Lügende Lippen (Never Fear / The Young Lovers, USA 1950) #Filmfest 854

Filmfest 854 Cinema

Never Fear ist ein US-amerikanisches Filmdrama von Ida Lupino aus dem Jahr 1950. Der Film ist auch als The Young Lovers bekannt.

Der deutsche Titel ist im Grunde Unsinn, der amerikanische Alternativtitel viel zu unspezifisch für einen so dezidierten Film, der sich als einer der ersten Hollywoodfilme überhaupt intensiv mit einer Erkrankung und dem Versuch der Rehabilitation auseinandersetzt. Der eigentliche US-Titel trifft es jedoch gut, auch wenn „Never Give Up“ noch besser gewesen wäre. Wie kam Regisseurin Ida Lupino auf das Thema Poliomelitis? Dies und mehr zum Film steht in der – Rezension.

Handlung[1]

Carol Williams ist eine schöne junge Tänzerin mit einer vielversprechenden Karriere, die von Polio gelähmt ist. Ihr Tanzpartner und Verlobter Guy Richards will sie durch ihre Krankheit begleiten, aber Carol zieht es vor, ihre Genesung alleine zu ertragen. Carols Vater bringt sie zur Rehabilitation ins Kabat-Kaiser-Institut, wo sie Mitpatienten in der Genesung trifft. Indem sie anderen erlaubt, ihre Trauer zu teilen, kann Carol sich zusammenreißen und mit ihrem Leben weitermachen.

Handlung[2]

Gerade als ihre Karriere an Fahrt aufnimmt, erkrankt die Tänzerin Carol (Sally Forrest) an Polio und muss mühselig wieder das Laufen lernen. Obwohl ihr Mann und Tanzpartner (Keefe Brasselle) ihr Mut zuspricht, wird sie immer verbitterter und schottet sich ab.

Wichtige Informationen

[Ida] Lupino hatte sich 1934 mit Polio infiziert und litt unter den gleichen Fiebern und Schmerzen wie die Carol Williams-Figur, und sie sah sich auch den gleichen dunklen Gedanken und der Angst gegenüber, dass sie nicht mehr gehen würde. Lupinos Hauptsymptome hielten nur für kurze Zeit an und ließen sie mit leichten Problemen in Bein und Hand zurück. Sie blieb eine Unterstützerin von Ursachen zur Bekämpfung der Krankheit, und Never Fear wurde 1949 auf dem Höhepunkt der Polio-Angst und des Ausbruchs veröffentlicht.

Die Rehabilitationsszenen wurden im Kabat-Kaiser Institute in Santa Monica, Kalifornien, gedreht. Viele der verwendeten Schauspieler waren echte Reha-Patienten im Institut, und eine Szene, die einen Rollstuhl-Square Dance darstellte, zeigte eine Gruppe echter Rollstuhltänzer.1

Lupino wurde 1934 mit Polio diagnostiziert. Die New York Times berichtete, dass der Ausbruch von Polio in der Hollywood-Gemeinde auf kontaminierte Schwimmbäder zurückzuführen sei. [38] Die Krankheit beeinträchtigte ihre Arbeitsfähigkeit stark und ihr Vertrag mit Paramount zerbrach kurz nach ihrer Diagnose. [39] Sie erholte sich und führte schließlich Regie, produzierte und schrieb viele Filme, darunter einen Film, der lose auf ihren Mühen mit Polio basierte, mit dem Titel Never Fear im Jahr 1949, der erste Film, bei dem sie Regie führte (sie war zuvor für einen kranken Regisseur bei Not Wanted eingesprungen und lehnte aus Respekt vor ihrem Kollegen die Regie [die Nennung Ihres Namens als Regisseurin, Anm. TH] ab). Ihre Erfahrung mit der Krankheit gab ihr den Mut, sich auf ihre intellektuellen Fähigkeiten zu konzentrieren, anstatt nur auf ihre körperliche Erscheinung. [40] In einem Interview mit Hollywood sagte sie: „Ich erkannte, dass mein Leben und mein Mut und meine Hoffnungen nicht in meinem Körper lagen. Wenn dieser Körper gelähmt wäre, könnte mein Gehirn immer noch fleißig arbeiten … Wenn ich nicht schauspielern könnte, könnte ich schreiben. Selbst wenn ich keinen Bleistift oder keine Schreibmaschine benutzen konnte, konnte ich diktieren.“ [40] Filmzeitschriften aus den 1930er und 1940er Jahren, wie The Hollywood Reporter und Motion Picture Daily, veröffentlichten häufig Updates über ihren Zustand. [41][11] Lupino arbeitete für verschiedene gemeinnützige Organisationen, um Mittel für die Polioforschung zu sammeln. [42][3]

