Casino (USA 1995) #Filmfest 907 #Top250 #DGR

Filmfest 907 – Concept IMDb Top 250 of All Time (108) – Die große Rezension

Casino ist ein KriminalfilmDrama aus dem Jahr 1995 des Regisseurs Martin Scorsese, der das Drehbuch zusammen mit Nicholas Pileggi schrieb. Dessen gleichnamiges Buch diente als Vorlage. 

Mit „Casino“ erobern wir wieder einen der Top-250-Filme für den Wahlberliner, gegenwärtig steht er auf Platz 135 der IMDb-Liste, die wohl das bekannteste Filmranking der Welt darstellt, das vom Publikum, nicht von Kritikern gesteuert wird. Wir sehen Robert De Niro, James Woods und Joe Pesci, die bereits zwölf Jahre zuvor in Sergios Leone Gangsterepos „Es war einmal in Amerika“ die Leiwand zum flirren brachten. Wir sehen und spüren auch die Inszenierung von Martin Scorsese, dem Kenner der Materie, die hier verhandelt wird. Freilich ist er nicht nur ein Kenner der Materie. Zu dem Film gibt es einiges zu schreiben, es geht damit weiter in der – Rezension.

Handlung[1]

Der Film beginnt im Jahr 1983, als Sam Rothstein – genannt „Ace“ – gerade in seinen Wagen einsteigt und Opfer einer Autobombe wird, als beim Drehen des Zündschlüssels ein Sprengsatz explodiert.

Nun wird zehn Jahre zurückgeblendet, in das Las Vegas der 1970er Jahre: Wegen einzigartiger Erfolge als Berufsspieler und seiner guten Beziehung zum Boss des Chicago Outfit, Remo Gaggi, wird Ace damit beauftragt, das neue Kasino Tangiers in der Metropole des Glücksspiels zu leiten – und das, obwohl er kein Italoamerikaner, sondern Jude ist. Um Schwierigkeiten mit den Behörden wegen seiner Vorstrafen aus dem Weg zu gehen, soll er nur eine Lizenz als Restaurantmanager beantragen. Als Strohmann wird der behördlicherseits nicht vorbelastete Philip Green als offizieller Kasinomanager eingesetzt, der alles abzeichnet, was ihm vorgelegt wird. Außerdem werden Polizei und Behörden ohnehin „geschmiert“ und unternehmen von sich aus nichts, derartige Geschäftspraktiken zu unterbinden.

Aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Glücksspieler und Buchmacher und durch einen perfektionistischen Führungsstil gelingt es Ace, den Umsatz des Tangiers zu verdoppeln, und das Haus erlebt einen Boom. Die Bosse lassen sich ihren Anteil regelmäßig auszahlen, indem sie sich noch nicht verbuchte und registrierte Einnahmen direkt aus dem Zählraum bzw. dem Safe des Kasinos durch einen Geldboten bringen lassen.

Damit die Gelder auch störungsfrei fließen können, wird Ace’ Jugendfreund Nicky Santoro, ein skrupelloser „enforcer“ (Durchsetzer), offenbar im Range eines Caporegime der Cosa Nostra, zu seinem Schutz und als Kontrolle nach Las Vegas entsandt. Nicky hat aber nicht vor, nur den Beschützer für Ace zu spielen, zumal er an den Einnahmen aus der Abschöpfung der Kasinos nicht beteiligt wird. Er beginnt, in großem Stil auf eigene Rechnung kriminelle Aktivitäten zu entfalten. Da sich Nickys Bande an keine Regeln hält – er selbst spielt ganz offen falsch in den Kasinos –, wird er bald im Black Book eingetragen und damit mit einem generellen Zutrittsverbot für alle Kasinos in Las Vegas belegt.

