Filmfest 864 Cinema
Das Netz ist ein US-amerikanischer Thriller von Irwin Winkler aus dem Jahr 1995, in dem eine einsame Computerexpertin (Sandra Bullock) ihrer Identität beraubt wird.
Wir gehen 26 Jahre rückwärts. Kaum jemand hat einen privaten Internet-Anschluss. Ich bekam meinen ersten 1996 als E-Mail-Adresse an der Uni und zum Recherchieren von Dokumenten. Was man mit dem Internet alles anstellen kann, war mir, anders als einigen Mitstudent:innen, nicht so recht klar. Bis zum privaten Einstieg sollte es noch fünf Jahre dauern und es war das erste Mal, dass ich alles andere als ein Pionier war, wenn es um neue Technik ging. Wenn ich damals „Das Netz“ gesehen hätte, hätte ich’s vermutlich ganz bleiben lassen und ich rezensiere auch nicht aus der Position eines Technikfreaks, der ich nicht bin. Gleichwohl müssen ein paar Sätze zu Realität und Fiktion sein, mehr zum Film und diese Sätze stehen in der –> Rezension.
Handlung (1)
Die Softwareentwicklerin Angela Bennett ist ein isoliert lebender Mensch, die ihre Pizza über das Internet bestellt und kaum Kontakt zu den Nachbarn hat. Die einzige soziale Bezugsperson ist ihre an Alzheimer erkrankte Mutter, die aber aufgrund der Krankheit ihre Tochter nicht wiedererkennt. Bennett arbeitet bei der Softwarefirma Cathedral von zu Hause aus, sodass sie ihre Arbeitskollegen nur über das Internet oder das Telefon kennt. Eines Tages erhält sie von ihrem Kollegen Dale eine mysteriöse Diskette mit der Software „Mozarts Geist“ zugespielt, mit deren Hilfe sie sich plötzlich auf Internetseiten mit geheimen Informationen wiederfindet. Kurz vor dem vereinbarten Treffen stirbt ihr Kollege bei einem Flugzeugabsturz.
Der Killer Jack Devlin wird auf sie angesetzt, der sich im Strandurlaub bei ihr einschmeichelt, um zunächst die Diskette mit dem geheimnisvollen Programm zu vernichten. Nachdem Angela Bennett dem Killer – leider ohne ihre Ausweispapiere – entkommen konnte, bemerkt sie, dass jemand ihre persönlichen elektronischen Daten und ihre Identität verändert und u. a. das Strafregister der geänderten Identität mit einigen Delikten wie etwa einem Drogendelikt versehen hat. Ihr Leben wird dadurch zum Albtraum, da niemand ihre wahre Identität bezeugen kann. Mit einer vom Killer in alle möglichen Computerdatenbanken eingetragenen falschen Identität wird sie schließlich noch von der Polizei gejagt.
Sogar die einzige ihr vertraute Person, ihr ehemaliger Psychologe und Geliebter Dr. Alan Champion, wird vom Killer mit manipulierten Gesundheitsdaten und daraus resultierenden falschen Behandlungen durch Ärzte getötet. Sie findet schließlich heraus, dass das geheimnisvolle Programm ein als Schutzprogramm getarntes Trojanisches Pferd ist, mit dem sich eine Hackergruppe, die sich „Prätorianer“ nennt, Zugang zu wichtigen Computernetzen verschaffen kann. Dieselbe Gruppe ist es auch, die unerkannt nach und nach wichtige Computernetze angreift, um anschließend ihr vermeintliches Schutzprogramm an die attackierten Firmen und Behörden als angebliche Sicherheitslösung zu verkaufen. Der Killer benutzt ebenfalls dieses Programm gegen die Protagonistin.
An ihrem Arbeitsplatz ist sie inzwischen durch eine Doppelgängerin ersetzt worden. Letztlich gelingt es Angela Bennett, von dort aus unbemerkt Beweise gegen den Anbieter des „Schutzprogramms“, einen Unternehmer namens Jeff Gregg, und gegen die Prätorianer zu sammeln und sie per E-Mail dem FBI zukommen zu lassen. Danach wird sie weiter vom Killer und ihrer Doppelgängerin verfolgt, wobei der Killer die Doppelgängerin aus Versehen erschießt und er selbst von Angela mit einem Feuerlöscher angegriffen wird und in die Tiefe stürzt.
Jeff Gregg kann nun die Verbindung zu den Hackern nachgewiesen werden und wird festgenommen, Angela Bennett kann in ihr altes Leben zurückkehren. In der letzten Szene kümmert sie sich um ihre an Alzheimer erkrankte Mutter.
