Briefing 174 | Wirtschaft, Gesundheit, Milchwirtschaft
Sind Sie auch mit der Ansicht aufgewachsen, Milch sei gesund, liebe Leser:innen? Bei uns war das so, obwohl wir nicht den Eindruck hätten, eine milchindustriemäßige Werbemaschine steckt dahinter. Aber so wird man eben manipuliert, ohne es zu merken. Sonst würde es ja nicht funktionieren.
Nachdem es mittlerweile richtige Milchhasser gibt, wir haben auf der einen oder anderen Demo welche gesehen, und allgemein das Vegetarische und Vegane immer mehr auf dem Vormarsch ist, ist die Milch zwangsläufig auf dem Rückzug, denn jenseits des Dehydrierungswahns können Menschen nicht immer mehr trinken. Oder essen, Milchprodukte in Form von Käse, Joghurt etc. Wie ist es also um die Milchwirtschaft bestellt? Darüber gibt eine aktuelle Grafik Aufschluss:
Infografik: Deutsche konsumieren weniger Milcherzeugnisse | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
Der Abwärtstrend beim Konsum von Milcherzeugnissen hält an. Wie die Statista-Grafik auf Basis von Daten der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zeigt, konsumieren die Deutschen heute weniger Frischmilcherzeugnisse und Butter als noch vor fünf Jahren. Nach Angaben der BLE ist der Rückgang des Milchkonsums auf gestiegene Milchpreise sowie auf den zunehmenden Absatz von pflanzlichen Milchersatzprodukten wie beispielsweise Hafermilch zurückzuführen. Der Pro-Kopf-Konsum von Käse ist dagegen stabil.
Der Rückgang des Milchkonsums hat auch Auswirkungen auf die Milchproduktion in Deutschland. Laut BLE sank die hergestellte Menge an Milch im vergangenen Jahr um mehr als sechs Prozent auf etwa 4,2 Millionen Tonnen. Die Zahl der Betriebe mit Milchkühen ging demnach von 54.800 auf 52.900 zurück, wie aus den Daten der BLE hervorgeht. Die Anzahl der Kühe nahm um rund 23.000 Tiere ab, was bedeutet, dass jeder Milchviehbetrieb im Durchschnitt 72 Milchkühe hielt.
Die durchschnittliche jährliche Milchleistung pro Kuh stieg hingegen erneut leicht: von 8.481 Kilogramm auf 8.499 Kilogramm. Tierschützer kritisieren, dass die hohe Milchleistung die Kühe anfällig für Erkrankungen mache.
Ganz sicher ist das Herauskitzeln von immer mehr Leistung nicht nur bei Menschen dazu geeignet, sie anfälliger für alles Mögliche zu machen. Vielleicht reicht ja eine einzige Kuh, um Deutschland irgendwann mit der Milch der fortgeschrittenen Erzeugungsart zu versorgen. Ökologisch wäre das sicher günstig, vor allem den CO2-Ausstoß betreffend. Aber nur auf den ersten Blick. Denn wo würde diese Kuh leben und wie weit müssten ihre Erzeugnisse transportiert werden, um den Rest des Landes zu versorgen? Wenn uns nicht alles täuscht, ist Kassel in etwa der geografische Mittelpunkt Deutschlands, deswegen gibt es in der Ecke auch so viele Hubs von Versanddienstleistern. Es gibt verschiedene Berechnungsarten für diesen Mittelpunkt, einige sehen auch Ortschaften im Westteil des benachbarten Thüringen als Mittelpunkt an, da könnte als die Kuh leben, damit ihre Produkte möglichst wenig Transportkosten zu verursachen. Und nein, auch zu unserer Zeit war das Abholen der Milch beim Bauern in Blechkannen schon nicht mehr die hauptsächliche Beschaffungsart, sondern, was es heute allgemein ist: etwas für Menschen mit viel Zeit und großen rural-ökologischen Ambitionen.
Leider ist das mit dem Abschied von der Milch immer noch nicht einfach. Wir probieren derzeit alle möglichen Ersatzmöglichkeiten durch, weil wir nicht immer Mineralwasser trinken wollen und Alkohol schlecht vertragen. Jedenfalls die Sorten, die wir uns leisten könnten. Aber auch bei dem Milchersatz ist das mit dem Leisten so eine Sache. Aus lauter Verzweiflung darüber, dass das Ersatzangebot einfach nicht wie echte Milch schmecken will oder gar besser, greifen wir immer höher, also immer mehr in die Regale mit den teuren Ersatzdrinks. In der Hoffnung, etwas zu finden, das grundsätzlich lecker ist und wovon es vielleicht eine günstigere Variante gibt. Bisher Fehlanzeige.
Die Konsistenz ist weniger sämig und der Nachgeschmack entweder flau oder süßlich oder irgendetwas, das wir noch nicht recht definieren können. Der Verdacht kommt auf, dass diese Sachen wieder etwas für Leute sind, die Lifestyle zeigen wollen und Geschmack eher zweitrangig finden. Wir sind aber noch lange nicht durch und man soll den Tag nie vor Mitternacht schlechtreden, wenn in Berlin die letzten Lebensmittelgeschäfte schließen. Bis dahin trinken wir die Ersatzprodukte vor allem nach dem Radfahren. Der große Durst macht unwählerisch. Für die Lebensmittelhändler haben die Ersatzdrinks ganz sicher einen Vorteil: Sie bieten erkleckliche Margen und müssen, anders als Frischmilch, nicht gekühlt gelagert und angeboten werden.
TH
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