Die einzige Schwäche von Ace ist Ginger, eine erfolgreiche Edelprostituierte, die er nach der Geburt eines gemeinsamen Kindes sogar heiratet, obwohl er weiß, dass sie ihn nicht liebt und weiterhin eine geradezu hörige Beziehung zu ihrem Jugendfreund und ehemaligen Zuhälter Lester Diamond unterhält. Der heruntergekommene Junkie wendet sich in seiner ständigen Geldnot wiederholt an Ginger.

Ace will Ginger mit einem Akt des Vertrauens seine Liebe demonstrieren, indem er ihr die Verfügungsgewalt über sein Bankschließfach mit zwei Millionen US-Dollar einräumt, das er für Notfälle angelegt hatte; falls z. B. die gemeinsame Tochter entführt würde.

Vom Leben in Reichtum, Untätigkeit und Luxus gelangweilt, wird Ginger immer unzufriedener und unglücklicher, verfällt Alkohol und anderen Drogen, vernachlässigt die gemeinsame Tochter und geht mit Nicky eine Affäre ein.

Nicky willigt ein, ihr neuer Beschützer zu werden. Als Ginger ihn jedoch auffordert, Ace umzubringen, lehnt er ab, da das seine Reputation bei den Bossen gefährden würde. Nicky – ohnehin vom eigenen „Lotterleben“ angeschlagen – müsste um sein Leben fürchten. Nicht etwa, weil die kriminellen Aktivitäten seiner Bande immer schlechter laufen; allein die Offenlegung seines Verhältnisses zu Ginger wäre ein Verstoß gegen den stillschweigenden Ehrenkodex der „Familie“.

Aber auch das Tangiers und Ace geraten unter Druck, weil Ace sich mit den Behörden anlegt, als er einem offensichtlich unfähigen Mitarbeiter fristlos kündigt, der seinen Job nur bekommen hat, weil er der Schwager des Lokalpolitikers Pat Webb – county commissioner von Clark County – ist. Dieser sucht Ace persönlich auf, um ihn zu überreden, den Mann wieder einzustellen. Aber Ace lehnt kategorisch ab. Webb verlässt den Raum mit der Drohung, Ace sei hier nicht zu Hause. Der Lokalpolitiker drängt nun die Behörden dazu, die Kasino-Lizenz von Ace zu überprüfen. In einem Interview mit einer Journalistin lässt Ace sich zu der Aussage hinreißen, dass er im Kasino tatsächlich der Boss sei und entlarvt damit „Manager“ Philip Green öffentlich als Strohmann. Als nun herauskommt, dass Ace bislang lediglich einen Antrag auf eine Lizenz gestellt hat, über den noch nicht entschieden wurde, drängt Webb auf eine schnelle Anhörung, bei welcher der Antrag von Ace abgelehnt wird, ohne dass Ace selbst angehört wird.

Mittlerweile hat sich auch der allgemeine Verfolgungsdruck der Behörden auf das Umfeld der leitenden Mafiafamilie erhöht, und das FBI hat mit umfangreichen Abhöraktionen begonnen. Als ein etwas beschränktes „Familienmitglied“ seinem Ärger in seinem verwanzten Laden allzu deutlich Luft macht, wird eine Reihe von „Ehrenmännern“ verhaftet und angeklagt. Aus der Untersuchungshaft heraus ordnen sie Auftragsmorde an. Bei einer ganzen Serie von Morden werden Zeugen, Mitwisser und am Rande Involvierte beseitigt.

Zu diesem Zeitpunkt findet auch das den Film einleitende Bombenattentat auf Ace statt, der jedoch – nur leicht verletzt – überlebt, da bei seinem 1981er Cadillac Eldorado – angeblich wegen Problemen mit der Ausbalancierung – unter dem Fahrersitz eine schwere Metallplatte montiert worden ist, die den größten Teil der Sprengkraft der unter dem Beifahrersitz platzierten Bombe abwehrt.

