Filmfest 865 Cinema
Den Morgen wirst du nicht erleben (Originaltitel: Kiss Tomorrow Goodbye) ist ein US-amerikanischer Film noir und Gangsterfilm aus dem Jahre 1950. Der von Gordon Douglas inszenierte Film basiert auf dem Roman Schatten der Vergangenheit von Horace McCoy. James Cagney spielte zum fünften Mal – nach Der öffentliche Feind, Chicago – Engel mit schmutzigen Gesichtern, Die wilden Zwanziger und Sprung in den Tod – eine Hauptrolle als Gangster.
„Der öffentliche Feind“ habe ich erst kürzlich gesehen, „Die wilden Zwanziger“ ist einer meiner Lieblingsfilme des Genres, „White Heat“, wie der berühmte „Sprung in den Tod“ im Original heißt, habe ich mir aufgehoben, weil er als einer der besten Films noirs gilt. An eine der beiden Darstellungen von Cagney als Gangster, die ich kenne, hat mich „Kiss Tomorrow Goodbye“ mehr erinnert als an die andere. Mehr dazu und zu weiteren Aspekten des Films in der – Rezension.
Handlung
Der Film beginnt mit einer Gerichtsverhandlung. Angeklagt ist eine Gruppe von Personen, die alle mit dem toten Schwerverbrecher Ralph Cotter in Verbindung standen, darunter auch zwei Polizisten, ein Gefängniswärter und ein Anwalt. In mehreren Rückblenden wird erzählt, wie sich ihre Wege mit denen Cotters kreuzten:
Mithilfe des bestochenen Wärters Cobbett gelingt dem rücksichtslosen Kriminellen Ralph Cotter die Flucht aus dem Gefängnis. Seinen verletzten, ihn behindernden Mitinsassen Ralph Carleton tötet er kurzerhand selbst. Er macht sich Carletons Schwester Holiday gefügig und erpresst die korrupten Polizisten Weber und Reece, nachdem sie ihn eines Raubüberfalls überführt haben. Cotter heiratet Margaret Dobson, die vermögende Tochter eines mächtigen Industriellen, und schwingt sich zudem zum Kopf einer Wettorganisation auf. Margaret bittet ihn, mit ihr die Stadt zu verlassen, und Cotter willigt ein. Er fährt zu Holiday, um seine bei ihr deponierte Habe aufzulesen. Holiday, die inzwischen von Cotters Heirat und seinem Mord an ihrem Bruder erfahren hat, erschießt Cotter mit den Worten „den Morgen wirst du nicht erleben“. Die Gerichtsverhandlung endet mit der Verurteilung aller Schuldigen.
Rezension
In der BRD kam der Film 1957 in die Kinos, also mit einiger Verspätung. Ein recht ungewöhnlicher Vorgang. Die Normalfälle waren damals: innerhalb von einem Jahr oder gar nicht. Die Synchronisierung, mit der ich den Film gesehen habe, ist aber noch einmal deutlich neuer und ziemlich furchtbar. Mag sein, dass die Dialoge relativ originalgetreu gewünscht waren und man deshalb weniger Wert auf die Lippensynchronität gelegt hat als üblich, ich kann es mir aber kaum vorstellen, denn die Sätze sind im Deutschen oft länger oder kürzer als im Original und das irritiert nun einmal. Schlampige Arbeit, nicht zu ändern.
Und der Film selbst? Zunächst die Auflösung des Eingangsrätsels. Es war Cagneys Starter im Genre, mit dem er berühmt wurde, „The Public Enemy“, an den seine Darstellung fast zwanzig Jahre später erinnert, nicht die demgegenüber geradezu feinfühlige in „The Roaring Twenties“, in dem Cagneys Figur durch missliche Umstände nach dem Ersten Weltkrieg auf die schiefe Bahn gerät und nicht ein überwiegend schlechter Charakter ist. 1950 ist alles wieder wie 1931 oder noch mehr aufs Hier und Jetzt abgestellt, denn dort wird immerhin noch die Familie illustriert, aus welcher der Gangster stammt, in „Den Morgen wirst du nicht erleben“ gibt es keinerlei Hintergründe zu Cagneys Figur. Aber er ist ungut, das steht fest, und am Ende stirbt er auf eine Weise, die er nicht erwartet hat durch jemanden, den er nicht ernstgenommen hat. Er steckt einen Polizeiinspektor in die Tasche, sichert sich die Dienste eine versierten Anwalts, heiratet beinahe in die erste Familie der Stadt ein. Beinahe, weil eben die Frau, die er verarschen will, etwas dagegen hat.
