Auf der Flucht (The Fugitive, USA 1993) #Filmfest 839 #Top250

Filmfest 839 Cinema – Concept IMDb Top 250 of All Time (101)

Auf der Flucht (Originaltitel: The Fugitive, englisch für „Der Flüchtige“) ist ein Spielfilm des Regisseurs Andrew Davis aus dem Jahr 1993. Er basiert auf der US-amerikanischen Fernsehserie Auf der Flucht bzw. Dr. Kimble auf der Flucht. Die Hauptrollen spielten Harrison Ford und Tommy Lee Jones, der für seine Rolle mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Der Film wurde in sechs weiteren Kategorien nominiert, was ungewöhnlich viel für einen Actionthriller ist. 1998 erschien die Fortsetzung Auf der Jagd.

Harrison Ford wurde allerdings nicht für den Hauptrollen-Oscar nominiert. Nicht so schlimm. Warum nicht und was es sonst zum Film zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung (1)

Richard Kimble ist erfolgreicher Arzt, bis er des Mordes an seiner Frau angeklagt wird. Da der Täter nicht ermittelt werden kann, glaubt man ihm seine Aussage nicht, selbst noch mit dem – laut Kimbles Aussage einarmigen – Mörder seiner Frau gerungen zu haben. Letztlich wird Kimble wegen der Indizienlage zum Tode verurteilt. Auf der Fahrt in das Gefängnis, wo er mittels Giftspritze hingerichtet werden soll, verunglückt der Gefängnisbus infolge eines Befreiungsversuches anderer Gefangener und kollidiert mit einem Zug. Kimble kann, nachdem er noch das Leben eines Polizisten gerettet hat, fliehen und taucht unter.

Von nun an befindet sich Kimble auf der Flucht, verfolgt von dem ehrgeizigen und bei Suchaktionen sehr erfahrenen U.S. Marshal Samuel Gerard, der ihn mit allen Mitteln wieder gefangen nehmen will. Immer wieder gelingt es dem Flüchtigen, das Team der Jäger auszutricksen oder durch waghalsige Aktionen zu entkommen. So entflieht er durch einen Staumauerüberlauf in schwindelnder Höhe, nimmt sich eine Wohnung in Chicago und stellt in einem Krankenhaus als Hausmeister getarnt Recherchen über Einarmige an, die als mögliche Täter in Frage kommen, um sich selbst zu entlasten. Dort korrigiert er eine Fehldiagnose und rettet so ein weiteres Menschenleben, wodurch er allerdings auffällt und ins Visier der Fahnder gerät. Kimble versucht mit den Ergebnissen seiner Recherchen den Einarmigen zu finden. Als er einen Verdächtigen, der wegen eines anderen Verbrechens im Gefängnis sitzt, besucht, wird er beinahe von Gerard verhaftet und kann nur in letzter Sekunde in den Wirren der St.-Patrick’s-Day-Parade in Chicago untertauchen.

Kimble findet schließlich den einarmigen Mann, der seine Frau umgebracht hat. Dieser heißt Fredric Sykes, ist Sicherheitsbeauftragter für den Pharmakonzern Devlin McGregor und wurde von dessen Vorstandsvorsitzenden, Dr. Charles Nichols, auf Kimble angesetzt. Kimble findet heraus, dass die Markteinführung eines neuen Medikamentes namens Provasic nur aufgrund von gefälschten Forschungsergebnissen erfolgte, was das Unternehmen zu vertuschen versuchte. Kimble hatte das Medikament untersucht und herausgefunden, dass es schwere Leberschäden verursacht. Aus diesem Grund sollte Kimble von Sykes ermordet werden, um die Forschungsergebnisse zu vertuschen. Die Ermordung von Kimbles Frau war hingegen ein unglücklicher Zufall, da dieser zur Zeit des Überfalls zunächst nicht zu Hause war. Auf der U-Bahn-Fahrt von Kimble zum Chicago Hilton Hotel, wo Nichols auf einem Kongress das neue Medikament vorstellt, wird Kimble von Sykes angegriffen. Ein Polizist, der Kimble zu verhaften versucht, wird von Sykes erschossen, bevor Kimble diesen überwältigen kann. Kimble kann zwar entkommen, wird von der Chicagoer Polizei nun aber fälschlicherweise als Polizistenmörder verfolgt.

Kimble gelangt schließlich zum Hotel und will Nichols zur Rede stellen. Beide werden jedoch in einen Kampf verwickelt, der sie auf das Dach des Hotels führt. Währenddessen nehmen die Marshals um Gerard die Verfolgung auf. Kimble und Nichols landen schließlich in der Wäscherei des Hotels, wo Gerard sie zu stellen versucht. Kimble schlägt Nichols nieder, als dieser mit einer Waffe auf Gerard anlegt. Kimble wird in Handschellen abgeführt und die Verletzten werden von Sanitätern abtransportiert. Gerard, der während der Jagd auf Kimble nach und nach erkannt hat, dass dieser zu Unrecht verurteilt wurde, nimmt ihm am Schluss die Handschellen ab.

