Frontpage | Briefing 160 | Gesellschaft, Welt, Glück
Ach ja, das Glück. Ausgerechnet auf einen Montag fällt der Weltglückstag, kein Wunder, dass das Hashtag #WorldHappinessDay nicht so recht trenden mag. Vielleicht ist es auch nicht das richtige. Jedenfalls hat Statista diesen Tag zum Anlass genommen, die neueste Grafik zu den glücklichsten Ländern bzw. den glücklichsten Menschen, geordnet nach Ländern, zu generieren.
Wir würden das weitgehend für Hokuspokus halten, wenn die Statistik, wie so viele Verbraucherumfragen, nur auf subjektiven Ansichten fußen würde und aufgrund von Unterschieden in der Fragestellung, der Distribution, vor allem aber der Mentalität der Menschen zudem international schwer vergleichbar wäre. Hier aber wurden reale Faktoren gemessen, die Menschen glücklich machen müssten. So sollte man es eher ausdrücken. Vor allem eine Kombination aus guter Wirtschaftsverfassung und hohen sozialen Standards sorgt für die Form von Glücksmöglichkeit, die in der folgenden Grafik zu einer Rangliste führt.

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
Die glücklichsten Menschen der Welt leben in Finnland. Das zeigt der aktuelle World Happiness Report, für den Wissenschaftler Daten von 156 Ländern ausgewertet haben. Aus diesen wurde ein Index errechnet, in den Kriterien wie etwa das Einkommen, die Lebenserwartung oder der Grad der sozialen Absicherung einfließen. Demnach landet Finnland bereits zum sechsen Mal in Folge auf dem ersten Rang.
In unserer unmittelbaren Nachbarschaft sind die Dänen am glücklichsten, sie belegen 2023 im weltweiten Vergleich den zweiten Platz. Für die Deutschen reicht es mit dem Glücksempfinden nur für den 16. Platz. Damit sind die Bundesbürger weniger glücklich als die Niederländer oder Schweden, aber glücklicher als zum Beispiel Franzosen, Spanier und Italiener. Am unteren Ende des World Happiness Ranking stehen Simbabwe, Sierra Leone, der Libanon und Afghanistan.
Unser Kommentar heute ist etwas zerfasert, auch, weil wir mitten im Überfliegen des Reports auf immer neue Ansätze und bemerkenswerte Details gestoßen sind. Eine vollständige Auswertung können wir im Rahmen der Zeitvorgaben leider im Moment nicht vornehmen; schon gar nicht die zugundegelegten Messmethoden betreffend.
Auch dieser Ansatz ist, wie alles, was nicht rein auf Fakten basiert, die alle absolut valide sein müssen, die keiner Gewichtung oder Wertung unterzogen werden, selbstverständlich nicht perfekt. Die Kfz-Zulassungszahlen beispielsweise sind eines der wenigen Gegenbeispiele. Am Markterfolg von Autoherstellern gibt es also nicht viel zu deuteln. Wenn wir etwas weiterrecherchieren und uns den Report selbst anschauen: doch, auch subjektive Stimmungen fließen ein. Deswegen überrascht es uns, dass zum Beispiel einige südeuropäische Länder schlechter abschneiden als Deutschland, in denen die Menschen finanziell nach Medianvermögen besser dastehen, gesünder leben, älter werden und sozial besser eingebettet sind. Keine Überraschung: Dass skandinavische Länder wieder ganz vorne sind, wie eigentlich bei allem, was das Leben von Menschen positiv beeinflusst.
Aber wie die Ergebnisse untermauert werden, ist schon beinahe sensationell, auch die Wissenschaftlichkeit der Messmethoden betreffend. Politischer Sprengstoff ist außerdem darin enthalten, denn die Covid19-Strategie verschiedener Länder wird beleuchtet. Insgesamt sehen wir auch viele Faktoren, die sich mit anderen Messungen und Rankings überschneiden, zum Beispiel die Freiheit, das Vertrauen in Institutionen, der Wohlstand. Einige Analysen kann man sicher kontrovers bewerten, wie zum Beispiel, dass, gemessen an der Häufigkeit von Wörtern bei der Sprachverwendung, Einkommen unwichtiger und Glück wichtiger wird. Es ist ja ein unbedingtes Anliegen neoliberaler Strategen, glückliche Idioten heranzuzüchten, denen ihre wirtschaftliche Power nicht mehr viel bedeutet. Glatt für falsch halten wir die Behauptung, während der Corona-Pandemie sei die reale Ungleichheit zwar mehr zum Vorschein gekommen, aber nicht gestiegen. Die Entwicklung des Vermögens-Gini-Indexes spricht eine andere Sprache und Mitnahmeeffekte für Reiche und große Konzerne, die sich seit dem Ukrainekrieg noch verstärken (der für den Report noch nicht berücksichtigt werden konnte) sind belegt. Interessanterweise sind in ökonomischen Publikationen umgekehrte Tendenzen bezüglich der Sprachverwendung festzustellen wie beim allgemeinen Sprachgebrauch. Vielleicht, weil hier die Trends gesetzt werden und mehr die Belesenen und an Wissenschaft Interessierten angesprochen werden. Die Glücksforschung hingegen hat allgemein seit 1970 stark zugenommen, was natürlich jene, die einen solchen Index erstellen, erfreuen dürfte. Emotionen werden gemessen, negative wie positive, auch das gehört dazu. Gemessen werden sie übrigens mit Äußerungen in den sozialen Medien! Da soll noch mal einer sagen, viel ist nicht viel, wenn es zum Beispiel um Smilies aller Art geht.
