Filmfest 851 Cinema
Die drei Tage des Condor ist ein US-amerikanischer Politthriller bzw. Agentenfilm aus dem Jahr 1975, gedreht nach dem Roman Die 6 Tage des Condor (Originaltitel: Six Days of the Condor, 1974) von James Grady. Produziert wurde der Film von Stanley Schneider, Regie führte Sydney Pollack. Alternativtitel ist Treffpunkt Mitternacht C.I.A. Der Film verstieß gegen übliche Genre-Konventionen und dekonstruierte den klassischen Thriller, in dem Staatsdiener gegen negative Gesetzesbrecher kämpfen. Hier wurden staatliche Autoritäten infrage gestellt, sodass dieser Film dem „New Hollywood“ zuzurechnen ist.[1]
Wir haben nun den dritten von drei Filmen vor uns, den Regisseur Sydney Pollack mit Robert Redford gedreht hat („Jeremiah Johnson“, 1971 und „The Way We Were“ aus 1973 haben wir bereits rezensiert). Nach der Enttäuschung über „So wie wir waren“ ist „Die drei Tage des Condor“ wieder ein Film, über den wir gerne schreiben. Weil er so herrlich New Hollywood ist, so wunderbar pessimistisch und skeptisch gegenüber der Staatsmacht, die sich Organisationen leistet, welche die Bürger ohne jede demokratische Kontrolle verfolgen und ermorden lassen können. Kennen wir das irgendwoher? Selbstverständlich hat der Film Relevanz, wenn man bedenkt, wie perfekt heute spioniert wird und wie willenlos wir in dieser Hinsicht sind. Und dann erst die CIA-Planspiele zur Kriegsführung im Nahen Osten. Wie passgenau damit die Irak-Invasion unter Präsident Bush II. vorweggenommen wird, die nur durchging, weil die US-Geheimdienste mit Fehlinformationen über das Bedrohungspotenzial des Irak und seines Herrschers Saddam Hussein um sich warfen, ist nicht nur verblüffend, sondern auch ziemlich desaströs. Mehr dazu lesen Sie in der -> Rezension.
Handlung (1)
Joseph Turner ist einer von acht Mitarbeitern des Nachrichtendienstes CIA, die in einer als American Literary Historical Society getarnten New Yorker Dienststelle damit befasst sind, internationale Literatur zu sichten und danach auszuwerten, ob darin Strategien und Hinweise enthalten sind, die für die CIA von Nutzen sein könnten.
Als Turner – Deckname „Condor“ – eines Tages von einer kurzen Besorgung ins Büro zurückkehrt, findet er dort sämtliche Kollegen erschossen vor. Er muss nun, bevor man ihn als einzigen Überlebenden der Gruppe ebenfalls beseitigen wird, herausfinden, wer diesen Anschlag durchgeführt hat und warum. Schon bald stellt sich heraus, dass CIA-Agenten für den Anschlag verantwortlich sind. Bei dem Versuch, mit dem Hauptquartier der CIA in Langley Verbindung aufzunehmen, um Anweisungen und Schutz zu erhalten, entkommt Turner nur knapp einem Mordanschlag.
Er nimmt die Fotografin Kathy Hale als Geisel, um sich vorläufig in ihrer Wohnung zu verstecken. Bald kann er sie aber dazu überreden, ihm freiwillig zu helfen, und eine zarte Romanze entwickelt sich zwischen den beiden – trotz der für Turner andauernden Lebensgefahr. Als er die infolge der bisherigen Vorgänge ebenfalls gefährdete Frau eines Kollegen in Sicherheit bringen will, gelingt es ihm nur mit einer List, mit Kathys Auto dem auf ihn angesetzten Killer zu entkommen. Da es diesem aber noch gelang, mit einem Zielfernrohr das Kennzeichen von Kathys Auto abzulesen, erscheint ein anderer, als Paketbote getarnter Killer in Kathys Wohnung. Er wird nach einem heftigen Kampf von Turner getötet.
Schließlich findet Turner heraus, dass durch eine von ihm verfasste Anfrage an die Zentrale ein hoher CIA-Mitarbeiter veranlasst wurde, die American Literary Historical Society komplett auszulöschen, weil er glaubte, sie sei eine Gefahr für seine Planspiele einer Invasion der USA in Ölstaaten des Nahen Ostens oder in Venezuela.