Der Twist ist auf jeden Fall gelungen: Die Gerichtsverhandlung zeigt nur sieben Angeklagte und der Staatsanwalt bedauert, dass der achte nicht auch dabei ist. Man denkt natürlich zunächst, er sei entkommen. Jedoch hat ihn seine Freundin umgebracht und der Staatsanwalt wird es ebenfalls bedauern, dass sie wegen dieses Mannes zur Mörderin wird.
Verblüffend, dass eine so plane Gangsterfigur 1950 noch auf die Leinwand kam, denn die Films noirs, die aus Sicht von Gangstern erzählt werden, halten in der Regel ganz andere Storys parat und malen diese Menschen differenzierter aus. Hervorragend zu sehen in dem beinahe epischen „Asphaltdschungel“ von John Huston. War es dieser Film, in dem gesagt wurde, Verbrechen ist auch nur eine Form des Überlebenskampfes. So wirkt es dort und in anderen Noirs, in denen das Schicksal und etwas eigene Schwäche die Menschen in den Ruin treiben. Hingegen zeigt „Den Morgen wirst du nicht erleben“ einen Typ, mit dem man sich noch am besten dadurch identifizieren kann, dass man James Cagneys dezidiertes Spiel mag.
Es ist nicht so, dass er nicht auch etwas sanfter wirkende Momente hat, aber kaum atmet man bezüglich seiner Seele etwas auf, wenn z. B. seine treue Freundin ihn etwas weniger skrupellos wirken lässt, schon bescheißt er sie mit einem reichen Mädchen. Er wirkt eher wie jemand, der aus der Sicht der Polizei dargestellt wird, also nicht in einem Film noir porträtiert wird, sondern in einem klassischen Polizeifilm, wie sie heute dominieren, z. B. im Format „Tatort“. Anfangs wird auch die Perspektive des Staatsanwalts gezeigt, aber die Rückblenden sind aus der Sicht von Ralph Cotter gefilmt. Leider gehen sie nicht so stimmig ineinander über, wie das bei anderen Filmen der Fall ist, in denen sich ein Bild aus mehreren Zeugenaussagen ergibt. Vielmehr wird einfach chronlogisch in diese kurzen Unterbrechungen hineingefilmt. Dadurch geht vor allem der im selben Jahr in Akira Kurosawas „Rashomon“ verwirklichte Ansatz verloren, dass man, wie dort ein Ereignis aus verschiedenen Blickwinkeln erzählen kann oder wenigstens einige Momente wiederholt.
Doch so subtil, so ausgefeilt ist „Den Morgen sollst du nicht erleben“ nicht, sondern wirkt eher etwas holprig und vermittelt auch dadurch ein Gefühl von früher Tonfilmzeit, aus den Jahren, in denen „The Public Enemy“ entstand. Auch die Charakterisierung der Personen und damit deren Motivation leidet unter einer Regie, die wenig Gespür für die Möglichkeiten des Genres aufweist oder einem Buch, das zu dieser mittelmäßigen Regieleistung geführt hat. Vor allem bei dem korrupten Polizisten Weber, „Webber“ gesprochen fällt auf, dass seine Haltung stärker schwankt, als es den unterschiedlichen Situation angemessen wäre und er vom Herrscher der Stadt zu schnell zum Gefangenen von Cotter wird. Wir lernen auch, dass es 1950 in den USA noch keine Tonbandgeräte gab, sondern eine veritable Schallplatte geschnitten werden muss, um ein Gespräch aufzuzeichnen. Die Idee ist gleichwohl modern und kann einen Plot erheblich vorantreiben. Ich finde, sie wird allzu gerne verwendet, um ein steckengebliebenes Drehbuch wieder flottzukriegen. Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als eine der simpelsten Formen der Beweisführung.