Rezension

Um diesen Teil gleich abzuhandeln: Der Film war kein Erfolg, weil er ein Thema behandelte, vor dem viele Menschen wohl wirklich damals Angst hatten. Berechtigterweise, denn es gab erst 1954 den ersten Impfstoff gegen Polio, auch Kinderlähmung genannt. Wir alle wurden damit geimpft, die nach 1960 geboren sind, denn in jenem Jahr kam endlich ein sicherer und hoch wirksamer Impfstoff auf den Markt. Wir fragen uns angesichts neuester Beobachtungen anhand von Corona, welche Schäden eine Re-Epidemisierung von Krankheiten wie Poliomelitis heute hervorrufen würde und ob man eine Impfpflicht überhaupt noch durchsetzen könnte.

Auf den ersten Blick ist es auch ziemlich unattraktiv, wenn wenige Minuten nach dem Beginn eines Films die Hauptfigur erkrankt und der Rest des Kinostücks sich damit befasst, wie sie in einer Reha-Klinik langsam, langsam wieder zu ihrer Bewegungsfähigkeit findet. Dabei ist es ein wunderschöner, bewegender und unter Berücksichtigung der Zeitumstände auch präziser Film, die psychologischen und physiotherapeutischen Prozesse im Wege der Krankheit und ihrer Bekämpfung darzustellen. Er hat einen hohen dokumentarischen Wert und ist gleichzeitig eine klassische Liebesgeschichte, in der es darum geht, in guten wie in schlechten Zeiten zusammenzuhalten. Das gelingt sogar, obwohl beide Partnerinnen, auch die erkrankte Tänzerin, Versuchungen ausgesetzt sind.

Dabei lässt Ida Lupino durchaus Stilwillen erkennen: Während die Szenen mit Tänzerin Sally fast alle im Normalwinkel gefilmt sind und sie entweder sitzt, waagerecht im Krankenbett liegt oder steht, ist die Szene, die den Film hätte verändern können, anders gefilmt. Ihr Partner ist grundsätzlich bereit, sich mit einer anderen Frau einzulassen, nachdem Sally ihn schroff abgewiesen hat, weil sie ihm nicht im Wege stehen will. Aber die schräge Couchszene endet damit, dass er wegdöst und es nur noch zu einer leichten inneren Verbindung zweier Einsamer kommt, die nur die Berührung der Hände erlaubt. Am Ende richtet sich alles wieder ein, obwohl es auch einen weiteren Mann im Spiel gibt, einen Mitpatienten von Sally, der aber dauerhafter erkrankt ist und mit seinen Zeichnungen und Geschichten Kindern in der Klinik Hoffnung gibt.

Die Regisseurin prägt diesen Film in der Tat mit großer emotionaler wie intellektueller Kraft. Was sie zeigt, ist leidenschaftlich und wirkt echt, ohne ins Kitschige abzudriften, aber Ideen wie die Symbolkraft der Geschichten, die der Mitpatient im Rollstuhl fertigt, sind eine intellektuelle Zugabe, die mehr oder weniger einer modernen Konzeption eines solchen Themas entnommen sein könnte. Für 1949 aber war sie sehr progressiv. Zudem versteht es Lupino, innerhalb von weniger als 80 Minuten die Beziehungen sehr direkt auszuloten und das Auf und Ab plausibel zu erklären, das sich in ihnen aufgrund des Ausbruchs der Krankheit und im weiteren Verlauf abspielt. Anders als bei „Der Mann mit zwei Frauen“, den ich kürzlich angeschaut habe, gibt es keinerlei Wischer und Hüpfer in der Dramaturgie, keine Schwierigkeiten, irgendetwas plausibel zu machen. Kein Wunder, möchte man sagen, wenn jemand selbst betroffen war und so sehr aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen kann wie eine Schauspielerin und Regisseurin, deren Frühkarriere in der Tat durch Polio gebremst worden war.

