Abandoned / Abandoned Women / Not Wanted (USA 1949) #Filmfest 850

Filmfest 850 Cinema

Es kann immer und überall passieren

Abandoned ist ein US-amerikanischer Kriminalfilm noir von Joseph M. Newman aus dem Jahr 1949 mit Dennis O’Keefe und Gale Storm in den Hauptrollen. [2][3] Es ist auch bekannt als verlassene Frauen und nicht erwünscht[4]

Die Rückprojektionen sind für die Zeit tatsächlich gut gelungen, ohnehin macht der Film einen hochwertigeren Eindruck als die Low-Budget-Produktionen, die ich mir zuletzt aus dem Film-noir-Kanon angeschaut hatte. Er stammt eben von Universal und damit von einer der große Produktionsgesellschaften. Gespart hat man dafür bei den Gagen, sodass es sich dennoch um einen B-Film handelt. B+ wäre wohl eine zutreffende Kategorisierung. IN den Jahren vor „Abandoned“ war Hauptdarsteller Dennis O’Keefe zu einem kleineren Film-noir-Star geworden, durch die beiden Werke „Geheimagent T“ und „Flucht ohne Ausweg“, Letzteren haben wir kürzlich angeschaut und rezensiert. Mehr zu „Abandoned“ in der -> Rezension.

Handlung[1]

Nachdem ihre Schwester in Los Angeles verschwunden ist, versucht eine Frau, im Rathaus Informationen über deren Verschwinden zu finden. Die Polizei ist nicht hilfreich, aber sie bekommt Unterstützung von einem lokalen Kriminalreporter. Als die beiden gemeinsam das Verschwinden untersuchen, werden sie zu einem zwielichtigen Detektiv und einem Schwarzmarkt-Babyring geführt.

Rezension

„In der Tradition vieler Noir-Filme ist die Handlung von Abandoned kompliziert und verworren. Die Geschichte geht [gut] voran und wurde auf einem Fundament aus scharfen Dialogen und guter Regie aufgebaut. Newman schafft es gut, eine spannungsgeladene Atmosphäre zu schaffen und Spannung von der Eröffnungseinstellung des Rathauses bis zum expressionistischen Finale aufzubauen. William Daniels‘ Kinematografie verwebt geschickt markante Äußere von L.A. mit stilvoller konstruierten Versatzstücken und fast unsichtbaren Rückprojektionen. Die Höhepunktszene, eine komplizierte Sequenz, die auf einer dunklen und verlassenen Baustelle inszeniert wird, ist der definitive visuelle Ausdruck des Film Noir. Abandoned ist ein schöner zeitgenössischer Film in einer wunderschönen sechzig Jahre alten Verpackung.“ – Mark Fertig (Where Danger Lives)

Mit diesem Status übernahm er die Hauptrolle in „Abandoned“ und wurde mit Gale Storm geteamt, die damals hauptsächlich für das kleine Studio Monogram tätig war und dort Hauptrollen spielte. Raymond Burr als zwielichtiger Detektiv, der hier und da Skrupel hat, aber dann doch sehr ans Abkassieren denkt, wurde fünf Jahre nach „Abandoned“ durch Alfred Hitchcocks „Fenster zum Hof“ berühmt, in dem er jenen  Mann spielt, der seine Frau umbringt, sie zersägt und immer mal wieder Teile von ihr in einem Koffer aus dem Haus trägt und wer weiß wo entsorgt. 

Der Film gehörte zu einer Reihe von halbdokumentarischen Filmen, die zu dieser Zeit populär waren. Es basiert auf einer Originalgeschichte von Irwin Gielgud, die von Produzent Jerry Bresler in Auftrag gegeben wurde. [5] Regisseur Joseph M. Newman und Bresler hatten zuvor in der Kurzfilmabteilung von MGM zusammengearbeitet. [6] Ann Blyth war ursprünglich für die weibliche Hauptrolle angekündigt. [7]

