Phantom (DE 1922) #Filmfest 837

Filmfest 837 Cinema

Phantom ist ein deutscher Stummfilm von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1922. Der Film wird der Stilrichtung des Expressionismus zugerechnet und entstand nach dem gleichnamigen Roman von Gerhart Hauptmann.

Wer ist in diesem Film das Phantom? Die vordergründige Lösung: Veronika, wie sie Lorenz immer wieder im Traum bzw. Wachtraum erscheint. Das reine, unschuldige Wesen, in einer hellen Kutsche sitzend, die von Schimmeln gezogen wird. Da kann die hübsche brünette Buchhändlerstochter nicht mit, die ihn doch so offensichtlich liebt. Es ist ein Murnau, werte Damen und Herren, da sind starke Gefühle und Abwege aller Art nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Mehr zu diesen Abwegen und zu anderen Aspekten des Films finden Sie in der – Rezension.

Handlung[1]

Lorenz Lubota schreibt rückblickend die Geschichte seines Lebens auf: Er ist angestellter Schreiber bei der Stadt, Bücherwurm und Möchtegern-Dichter. Eines Tages auf dem Weg zur Arbeit wird er von einer Pferdekutsche angefahren. Er ist von der Schönheit der Fahrerin, der Tochter Veronika des reichen Eisenwarenhändlers Harlan, betört und jagt ihr fortan nach wie einem Phantom. Lubota gleitet ab in seine eigene, surreale Traumwelt. Seine Gedanken drehen sich nur darum, Veronika nahezukommen, er spricht gar bei ihren Eltern vor und macht einen Heiratsantrag. Abgewiesen und gedemütigt vernachlässigt Lubota sein Leben und verliert seine Arbeit.

Zufällig lernt er Melitta kennen, die Veronika zum Verwechseln ähnlich sieht. Er tröstet sich mit ihr, die ihn um sein Geld bringt und für die er bei seiner Tante, der Pfandleiherin Schwabe, unter der falschen Vorgabe, bald Tantiemen für seine Gedichtveröffentlichungen zu bekommen, auch noch Geld leiht. Als seine Tante ihm droht, seine Betrügereien der Polizei zu melden, lässt Lubota sich auf den zwielichtigen Wigottschinski ein. Nachts brechen sie bei der Pfandleiherin ein, um ihr Geld aus dem Tresor zu stehlen. Als sie von ihr überrascht werden, tötet Wigottschinski sie.

Lubota kommt als Mitschuldiger ins Gefängnis. Bei seiner Entlassung wartet die Buchbindertochter Marie auf Lubota. Sie hat ihn immer heimlich geliebt und nimmt sich nun seiner an.

Rezension

Für Béla Balázs ist dieser Film …der geniale Versuch, …die Welt im Kolorit eines Temperaments, in der Beleuchtung eines Gefühls zu zeigen: objektivierte Lyrik.[3]

Fred Gehler meint, Lorenz Lubotas Geschichte ist nicht nur das Erlebnis einer Amour fou und ihrer Folgen, sie spiegelt auch die Situation des deutschen Kleinbürgers unmittelbar nach Krieg und Novemberrevolution – sein gestörtes Realitätsverhältnis, sein Schwanken, seine Ratlosigkeit.[4]

Auf letztere Interpretation lasse ich mich auf der Sachebene gerne ein. Murnau ist unweigerlich ein Romantiker unter den deutschen Filmemachern jener Zeit, der häufig auf die vorgeblich gute alte Zeit und auch auf den Stadt-Land-Gegensatz zurückgreift. Zuletzt hatte ich von ihm „Der brennende Acker“ gesehen, ein Jahr vor „Phantom“ entstanden. Darin kommt als These vom Guten das Land und als Antithese das Städtische und die Technik sehr zur Geltung. Aus der Scholle sprudelt das Öl und wird zu einem Menetekel für die gute Ordnung.

In „Phantom“  scheint eine Kleinstadt der Schauplatz der Verwirrung des Herzens zu sein, da kann zur Abgrenzung  nur noch ein alleinstehendes Fachwerkhäuschen irgendwo im Nirgendwo dienen, an dessen Fenster man in aller Ruhe die Vergangenheit aufarbeiten kann, während es draußen grünt und blüht. Bei weniger begabten Filmemachern würde  dies und einiges andere in „Phantom“ als Kitsch bezeichnet werden, aber nach Murnau wurde die Stiftung benannt, die den gesamten deutschen Filmnachlass bis 1945 verwaltet, da sind die Maßstäbe nicht ganz dieselben.

