Die kleine Kneipe in unserer Straße ist weg – Gastronomie in Deutschland auf dem Rückzug? | Briefing 168 | Wirtschaft, Gastronomie

Briefing 169 | Wirtschaft, Gastronomie, Kneipensterben

Wir hatten uns beim Wahlberliner erstmals seit dem Restart im Jahr 2018 eine kleine Pause gegönnt, nun kehren wir zurück und sind erschüttert. Wir sind ja recht verbunden mit dem Thema Wirtschaft.  Wo ist die Wirtschaft geblieben? Jenseits der songorientierten, fiktivien Einzelfallbetrachtung: Zumindest gilt das für die Zahl der Gastronomiebetriebe, die seit 2014 von rund 221.000 auf rund 187.000 zurückgegangen sind. Drei Kategorien von Gastronomie hat Statista in einer Grafik aufbereitet:

Infografik: Deutschlands Clubs und Kneipen sterben | Statista

Die Deutschen gehen durchaus gerne in Restaurants, Gaststätten und Kneipen, wie Daten der aktuellen Verbrauchs- und Medienanalyse zeigen. Trotzdem ist gerade die Zahl der Schankwirtschaften und Kneipen laut Daten des Statistischen Bundesamtes im letzten Jahrzehnt stark zurückgegangen. Ähnlich sieht der Befund bei Clubs – oder Discotheken und Tanzlokalen, wie es im Behördendeutsch heißt – aus. Vergleichsweise stabil ist dagegen die Anzahl der Bars, wie der Blick auf die Grafik zeigt.

Für die beiden erstgenannten Feier-Orte gilt, dass der Abwärtstrend zwar schon vor Beginn der Pandemie da war, aber 2020 und 2021 nochmal deutlich Fahrt aufgenommen hat. So gab es 2019 noch fast 10.000 Kneipen mehr als 2021, bei den Clubs mussten über 500 Etablissements aufgeben. Verantwortlich für Club- und Kneipensterben ist aber nicht nur COVID-19, wie eine Petition des Clubcombinats aus dem Januar 2020 zeigt. „Hamburger Musikclubs kämpfen massiv mit Lärmbeschwerden, Mietsteigerungen, wachsenden Behördenauflagen und steigenden GEMA-Aufwendungen“, heißt es dort.

Dass es in ganz Deutschland nur knapp 900 „Discotheken und Tanzlokale“ gibt, also Clubs, war die erste Überraschung für uns in dieser Darstellung von Statista. Die Hälfte ist vermutlich in Berlin, denn die Clublandschaft hier wirkt auf jemanden, der aus Altersgründen da nicht mehr so hingeht, als wären die Musikschuppen dicht an dicht located. Man geht sozusagen aus einem Club raus und ist eine Ecke weiter schon im nächsten. Aber der Rückgang seit 2011 sieht natürlich krass aus. In diesem Fall ist das sicher auch mit einer Einschränkung der Vielfalt verbunden. Bei anderen Kategorien von Gastronomiebetrieben ist das Bild differenzierter.

Die kleine Kneipe in unserer Straße, die gibt es nicht mehr. Peter Alexander hat ihr im Jahr 1976 ein Lied gewidmet. Ihn gibt es auch nicht mehr.

Das werden wohl viele Menschen so empfinden. Es deckt sich auch  mit unserer Beobachtung, dass kleine Eck- und Nicht-Eckkneipen, deren Gepräge ebenso traditionell ist wie der Publikum, verschwinden. In Berlin werden sie zum Beispiel weggentrifiziert. Dieser harsche Rückgang ist sehr schade, auch wenn er prozentual nicht so groß ist wie bei den Clubs. Die Bedeutung der Kneipen für die Kiez-Infrastruktur ist groß und ein Rückgang in genannter Ordnung für die ansässigen Menschen spürbar. In Berlin gibt es auch eine Art Umschichtung, aber in Städten, die eher nicht boomen, kommt hinzu, dass das Publikum einfach nicht mehr da ist. Wenn das mit den erwähnten steigenden Preisen für alles Mögliche zusammenfällt, ist eben Schluss – denn viele Kneipen, die auch eine Art Sozialtreff sind, können die Preissteigerungen nicht einfach an ihr Stammpublikum weitergeben. Dieses ist gerade bei Kneipen oft sehr preisbewusst, freiwillig oder notwendigerweise, und bleibt weg, nachdem schon die Gewinnmargen der Gastronomen weg sind. Und es verstirbt leider auch, in Städten, die sich nicht immer wieder so erneuern wie Berlin. Wenn die Kneipe aufmacht, sind die Besucher jung, dann altern sie mit dem Etablissement und dessen Einrichtung.

Bars sind typische Mode-Großstadteinrichtungen, wir finden es also stimmig, dass der Rückgang in dem Bereich nicht so ausgeprägt ist. Wie sind eigentlich Bar-Restaurants eingeordnet? Bei den Restaurants gibt es seit 2013 auch einen Rückgang, aber ob es ein merklicher ist? Von über 70.000 auf über 60.000 Betriebe ist deren Zahl geschrumpft.