Ann Blyths Marktwert ging aber nach Leistung in dem A-Film „Solange ein Herz schlägt“ an der Seite von Joan Crawford gerade durch die Decke, vielleicht hat man sie deswegen nicht besetzt – und / oder, weil sie dadurch in andere Projekte eingebunden wurde. Erwähnen muss man natürlich auch Jeff Chandler, der von allen Schauspielern, die in diesem Film eingesetzt wurden, hierzulande am bekanntesten sein dürfte, auch durch seine unverwechselbare Optik und seinen Status als Nr. drei bis fünf der Besetzungsliste in  großen Produktionen. Im Ensemble auch Marjorie Rambeau, in ihren jüngeren Jahren ein Broadway-Star, im Tonfilm eine Charakterdarstellerin, sie spielt die Leiterin des Menschenhändlerrings. Dass sie eine Gehstock verwendet, ist kein Accessoire, das ihren Charakter schärfen und auffächern soll, sondern der Tatsache geschuldet, dass sie 1945 bei einem Autounfall eine mehrfache Unterschenkelfraktur erlitt. Erst 1948 konnte sie wieder arbeiten.

In der Tat ist „Abandoned“ eine eigenartige Mischung aus für die Kürze des Films zu komplizierter und dadurch nicht immer logischer Handlung, aber wenn an bedenkt, wie wenig  ganz große Noirs à la  „The Big Sleep“ darauf geben, dem Zuschauer Schlüssigkeit anzubieten, kann man das nachsehen, außerdem wird es gemildert durch den erwähnten halbdokumentarischen Charakter. Das wollte ich sowieso schreiben: Anfang der 1950er war es durchaus üblich, in Krimis das Publikum direkt anzusprechen, wie man es hier tut: Was Sie sehen, könnte auch in Ihrer Stadt passieren und in jeder Stadt. Dass es in L. A. passiert, liegt daran, dass es für die Studios praktischer war und dass eine so große Stadt alle Spielarten des Verbrechens kennt und ermöglicht, weil man sein Business gut durchziehen kann, ohne gleich aufzufallen.

Das Thema ist ganz schön roh: Wenn man es nicht schafft, ein Babys durch Ankauf heranzukommen, um auf illegale Weise zur Adoption zur Verfügung zu stellen, dann bringt man die Mutter um. Dass diese Verwandte haben könnte, die nach ihr suchen, scheint nicht im Plan zu sein. Es klappt ja auch nur, an diese Organisation von Menschenhändler:innen (der Chef ist eine Frau) heranzukommen, weil ein findiger Reporter der Schwester der Verschwundenen beim Suchen hilft und man sich von einem Informanten zum nächsten hangelt, was der Polizei einigermaßen fremd zu sein scheint.

Zu deren Ehrenrettung muss man sagen, der Tod der Frau wurde offenbar glaubwürdig als Autounfall getarnt und kleine Seltsamkeiten, wie dass diese junge Person keinen Führerschein besaß, nimmt man nicht zum Anlass, Ermittlungen in die Wege zu leiten. In gewisser Weise spürt man eben doch, diese Stadt ist nicht jede Stadt, denn so viele Vermisste, dass ein ganz dickes Buch daraus entsteht, das wir im Film auch sehen und damit auch eine gewisse Gleichgültigkeit der Behörden ist typisch für eine Kommune, ein Gemeinwesen, in dem Anonymität jederzeit möglich, vielfach gewünscht und in manchen Fällen tödlich ist. Wenn ich mich nicht verhört habe, wird im Film für L. A. eine fünfstellige Vermisstenzahl suggeriert, Personen, deren Schicksal zum nämlichen Zeitpunkt ungeklärt war.

Die Dialoge werden gerühmt und je besser die Dialoge sind, desto anstrengender ist für mich im Moment noch das Anschauen von Filmen im Original – obwohl der Ton sehr klar ist und auch die Bildqualität der auf Youtube zu sehenden Version von „Abandoned“ nichts zu wünschen übrig ließ. Bei vielen Noirs der zweiten Reihe geht es gar nicht anders, weil keine synchronisierten Versionen abrufbar sind, aber man fuchst sich ein, wenn man regelmäßig Originale schaut und manchmal gibt es Untertitel, die man zusätzlich einschalten kann, die englischen sind dann bereits sehr hilfreich, denn es geht um schnell gesprochene Sprache, immer wieder auch um Slang, der zeitgebundene Redewendungen enthält, wie sie bei A-Filmen seltener vorkommen – sie machen das Verstehen szenenweise kompliziert. Es hat aber auch einen Reiz, wenn man das eine oder andere interpretieren muss und schärft vielleicht sogar den Blick fürs Ganze.