Das Attentat war aber offenbar kein Auftrag der Bosse, sondern eine eigene Initiative von Nicky. Die Bosse haben nun ohnehin von dessen Eskapaden genug und lassen ihn und seinen Bruder mit Baseballschlägern in einem Maisfeld brutal zusammenschlagen und bei lebendigem Leibe begraben. Ginger trennt sich endgültig von Ace und räumt das Bankschließfach leer; allerdings wird sie dabei von Ermittlern des FBI beobachtet und nach dem Verlassen der Bank vorübergehend festgenommen.

Wieder freigelassen, verliert sie wegen ihrer Drogensucht innerhalb kurzer Zeit das gesamte Geld und stirbt schließlich in Los Angeles an einer Überdosis. Das Tangiers wird – wie viele andere Kasinos – abgerissen. An deren Stelle entstehen neue Spielkasinos, die von großen Konzernen geleitet werden und deren Bau über Ramschanleihen finanziert wird. Ace verlässt Las Vegas und verbringt sein restliches Leben zurückgezogen mit seiner Tochter als erfolgreicher Buchmacher.

Rezension

Hans Rosenthal kennen die Älteren unterIhnen sicher noch. Aber kaum jemand hierzulande weiß, wer Frank Rosenthal war. Wir stechen durch: Direkt von der Handlung des Films kommt man auf diesen real existierenden Mann, der die Vorlage für Rothstein bildet, auch die Männer, die von den oben genannten weiteren Hauptdarstellern verkörpert werden, haben reale Vorbilder. Das Gleiche gilt, Sie werden es nun schon ahnen, für Ginger, ja für fast alle im Film mit Sprechrollen versehenen Figuren. Der Wirklichkeit des gesamten Werks scheint, glaubt man der Romangrundlage und der Wikipedia, die zu den wahren Hintergründen leitet, mit einem übrragenden Authentizitätsgerhalt versehen zu sein. Sogar die Homepage  von Frank Rosenthal gibt es noch, obwohl er 2008 verstarb. Genießen Sie typisches Webdesign der späten 1990er / frühen 2000er! Frank Rosenthal – Casino Film – Kostenlose Sporttipps – Kostenlose Live-Quoten – Sportwetten & Casino-Informationen (frankleftyrosenthal.com)

Sieht sympathisch aus, nicht, der Mann? Dem würden sie gewiss auch Ihr Geld anvertrauen, wenn er Banker wäre oder Versicherungsvertreter. Oder einen Gebrauchtwagen von ihm kaufen. Er galt ja auch als vergleichsweise fair, vor allem aber war er sicherlich hochintelligent. Er hat sich lobend über den Film geäußert, dessen Erscheinen er um schöne 13 Jahre überlebte und natürlich über die Darstellung seiner Person durch Robert De Niro. Optisch ist die Ähnlichkeit der beiden nicht gerade überragend, De Niro ist deshalb ein klassischer Darsteller von Italienern im US-Film, weil er nun einmal sichtbar diese Wurzeln hat, während er hier einen jüdischen Amerikaner spielt. Sei’s drum, wer würde sich nicht geschmeichelt fühlen, von diesem damals schon zweifachen Oscarpreisträger porträtiert zu werden? Und Sharon Stone als Frau zur Seite gestellt zu bekommen, die vier Jahre zuvor mit „Basic Instinct“ weltberühmt geworden war?