Trotzdem gibt es auch bei ihm epochale Werke wie den direkten Vorgänger in seinem Werk, „Nosferatu“, und einige, die da nicht ganz heranreichen. Eine unglaublich starke Bildsprache ist genau das Richtige für einen originären Gruselfilm wie „Nosferatu“, während in „Phantom“ einige ohnehin schon, sagen wir mal, außergewöhnlich stark ausgeprägte Elemente, dadurch noch einmal mehr betont werden.

Nehmen wir zum Beispiel die arme Mutter des Lorenz, die nicht nur durch ihn, sondern auch durch seine Schwester großen Kummer erfährt, die sich sozusagen aus dem Nichts heraus zum Callgirl entwickelt. Es gibt noch einen zweiten Sohn, leichenblass, künstlerisch veranlagt, fast ohne Persönlichkeit und ohne Ansprüche, aber nett anzusehen und auch ganz in die Kunst vertieft. Noch entrückter im Grunde als Lorenz, der nicht mit den Welten in ihm und um ihn herum klarkommt. Immerhin traut er sich in die Welt, wird von einer Kutsche angefahren und träumt seitdem von deren Passagierin, die nach dem Unfall aussteigt und sich um ihn kümmert, bis sie weiß, dass er nicht viel abbekommen hat. Autos gibt es in dem Film hingegen nicht und mir war nicht ganz klar, in welcher Epoche er spielt. Aufgrund des elektrischen Lichts in den besseren Häusern und der Damenmode der frühen 1920er würde ich schon sagen, in der damaligen Gegenwart. Aber wir sind ja bei Murnau, und dieser spielt gerne mit Versatzstücken verschiedener Epochen. Wie etwa der Wohnung der Familie Lubota, die sehr 19. Jahrhundert ist, mit einer Welt, die sehr beschaulich wirkt und in der eine rasch dahineilende Kutsche einen Träumer wie Lorenz schon ziemlich aus dem Gleichgewicht bringen kann.

Aber wir wollten über die Mutter sprechen. Noch nie habe ich in einem Film eine Frau gesehen, die derart gramgebeugt daherkommt. Anfangs ist sie noch sauer auf die Tochter, da hat sie fast den Bösen Blick in Reinform drauf und, verdammt, sie hat Recht! Die Tochter ist zwar kein grundschlechter Mensch, aber ein ziemlich loses Weibsstück, das die Probleme, die Lorenz ohnehin schon selbst für sich bastelt, noch einmal verschärft. Man kann nicht sagen, sie macht es absichtlich, aber sie ist eine Femme fatale für den eigenen Bruder. Insofern haben wir hier sogar einen ganz früheren Film noir, denn ein Verbrechen geschieht und Lorenz wird danach einsitzen. Da hat er noch Glück, dass er als Mittäter des Einbruchs, der lediglich nicht am Mordexzeß beteiligt ist, nicht total weißhaarig wieder aus dem Knast kommt. Es hätte ja auch sein können, dass der windige Wittgotschinski behauptet, die evtl. Tötungshandlung im Notfall der Entdeckung sei vom gemeinsamen Plan umfasst gewesen. Wie auch immer, ich gönne dem Lorenz die Buchhändlerstochter, obwohl er sie, seien wir ehrlich, nicht verdient hat. Aber wir sind bei Murnau und da darf die Romantik am Ende auch siegen, ohne dass man sagen könnte, normale Menschen verhalten sich exakt so, wie wir es in diesem Film sehen.

Es ist eben auch ein Sehnsuchtsfilm des Filmemachers, in dem am Ende der, welcher gebüßt hat, auch erlöst wird. Diese Zeit der Reue wird nicht ins Bild gesetzt, man muss davon ausgehen, dass das Gefängnis den Lorenz buchstäblich geerdet hat. In amerikanischen Filmen ist die Reue meist eine rechte Plackerei, aber bei Murnau darf sie, eben im Sinne der Romantik, als vollendet gezeigt werden, ohne, dass eine sichtbare Wandlung der betr. Figur vorausgeht. Im Grunde ist das Kleinkram, ich weiß es wohl. Denn das Aufschreiben der eigenen Biografie darf man nicht unterschätzen, und da dieses nicht schon im Gefängnis stattfindet, wie bei so vielen Knastbrüdern,kl die später viel Geld mit diesen Memoiren machen – natürlich nur, wenn sie ein spektakulärer „Fall“ waren – sehen wir den Beginn, die ersten Sätze, und das Ende.