Als Turner den Verantwortlichen in dessen Wohnung aufsucht und zur Rede stellt, erscheint dort auch der Auftragskiller, der Turner zwar entwaffnet, dann aber nicht ihn, sondern seinen früheren Auftraggeber erschießt, der zwischenzeitlich selbst in Ungnade gefallen ist.
Turner, der aufgrund seiner Erkenntnisse nach wie vor in Lebensgefahr ist, sucht seinen früheren Vorgesetzten Higgins auf und eröffnet ihm, dass er die ganze Geschichte an die New York Times weitergegeben habe. Allerdings fragt ihn Higgins, ob er sich sicher ist, dass die Zeitung den Artikel auch tatsächlich veröffentlichen wird. Daraufhin verlässt Turner sichtlich besorgt Higgins.
Rezensionµ
Inwieweit sich Dinge ereignen wie das Massaker in der Bücher-Forschungsabteilung der CIA, ist schwer zu beurteilen, da die Desinformation, wenn derlei wirklich vorkommt, selbstverständlich so gestaltet wird, dass man nichts davon erfährt oder andere Zusammenhänge konstruiert werden, um Morde unpolitisch wirken zu lassen. Die Sequenz, in welcher die sechs Kollegen und Kolleginnen von Joseph Turner mit riesigen Gewehren, auf denen riesige Schalldämpfer sitzen, erschossen werden, ist legendär und eines der brutalsten Openings bis dahin. Es geht nicht in dieser Geschwindigkeit weiter, wenngleich es zu weiteren Leichen kommt. Das Ende ist mehr als vage.
Man weiß nicht einmal, ob der Condor überleben wird. Der Filmtitel legt das Gegenteil nah. Dabei hat man sich doch so an ihn gewöhnt, weil dieses Opfer einer Verschwörung von Robert Redford mit einem wachen, kritischen Ernst und einiger Findigkeit gespielt wird. Dieser Bücherwurm wird zu einer echten Herausforderung für die Killer der „CIA innerhalb der CIA“, die es aber vielleicht gar nicht gibt, weil die CIA an sich keine Probleme damit hat, Mitarbeiter zu liquidieren, die auf etwas Besonderes gestoßen sind. Warum sie das tut, wer nun wofür steht, das erschließt sich bis zum Ende nicht vollkommen, und vor allem erfahren wir nicht, ob die „New York Times“ nun wirklich das drucken wird, was Turner ihr anvertraut hat – seinen Erfahrungsbericht mit der Organisation. Higgins scheint sich recht sicher zu sein, dass sie es nicht tun wird. Und was denken wir? Dass die Organisation genug Macht hat, um die Publikation zu verhindern. Die Tage des Condors sind gezählt, in denen er sich gewehrt hat gegen das Unvermeidliche. Selbstverständlich könnte man es auch anders interpretieren.
Immerhin entstand der Film kurz nach Watergate, noch vor dem Film über Watergate; „Die Unbestechlichen“ aus 1977, ebenfalls mit Robert Redford und mit Dustin Hoffmann, beide als die Journalisten, die den Stein gegen Präsident Nixon ins Rollen brachten. Es wäre also denkbar, dass die Presse als Vierte Macht doch funktioniert. Unser heutiges Verständnis von allem, was die USA in den letzten Jahrzehnten immer mehr korrumpiert hat, sagt uns, die vorausschauende Deutung ist die, dass auch die Presse ins System eingegliedert wird und nicht alles drucken kann, was vielleicht von hoher Brisanz ist, aber vom System als geheim zu haltend definiert wird, um die Interessen des Systems zu schützen.
Die Atmosphäre ähnelt der von „Der Marathon-Mann“ aus dem Jahr 1979, aber „Die drei Tage des Condor“, dessen Titel zunächst an einen Revolutionsfilm denken lässt, der in einem Andenstaat spielt, ist viel reduzierter, kommt mit wenig Personal aus, ist kürzer und lebt nicht so sehr von einem verzwickten Plot wie von einem sehr undurchsichtigen Hintergrund. Die Bedrohung des Einzelnen aber durch organisierte Gegner in den Schluchten von Manhattan, die sehr wenig Schutz bieten, die wird aber in beiden Filmen ähnlich gut inszeniert.
