kaltes Gewaltverbrechen zu vermuten.Doch dann geschieht ein zweiter Mord, an dem nicht zu zweifeln ist: Eine Radioreporterin, befaßt mit Recherchen in Sachen Deeling, wird tot in ihrer Wohnung aufgefunden.

Lena wird aktiv. Und bemerkt, daß es offenbar nur eines gibt, was in der Schlacht um außerirdisches Leben zählt: die Gesetze von steilem Erfolg und schnellem Reichtum. Sie spürt, daß die Motive des Verbrechens im persönlichen Umfeld des Ufologen anzusiedeln sind. Und endlich begreift sie, daß es nur einen Weg gibt, den möglichen Täter zu überführen. Sie muß ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen. Sie braucht die Leiche. Und weiß genau: Es ist höchste Zeit für eine Begegnung der dritten Art – bei der allen Beteiligten Hören und Sehen vergeht.

Rezension

Außer während Münster-Tatorten haben wir noch nie so gelacht, wenn in Deutschlands Flaggschiff-Krimiserie ermittelt wird. Wir haben die vielen, vielen Details genossen, die in dieser Persiflage stecken, die Gaststars ebenso – und uns hin und wieder gewundert, dass man 1997 so eine Story gewagt hatte. Da sind eine Leichtigkeit und eine Präsenz drin, die „Tod im All“ verdammt modern wirken lassen. Spacy. Es scheint, als habe es Filmchen wie „Raumschiff Surprise“ schon gegeben und auch das manchmal etwas abgedrehte Münster-Tatortformat und man habe sich auf einigermaßen sicherem Terrain bewegt. Das Gegenteil ist der Fall.

Damit auch zu den Unterschieden. Normalerweise ist Lena Odenthal keine Figur, die sich gut in Komödien oder gar Satiren unterbringen lässt. Hier aber spielt man mit ihrer großen Ernsthaftigkeit und am Ende hat sie entweder eine Vision oder ihr Weltbild wird erheblich ins Wanken geraten. Mit dem weit verbreiteten Glauben an ein hoch entwickeltes Leben außerhalb unseres Planeten wird so herrlich Schabernack getrieben, dass man erst einmal begreifen muss, wie viel Liebe und Mut in dieser Folge steckt. Natürlich, sie musste eine Ausnahme bleiben, besonders bei Lena Odenthal.

In Münster steckt die Skurrilität in den Figuren, hier hat man die Ermittlerin bewusst in ein Szenario gestellt, das erst durch ihren Widerstand gegen den Humor und gegen alles, was sie sich nicht rational erklären kann, an Fahrt gewinnt und Lacher produziert. Andererseits: Sie hat natürlich Recht, Bestsellerautoren, die ihr Geld mit UFOs verdienen, darf man nicht zu ernst nehmen und schon gar nicht den Glauben an die ETs zur Weltanschauung ausbauen.

Lunik, Erich, Lena und die anderen. Lunik heißt auf Russisch „kleiner Mond“ und war gleichzeitig der Name einer Serie von unbemannten sowjetischen Mondmissionen. Eine Tatortfigur, die eindeutig dem real existierenden Bestseller-Autor Erich Anton Paul von Däniken nachgebildet ist, Lunik von Deeling zu nennen, ist schon der erste wunderbare Gag in dem Film. Man muss diese Art von Witz mögen, sonst wird man nicht froh und erkennt das Schöne nicht, das in „Tod im All“ steckt.

Heute muss ein weiteres Bild. Lena Odenthal elegant und mit dem großartigen Dietmar Schönherr.

Von Däniken widmet sich in seinen Büchern der Prä-Astronautik, die im Wesentlichen davon handelt, dass bereits vor längerer Zeit Außerirdische die Erde besucht und dabei die menschliche Zivilisation geschaffen oder zumindest beeinflusst und vorangebracht haben. Wir können das alles nicht hier darstellen, aber – wir haben eines oder zwei Bücher von Erich von Däniken gelesen, als wir eigentlich noch zu jung für solche Art von Entertainment waren, und waren selbstverständlich beeindruckt.