Rezension
Cinema 10/1995: „Ähnlich wie ‚Während Du schliefst …‘ ist auch ‚Das Netz‘ letztlich eine gut gespielte One-woman-Show des Hollywood-Shooting-Stars Sandra Bullock. Als solche offenbart Winklers Thriller allerdings schon in den ersten Szenen seinen eklatantesten Schwachpunkt: Die Faszination des Internets hin oder her – wer glaubt einer Frau wie Sandra schon, dass sie ihre Abende allein mit einer Pizza am heimischen Computer verbringt?“
Wir fangen also mit einem anderen Thema an. Sandra Bullock und ihre Rolle. Die Kritik ist zeitgenössisch, das muss man im Kopf behalten, aber man darf trotzdem anderer Ansicht sein. Die Ansicht über Sandra Bullock ist schlicht Bullshit. Klar sind attraktive Menschen seltener solche, die ihr Leben nur in der eigenen Höhle verbringen und damals musste man noch Disketten hin- und herschicken, anstatt Dateien zu verschicken? Wirklich? Am Ende macht Angela Bennett nämlich genau das, was einige vorherige Handlungselemente richtig alt aussehen lässt, in denen es darum geht, dass die physische Vernichtung einer Diskette, die natürlich nicht einmal gesichert ist, eine Art Game Changer darstellen könnte, was aber auch nicht der Fall ist.
Ich finde es reizend, dass man 1995 versucht hat, einen weiblichen IT-Nerd zu porträtieren, der außerdem attraktiv ist. Sowas gibt es wirklich, auch bei Männern. Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gründen ein wenig oder auch ein wenig mehr soziophob sind, Kindheitstraumata und was sonst alles der Grund dafür sein könnte, schließlich geht Angela zum Psychotherapeuten vermutlich nicht deshalb, weil sie mit ihrem Job nicht klarkommt und verliebt sich sofort in ihn. Auch dass sie dann die Distanz plötzlich sehr schnell überwinden, weil ihnen das souveräne und berechnende Handling von Gesellschaftslöw:innen fehlt, ist das durchaus möglich und glaubhaft. Außerdem wurde Bullock erst im Jahr darauf mit „Speed“ zum umschwärmten Superstar. Aber auch dort spielt sie einen eigentlich eher zurückhaltenden Menschen, der zur Alltagsheldin wird und das ist auch ihr Ding: Das durchaus Zarte und Verletzliche auf eine weniger augenfällige Weise herauszustellen als ihre Generationskollegin Meg Ryan, die das manchmal, nicht immer, auch gut ins Komische drehen kann. Dass IT-Freaks, deren bester Freund der Computer ist, immer dicke, pickelige weiße Männer sein müssen, ist ein dummes Klischee, mehr nicht. Es ist eine Charakterfrage, ob man sich einen solchen Job sucht, weil man es um sich herum lieber etwas ruhiger hat.
Der Film verlässt sich etwas zu sehr auf die vorbeiziehenden Datenströme auf den Bildschirmen, das ist für damalige Verhältnisse teilweise gimmickhaft und zu elaboriert, auch die Ortung und Übertragung von Daten in mobile Netzwerke gab es damals wohl in der gezeigten Form nicht, aber grundsätzlich und gerade deswegen ist der Film visionär: Was passiert, wenn wirklich alle und alles miteinander vernetzt sind? Heute wissen wir, dass Cyper-Angriffe mit Trojanern, der Name wird im Film schon erwähnt, während das Hauptwort hier noch üblicherweise „Prätorianer“ ist, weil es um eine Leibgarde für Datensammlungen geht, realistisch ist. Einige Institutionen wurden bereits angegriffen, und wer sich privat noch nie ein Virus eingefangen hat, der ist wohl nicht so richtig dabeigewesen, als man auch mal ein Risiko einging, um recht blauäugig die Wunderwelt des WWW zu durchforschen. Und warum soll man nicht die Daten zur Identität einer Person manipulieren können, wenn man die Möglichkeiten dazu hat? Sie sind in der Regel nicht nur auf einem Server hinterlegt, aber der Polizeicomputer spielt natürlich eine zentrale Rolle, wenn es darum geht, das Vorleben einer Person zu durchleuchten. Datenschutz war in den Anfangszeiten des Internets sicher auch eher etwas für Experten, welche die Zukunft mitdachten. film-dienst 26. September 1995: „Der thematisch reizvolle Hi-Tec-Thriller baut eher auf aktionsreiche Verwicklungen, statt auch die spannungsvolle psychologische Situation auszuloten. Gezielte Effekte erhöhen spekulativ die Faszination der Datenwelt, ohne ihre problematischen Seiten ernstlich in den Blick zu nehmen.“
film-dienst 26. September 1995: „Der thematisch reizvolle Hi-Tec-Thriller baut eher auf aktionsreiche Verwicklungen, statt auch die spannungsvolle psychologische Situation auszuloten. Gezielte Effekte erhöhen spekulativ die Faszination der Datenwelt, ohne ihre problematischen Seiten ernstlich in den Blick zu nehmen.“
Da gehe ich schon eher mit. So spektakulär, so schnell und auch so bunt war das Netz damals nicht, vor allem nicht so schnell, wie es hier dargestellt wird. Das entspricht eher dem professionellen Betrieb, für den das Netz bis 1994 gedacht war. Die Computerspiele sind hingegen realistisch, auch wenn die Verpixelung bei einem Datencrash oder die herablaufenden Tränen in der Regel etwas anders aussehen als in „Das Netz“ dargestellt. Aber selbst die Viren gingen wohl damals langsamer zu Werke, optisch gesehen. Dafür gibt es eine wunderbar farbige Szene auf einem Rummelplatz, die an die Klimax von Hitchcocks „Der Fremde im Zug“ angelehnt ist. Es steht in der Wikipedia, ich hätte es auch ohne diesen Hinweis erkannt, aber prinzipiell sind Jahrmärkte oder Vergnügungsparks in Filmen eher Ausdruck von Chaos und Gefahr, als dass sie die Vergnügungen in den Vordergrund gerückt würden, für die sie gedacht sind. Weil ursprünglich eine Konkurrenz des neuen Mediums Film oder weil die vielen Eindrücke in der Tat eine Art Adrenalinschub auslösen können, der das Denken erschwert, das gerade abgeschiedene Menschen wie Miss Bennett hinbekommen, wenn sie eben in einer ruhigen Umgebung sind. Allerdings ist sie doch sehr geistesgegenwärtig und das kann man vielleicht doch hinterfragen: Dass, Adrenalinschub durch verfolgt werden hin oder her, die übliche Reaktionsgeschwindigkeit und Findigkeit entwickelt, die es eben braucht, um amerikanische Thriller rasant zu machen. Unabhängig davon, ob die Person, die sich so rasant entwickelt wie ebenjene Handlung, dafür steht. Andererseits: Angela hat etwas Zeit und wird schrittweise aus ihrem Leben und ihrer Identität gerissen und kann sich ganz auf deren Wiedergewinnung konzentrieren.