Es gibt mindestens eine Szene, die im Aufzug, bei der man sich zunächst fragt, warum der Killer Joubert Turner nicht umbringt, denn offensichtlich besteht zu dem Zeitpunkt der Auftrag dazu noch und außerdem hat Joubert seinem CIA-Verbindungsmann zugesichert, den Condor nach dem einen oder anderen Misserfolg bei dessen Beseitigung persönlich um die Ecke zu bringen. Die Situation, als die beiden allein im Aufzug sind, wäre dazu jedenfalls geeignet gewesen. Aber stimmt das? Wie hätte Joubert aus dem Aufzug kommen sollen, ohne dass vielleicht andere Leute zugestiegen wären und den Mord entdeckt hätten. Wie relevant es überhaupt gewesen wäre, und ob ein so skrupelloser Typ nicht auch noch gerade diejenigen mit einer schallgedämpfte Pistole hätte beseitigen können, die Zufallszeugen des Mordes wurden, kann man als Ansatzpunkt zum Weiterdenken verwenden, es führt aber nicht zu eindeutigenErkenntnissen.
Die Erkenntnis hingegen, dass Faye Dunaway eventuell erstmalig, zumindest aber im Avantgarde-Modus in einem Mainstream-Film das Wort „Ficken“ verwendet, ist gesichert. Und es wird tatsächlich in der deutschen Synchronisation durchgezogen. Wir hätten 1975 noch erwartet, dass es mit „gut im Bett“ oder einer ähnlichen Formulierung umschrieben wird. Aber irgendwie passt es ganz gut. Das Verhältnis zwischen dem Mann auf der Flucht, der ebenfalls ein Opfer organisiert, nämlich die junge Fotografin, die ebenso vereinzelt zu sein scheint wie er und gerne tot wirkende Gegenstände und Naturelemente im November fotografiert, ist durchaus interessant und unterstützt die Grundstimmung des Films, der einsame Individuen zeigt, die der Macht oder ihrem Kokon gegenüberstehen. Es ist auch richtig, dass daraus kein Happy-End wird, sondern eine Begegnung, ein intensiver Moment, geschaffen durch eine Ausnahmesituation.
Finale
„Die drei Tage des Condors“ ist nicht nur eine gute Arbeit des Teams Redford / Pollack, er ist auch ein großartiges Zeitdokument aus den Jahren, die wichtige Schlüssel zur komplizierten heutigen Wirklichkeit der USA liefern. Einen Niedergang, wie er in Filmen wie diesem dokumentiert wurde, konnte man sich wenige Jahre zuvor noch gar nicht denken. Der spätere konservative, blind-patriotische Rollback ist ohne die desillusionierenden 1970er nicht vorstellbar, ebenso, wie die heutigen Blockbuster nicht denkbar sind ohne die Wurzeln im New Hollywood, zu dem der Film rechnet, und ohne den Wunsch des Publikums, nicht mehr allzu sehr mit solchen Filmen wie „Die drei Tage des Condor“ gequält zu werden.
Wir sind mittlerweile Fans der 1970er mit ihren unangenehmen, sehr engagierten und aufschlussreichen, stilistisch innovativen Kinostücken, und „Three Days oft he Condor“ zählt für uns zu denen, die man gesehen haben muss, wenn man mehr über die Entwicklung der Paranoia wissen will, welche im Grunde noch heute besteht und über das sie begründende Misstrauen der Macht gegenüber, das sich weiter durch die Demokratien und deren Organisationen frisst, die so gar nicht demokratisch und dem Volk verbunden wirken.
80/100
© 2022 Der Wahlberliner, Alexander Platz (Entwurf 2015)
(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Sydney Pollack |
|---|---|
| Drehbuch | Lorenzo Semple Jr., David Rayfiel |
| Produktion | Stanley Schneider |
| Musik | Dave Grusin |
| Kamera | Owen Roizman |
| Schnitt | Don Guidice, Fredric Steinkamp |
| Besetzung | |
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