Mittlerweile überwiegt die Skepsis. Natürlich gibt es viele Planeten, die potenziell hoch entwickeltes Leben hervorbringen können, aber solange nicht bewiesen ist, dass man schneller unterwegs sein kann als das Licht und solange die SF auf technisch nicht machbare Antriebe und auf eine Negierung gängiger physikalischer Grenzen zurückgreifen muss, um Raumfahrt zu inszenieren, die, sagen wir, über unser Sonnensystem hinausgeht, halten wir es eher mit Lena Odenthal. Nicht, weil es nirgendwo sonst intelligentes Leben geben kann, das halten wir sehr wohl für möglich. Aber dass jenes Leben immer mal wieder auf der Erde vorstellig wurde, um Bildungsförderung bei diesem Haufen von Barbaren zu betreiben, die wir im Grunde heute noch sind, das leuchtet uns weder technisch noch vom Sinn her ein.

Dazu kommt, dass die Geschichte der Menschheit, sofern man sich auf die Zeit der Technisierung beschränkt, nur einen Wimpernschlag der Erdhistorie darstellt. Es müsste also auch eine zeitliche Parallelität geben, abzüglich der vielen Lichtjahre Entfernung zu anderen lebensfreundlichen Planeten, welche z. B. die Wahrscheinlichkeit, außerirdische Botschaften empfangen zu können, bereits um einiges reduziert. Natürlich gehen wir von unseren herkömmlichen, von Menschen entwickelten Denkmodellen und wissenschaftlichen Erkenntnissen aus, wenn wir das alles so bewerten. Wir sind eben Anthropozentriker.

Dennoch lieben wir aber Serien wie Star Treck und Filme wie Star Wars, weil die Idee, dass das Universum lebt, eine tief in uns verankerte Sehnsucht trifft: Wir wollen nicht mit uns allein sein, in diesem weiten All. Diese Sehnsucht ist sehr verständlich, angesichts dessen, was wir auf und mit der Erde veranstalten. Es muss etwas Höheres geben, nicht nur spirituell, sondern auch zivilisatorisch, das wünschen wir uns doch sehr. Lenas Freundin Johanna sagt im Film in etwa: „Es kann ja nicht sein, dass der Schöpfer nichts Besseres als uns zustande gebracht hat“. Der Satz trifft es gut.

Fahndung nach der Logik. Wir gehen davon aus, dass die Anrufe, die Lena an den unmöglichsten Orten immer wieder empfängt, tatsächlich aus dem Wasserturm kommen, der am Ende abhebt und die Erde verlässt, und nicht etwa von einem Kollegen. Die verrückte Logik, dass Außerirdische im Spiel sind, kann nämlich nur so gewahrt werden. Wenn man sie akzeptiert, dann ist der gesamte Fall sogar überdurchschnittlich gut aufgebaut.

In dieser Folge ist wirklich alles oder das Meiste anders. Einen Tatort gibt es erst am Ende zu besichtigen, zunächst ist der Schriftsteller von Deeling verschwunden (Dietmar Schönherr, der Chef des 60er-Jahre-Raumschiffes Orion spielt ihn in wenigen Szenen und ist natürlich ein ausgezeichnet ausgewählter Gaststar). Wir lernen, dass ihn nicht Außerirdische entführt haben, wiewohl sie es hätten tun können, schließlich steht der Wasserturm, der ein Ufo ist, direkt neben von Deelings kaltem Grab. Doch die Außerirdischen begnügen sich damit, Lena zu erleuchten, indem sie immer wieder nützliche Anrufe tätigen. Zunächst denkt man, es ist der abgehalfterte Kollege Rolf Mirau (Marquard Bohm), der hier steuert, aber das kann nicht sein. Es wäre technisch nicht machbar und würde die immanente Logik des Falles brechen, die wir als gewahrt ansehen.

Das Motiv des Verlegers Axel von Saalfeld (Walter Gontermann), der von Deelings Bücher herausgibt, ist hingegen so banal wie klar: Der SF-Autor ist ihm dahinter gekommen, dass von Saalfeld ihn um eine Millionensumme betrogen hat und hat eine junge Journalistin auf den Verleger angesetzt, um diesem Druck zu machen. Die junge Frau muss leider dran glauben, ebenso wie Deeling selbst. Den Medienkollegen Ingolf Lück und Anke Engelke, die hier Werbung für den in der Tat kultigen damaligen SWF3 machen, bleibt ein gleiches Schicksal erspart. Auch die beiden in einer beinahe 15 Jahre alten Rolle zu sehen, war schön nostalgisch, hat dem Film aber keinen Relikt-Touch verschafft.