Laut Rosenthals Homepage gilt „Casino“ als bester Las-Vegas-Film und damit natürlich als bester Film übers Casino-Geschäft überhaupt. Kein anderer ist zudem so zentral im Herzen des Spielbetriebs angesiedelt und insofern ein komplett anderes Konzept als „Leving Las Vegas“ aus dem Folgejahr, um ein Beispiel zu nennen, wie man an das Thema Glücksspiel und Süchte aller Art auch herangehen kann. Der Stil Scorseses hat etwas hochgradig Dokumentarisches, weil Robert De Niro und Joe Pesci nicht nur im Film sprechen, sondern auch als Narratoren, mehr noch, als Kommentatoren arbeiten. Sie bilden zusammen einen unzuverlässigen Erzähler, weil sie ihre persönliche Sicht der Dinge in den Vordergrund rücken, und die ist nun einmal subjektiv. Sie ist besonders reizvoll, weil dieser Wechsel beim Kommentieren auch die unterschiedlichen Charaktere noch mehr illustriert, die ohnehin sehr gut herausgearbeitet sind und man ahnt, dass es zu bösen Verwicklungen kommen muss, da ist der Film noch nicht sehr alt. Der besonnene Rothstein und der emotionale Santoro sind ein ungleiches Freundespaar, das sich an Fragen der Ehre und des Respekts entzweit. Das ist erstklassig dargestellt, nicht formalisiert, sondern ganz natürlich und so, wie man sich das Clanbusiness auch anderswo vorstellen kann und warum es dort zugeht, wie es zugeht. Familiengesetze, die besagen, man vergreift sich nicht an den Frauen innerhalb der Familie oder der wichtigen Partner, eine irre Mischung von Typen, die gleichzeitig Erbsenzähler und Freunde und Epigonen der italienischen Oper darstellen. Das sind die Mafiabosse nach Lesart von Martin Scorsese, der es wissen muss, denn er hatte dort, wo er aufwuchs, von klein auf Kontakt zur Szene.

Trotzdem ist es auch eine persönliche Interpretation, die immer wieder die Frage aufwirft „How can stupid guys like these go so far?“ Bis auf Rothstein, der allerdings am Ende auch über seine Gefühle stolpert. Er fällt aber nicht hin, wird nicht erschlagen, nicht verscharrt in der  Wüste. Er wird lediglich in die Luft gesprengt in seinem Wagen und da hat er vorgesorgt. Und Glück gehabt, dass sie den Sprengsatz unter dem Wagenboden angebracht haben, wie von ihm antizipiert. In der Realität war vor allem eine schnelle Reaktion von Rosenthal der Grund, dass er das Attentat überlebt. Dass gewisse Freundschaften, sind sie erst einmal zerbrochen, zu Feindschaften auf Leben und Tod werden können, im Dunstkreis des Verbrechens, das stellt dieses weitere Mafia-Epos von Martin Scorsese ebenfalls wunderschön und nachvollziehbar heraus.

Ist dieser Film damit auch der beste Mafia-Film? Ich weiß, die meisten stehen auf „Der Pate“ bzw. die Pate-Trilogie, so weist es auch die IMDb aus. Es gibt danach überhaupt so gut wie keine besseren Filme. Ich hatte vor längerer Zeit eine Rezension zu „Der Pate“ begonnen und mich in der Komplexität der Materie verheddert: Wie stelle ich dar, dass mir der Film zu affin gegenüber der Organisierten Kriminalität ist? Der alte Pate, der von Marlon Brando verkörpert wird, wer kennt ihn nicht, den Don Vito Corleone? Den Sizilianer? Den Familien-und Clanboss der Bosse? Aber die Abhandlung der Mafia in diesem Film ist auch sehr statuarisch und das spart sich Martin Scorsese komplett, indem er die Mafiosi ein wenig lächerlicher darstellt, als sie in Wirklichkeit wohl sind und damit die Banalität des Geld- und Giersystems hervorhebt, das ja auch nur eine Spielart des Kapitalismus ist, die besonders deutlich offenlegt, was an dieser Wirtschaftsform nicht stimmt. Und wie man illegale und legale Geschäfte verzahnen kann, nebenbei bemerkt, wie eben in der Realität, für deren Beobachtung wir in Berlin nur ein paar Schritte von diesem Schreibtisch aus gehen müssen.