Finale
Fred Camper, Rezensent des Chicago Reader, kritisierte Douglas’ „inkohärente“ Regie und verglich den Film mit Sprung in den Tod, den er als wesentlich stärker einschätzte. Dagegen bewertete Geoff Andrew vom Time Out Film Guide „Den Morgen wirst du nicht erleben“ als „herausragend“. Die „starken darstellerischen Leistungen“ und Douglas’ „straffe, klassische Regieführung“ platzierten ihn unter die besten Nachkriegs-Gangsterfilme.
Das Lexikon des internationalen Films lobte James Cagneys Darstellung als „gewohnt gekonnt“, der Film als solcher sei aber lediglich ein „schematisch konstruierter Gangsterfilm“.
Ich tendiere zu den Meinungen, die den Film als zu schematisch und die Regie als nicht meisterhaft beschreiben. Moralisch ist alles okay im Sinne des Production Code, der durch die oft sympathische Darstellung von „Gefallenen“ gerne mal unterlaufen wurde: Der Gangster stirbt hier ganz aus eigener Schuld, weil er es übertrieben und sich für zu clever gehalten hat, weil er rücksichtslos ist, meistens jedenfalls und auf jeden Fall keine Orchidee, sondern ein Löwenzahn. Man achte hingegen auf die Sanftmütigen, die irgendwann die Schnauze voll von der eigenen Sanftmut haben. Sie rechnen zu den besonders Unberechenbaren.
Diese recht abrupte Wendung, dass Holiday die Pistole zieht, fand ich in dem Moment aber nachvollziehbar. Der Gauner hat das gute Mädchen böse gemacht und erhält den verdienten Lohn, die Freifahrt in die Hölle. Eine typische Femme fatale im Sinne des Film noir ist die geplagte Frau damit nicht. Klar, wer könnte mehr in das Schicksal eines Menschen eingreifen und es besiegeln als jemand, der diesen Menschen umbringt. Sie ist aber nicht der Typ, dessen pure Präsenz zum Verbrechen führt, im Gegenteil, sie hilft ihrem schrägen Ralph, obwohl er dafür mitverantwortlich ist, dass ihr Bruder bei einem Fluchtversuch ums Leben kommt. Sie hilft dem Mann, der aus der wilden Pre-Code-Zeit gefallen scheint, bis selbst ihr, viele Minuten nach dem Zuschauer, der freilich etwas mehr weiß, unwiderruflich klar ist, welch ein schlechte Kartoffel sie mit dem entflohenen Sträfling erwischt hat.
Filmink sagte: „Sowohl Payton als auch Carter sind ein wenig zu sehr angezogen von dem pummeligen alten Cagney, der zu der Zeit fünfzig Jahre alt war – hat er jemals so einen Stud Muffin gespielt? Es ist der größte Fehler in einer ansonsten soliden Gangstergeschichte.“
So kann man es auch sehen, Cagney war nun einmal kein Riese, aber pummelig ist übertrieben und dass sich die schönsten Frauen für durchschnittlich wirkende Männer interessieren, kommt im Film noch viel öfter vor als im Leben. Vor allem, wenn die Männer Altstars und die Frauen keine werdenden oder etablierten Superstars sind.
Auch das ist eine Lehre aus „Den Morgen wirst du nicht erleben“: Die schweren Jungs beim Arbeiten draußen auf der Sträflingsfarm angekettet lassen. Beherzigt in dem erstklassigen „Flucht in Ketten“ aus dem Jahr 1958 mit Sidney Poitier und Tony Curtis. Darin war der Ausbruch aber nicht geplant, sondern bot sich durch einen Verkehrsunfall zufällig an. Wegen James Cagney in einer Paraderolle, in welcher er fast so jung und überwiegend fies wirkt wie 19 Jahre zuvor in „The Public Enemy“
66/100
© 2022 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
(1), kursiv und tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Gordon Douglas |
|---|---|
| Drehbuch | Horace McCoy |
| Produktion | William Cagney |
| Musik | Carmen Dragon |
| Kamera | J. Peverell Marley |
| Schnitt | Walter Hannemann Truman K. Wood |
| Besetzung | |
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