Das Ganze soll nach Ansicht verschiedener Kritiker:innen ein Film noir sein, auch die IMDb setzt das entsprechende Schlagwort,  und darüber kann man so wundervoll diskutieren. In unserer Quelle TSPDT – 1.000 Noir Filme (A) (theyshootpictures.com) wird u. a. auf dieses Buch verwiesen, das zufällig eine wichtige Erkenntnis über das Genre bereithält (Amazon-Einführungstext):

Amazon.com: The Worldwide Film Noir Tradition: The Complete Reference to Classic Dark Cinema from America, Britain, France and Other Countries Across the Globe: 9780962380662: Selby, Spencer: Bücher

What started as a handful of American crime movies celebrated by French critics after World War II has grown to become the most resonant and enigmatic of all film categories. Since film noir is not a clear-cut, predefined genre like the western or musical, the term has always been open to confusion and dispute. For decades the cultural influence of noir has been expanding. There are now over a hundred books on the subject, numerous guides and reference works. But nothing in print is comprehensive or even close to inclusive of all classic films that deserve to be called noir.

In der Tat, der Film noir expandiert immer mehr und wenn es so weitegeht, konsumiert er das gesamte Krimi-Genre. Ich habe mich bereit mehrfach gegen diese Form von Inklusion ausgesprochen. Wenn man jeden Krimi als Film noir bezeichnet, braucht man auch keine konstitutiven Eigenschaften mehr, die einen Film noir von anderen Spielarten von Sex and Crime unterscheidet. Um nichts im Unklaren zu lassen: Sex spielt in diesem Film eine untergeordnete Rolle, auch wenn der Reporter sichtlich Gefallen an der suchenden Schwester findet und sie am Ende ehelichen darf. Da sind andere, echte Noirs viel offensiver. Was aber fehlt ist ein negative oder wenigstens offenes Ende, was fehlt ist die „Femme fatale“, das Mädchen, das seine Schwester sucht, kann für diese Position sicher nicht stehen, auch die Vorbestimmung, die subjektive Sicht, das alles gibt es hier nicht.

Sicher ist das Thema düster, aber ein Krimi, in dem es nicht um Kapitalverbrechen geht und vielleicht um dunkle Machenschaften, ist keiner.

Finale

„Abandoned“ ist ein solider Film über ein Thema, das wohl tatsächlich eine Relevanz hat. Mich hat der Plot auch an Organhandel-Fälle erinnert, bei denen diejenigen, deren Organe als wertvolle Ware an Transplantationskliniken verkauft werden, keineswegs freiwillig stattfindet und in der Regel mit dem Tod des Opfers endet. Vor allem junge Menschen aus ärmeren Ländern sind hier gefährdet. In L. A. sind es junge Mütter, die ihre Kinder nicht behalten können, meist aus sozialen Gründen und in den meisten Fällen dürfte eine Bezahlung ausreichen, um die alles in die Wege zu leiten. Insofern ist das, was wir in „Abandoned“ sehen, nicht die Regel, aber wenn etwas nicht nach Plan läuft und eine Mutter beispielsweise ihr Kind doch behalten möchte, obwohl es schon „versprochen“ ist, kann es zu Mord kommen.

Demnach: kein Film noir, aber ein solider Krimi, nach heutigen Maßstäben auf Fernsehniveau, aber ohne das Brimborium, das auch dort gerne drumherum inszeniert wird, wie etwa das Privatleben der Ermittler. Dann besser den Film etwas kürzer halten, wie hier, wo er mit 77 Minuten keineswegs „klein“ wirkt. Die Geschwindigkeit und die Zahl der Handlungselemente lassen ihn eher wie einen 90-Minüter wirken. In der IMDb erhält der Film eine Nutzerwertung von 6,6/10 (Stand 07.10.2022), das liegt nah bei meinem Eindruck von „Abandoned“.

65/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie:

Joseph M. Newman (als Joe Newman
)

Geschrieben von

Irwin Gielgud
William Bowers
(zusätzlicher Dialog)

 

[1] Abandoned (1949) – Wikipedia


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