Aber ich bin kein Insider, das ist der Unterschied. Ich könnte höchstens einem Clanie anbieten, ein tolles Buch, viel besser als „4 Blocks“ zu schreiben, wenn er mich mit Infos versorgt und ihn darin gut wegkommen zu lassen – bzw. die fiktionalisierte Figur, die ihm nachgebildet ist. Aber die kritische Herangehensweise würde mich in Gefahr bringen, während Martin Scorsese ein nationales Heiligtum von einem Filmemacher ist, der sich vermutlich auch nicht so über einen Mangel an Humor der Mafiosi zu beklagen braucht, wie er die hiesigen Clanmitglieder kennzeichnet. Es ist aber auch nicht wie mit „Der Pate“, von dem das Gerücht geht, dass die Mafia sich geehrt gefühlt haben soll, dass man sie so schön porträtiert.

Ich meine, dass Martin Scorsese sich vor allem selbst im Weg steht, was „Casino“ und seinen Status in der Hierarchie der besten Filme über die amerikanisch-italienische Mafia angeht. Fünf Jahr vor „Casino“ hat er nämlich „Goodfellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia“ gedreht, und der gilt als ein absolutes Meisterwerk. Ebenfalls entstanden nach einem Buch von Nicholas Pileggi. Also bleibt der Status als bester Film über das Glücksspiel aus der Sicht der Macher, nicht der Spielsüchtigen.

„Eine ebenso minutiöse Analyse der Spielerstadt wie eine Beschreibung von Macht, Geld und Stolz versuchter Menschen. Die hinter virtuosen filmischen Einfällen verborgene unmelodramatische Genauigkeit dieses Porträts verweigert sich rein emotionalem Zugang und macht den Film für das Publikum schwerer konsumierbar. Ein komplexer und in einigen schwer erträglichen Gewaltszenen sicher auch kontroverser Abschluss der mit ‚Hexenkessel‘ und ‚Good Fellas‘ begonnenen moralischen Gangstergeschichten Martin Scorseses.“– Lexikon des internationalen Films[7]

Ganz sicher ist der Film nicht dazu gedacht, romantische Gefühle gegenüber den Mafiosi oder auch gegenüber Rothstein auszulösen, aber mich hat er mehr berührt als „Der Pate“, weil diese Menschen so unfassbar ambivalent sind, die wir hier sehen. In jeder Hinsicht extrem, könnte man fast sagen, sogar in ihrer zuweilen fabelhaften Spießigkeit. Auch wenn sie eine Art von filmisch-literarischer Kompression darstellen, wie alle guten Roman- und Filmfiguren und Filmfiguren noch mehr, weil sie sich in relativ kurzer Zeit ans Publikum bringen müssen, so gewinnt man den Eindruck, dass diese Mischung aus Kleingeistigkeit und Sinn fürs Scheffeln des großen Geldes konstitutiv für das gesamte Business sind, bei der Mafia begleitet von einem Kodex, auf den man sich einigermaßen verlassen kann und der dafür sorgt, dass das Geschäft ebenso in einem Korsett abgewickelt wird, wie legale Geschäfte einen rechtlichen Rahmen haben. Nur, dass die Kontrolle innerhalb der „Familien“ und zwischen ihnen vermutlich viel effizienter ist als der zuweilen hilflos wirkende Versuch des Staates, der modernen OK irgendwie ans Leder zu gehen. Vielleicht versucht man es gar nicht richtig, denn auch das gehört in amerikanischen Mafia-Filmen zu den Basics: Die Verstrickung der Polizei und der Politik zu zeigen, ohne die das reibungslose Abwickeln all dieser Deals ebenfalls nicht möglich wären. Die Gesetzlosen handeln innerhalb ihrer eigenen Normen, während die Vertreter des offiziellen Recht ständig die Gesetze brechen und die Taschen aufhalten. Man weiß nie, wen man vor sich hat, wenn man sich an einen Cop oder einen Angehörigen der Justiz wendet. Erst, wenn Sand ins Getriebe des Begünstigungssystems kommt, weil etwa Rothstein sein Image als Checker wichtiger ist als das Aushalten eines Idioten mit einflussreichen Verwandten in der Politik, der dem Kasino Verluste eingebracht hat, dann wird es gefährlich. Da kann Rothstein nicht über seinen Schatten springen und über die Grenzen seiner Eitelkeit und am Ende kriegt er die dringend für den offiziellen Job als Casino-Boss benötigte Lizenz nicht. Eigentlich hätte mir als Zuschauer bei so viel Realitätsnähe schlecht werden müssen, zumal ein vergleichsweise ehrenhafter Mensch von bürgerlichen Wölfen im Schafspelz angegangen wird, aber es ist auch sehr, sehr amüsant gemacht.