Psychologisch und spirituell ist das ziemlich gut gemacht. Durch die Verschriftlichung setzt sich Lorenz noch einmal mit allem auseinander und wird vermutlich so gut geheilt wie möglich, ohne dass sich Psychoprofis an ihm versuchen. Der sehr schmale Rahmen und die fette Binnenhandlung entsprechen auf seltsame Weise der Statur von Lorenz im Leben. Da ist nicht viel, vor und nach dem Abfassen der eigenen Geschichte, aber sie selbst kann man durchaus  mit den Wirren gleichsetzen, die in Deutschland kollektiv zu beobachten waren und in den Ersten Weltkrieg mündeten. Es ist so ungreifbar-greifbar. Man spürt ein Verlangen nach mehr und mehr und dass das Erreichte dahinter verschwindet. Und alle sind so leicht zu täuschen, auch die geldgierige Tante Schwabe.

Verwegen interpretiert: Lorenz ist Kaiser Wilhelm II, der die Deutschen mit Glanz und Gloria getäuscht hat und die Tante, das sind die Deutschen selbst, die misstrauisch sind gegenüber jedermann, nur gegenüber dem Verführer nicht. Kein Wunder, dass solche Filme als prophetisch in Bezug auf das Dritte Reich angesehen werden, wo diese Interpretation noch viel besser passt. Gaukler und ihrer Helfershelfer, Lorenz als Hitler, sogar die Frisur passt ganz gut, Wittgotschinski als Goebbels oder wenigstens als feister Göring. Sie verstehen schon, ich verkürze und pointiere, aber es ist schon erschreckend, wie gut sich Filme in den realen Raum und die reale Zeit stellen lassen.

Man hätte es also besser wissen müssen. Was selbstverständlich nicht  zutrifft: Dass das, was Lorenz anrichtet, von einer grausamen Mentalität getrieben wird, wie bei den Nazis. Er ist ja selbst ein Opfer und wirkt so erbarmungswürdig, als er bei Veronikas Eltern vorspricht. Zum Fremdschämen, könnte man sagen, in seiner fundamentalen Verkennung der Lage und der Verhältnisse. Das wirkt richtiggehend verschoben und ich gehe davon aus, dass Murnau das auch wusste und es genau so zeigen wollte. Es gibt nicht, wie bei Fritz Lang beispielsweise, eine Anleitung ans Publikum ein wenig Distanz zum Gezeigten zu halten, es kommt vielmehr alles ganz dicht und man leidet mit. Mit der armen alten Mutter, die nur noch Sterne sieht, angesichts des Treibens ihrer Kinder, mit Lorenz, ein wenig auch mit seiner Schwester. Es ist ja alles menschlich, wenn auch in der Realität selten so dicht. Nur dieser fahle Bruder, der nur als Stichwortgeber auftritt, der bleibt mir suspekt.

Nun war es nicht so, dass ich händeringend vor dem Bildschirm gesessen habe und mir die bange Frage stellte. „Was noch?“ „WAS NOCH?!“, obwohl Murnau, nicht nur in diesem Film, schon recht dicke aufträgt, um genau diese Haltung auszulösen. Die Grenze zur unfreiwilligen Komik wird dabei, anders übrigens als in „Nosferatu“, mindestens berührt. Vermutlich haben wir heute Schwierigkeiten, zu einem Typ wie Lorenz den Zugang zu finden, gar zu entrückt wirkt er. Vielleicht sind wir tatsächlich der Integration unserer Träume in die Welt oder umgekehrt ein Stück nähergekommen, in den letzten Jahrzehnten und gezwungen dadurch, dass wir so drastisch vor Augen geführt bekamen, wie die großherrlichen Träume enden, die auch immer etwas Grausames haben.

Selbstverständlich ist auch „Phantom“ schön, sehr impressiv gefilmt und auch ein wenig expressionistisch, wenn man die Traumsequenzen, manche Dekors und Einstellungen in Anrechnung bringt, aber nicht in diesem Sinne durchgestylt wie etwa „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Eine Szene hingegen ist schon beinahe surrealistisch und wir haben in einer Kurzgeschichte schon eine ähnliche beschrieben: Häuser neigen sich über die Straße, sodass ein Tunnel zu entstehen dort, eine Enge, in welcher der Himmel nicht mehr sichtbar ist. Ganz so weit kommt es hier nicht, vielleicht aufgrund mangelhafter Tricktechnik, aber es kündet von Lorenz‘ schwerem äußeren und innerem Weg, wie er da hindurchgeht.