Mit Sally Forrest hat sie ein fantastisches Medium gefunden, um sich selbst zu spiegeln. Sie ähnelt Lupino so sehr, dass ich während des Anschauens der Dokumentation zu ihr, noch vor der Sichtung von „Never Fear“, nicht sicher war, ob sie nicht selbst vor der Kamera steht. Sogar ihre lockige Frisur ähnelt jener, die Lupino zu der Zeit bevorzugte. Und sie entwickelt einen unbestreitbaren Charme, selbst im Zustand der Verzweiflung und Beinahe-Resignation.

Auch dies scheint ein Markenzeichen von Lupinos Filmen zu sein: Wie schon in „Der Mann mit den  zwei Frauen“ („The Bigamist“) gibt es keine unsympathischen Figuren, die Aufmerksamkeit und Zugewandtheit der Regisseurin ist umfassend, einschließlich des Verständnisses für das Beinahe-Ausbüchsen des Partners nach der Zurückweisung. Dadurch wirkt der Film fast hyperrealistisch, weil er nicht durch Bösartigkeit gestört wird, nicht durch falsche Ziele und Werte, schon gar nicht durch Verbrechen.

Auf einen Aspekt, der mich beschäftigt hat, muss ich dennoch eingehen. Es ist bekannt, dass der Kampf schwer Erkrankter ums Überleben oder wieder zurückfinden ins normale Leben aussichtsreicher ist, wenn sie einen starken Willen dazu haben und positiv denken. Ida Lupino ist sicher auch aufgrund ihrer inneren Kraft in der Lage gewesen, wenige Jahre nach dem Polio-Ausbruch wieder vor der Kamera zu stehen und in A-Filmen, zum Beispiel an der Seite von Humphrey-Bogart, überzeugend zu spielen. Aber ein anderer Verlauf der Krankheit, ein anderer Schweregrad, und man ist machtlos. Da kann die Idee, sich geistig zu betätigen, wenn das hübsche Äußere nicht mehr wirkt wie zuvor, weil man im Rollstuhl sitzt, ein Trost sein. Für Ida Lupino kam es günstig, weil ihre Beobachtungsgabe und ihre Analysefähigkeit durch ihr Erleben sicherlich gestärkt wurden, gleichzeitig erholte sie sich aber auch körperlich und hatte dadurch viele Möglichkeiten, die anderen Schauspielerinnen verschlossen blieben.

Der Machbarkeitswahn der Amerikaner durchzieht aber auch diesen Film ein wenig, anders wäre er wohl auch nicht möglich gewesen. Eine Tür in die Welt, in der die Hoffnung wirklich nur noch aus der Kraft der geistigen Unabhängigkeit erwächst, öffnet Lupino aber doch, und das rechne ich ihr hoch an: Der Mann, der ihr in der Klinik am nächsten kommt, wird vom Arzt als der stärkste von allen bezeichnet, obwohl er, lediglich angedeutet, nicht so geheilt werden kann wie die hübsche Tänzerin. Wir nehmen das heute alles so selbstverständlich. Zum Beispiel, wenn es um körperlich Behinderte geht. Es gibt für alle irgendein passendes Setting, in dem sie sich in Relation zu ihren Möglichkeiten maximal entfalten können. Wie aber ist das bei dem Mann, der von einer rothaarigen Schönen nur träumen kann, wie er sagt, als er sich Sally nach der wohl berührendsten Szene des Films offenbart?

Jemand, der so rege ist und genau weiß, was ihm alles vorenthalten wird, wie führt er diesen Kampf so, dass er kein verbitterter Mensch wird? Ich glaube, das ist das Größte: Auch ohne Aussicht auf Besserung nicht aufzugeben. Wir sollten öfters mit Menschen sprechen, die diesen Kampf führen müssen, um den wahren Werten näherzukommen. Denn jede Möglichkeit der Rückkehr ist Motivation an sich, sogar die Karriere könnte weitergehen, wie bei Ida Lupino. Der Film reflektiert aber, ohne es zu erwähnen, auch die Situation von Veteranen nach dem Zweiten Weltkrieg, die versehrt zurückkehrten und ihr vorheriges Leben nicht mehr wie gewohnt weiterführen konnten. Auch darüber gibt es mindestens einen guten Film, der Name fällt mir gerade nicht ein. Gewiss gehört er zu den „100 inspirierendsten Movies“, die das AFI zusammengestellt hat. Ich finde aber, auch Lupinos sehr fortschrittliches Werk sollte darin seinen Platz finden.