Ein Problem zeigt sich, weil Covid-19 zu Recht viel Bedeutung beigemessen wird, exemplarisch auf Seite 90 des Reports: Man schaut sehr genau auf die Veränderung von Emotionen in den sozialen Medien während der Startphase der Pandemie. Deutschland wird dabei als eines von vier Beispielen herausgegriffen. Die Darstellungen sind, bezüglich der Todesfälle, logarithmisch. Das Problem: In Deutschland war die Frühphase der Pandemie viel ruhiger als in den anderen drei Ländern (Italien, Spanien, USA), während in den Jahren 2021 und 2022 der Vorsprung, den Deutschland bei der Pandemiebewältigung gegenüber anderen westeuropäischen Ländern hatte, schrittweise verlorenging. Dieser Fokus auf eine sehr kurze Periode spiegelt vielleicht weniger nationale Unterschiede als unterschiedliche Verläufe der Pandemie – es ist nicht wenig verwunderlich, dass der Ausdruck von Furcht im betrachteten dort am deutlichsten zunahm, wo die Welle in Europa startete und für schlimme Schlagzeilen sorgte, nämlich in Italien. Dort war nicht nur viel Furcht, sondern logischerweise auch erheblich mehr Trauer zu beobachten, als die Bilder von kaum zu bewältigenden Todeszahlen im Norden des Landes um die Welt gingen.
Auch auf die genetischen Anlagen, die dabei eine Rolle spielen, wie glücklich wir sind, wird eingegangen, sogar anhand der Zwillingsforschung. Es ist frappierend, wie sich hier die Betrachtungsweise verändert hat: Während in unserer Schulzeit die unterschiedliche Entwicklung von eineiigen Zwillingen, die in verschiedenen sozialen Umgebungen aufgewachsen waren, gerne mit Bildern dokumentiert wird, wird heute das Gemeinsame betont. Das entspricht exakt der Tendenz, soziale Ursachen zugunsten genetischer Disposition weniger Bedeutung beizumessen und hebt damit auf individueller Ebene wieder in den Vordergrund, was einst zum Beleg für die unterschiedliche Begabung von Völkern und Rassen diente. Es ist natürlich auch klar, dass man einen solchen Report nicht zu erstellen bräuchte, wenn ohnehin unveränderbare genetische Aspekte die weit überwiegende Grundlage für Glück und Unglück wären und soziale Kämpfe mehr oder weniger infrage zu stellen wären.
Wir konnten den Report nur überfliegen, aber die Kritik bei uns an der Präferenz dieser Sichtweise geht bis hinein in die soziale Arbeit, in der gesellschaftliche Rahmenbedingungen geradezu notorisch zurückgedrängt werden müssen, um den Zugriff auf die Formbarkeit von Individuen zu verbessern und sie, wenn es sein muss, zu pathologisieren, um sie weichzubekommen. Dies, obwohl vielfach die Umstände von Menschen bestimmt werden, die gar nicht in den Fokus solcher Analysen geraten, weil sie aufgrund ökonomischer Macht ihre gesellschaftsschädigende Mentalität ungebremst durchsetzen können.
Allerdings wäre anhand eines exakten Studiums des Reports zu prüfen, wie in ihm auf die Relation zwischen Gestaltungsmacht und Ohnmacht sich auf das Glücksempfinden von Menschen auswirkt – und da gibt es ganz sicher große Unterschiede zwischen der westlichen Protestkultur und der größeren Dezenz in weniger freien oder auch in Ländern, in denen eine affirmative Haltung zu Institutionen und gegenüber der Macht weitaus stärker zu beobachten ist als z. B. hierzulande.
Insgesamt ist der Report so komplex aufgebaut, dass man darin nicht nur Vorteile sehen kann, weil viele gegenläufige Einflüsse, wie etwa diejenigen der Corona-Pandemie, die mehr soziales Verhalten mit sich brachten, aber auch mehr Stress, natürlich einer Messung und einer Gewichtung bedürfen, um in einem solchen Report zu hübschen Grafiken zu führen.
Das sind natürlich nur Gedankensplitter, denn die Analyse des Reports und der Abgleich mit sozioökonomischen Bedingungen und wie sie dort eingebunden und bewertet werden, würde mehr Raum in Anspruch nehmen als der 160-seitige Report selbst.
Ach ja: Wir haben Deutschland auf Platz 14 gefunden, nicht auf Platz 16,wie in der Statista-Grafik angegeben und mit einem leicht höheren Glückswert (etwas über 7, in der Statista-Grafik liegt er leicht darunter). Sollten wir beim Abgleich die falsche Grafik erwischt haben, teilen Sie uns das bitte gerne mit.
Nachtrag: Leider gibt es für das Problem eine andere Lösung: Statista hat zwar den Report 2023 referiert, aber auf den Report 2022 verlinkt. Das ist uns zunächst gar nicht aufgefallen, wir haben uns lediglich gewundert, dass 2021 so stark im Fokus stand. Hier geht’s zum Report 2023:
WHR+23.pdf (happiness-report.s3.amazonaws.com)
Wir behalten aber die oben gemachten Beobachtungen in diesem Artikel, weil sie, besonders Corona betreffend, noch einmal eine ganz besondere Zeit in den Fokus rücken, deren Veränderungspotenzial gegenwärtig noch nicht vollständig einzuschätzen ist. Was auch daran liegt, dass wir schon die nächste Krise zu bewältigen haben, anstatt uns in aller Ruhe um die Aufarbeitung der Pandemie kümmern zu können.
Nach dem aktuellen Report hat sich Deutschland um zwei Plätze verschlechtert. Wundert Sie das? Uns nicht. Und wir prognostizieren, dass die Art, wie die Politik auf verschiedene Weise am Vertrauen an die Institutionen sägt, in nächster Zeit keine Verbesserung mit sich bringen wird. Es wird, wenn überhaupt, die Fähigkeit der Zivilgesellschaft sein, mit all den künstlich erzeugten Widrigkeiten umzugehen, die darüber entscheidet, ob eine Wende möglich ist. Dabei geht es nicht darum, Weltmeister zu werden, sondern den Index z. B. wieder über die 7,0 heben zu können. Wenn andere dabei auch vorankommen, soll es uns freuen. Dass wir uns angesichts der ökonomischen Fähigkeiten des Landes und seiner Bevölkerung mit den Besten messen und kreativer werden müssen, sollte aber nach wie vor der Anspruch sein. Wir brauchen auch Leitbilder. Das ist der Grund, warum wir in unseren Artikeln die skandinavischen Staaten häufig erwähnen und immer wieder darauf eingehen, warum es so schwierig zu sein scheint, deren Beispiel zu folgen (so unterschiedlich sie untereinander auch sind, aber vielleicht sollten wir den Fokus wirklich etwas mehr auf Finnland legen).
Vielleicht hat es etwas mit dem Selbstbild einer Gesellschaft zu tun, dass es nicht so einfach ist, Zufriedenheit zu erreichen. Aber warum sollte es das, wenn die ökonomische Voraussetzungen viel mehr Teilhabe für alle problemlos ermöglichen würden, als verwirklicht ist?
Vielleicht sind die Finnen auch wirklich deshalb zufriedener, weil sie genügsamer sind und sind genügsamer, weil sie das Gefühl haben, sie und ihre Institutionen machen das Beste aus dieser Lage am Zipfel Nordeuropas, der keine optimalen Voraussetzungen wie Bodenschätze bietet und sie machen sich auch nicht mit Blutgeldbanken und als Steueroase reich. Sie haben möglicherweise auch ein besseres Gewissen als die Menschen in Ländern mit einem höheren GDP, das auf Kosten vieler anderer Länder erwirtschaftet wird.
Das mit der Genügsamkeit ist auch eine nette Erklärung, die aus dem Land selbst stammt: Die Fakten untermauern, dass dort die wichtigen sozioökonomischen Faktoren für Glück besser funktionieren als in Ländern, die klimatisch viel besser für ein sonniges Gemüt geeignet wären. Vor allem der große Abstand zwischen Finnland und selbst dem Zweitplatzierten, Dänemark, ist wirklich bemerkenswert. Vielleicht liegt es tatsächlich an der Sauna. Sie sehen das Gesamtranking auf den Seiten 36 ff. Leider sind aus vielen Ländern, die man eher in der unteren Hälfte des WHR finden dürfte, gar keine für die Einordnung brauchbaren Daten zu finden gewesen.
TH
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