Dass eine Firma, die Schutzsoftware entwickelt, absichtlich genau das Gegenteil tut, um mehr oder weniger mal wieder die Weltherrschaft zu erobern, ist meines Wissens bisher nicht geschehen, aber die unendlich vielen Fehler, die Microsoft-Produkte auch nach über 40 Jahren Erfahrungswissen noch an sich haben, lassen durchaus die Frage zu, ob manche Schlamperei nicht gewollt ist. Und sei es nur, um kostenpflichtige Updates und Zusatzprodukte zu verkaufen. Okay, Windows 10 gibt es nun schon eine Zeit, die Updates sind bisher kostenfrei und die Firewall ist besser geworden als manches Antivierenprogramm, für das man zusätzlich Geld ausgeben müsste, aber die IT-Technik inklusive unzähliger sensibler Daten ist bis heute anfällig fürs gehackt werden, daran besteht kein Zweifel. Was 1995 noch keine Rolle gespielt hat: Dass Daten dazu gesammelt werden, Handel mit ihnen zu betreiben. Diesen Dreh und welche mächtigen Konzerne daraus entstehen würden, konnte sich wohl niemand vorstellen.
Die hauptsächlichen Fehler des Films, die in der IMDb zusammengetragen wurden, betreffen aber nicht nicht Computertechnik, sondern übliche Probleme mit der Continuity, Plotholes und anderes, was leider bei sehr vielen Filmen vorkommt und mich immer wieder erstaunt, weil man in der Hinsicht den großen Hollywood-Studios (hier der Columbia) mehr Exzellenz zutrauen würde. Davon hängt in der Regel auch nicht die Bewertung von Filmen ab, sonst müssten einige beliebte Werke empfindliche Einbußen hinnehmen.
Finale
Die IMDb-Nutzer:innen vergeben aktuell nur 5,9/10. Das ist wenig, auch angesichts der sympathischen Hauptfigur, die vielleicht weniger durch maximale Präsenz als durch Liebreiz gewinnt, aber man hätte unabhängig davon, dass manche sie diskriminierenderweise für zu attraktiv für eine Computerfachfrau halten, die Besetzung auch viel weniger gut treffen können. Die übrigen Rollen sind allerdings mehr oder weniger austauschbar, auch wenn Jeremy Northam als Angela Bennets Gegenspieler Devlin seine Sache recht gut macht, man kommt jedenfalls erst dann auf seine wahren Abichten, als sie auch erkannt werden sollen. Der Name ist natürlich von „Devil“ abgeleitet, aber auch von der Hauptfigur in Hitchcocks „Berüchtigt“ (1946), was die Macher von „Das Netz“ einmal mehr als Fans des Altmeisters ausweist. Ich finde die Ideen in dem Film aufschlussreich und das Internet in seiner heutigen Ausprägung teilweise gut vorausgedacht. Es hat etwas Unheimliches, wie wir alle zu Datensätzen verdichtet werden, die keinerlei emotionalen Bezug zu uns selbst haben, ebenso wie diejenigen, die sie erstellen. Menschen der Masse sind wir damit einmal mehr, auch wenn wir häufiger als im klassischen Industriezeitalter im Homeoffice sitzen, wie es Angela Bennett schon 1995 getan hat.
70/100
© 2022, 2021 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Irwin Winkler |
| Drehbuch | John D. Brancato Michael Ferris |
| Produktion | Irwin Winkler Rob Cowan |
| Musik | Mark Isham |
| Kamera | Jack N. Green |
| Schnitt | Jimmy Giritlian Richard Halsey |
| Besetzung | |
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