Rezension

Eines muss man den Amerikanern wirklich lassen: Ihr Superstars können jeden Plot so spielen, dass man unweigerlich mitgeht. Das machen Harrison Ford und Tommy Lee Jones uns aber auch besonders leicht. Manchmal hasst man den Cop, der den offensichtlich Unschuldigen auf eine wirklich fanatische Art und Weise verfolgt, aber dann wieder nicht, vor allem zum Ende hin, auf jedem Fall rechnet man ihm eine hohe Glaubwürdigkeit zu und denkt sich: Was wäre, wenn ich es als zu Unrecht Verdächtigter mit so jemandem zu tun hätte? Und Harrison Ford ist einfach Richard Kimble. Er spielt den Doktor natürlich mit Skills, die etwas oberhalb des Realismus liegen, aber ich mag seine geradlinige Spielweise ohnehin, die auch dafür sorgt, dass die ziemlich überladenen Indiana-Jones-Filme erträglich bleiben.

Da ist nie zu viel oder zu wenig, er wirbt nicht mit allen möglichen Tricks für seine Figur, lässt sie aber auch nie hängen und bügelt dadurch auch ein paar unglaubwürdige Wendungen glatt, ebenso, wie sein kongenialer Partner Jones. Man folgt diesen Personen, nicht der Logik, und das ist genau das, was in deutschen Filmen nicht richtig funktioniert: Sie stehen oft ziemlich blank da, wenn die Plots Schwächen haben, weil die emotionale Kraft eine gute Handlungskonstruktion nicht ersetzen kann. Jetzt versucht man immer mehr, das mit versiertem Filming auszugleichen, also das zu tun, was die Amerikaner vormachten, aber es fehlen eben diese großen Screen-Persönlichkeiten, die es schaffen, immer eine Nähe zu produzieren, während bei uns auch gute Schauspieler oft so agieren, dass eine gewisse Distanz gewahrt bleibt.

Diese Art, mit der Rezension zu beginn, war wichtig, weil ich finde, dass der Film insgesamt doch ein wenig arg hoch bewertet wird. 7,8/10 in der IMDb sind in der Regel mehr, als wenn wir beim Wahlberliner 8 Punkte vergeben, und die wird „Auf der Flucht nicht ganz erreichen“. Vielleicht muss man berücksichtigen, dass wir heute solche actionreichen Manhunt-Filme gewöhnt sind und außerdem die historischen Vorbilder kennen, allen voran die Kettensträfling-Filme, die grundsätzlich handlungsähnlich sind, auch wenn es nicht unbedingt darum geht, dass jemand zu Unrecht verurteilt wurde und man dort den Trick anwendet, zwei ziemlich ungleiche Typen zwangsweise miteinander flehen zu lassen.

Viele Thriller sind auf diesem Muster aufgebaut und natürlich ist sowas spannend. Mit einem Menschen oder mehreren zu fiebern, die von einer Meute gehetzt werden, ruft so viel in uns wach, dass wir uns dem kaum entziehen können. Und dann eben die Stars, die zusätzlich Identifikation schaffen. Außerdem triggert uns das, was wir an Hitchcocks Filmen schon faszinierend fanden, in denen ein Unschuldiger von einer Kalamität in die nächste kommt und am Ende von gleich zwei Seiten in die Zange genommen wird, beispielhaft verwirklicht in „Der unsichtbare Dritte“. Ständig auf der Flucht und dann auch noch auf eigene Faust etwas nachweisen müssen, was die Polizei nicht hingekriegt hat, viel thrilliger kann ein Schicksal nicht dargestellt werden. Auch dem Actiongenre wird damit sehr entgegengekommen: Anders als bei Thrillern, in denen gegen die Zeit gearbeitet werden muss, weil jemand entführt wird oder eine Bombe hochgehen soll, wenn bis dann nicht dies passiert, ist hier die Perspektive die des Gehetzten und man bewundert seine Findigkeit und Aktivität, sein gutes Nervenkostüm, und, das gehört in amerikanischen Filmen sowieso dazu, eine Physis, die kein normaler Mensch vorweisen kann, weshalb es konsequenterweise auch das Superhelden-Genre gibt, das nirgendwo sonst gepflegt wird.