Es gehört zu Scorseses Stilmitteln, das Verbrechen so zu zeigen, dass es auch den Lachmuskeln etwas bietet. Immer mal wieder, nicht andauernd, so dosiert, dass man sich nicht zu sehr erdrückt fühlt, aber auch nie zu deutlich sympathisiert. Außerdem ist der Film sehr stylisch, auf seine Weise, Scorsese ist eindeutig auch ein Augenmensch, der die Mode der 1970er in ihrer extremen Las-Vegas-Ausprägung wunderschön aufleben lässt. Ich habe kaum etwas gefunden, was auf den ersten Blick falsch aussehen würde. Eindeutig falsch. Rosenthal wirkt auf den Fotos, die es von ihm gibt, konservativer als Robert Die Niro, auch von der Aufmachung, aber ein Film wie dieser muss auch ein Fest sein. Ein Neo-Noir ist er möglicherweise auch, weil so viele Menschen, die uns während der fast drei Stunden begleiten, gegen Ende den Tod finden. Aber, wenn wir ehrlich sind, wir halten es doch wohl überwiegend, wenn wir uns jemanden suchen, den wir annehmen, am meisten mit Rothstein, und der überlebt. Sein Vorbild ließ es nach dem Anschlag ruhiger angehen und beschied sich mit kleineren Brötchen, die ihm einen natürlichen Tod sicherten,  ohne dass er am Bettelstab ging. Er konnte immer wieder auf seine Methode zurückgreifen, das Sportwettenbusiness so perfektioniert zu haben, dass er überdurchschnittlich häufig gewann. Offenbar ohne Tricks, sondern nur durch ein für seine Zeit offenbar überragendes Informationsmanagement, gepaart mit jener Analysefähigkeit, ohne die auch hervorragende Informationen nicht so gut versilbert werden können. Schon gar nicht auf Dauer, so dass man immer sein Auskommen mit dem Einkommen hat.

„Wenn es die Mafia nicht gäbe, dann müßte man sie erfinden. Kaum eine zweite Institution zeigt die Schattenseiten des Kapitalismus in ähnlicher Deutlichkeit. Die Mafia hat das freie Unternehmertum auf seine Ursprünge zurückgestoßen: unter der romantischen Oberfläche des Händlers als Helden verbergen sich Macht und Gewaltverhältnisse. Kein Wunder, daß dieser Wirtschaftszweig eine Filmindustrie immer schon interessiert hat. […] Und kaum ein Regisseur hat den schönen Schein der Mafia ähnlich entmythologisiert wie Martin Scorsese. […] Und in keinem Film gelingt ihm das besser, als in Casino, das in den Filmhelden die spießigen Händler entlarvt. Fast wie in einem Dokumentarfilm zeigt Scorsese, wie die Spielhöllen von Las Vegas funktionieren, und wie die Mafia ihre Gewinne sichert.“ – Rüdiger Suchsland: artechock.de[8]