Der Kahlschlag bei den Clubs und Kneipen ist die dramatischste Entwicklung, deswegen hat man sie bei Statista wohl auch herausgegriffen. In anderen Bereichen sieht es durchaus nicht so schlimm aus, die Zahl der Beherbergungsbetriebe ging erst während Corona etwas zurück, beispielsweise.

Kommen wir zum eigentlichen Punkt der Differenzierung, nicht nach Geschäftskategorien, sondern zum Unterschied zwischen dem Rückgang bei den Gastronomiebetrieben insgesamt, den wir oben erwähnt haben, und der Beschäftigung. Die wuchs in den 2010ern nämlich permanent an – und erst während Corona kam es zu einem – allerdings deutlichen – Rückgang. Die Dehoga-Statistik, die Statista angezapft hat, besteht nicht nur aus einer Seite mit der Zahl der Betriebe, sondern macht auch die Gegenbewegung sichtbar. Schon 2022 war der Vor-Corona-Stand der Beschäftigung von insgesamt ca. 1,1 Millionen Menschen wieder erreicht. Ein durchschnittlicher Gastronomiebetrieb hatte im Jahr 2013 etwa 4,1 Beschäftigte, heute dürften es etwa 6 sein. Das ist ein rasanter Zuwachs. Der Trend geht zur Größe, wie überall, außer bei den Kaufhäusern. Auch die gerade in Branchen wie der Gastronomie notwendiger, von den Lobbys aber als Todesstoß für die gesamte Wirtschaft katastrophisierte Einführung des Mindestlohnes hat diesen Beschäftigungsaufbau nicht gestoppt.

Er weist auch auf etwas hin, was weit über die Gastronomie hinaus das subjektive Bild der Wirtschaftslage beeinflusst. Einige spektakuläre Pleiten werden, man kann schon sagen, missbraucht, um eine Weltuntergangsstimmung zu schaffen, mit der Unternehmen die Politik unter Druck setzen können – und mit ihnen die dienstbaren Medien. Während so etwas natürlich für die Beschäftigten negativ bis schrecklich ist, die betroffen sind, wird woanders zigtausendfach, hunderttausendfach still und heimlich und sukzessive Beschäftigung aufgebaut. Wäre das nicht so, könnte die Bundesregierung nicht fast Jahr für Jahr neue Beschäftigungsrekorde vermelden. Selbst während Corona ging die Gesamtzahl der Erwerbstätigen kaum zurück. Die Gastronomie war besonders stark betroffen, und selbst in dieser Branche hat ihre früheren Zahlen fast wieder erreicht. 

DEHOGA Bundesverband: Beschäftigungsentwicklung (dehoga-bundesverband.de)

Also bitte keine faulen Tricks mit Einzelfällen. Aber hinter jeder Zahl steht eine weitere Zahl oder sogar mehrere, jeden Spin kann man weiterspinnen: Nicht nur die Zahl der Arbeitsplätze ist selbstverständlich wichtig, sondern auch die Wertschöpfung, die mit ihnen verbunden ist. Und da liegt die Gastronomie, sagen wir mal, nicht gerade an der Spitze. Jeder Industriearbeitsplatz, der verloren geht, wiegt so schwer wie mehrere Arbeitsplätze im Bereich der einfachen Dienstleistungen. Deswegen muss die Entwicklung der Industrie natürlich im Auge behalten und strategisch begleitet werden. Gerade auf dem Gebiet war schon die alte Bundesregierung ziemlich schlecht, was zum Glück durch eine starke Wirtschaft noch einigermaßen kompensiert wurde – aber jetzt? Der Beschäftigungsaufbau während der 2010er war ohnehin bis zu einem gewissen Grad famoses Blendwerk, denn selbstverständlich steht auch hinter dieser Zahl wieder eine Zahl: Die Zahl der Arbeitsstunden pro Jahr pro Person nämlich, und die geht permanent zurück. Die vorhandene Arbeit ist also im Wesentlichen auf mehr Menschen verteilt worden, die viel mehr Teilzeit gehen als früher.

Gegenüber der kritischen Phase Anfang der 2000er, als die Zahl der angebotenen Arbeitsstunden ebenso rückläufig war wie die Arbeitslosenzahlen immer weiter stiegen, gibt es heute zwar etwas mehr Angebot, aber bei weitem nicht so viel mehr, wie es mehr Arbeitsplätze gibt. Grundsätzlich geht dadurch auch die Produktivität zurück, die nun einmal bei industriellen Vollzeitarbeitsplätzen weitaus höher ist als in den meisten Dienstleistungsberufen. Dienstleistungsberufen wie jenen in der Gastronomie, wo Produktivitätszuwächse enge natürliche Grenzen haben, solange zum Bedienen keine Roboter eingesetzt werden.

Zum Weiterlesen hier noch eine Grafik von Statista, die sich mit dem Ausgehverhalten der Menschen beschäftigt. Wie wir uns verhalten, haben wir oben schon angedeutet:

Infografik: Hälfte der Deutschen meidet Discos und Clubs | Statista

TH


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