Filmfest 919 Cinema
Thinner – Der Fluch (Originaltitel: Thinner) ist ein Horrorfilm aus dem Jahre 1996, der auf dem Buch Der Fluch von Stephen King basiert, und zu dem King selbst zusammen mit Michael McDowell und Tom Holland das Drehbuch schrieb.
Bisher sind wir keine Stephen-King-Spezialisten, aber Halloween naht (bzw. nahte, als wir den Entwurf dieses Textes m Jahr 2021 verfasst haben) und einige TV-Stationen hauen viele Verfilmungen seiner Bücher raus, auch wenn sie nichts mit dem Tag der ausgehöhlten Kürbisse zu tun haben. Einfach, weil Gruselkino jetzt angesagt ist und auch ohne den direkten Bezug die Etablierung dieses Tages als weiteres Konsum-Highlight in Deutschland gefördert werden muss. Diese Anmerkungen gelten für den Zeitpunkt des Entwurfs der Rezension, vermutlich wird sie nicht gerade an Halloween veröffentlicht werden. Wie war es mit der Geschichte vom dicken, dünnen Mann? Das klären wir in der –> Rezension.
Handlung (1)
Der Anwalt Billy Halleck, der nach einem Abendessen mit seiner Frau Heidi, die ihn während der Autofahrt oral befriedigt, eine alte Zigeunerin überfährt, wird in einem anschließenden Verfahren durch den befreundeten Richter Carry Rossington freigesprochen. Auch der örtliche Polizeichef Duncan Hopley hatte das Verfahren gegen den Anwalt behindert und die Zigeuner der Stadt verwiesen.
Der Vater der Toten, Tadzu Lempke, belegt Billy auf den Stufen zum Gerichtsgebäude mit einem Fluch. Fortan verliert der übergewichtige Billy Halleck jeden Tag an Gewicht. Anfangs freut er sich über die Ergebnisse seiner „Diät“, doch schnell schwenkt seine Freude in Angst um. Mehrere ärztliche Untersuchungen liefern keine Erklärungen für die Gewichtsabnahme des Anwalts. Gemeinsam mit dem Hausarzt Houston versucht seine Frau Heidi, Billy für verrückt zu erklären und in eine Klinik einzuweisen, die mehr über sein Abmagern in Erfahrung bringen soll.
Schließlich erfährt Billy, dass auch der Richter und Polizeichef mit einem Fluch belegt wurden. Richter Rossington vollzieht eine Metamorphose in eine Eidechse; beim Polizeichef Hopley entstehen eitrige Geschwüre im gesamten Gesicht.
Billy kann die Zigeuner ausfindig machen, doch dort wird er nur als Mörder beschimpft. Tadzu Lempke nimmt trotz Flehens den Fluch nicht von Billy, dieser belegt daraufhin die Zigeuner unter deren Gelächter mit dem „Fluch des weißen Mannes aus der Stadt“. Bei Billys Fluch handelt es sich um seinen Freund und Mandanten, den New Yorker Mafioso Richard „der Hammer“ Ginelli. Mehrere zum Teil tödliche Anschläge durch Ginelli bewegen Tadzu Lempke, den Fluch doch von Billy zu nehmen. Er bannt daraufhin den Fluch aus Billys Blut in einen Kuchen, den er eigens hierfür mitgebracht hatte.
Diesen Kuchen muss Billy jemandem zu Essen geben, damit der Fluch auf diesen übergeht. Wieder zu Hause, schenkt Billy den Kuchen seiner Frau Heidi, da er glaubt, dass diese ihn mit Doktor Houston betrogen hat. Am nächsten Morgen wacht Billy neben seiner völlig entstellten und toten Frau auf. Er trifft seine Tochter in der Küche und merkt, dass diese ebenfalls vom Kuchen gegessen hat. Als er gerade selbst ein Stück essen will, klingelt Dr. Houston an der Tür. Billy teilt ihm mit, dass er gar nicht böse sei und sich mit ihm versöhnen will. Er lädt Dr. Houston auf ein Stück Kuchen ein. Dieser nimmt dankend an und betritt neben einem verrückt lächelnden Billy das Haus und der Film endet.
Rezension
„Eine krude Geschichte – selbst nach King-Maßstäben. Und so wundert es wenig, daß sich beim Zuschauer Grusel mit ungläubigem Kopfschütteln paart. Doch da Regisseur Tom Holland (‚Chucky – Die Mörderpuppe‘) ein alter Schock-Souverän ist und das Ende mit einem überraschenden Knalleffekt daherkommt, ist man nicht wirklich genervt. Man wußte ja vorher: Die Zeiten, da aus King-Büchern noch Kunstwerke wie ‚Carrie‘ und ‚Shining‘ entstanden, sind längst vorbei.“ – TV Spielfilm[1]
„Zerdehnte Gruselgeschichte nach Stephen King, die sich ganz auf Masken- und Trickeffekte verläßt, aber auch durch einige Unappetitlichkeiten nicht ihre Substanzlosigkeit verbergen kann.“ – Lexikon des internationalen Films[2]
An die Verfilmung von „Se7en“, die etwa zur selben Zeit gefertigt wurde, kommt der recht fernsehfilmmäßig angelegte „Thinner“ nicht heran, das verraten wir vorab. Wenn ich jetzt noch gestehe, dass ich während des Films mehr lachen musste, als dass ich mich gegruselt hätte, kann man sich eine Vorstellung machen. Wovon eigentlich? Unter anderem davon, dass ich dieses Horror-Genre nicht so recht ernst nehmen kann. Geärgert hat mich die klischeehafte Sicht auf die „Zigeuner“. Ob in den USA der Begriff Gypsy (Herkunft von einer fälschlichen Herkunftszuschreibung als „Egyptian“) noch immer gebräuchlich ist, ist uns nicht ganz klar, aber wir verwenden im eigenen Text den Begriff „Roma“, ändern aber nicht die wörtlich übernommene Handlungsangabe der Wikipedia.
Im Grunde hat der Film einen großen Vorzug: Er lässt Raum für Interpretationen, auch ethischer Natur. Selbstverständlich geht Privatjustiz nicht, wie sie die Roma an Billy Halleck und seinen Spießgesellen ausüben, weil Halleck eine der ihren überfahren hat und vom Richter und vom Polizeichef des Ortes gedeckt wird. Das würde bedeuten, er hat doch getrunken und fuhr zu schnell? Richtig geklärt wird das nicht. Die Szene selbst wirkt jedenfalls, als ginge die Frau über sdie Straße, ohne auf den Verkehr zu achten.
Nun hat aber auch Halleck nicht auf die Straße geachtet, weil seine Frau ihn gerade abgelenkt hatte. Davon wissen die Roma nichts, sonst hätten sie diese wohl auch mit einem Fluch belegt und er hätte ihr nicht den bösen Kuchen anbieten müssen. Was er aber tat, weil ers sie des Fremdgehens mit dem Doc verdächtigt. Dass er die Roma mithilfe eines Mafioso, den er erfolgreich verteidigt hat, dazu zwingen kann, den Fluch gegen ihn aufzuheben, ist ein unglaubwürdiger Twist des Films, aber nach Glaubwürdigkeit geht es nicht, sondern um ein effektvolles Ende nach ziemlich verrückten Wendungen. Am krassesten fand ich, dass dummerweise auch Hallecks geliebte Tochter von dem Kuchen probiert und er das Desaster dann perfekt macht, indem er dem Doktor ebenfalls erfolgreich von dem Kuchen anbietet. Das wirkt ohne Vorlauf und Einbettung in eine Routine, die das etwas vorbeitetet, ziemlich kurios und an den Haaren herbeigezogen, aber die Frage ist bei Kings Büchern und notabene deren Verfilmungen sowieso, ob man seinem philsoophischen oder pseudophilosophischen Ansatz folgt oder das alles für Humbug erklärt.
Einige seiner Werke sind durchaus reichhaltig und adqäuat verfilmt worden, aber „Thinner“ hat ein Problem, das noch schwer zu bewältigen war, als der Film entstand: Rober John Burke als Halleck muss unglaublich heftig mit der Maske bearbeitet werden, um optisch einigermaßen pausibel immer dünner zu werden, CGI wurde hier noch nicht oder jedenfalls kaum sichtbar verwendet, obwohl sie in den 1990ern einen ersten Boom erfuhr. Es ist aber ein Unterschied, ob man Animationsfilme wie „Toy Story“ macht oder die CGI in Realfilme integriert, ohne dass es auffällt. Letzteres kam erst in den 2000ern richtig auf und ist noch heute eine teure Technik, während die Spelling-Produktion „Thinner“ erkennbar ein Low-Budget-Film ist.
Finale
Wir wollen aufgrund der ethischen Unwägbarkeiten in diesem Werk und seines mäßigen Gruselfaktors nun keine Großrezension dazu verfassen. Für Stephen-King-Fans sicher wichtig, auch diese Verfilmung gesehen zu haben und für jene, die sich alles anschauen, was das Genre hergibt. Aber für „Normalzuschauer:innen“ bietet er viel Fragwürdiges und wenig Erhellendes an, das mit der Distanz, die ich zu solchen Filmen habe, leicht ins Ablehnend-Vergnügte drehen kann. Das bedeutet nicht, dass ich nicht einige Horrorfilme gut finde, es gibt unzweifelhaft große Klassiker auch in diesem Genre. Vielleicht ist der Humor teilweise auch gewollt. Vor allem die Schlussminuten zwingen einen raschen Wechsel aus Entsetzen, Erstaunen und dem Eindruck auf, man habe eine Satire vor sich. Das entspricht aber nicht dem Gesamtstil des Films, der über 80 Minuten lang nicht wie als Komödie beabsichtigt wirkt.
Auch wenn sich Robert John Burke, der im Realleben schlank ist, aber keine Minute lang in diesem Film sein „Echtgesicht“ zeigen darf, Mühe gibt, den zunächst schwergewichtigen und schwerfälligen und schließlich fast zum Skelett abgemagerten Typ gut darzustellen, auch wenn man sich mit ihm identifizieren kann, vor allem, wenn man selbst mit den Pfunden kämpft und sich freuen würde, wenn man – aber dann wäre die Voraussetzung, dass man zunächst jemanden totfährt, und das steht nicht dafür. Über lange Zeit hinweg wirkt er auch relativ dezent, versucht auch seinen waffensüchtigen Mafia-Kumpel zu bremsen. Nur bezüglich der Eifersucht in Sachen Ehefrau & Doktor, da sieht es anders aus und er ist geradezu froh, dass er den Kuchen bekommt, mit dem er seine Frau verführen und töten kann. Vielleicht hat ihn der Geschmack ihres Blutes zusätzlich motiviert, auch den Doktor ins Jenseits zu schicken, wenn es sich schon nicht mehr verhindern lässt, dass die Tochter ebenfalls genascht hat.
51/100
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2021)
| Regie | Tom Holland |
| Drehbuch | Stephen King Michael McDowell Tom Holland |
| Produktion | Mitchell Galin Richard P. Rubinstein |
| Musik | Daniel Licht |
| Kamera | Kees Van Oostrum |
| Schnitt | Marc Laub |
| Besetzung | |
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