Exkurs: Weniger SF als heute. Überhaupt ist dieser Tatort merklich aus einer Fernsehepoche, in der die Sache mit der Schleichwerbung noch nicht so eng gesehen wurde wie heute. In einer Turnhalle, in der Lena Kampfsport trainiert (was sonst, sie muss ja Männer verhaften können, die dreimal schwerer sind als sie) hängt überdeutlich ein Sparkassen-Sponsoringbanner. Das ist nun tatsächlich Nostalgie, in einer Zeit, wo selbst die Tankstellen bescheuerte Fantasienamen tragen müssen, damit bloß nicht alle am Montag bei Shell und nicht bei Aral tanken, nur, weil es die Tatortkommissare am Abend zuvor vielleicht auch so gehalten haben. DAS ist ein Stück gelebter Normalität, diese vergleichsweise reale Umwelt zu sehen, in der nicht jeder Markenname krampfhaft vermieden wird (unvergessen Thiel aus Münster: „Die italienische Automarke mit dem Pferd“ anstatt Ferrari).

Wir kommen deshalb darauf, weil eben die Sparkasse so unbekümmert gezeigt wird. dass es nach heutigen, hoch korrekten Maßstäben sofort auffällt. Die Szene konnte man wohl auch nicht für die Wiederaufführungen herausschneiden, weil sie wichtig für den Film und für Lenas Darstellung als Figur ist. Heutige Tatorte wirken schon wegen dieser umständlichen Eliminierung der Werberealität mehr wie SF als etwa „Tod im All“. Bei fortschreitender Entwicklung werden demnächst auch keinen realen Automarken mehr gezeigt werden dürfen und sämtliche Firmenschilder müssen elektronisch aus jeder Szene eliminiert und durch Fantasiebezeichnungen ersetzt werden. Ein schönes, neues Betätigungsfeld für die Werbe-Kreativen.

Lena stellt eine Falle und Kopper zieht Kreise. Eine weitere Besonderheit von „Tod im All“ ist die Konstellation, dass die Ermittlerin Lena Odenthal dem verdächtigen von Saalfeld eine Falle stellt, um endlich an den Fundort der Leiche von Deelings zu kommen und von Saalfeld damit den Mord auch nachweisen zu können. Dass dabei Hundertschaften eingesetzt werden, ist ebenso kurios und dem parodistischen Konzept dieser Folge geschuldet wie von Saalfelds Panik, von Deeling könne sich tatsächlich aus der Erde erhoben haben. Fingiert wird diese Vermutung durch ein Radio-Interview, das die tote Journalistin mit von Deeling geführt hatte, bevor sie starb – und das von den Moderatoren Lück und Engelke im Schneideraum so umgebastelt wird, dass es ganz aktuell wirkt. Dieses Stellen einer Falle ist kein SF, sonder klassischer, englischer Krimi – der Mörder wird so lange provoziert, bis er sich outet, und es funktioniert. Es ist hier wie da nicht ganz glaubwürdig, aber es funktioniert.

Nebenbei darf Lenas Kollege Mario Kopper auf dem Bauch rutschen, um Kornfeld- oder Rasenkreise zu kreieren, welche bekanntermaßen Indizien für den Niedergang von Ufos mitten in friedlichen deutschen Äckern sind und Nena Hagen gibt einen Gastauftritt mit einem den ETs huldigenden Lied und vor entsprechend spaciger Bühnendekoration. Das ist alles richtig schön abgedreht.

Die beiläufige gleichgeschlechtliche Liebe. Was beinahe untergeht ist, dass Lena Odenthal sich in dieser Folge klar als lesbisch outet, im Jahr 1997 ebenfalls nicht gerade ein üblicher Vorgang, vor allem nicht in Polizeikreisen, in denen Frauen sich schon ohne diese sexuelle Ausrichtung als Führungskräfte erst einmal durchsetzen mussten.