Finale

Murnau schenkt den Zuschauern auch in diesem Film nichts, sondern zwingt sie, das, was sie sehen, anzunehmen oder abzulehnen. Es ist sehr schade, dass viele seiner frühen Filme verschollen sind, sodass man nicht nachzeichnen kann, wie seine Anfänge aussahen. Man sieht einen sehr ausgeformten Kosmos,  in dem Männer fehlgehen und Leid über sich und andere bringen, durch ein tiefes Tal müssen, um Erlösung zu finden. Das „wie“ sehen wir in „Phantom“ nicht und nicht immer klappt es überhaupt. In „Der Gang in die Nacht“ etwa endet es unerbittlich und zwei Jahre nach „Phantom“, in „Der letzte Mann“ wirkt das gute Ende wie angeklebt, was es vermutlich auf Druck der Produzenten auch war. Letztlich ist die Frage überzeitlich: Wie sehr sollte man eitle Träume hinter sich lassen und sich bescheiden, um sich selbst und andere nicht ins Unglück zu stürzen? Und wie steht es mit den Mitteln, die Murnau wählt? Auch Fritz Lang übt heftige Kritik an den Umständen der Zeit, aber ohne eine Lösung, die aus der Zeit heraus in eine schönere Welt ohne all diese Versuchungen und Verwirrungen führt. Die große Höhe, die „Nosferatu“ erreicht und „Phantom“ weniger, liegt in der Vieldeutigkeit und Exemplifizierung, die sich in untoten Wesen ausdrückt, die anders sind als wir und doch ein großes Stück von uns.

Wir sehen in den wichtigen Rollen wieder einige der damals wichtigen deutschen Kinostars, die fast eine Art geschlossene Gemeinschaft bilden. So stand z. B. Aud Egede Nissen, die Lorenz‘ Schwester Melanie spielt, im selben Jahr als eine von beiden Hauptdarstellerinnen für Fritz Lang in „Dr. Mabuse“ vor der Kamera, auch Alfred Abel wirkte in diesem Film mit. Lya de Putti und Lil Dagover sind geläufige Namen im Stummfilmsystem der Zeit.

Abel ist eigentlich etwas zu alt für die Figur, die er spielt, verglichen mit seinen Geschwistern, aber bei seiner Darstellung schoss mir durch den Kopf: Was man mit einem ehrlichen und etwas melancholischen Gesicht alles anrichten kann! Ich kenne das aus dem Vertrieb. Dort wird nach solchen Gesichtern geradezu gegiert, weil sie die Herzen und Geldbeutel der Kund:innen leichter öffnen als Typen wie Wittgotschinski, deren glatte Schmierigkeit man so satt hat. Natürlich ist die Idee der Strategen, dass diese ehrlichen Gesichter zu ehrlichen und, wie Lorenz, naiven Menschen gehören, die sich wiederum wunderbar vor den Karren spannen und ausnehmen lassen. Wittgotschinski zeigt uns das mit Lorenz, wobei dieser ihm allerdings auch mit seinen Träumereien die perfekte Vorlage liefert, ihn geradezu provoziert, sich die Situation zunutze zu machen.

„Phantom“ wirkt flüssig und für seine Zeit sehr kontrastreich gefilmt, wie es in jenen Jahren in Deutschland als einzigem Filmland schon üblich war, dadurch sehr atmosphärisch und kunstfertig, ist als Melodram eher konventionell gestaltet, wenngleich nach einer Vorlage von Gerhard Hauptmann. Die soziale Wucht seiner Stoffe kommt aber hier, sagen wir mal, sehr dezent zur Geltung. Es ist doch die perönliche Verstiegenheit eines durchschnittlichen Mannes, die das Unglück gebiert, nicht die Tragik des verkannten Genies. Es sei denn, die Autorität für Lyrik, der Professor, hat Unrecht und alle, die Lorenz‘ Poesie schick finden, liegen richtig. Konnte man aber je mit Gedichten alleine reich werden?

69/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

[1] Phantom (1922) – Wikipedia

Regie Friedrich Wilhelm Murnau
Drehbuch Thea von HarbouHans Heinrich von Twardowski
Produktion Erich Pommer
Musik Leo Spies
Kamera Axel GraatkjærTheophan Ouchakoff
Besetzung

Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar