Crimetime 1136 – Titelbild © ARD Degeto / ORF / Epo Film, Hubert Mican
Bibi und der Schneewittchensarg
Virus ist ein Fernsehfilm aus der Krimireihe Tatort, der erstmals am 27. August 2017 im ORF, im Programm Das Erste und auf SRF 1 ausgestrahlt wurde. Es ist die 1026. Folge der Reihe, der 41. Fall des österreichischen Ermittlers Moritz Eisner und der 17. gemeinsame Fall des Ermittlerteams Eisner/Fellner.
Wer hätte gedacht, dass nur wenige Jahre nach der Erstausstrahlung dieses Tatorts ein Virus dermaßen Karriere machen würde und auch die Dreharbeiten an Tatorten in Verzug kamen? Wir sicher nicht, obwohl es auch im Film um ein Virus geht, das vor einigen Jahren für Schlagzeilen gesorgt hat. Mehr zum Film steht in der –> Rezension.
Handlung
Im beschaulichen Pöllau müssen Moritz Eisner und Bibi Fellner den gewaltsamen Tod eines Mannes aus Afrika aufklären. Es gibt keine Papiere oder Hinweise darauf, wer das Opfer ist, das erschlagen im örtlichen Steinbruch gefunden wurde. Dort sollte seine Leiche offenbar beseitigt werden.
Die Wiener Kommissare knöpfen sich den Betreiber Thomas Reuss vor. Der wollte am Vortag unbedingt eine Sprengung durchführen – angeblich, um behördliche Auflagen zu erfüllen. Eine Spur führt auch zu seinem Bruder Albert, der als Arzt für Hilfsorganisationen in Westafrika arbeitete und nun in der Heimat einen Fluchthof betreibt. Bei den Bewohnern stoßen die Ermittler auf eine Mauer des Schweigens.
Während Eisner und Fellner im Dunklen tappen, bringt die Obduktion ein schockierendes Ergebnis: Der Tote ist mit Ebola infiziert! Sofort rückt ein Seuchenkommando an, ruft den Notstand aus und setzt das ganze Dorf unter Quarantäne.
Mitten in der Ebola-Hysterie müssen Major Eisner und seine Kollegin Bibi einen kühlen Kopf bewahren. Je mehr sie über den Toten erfahren und die Hintergründe, die ihn nach Österreich führten, umso bedrohlicher wird der Fall. Jeder könnte sich mit dem tödlichen Virus angesteckt haben – auch die Ermittler. Dass sie ihre Arbeit fortsetzen, bringt beide selbst in große Gefahr.
Zusatzinfos
Bis heute lässt es sich nicht verhindern, dass Ebola-Epidemien in Afrika ausbrechen. Wie berechtigt die weltweite Furcht vor dem todbringenden Fieber ist, zeigt der österreichische „Tatort: Virus“: Ein einziger Infizierter kann genügen, um die Krankheit nach Europa zu bringen. In der Steiermark ermitteln Moritz Eisner und Bibi Fellner unter entsprechend erschwerten Bedingungen: Weil ein Mordopfer den Erreger in sich trägt, bricht eine Hysterie aus. Seuchenkommando, Quarantäne und Verdachtsfälle – es herrscht Ausnahmezustand in der Provinz. Raffiniert führt der Fernsehkrimi den spannenden Fall auf ein ebenso moralisches wie politisches Thema zu: Es liegt auch in unserem Interesse, die Seuchen in armen Ländern mit ganzer Kraft zu bekämpfen.
Zusatzinfo zu den Zusatzinfos
Als der obige Text zu Ebola geschrieben wurde, konnte man natürlich nicht ahnen, dass er jemandem, der ihn heute liest, wie ein Déjà-vu vorkommen muss. Vielleicht hätte man den Film, falls überhaupt, auch mit einem anderen Tenor inszeniert. Uns ist richtiggehend ein Schauer über den Rücken gelaufen, als wir in unserem Text aus dem Jahr 2017 den Satz wieder gelesen haben: „… dass in diesem Einzelfall mit der Gefahr einer Pandemie regelrecht Schindluder getrieben wird.“ Seuche, Quarantäne, das sagt uns allen mittlerweile etwas uns wir haben konkrete Bilder vor Augen.
Wir gedenken an dieser Stelle aller Opfer der Corona-Pandemie, in Deutschland, in Österreich und auf der ganzen Welt und fühlen mit denjenigen, die bleibende Schäden davongetragen oder mit Nachwirkungen wie Post Covid zu kämpfen haben. Wir hoffen, dass wir eine solche Situation nicht noch einmal erleben müssen.
Playlist
Die übrige Filmmusik wurde eigens für den Tatort von Roman Kariolou und Arnold Johannes Ratheiser komponiert und ist nicht im Handel erhältlich. Vor- und Abspannmusik stammt von Klaus Doldinger.
Rezension
Wenn man „Virus“ gesehen hat, fragt man sich, wie es passieren konnte, dass Ebola nicht nach Europa kam. Die Möglichkeiten wären vielfältig gewesen und müssen nicht immer so furchtbar konstruiert wirken wie in diesem Film, in dem das Motiv des angesteckten Arztes doch etwas übertrieben daherkommt und zusammen mit einigen anderen Klischees und anderen Handhabungen ein sehr divergentes Bild ergibt. Einerseits greift man ein wichtiges Thema auf, nimmt pflichtschuldigst im Sinne des ausgebeuteten Kontinents Afrika Stellung, andererseits schürt man Ängste vor den Menschen von dort, nährt Narrative von deren Unberechenbarkeit und lässt auch sonst wenig aus, um ins Fettnäpfchen zu treten.
In dem Zusammenhang steht auch der Wiener Schmäh ausnahmsweise infrage. Die klamaukige Art, wie Moritz Eisner und Bibi Fellner auch dieses Mal wieder miteinander umgehen und das ebenso vergagte Szenario, das in dem Film aufgebaut und am Ende bis zum Exzess durchgespielt wird, passen nicht zum Thema. Die Österreicher können auch anders, wie einige Eisner-Tatorte beweisen, deswegen belasse ich es hier bei der Feststellung, dass in diesem Einzelfall mit der Gefahr einer Pandemie regelrecht Schindluder getrieben wird. Um die Fans von Bibi und Moritz zu beruhigen: Die nächsten beiden Wien-Tatorte sind schon gedreht, es ist also zu erwarten, dass die beiden das Krankenhaus jeweils verlassen können, ohne dass eine Ebola-Infektion festgestellt wurde.
Bei aller Gefahr merkt man aber auch, dass es problematisch ist, Filme zu lange zurückzuhalten, bis sie ausgestrahlt werden. Als der Tatort, der nun als Nr. 1026 ausgestrahlt wurde, im Mai bis Juni 2016 gedreht wurde, war die Ebola-Epidemie bereits am Abklingen, heute ist sie zumindest medial kein Thema mehr. Außerhalb Afrikas sind während der gesamten Epidemie drei Fälle dokumentiert worden, von denen aber keiner einen tödlichen Verlauf hatte, dass man im Tatort Sierra Leone als afrikanisches Bezugsland genommen hat, dürfte der Tatsache geschuldet sein, dass dort zwar nicht die höchste Zahl an Erkrankungen, aber eindeutig die höchste Zahl an tödlichen Verläufen festzustellen war, was auf eine besonders schlechte medizinische Versorgung schließen lässt – mit entsprechendem Stress für die Helfer, der im Tatort zu Beginn angedeutet wird.
In Europa hingegen gibt es Sonder-Isolierstationen, falls solche Infektionen festgestellt werden, die natürlich auch für andere epidemische Ereignisse genutzt werden können. Die größte dieser Stationen in Deutschland ist die am Rudolf-Virchow-Klinikum der Charité in Berlin mit 20 Betten.
Im Film wird behauptet, es gebe keinen Impfstoff gegen Ebola. Das ist insofern richtig, als noch keiner zugelassen ist, experimentell haben sich Substanzen bereits als wirksam erwiesen. Die Kosten von 2 Millionen Euro für einen Ebola-Erkrankten sind nicht aus der Luft gegriffen, mit allen Quarantäne-Maßnahmen, die einen solchen Fall begleiten, können sie sogar überschritten werden. Die Aufnahme illegaler Geflüchteter auf dem Fluchthof von Ex-Arzt Albert Reus ist ebenfalls denkbar, wenn man sagt, es handelt sich um eine Art Duldung unter Kenntnis der regionalen Behörden. Die Menschen sind nicht im Großstadtgewühl untergetaucht, sondern für die Polizei gut lokalisierbar. Die wird aber in Pöllau, ebenso wie die Einwohnerschaft, als sehr fremdenfreundlich dargestellt und widerspricht damit dem Klischee, das man von solchen Dorfgemeinschaften hat und auch dem, was ich real in Österreich erlebt habe. Nach etwa 80.000 Geflüchteten in 2015 hat Österreich im Folgejahr noch einmal etwa 40.000 aufgenommen und kam damit ziemlich auf die Zahl, die von der Politik mit einer fast satirischen Genauigkeit formuliert wurde (37.500). In Relation zur Einwohnerzahl liegt Österreich damit in Europa weit vorne, ebenso wie Deutschland und hat seine Bevölkerung durch die Aufnahme von Geflüchteten innerhalb von zwei Jahren um etwa 1,5 Prozent erhöht.
Wenn man so will, haben die Österreicher also ebenso ein Recht, Tatorte über Geflüchtete zu machen, wie dies in der Schweiz schon durchgeführt wurde und natürlich in Deutschland. Ich habe die Zahl der Filme dieser Reihe aus Deutschland, die sich damit befassen, nicht gezählt, aber es dürfte mittlerweile eine zweistellige Anzahl sein. Sicher werden irgendwann nicht mehr die Flucht selbst, die Angst, die Illegalität, die dadurch entstehende Beschaffungskriminalität und die mögliche Rückführung aufgegriffen werden, sondern die Integration und ihre Mängel, die wieder zu neuen Problemen und kriminellen Handlungen führen werden.
Spannend fand ich „Virus“ schon – nicht, weil ich erwartete, dass spektakuläre Ereignisse eintreten, die es in Wirklichkeit nicht entfernt gegeben hat. Mir war klar, dass die Panikmache übertrieben ist und dass man nicht im Tatort etwas darstellen wird, was es in Österreich nie gab, nämlich ein tatsächliches Ausgreifen von Ebola. Spannend sind aber immer wieder Bibi und Moritz als Typen und damit kommt man auch durch einen schwach konstruierten Plot wie diesen, in dem Mordmotive und Flucht-in-der-Flucht-Bewegungen zu schwammig dargestellt werden. Die dreiköpfige Familie, flieht sie nun, weil sie etwas vom Tod des Arztes mitbekommen hat, oder weil sie illegal ist und befürchtet, nach Afrika zurückgeschickt zu werden. Sicher ist ein gewisser Abstraktionsgrad dessen, was wir sehen, gewollt, wir sollen auch interpretieren, zumindest zwischendurch, sonst hätte man die in einer afrikanischen Sprache gesprochenen Dialoge mit Untertiteln versehen. Ein Film aber, der sich letztlich erklärt, ohne dass bestimmte Dialoge für den Zuschauer verständlich sind, belegt, dass genau diese Dialoge überflüssig sind und nur der Stimmung dienen. In diesem Fall der Darstellung der Panik unter den Afrikanern am Fluchthof, untermalt von ziemlich dunkel getönten Bildern.
Finale
Der 41. Tatort von Moritz Eisner und der 17. von Bibi Fellner ist sicher nicht das Highlight dieses Teams, auch wenn die Figuren wieder sehr gut gestaltet werden und es neben den beiden wunderbaren Ermittlerpersonen mit dem Seuchenmanager vom Gesundheitsamt und dem Gerichtsmediziner zwei weitere sehr ausgeprägte Charaktere gibt, die Spaß machen. Man opfert dem Spaß auch viel von dem, was eine Pandemie als ein wirklich bedrückendes Szenario erscheinen lässt und dazu hätten ernsthafte Typen wie zum Beispiel die Stuttgarter Lannert und Bootz besser gepasst. Von einem Seuchentatort erwarte ich mir einen Hauch von Dystopie, der war hier zu keinem Zeitpunkt spürbar.
6,5/10
© 2023, 2017 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie | Barbara Eder |
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| Drehbuch | Rupert Henning |
| Produktion | |
| Musik | |
| Kamera | |
| Schnitt | Christian Pilsl |
| Premiere | 27. Aug. 2017 auf ORF, Das Erste, SRF 1 |
| Besetzung | |
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