Ihre Freundin im Film heißt Johanna Silber (Carol Campbell) und ist, sozusagen als Gipfel des Ganzen, eine halbe Europäerin und halbe Afrikanerin oder Afro-Amerikanerin. Auch da sagen wir wieder: Ganz schön mutig. Was in diesem Tatort alles drinsteckt, wir müssen es wieder erwähnen. Gerade, weil wir heute mit diesen Dingen vergleichsweise selbstverständlich umgehen, zumindest, wenn sie im Film gezeigt werden oder wenn wir in einer Großstadt wie Berlin leben, müssen wir uns erst einmal vergegenwärtigen, wie andere Tatorte in den 1990ern gestrickt waren.

Wurden solche Themen behandelt (zum Beispiel gab es zu der Zeit Tatorte um schwule Männer, wie „Mord in der Akademie“), dann war man ganz darauf fokussiert, war die sparsame und leise Inszenierung konzentriert und deutsch-penibel. Nichts von der Beiläufigkeit, von der Leichtigkeit, mit der hier mit Liebe zwischen Frauen umgegangen wird. Die Tatsache, dass Lena (wie Ulrike Folkerts, welche die Hauptkommissarin spielt) lesbisch ist, wird den Leuten beinahe unterhalb der Wahrnehmungsschwelle gesteckt, weil der SF-Klamauk so sehr dominiert.

Allerdings hatte Ulrike Folkerts sich zu der Zeit schon geoutet – sonst wäre diese Darstellung doch noch eine Sensation geworden.

Im Film wird ihre Figur Lena von ihrer weniger strikt realistischen Freundin angemacht, ebenso wie von den weniger strikt realistischen Polizistenkollegen, weil sie „alles, was sie nicht verhaften kann“, ablehnt. Es dürfte sich von selbst verstehen, dass sie auch nicht religiös ist. Dafür hat sie Visionen und sieht in einer von ihnen, in der sie mit von Deeling gut essen geht, richtig schick aus. Leider entpuppt sich der Mann als ein ET von der Sorte, wie sie auf dem Cover eines seiner Bestseller mit dem hoch dramatischen Namen „Sie sind da“ abgebildet sind. Keine Frage, dass „Tod im All“ für einen 1997er Tatort auch optisch außerordentlich viel bietet. Wiederum ganz nebenbei sieht man, dass Lena, ausnahmsweise auf elegant getrimmt und ein wenig weiblicher im Erscheinungsbild als sonst, eine sehr attraktive Frau ist.

Finale

„Tod im All“ ist ein Sonderstück unter den 90er-Jahre-Tatorten, und nicht nur für diese Dekade ungewöhnlich. Vielleicht ist er die erste deutsche SF-Parodie und schon dies ist aller Ehren wert. Die Tatort-Gemeinde mag den Film nicht besonders, das ist verständlich, wenn man das Format innerhalb eines Rahmens sieht, den es nicht verlassen darf. Auch der Witz, von dem wir nur Ausschnitte beleuchtet haben, ist nicht jedermanns Sache.

Wir waren aber immer schon für skurrile Experimente offen und wenngleich wir, wie beim jüngsten Fall des Ermittlers Murot („Das Dorf“), der Ansicht sind, diese Art von Inszenierung wird und sollte kein Standard werden – als Solitäre finden wir Folgen wie diese hoch vergnüglich und bekennen uns zu dem Spaß, den wir mit dem „Tod im All“ hatten. 

8,5/10

© 2019, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommissarin Lena Odenthal – Ulrike Folkerts
Mario Kopper – Andreas Hoppe
Kriminalrat Friedrichs – Hans Günter
Martens Johanna Silber – Carol Campbell
Axel von Saalfeld – Walter Gontermann
Gast – Dietmar Schönherr
Rolf Mirau – Marquard Bohm
Paul Gauert – Alexander Beck
Renate von Deeling – Johanna Liebeneiner
u.a.

Drehbuch – Thomas Bohn
Regie – Thomas Bohn
Szenenbild – Börries Hahn-Hoffmann
Kamera – Immo Rentz


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