Da hat der Rezensent unzweifelhaft wahr gesprochen bzw. geschrieben. Weiter oben haben wir bereits festgehalten, dass der Kapitalismus in weiten Teilen so funktioniert wie die Mafia. Wer immer Produktionsunternehmen mit friedlich vor sich hin werkelnden Arbeitenden vor Augen hat, wenn es um den Kapitalismus geht, der versteht nicht, was diese Menschen alles erwirtschaften und wo es letztlich landet – und wieviel sie selbst behalten dürften, würden sie nicht ausgebeutet. Selbst das, was allgemein als guter Lohn gilt, ist Ausbeutung, wenn Shareholder ein Zig-faches daran verdienen wie diejenigen, die das Werkzeug in Händen halten, acht Stunden am Tag, vierzig Stunden in der Woche. Es gibt eine weitere Parallele: Die Lobbyisten des Kapitals beackern die Politik jeden Tag, 8 Stunden, 40 Stunden pro Woche und mehr, denn die netten Abende mit Programm gehören ja auch dazu, um undemokratisch Einfluss auf diese Politik zu nehmen und wie leicht ist das, wenn man es mit Menschen zu tun hat, die, wie heutzutage üblich, in die Politik gegangen sind, um genau das erleben zu dürfen.

Es gab nur eine kurze Zeit in der jüngeren Geschichte von Kapital und Verbrechen, in der es schien, als könnte alles anders kommen. Das war nach der Aufhebung der Prohibition und während der Zeit des New Deals von Franklin D. Roosevelt. Das Kino wurde zensiert, die Gangster mussten bereuen und sich wandeln oder sterben, das Verbrechen lohnte nie. Es überlebte aber trotz des Verlustes einer wichtigen Einnahmequelle und alsbald war es properer denn je. Noch einmal, für ganz kurze Zeit, unter dem beinahe fanatischen Justizminister Robert F. Kennedy, Anfang der 1960er, flackerte etwas wie eine ernsthafte Bedrohung für die OK auf. Deswegen, so eine der Interpretationen des Vorfalls, wurde er als aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat der Demokraten für 1968, auch umgebracht. Die Brutalität der OK-Angehörigen, die Gewissenlosigkeit, die wir auch in „Casino“ sehen, die dürfen wir ohne Abstriche als realistisch ansehen. Solange dabei nicht zu häufig unbeteiligte Bürger:innen ums Leben kommen, wird das vom Staat toleriert.

(…) Die Geschichte von Las Vegas ist die Geschichte vom ganz großen Geld, das rund um die Uhr mit enormem Geschick und kühler Routine aus den Besuchern gemolken wurde. […] Also erzählt der Film, der auf einer authentischen Reportage beruht, vom Schmieren der Politiker mit Geld, Komfort und Sex, vom Kaufen der Gewerkschaften – und vom Abschrecken der Konkurrenten, vom Bestrafen der Verräter und Betrügen der Betrüger. Scorsese weiß, wie es da zugeht; er zeigt, wie Killer Killer mit dem Baseballschläger totschlagen, wie Trickfalschspielern die Hände mit dem Hammer zertrümmert werden, wie Gegnern Geständnisse buchstäblich aus dem Kopf gepreßt werden. Und er zeigt, ähnlich wie in seinem anderen Mafia-Film, ‚GoodFellas‘, daß notwendige Gewalt, Gewalt zum Erhalt des Mafia-Geschäfts, zwangsläufig von jähzornig überschüssiger Gewalt begleitet ist, daß die scheinbar ‚vernünftige‘ Mordlust zur Selbsterhaltung in die ‚unvernünftige‘ Mordlust der Selbstzerstörung mündet. […] ‚Las Vegas, das war für Spieler das, was Lourdes für Gebrechliche und Verkrüppelte war‘, sagt De Niro einmal. Genauso hat der Katholik Scorsese die Stadt mit inbrünstiger Wahrheit dargestellt.“– Hellmuth KarasekDer Spiegel 11/1996[9]