Nachdem Dr. Kimble aus ziemlicher Höhe auf dem Dach des Fahrstuhls gelandet ist, hätte er sich normalerweise alles Mögliche gebrochen haben müssen, aber denkste, es geht gleich weiter. Das gilt auch für seinen Widersacher. Auch den Busunfall übersteht er, zusammen mit einigen weiteren Insassen, verdammt gut. Es ist müßig, solche Situationen durchzugehen, wir sind nach 40 Jahren Actionkino längst daran gewöhnt, dass es Menschen gibt, deren Körperlichkeit schon anzeigt, dass sie zu Höherem bestimmt sind – oder wenigstens alles überleben, was ihnen widerfährt. Es gab immer schon Menschen, die besondere Fähigkeiten hatten, zumindest im Film, aber mittlerweile ist unkaputtar ein Standard geworden. Muss so sein, weil ansonsten die Actionfilme nach ein paar Minuten bereits zu Ende wären – oder man könnte eben viel weniger Action reinbringen.

Ein US-Kritiker, der den Film (bei einem sehr guten Metascore von 87/100) eher kritisch bewertet hat, schrieb, wenn man eine Fernsehserie ins große Kino überträgt, dann müsse es doch wohl vor allem darum gehen, mehr Tiefe in den Stoff hineinzubringen oder dessen Motive genauer zu analysieren. Tatsächlich? Über 5.600 Minuten „Dr. Kimble auf der Flucht“ als Fernsehserie der 1960er stehen zwei Stunden Film gegenüber. Nicht umsonst werden heute Stoffe, die einst als Kinofilm adaptiert worden waren, meist dann neu adaptiert, wenn sich ein Mehrteiler daraus machen lässt. Aber es stimmt schon, sehr psychologisch tiefgehend ist „Auf der Flucht“ nicht, wenn man davon absieht, dass er Grundängste in uns anspricht. Wer schon einmal Fluchtträume hatte und darin sogar das Fliegen lernte, der weiß, woher diese Art von Kino kommt. Ich muss dem Film aber auch vorhalten, dass er nicht perfekt proportioniert ist – und dafür im weiteren Verlauf stellenweise etwas zu langatmig, trotz der vielen Wendungen und der hinreichenden Action. Bis zum Moment der Verurteilung inklusive der Rückblenden, die zeigen, wie es dazu kam, hastet der Film zu sehr und verschenkt damit die Möglichkeit, dass wir parallel zu Richard Kimble so richtig verunsichert sind. So schafft erst Gerard den Suspense, der für einen Film dieser Art erforderlich ist, um ihn wirken zu lassen. Das Publikum muss immer auf der Höhe des Geschehens sein, sonst wirkt Suspense nicht, hat Alfred Hitchcock eimal gesagt.

Auf der Flucht oder auch Dr. Kimble auf der Flucht (Originaltitel: The Fugitive) ist eine US-amerikanische Krimi-Fernsehserie, die von der amerikanischen Fernsehstation ABC zwischen 1963 und 1967 erstmals ausgestrahlt wurde. Insgesamt wurden 120 Folgen in vier Staffeln gedreht. (…) Die Serie nimmt sich den realen Kriminalfall des Mediziners Sam Sheppard, der möglicherweise zu Unrecht des Mordes an seiner Frau verurteilt wurde, zum Vorbild. Sie war national wie international sehr erfolgreich und machte David Janssen weltberühmt. Als am 29. August 1967 in den USA die letzte Episode ausgestrahlt wurde, in welcher Kimble den wahren Täter endlich stellt, lag die Einschaltquote bei stolzen 71 %. 

Dr. Kimble hat im Film die Tötung durch eine Giftspritze zu befürchten. Schon das amerikanische Justizsystem und die Todesstrafe machen Filme wie diesen zu einem Essay darüber, wie jemand sich verhält und alle Kräfte mobilisiert, wenn er um sein Leben kämpft. Bei uns freuen sich manche Langzeitgefangene über ihre komfortablen Behausungen und haben dort endlich Zeit, ihre Memoiren zu verfassen.

Finale

Der Kritiker-Metascore in den USA lag sogar bei 87/100, was mich vermuten lässt, dass auch die Profis unter den Kinogängern in den frühen 1990ern von der Wucht des Films fasziniert waren, auch vom Actionaufwand, der für einen Krimi zu der Zeit noch ungewöhnlich hoch war. Aber für einen Film aus den 1990ern dürfen wir auch noch heutige Maßstäbe anlegen und ich finde ihn nicht perfekt proportioniert und tatsächlich hätte man ihn etwas tiefgründiger anlegen können. Sehenswert sind immer noch die Schauspielleistungen und die Grundidee, die auf einer Serie aus den 1960ern fußt, die sich wiederum auf viele Vorläufer mit dem „Manhunt“-Muster bezieht. Vier Jahr dauerte es in der Serie, bis Dr. Kimble wieder zurück im Licht sein durfte. Keine schlechte Idee, dies im Film etwas zu raffen.

76/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2020)

(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia

Regie Andrew Davis
Drehbuch Jeb Stuart,
David Twohy
Produktion Arnold Kopelson
Musik James Newton Howard
Kamera Michael Chapman
Schnitt Don Brochu,
David Finfer,
Dean Goodhill,
Dov Hoenig,
Richard Nord,
Dennis Virkler
Besetzung

 


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