Finale

Vielleicht die Tatsache, dass ich im vergangenen Jahr Unfälle und Operationen zu überstehen hatte, dazu geführt, dass ich nach dem Film überhaupt nicht gut drauf war, trotz des schönen und dann doch ein wenig kitischigen Happy Ends mit dem Stock, der symbolisch auf den Asphalt fallen darf, sondern mich eher lost fühlte. Selbst am nächsten Morgen war meine Stimmung alles andere als gut und seltsamerweise kam es wieder zu einer Misslichkeit, die im Bereich eines recht unfallträchtigen Themas angesiedelt war.

In dem Moment wurde mir bewusst, welch große Ressource das Umfeld darstellt, auf das Sally professionell und persönlich zurückgreifen darf. Wie wäre es heute, wenn die Reha-Kliniken plötzlich mit unzähligen Polio-Patient:innen belastet würden und wo viel keine so soliden Partnerschaften führen, solche tragfähigen Familienbande haben? Würde das sehr viel ändern oder den Akzent noch mehr auf die Mitmenschen im Kliniksetting legen?

Da viele von Ihnen die Hauptdarstellerin Sally Forrest nicht kennen dürften: Sie war tatsächlich ausgebildete Tänzerin und entstammt der MGM-Talentschmiede für Darsteller:innen, die in Musicals auftreten können, der größten und besten dieser Art in Hollywood. In diesem Film kann sie nur eine Tanznummer zeigen, bevor die körperlichen Probleme ihrer Figur gleichen Vornamens beginnen.

Die IMDb-Nutzer:innen gewähren dem Film aktuell nur 6,3/10, das sind 0,5 Punkte weniger als bei „Der Mann mit zwei Frauen“. Schon anlässlich der Rezension für diesen Film schrieben wir, dass Lupinos Filme noch nicht sachgerecht rezipiert werden. Von den „Wiederentdeckern“, z. B. bei Arte, das ist klar, aber nicht vom allgemeinen Publikum. Auch hier werden wir um einiges mehr vergeben, spannend aber, ob wir den Film auch über „The Bigamist“ setzen werden (77/100). Jedes dieser Werke hat seine eigenen Qualitäten, beiden eigen ist ihre hohe Emotionalität, der nicht die Stimmigkeit der Gefühle geopfert wird. Rein sachlich wäre es wohl richtig, „Lügende Lippen“ noch etwas höher zu bewerten, weil er so progressiv mit einem Quasi-Tabuthema umgeht, aber das tut „Der Mann mit den  zwei Frauen“ ja auch und er ist sozialkritisch, während die Verarbeitung ihrer eigenen Erlebnisse doch etwas mehr zu einem Ertüchtigungs- und Ermutigungsfilm von Ida Lupino führt, der sich der Tatsache vermutlich bewusst ist, dass hier diejenigen, die ohnehin Potenzial haben, aufgefordert werden, es auch bei Eintreten widriger Umständen nicht aufzugeben. Das gilt auch für die Tanzkarriere des Mannes. Weniger jedoch werden diejenigen, deren Potenzial verschüttet ist oder noch nicht entdeckt wurde, angesprochen. Sicherlich gewinnt die Hauptfigur durch den gewonnenen Kampf an Tiefe, aber der Film geht nicht so weit, eine ersatzweise intellektuelle Transformation zu zeigen. Heute, nach vielen Filmen über das krank sein und angesichts der fast unbegrenzten Mittel großer Studios für Filme mit langen Spielzeiten ist da mehr drin. Was aber herauskommt, ist manchmal auch Klamauk à la „Ziemlich beste Freunde“, der dem Publikum freilich blendend gefällt. Insofern ist die Ernsthaftigkeit von „Never Fear“, der Mut zu dem Film, der den Sinn des Titels vertieft, noch immer beeindruckend.

75/100

© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

[1] Fürchte dich nie – Wikipedia

[2] Lügende Lippen – Film in voller Länge | ARTE

[3] Ida Lupino – Wikipedia


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