Finale

Ganz ohne Angaben zu den Produktionshintergründen und unter Einarbeitung von lediglich drei deutschsprachigen Kritiken sind wir nun schon bei der Wörterzahl angelangt, die diesen Beitrag als #DGR („Die große Rezension“) ausweist. Damit ist klar, wie gut „Casino“ ist. Man kann beinahe endlos darüber reflektieren und immer neue Parallelen ziehen und Zeitumstände erläutern, denn es handelt sich hier um ein Stück amerikanische Geschichte, maßvoll fiktionalisiert. Das gönnen wir Ihnen nun doch, Sie daran teilhaben zu lassen, dass, siehe oben, alle relevanten Figuren echten Menschen nachgebildet wurden:

Schauspieler

Rolle

basiert auf

Robert De Niro

Sam „Ace“ Rothstein

Frank „Lefty“ Rosenthal

Joe Pesci

Nicholas „Nicky“ Santoro

Tony „The Ant“ Spilotro

Sharon Stone

Ginger McKenna Rothstein

Geraldine McGee Rosenthal

Frank Vincent

Frankie Marino

Frank Cullotta

Don Rickles

Billy Sherbert

Murray Ehrenberg

Pasquale Cajano

Remo Gaggi

Joseph Aiuppa

James Woods

Lester Diamond

Leonard „Lenny“ Marmor

Kevin Pollak

Philip Green

Allen Glick

Alan King

Andy Stone

Allen Dorfman

Bill Allison

John Nance

George Vandermark

Philip Suriano

Dominick Santoro

Michael Spilotro

Vinny Vella

Artie Piscano

Carl „Tuffy“ DeLuna

Nobu Matsuhisa

K. K. Ichikawa

Akio Kashiwagi

Richard Riehle

Charlie „Clean Face“ Clark

Morris Shenker

Dick Smothers

Nevada State Senator Harrison Roberts

US-Senator Harry Reid

Oscar Goodman

Oscar Goodman

Oscar Goodman

Ffolliott „Fluff“ Le Coque

Anna Scott

Tamara Rand

Mit der obenstehenden Tabelle können Sie sich in die Geschichte der Mafia in den USA, des Casino-Business, des Verbrechens, der Politik vertiefen. Mittlerweile ist auch in Deutschland das Dokudrama in Mode gekommen, aber in einem Spielfilm dieses Formats so präzise auf die Realität zuzugreifen, das wäre nach wie vor undenkbar. Abgesehen davon, dass es hier keine Spielfilme dieses Formats gibt. Es gibt hier und da einen guten, aber nichts, was dieses Volumen aufweist. Und dieses Volumen ist notwendig, damit das Typische auf unsere Verhältnisse übertragen so überdimensioniert und glaubhaft zugleich wirkt, denn kann man solche Typen und so viel Geld erfinden oder auch nur destillieren, wenn die Realität dazu keinen Anlass gibt?

Genießen Sie fast drei Stunden vollkommen unlangweiliges Spiel, eine furiose Handlung, gnadenlos gute und künstlich mies gestaltete Dialoge, einen Bilderreigen, der niemals seinen Reiz verliert und verstehen Sie, was das alles mit uns zu tun hat: Wir bzw. viele von uns sind die Idioten, die in diesem Spiel die Verlierer sind, selbst wenn sie niemals ins Kasino gehen, niemals auf Sportereignisse wetten und glauben, dass das Maß ihrer Gesetzlosigkeit gelegentliches Falschparken ist. Ohne viel zu viel Geld im Umlauf, im Film hübsch in großen Bündeln oder in Eimern voller Münzen aus Spielautomaten dargestellt, wäre das alles nicht denkbar. Ich muss sagen, ich würde, wenn dieser Irrsinn, der letztlich auch eine gigantische Ressourcenverschleuderung darstellt, aufhören würde, auch gerne auf tolle Filme wie diesen verzichten. Den Enkeln erzählen: So war es damals, als die Menschen noch nicht begriffen haben, dass der Kreislauf aus Gier und Gewalt sie letztlich zerstört. Vielleicht nicht sie selbst, wenn sie davonkommen, wie Rothstein, aber die Nachkommen in einer ausgeplünderten Welt.

90/100

© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

[1] Casino (Film) – Wikipedia


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