Filmfest 935 Cinema
Während Du schliefst (Originaltitel: While You Were Sleeping) ist eine US-amerikanische romantische Komödie aus dem Jahr 1995. Der Regisseur war Jon Turteltaub. Die Hauptrollen spielten Sandra Bullock und Bill Pullman.
Vor einiger Zeit haben wir „Speed“ rezensiert, mit dem Sandra Bullock im Jahr 1994 (keine Minute zu früh) den Durchbruch zum A-Star schaffte, ein Jahr später sehen wir sie in einer Romantik-Komödie wieder, die unter anderem belegt, wie wichtig ihr Auftritt für das Gelingen eines Films ist. Seitdem hat sie einigen interessanten und einigen weniger elaborierten Projekten ihre Präsenz zur Verfügung gestellt, zu ersteren zählt „Gravity“ (2013), und 2009 hat sie den Hauptdarstellerinnen-Oscar für ihre Leistung in „Blind Side“ erhalten. Zu „Während du schliefst“ haben wir mehr in der -> Rezension geschrieben.
Handlung (1)
Die verwaiste Lucy Moderatz lebt seit dem Tod ihres Vaters allein in Chicago. Wegen dessen Erkrankung gab sie einst ihre beruflichen Pläne auf und arbeitet seither als Ticketverkäuferin an einer Hochbahn-Station. Einziger Lichtblick in ihrem einsamen Leben ist ein schöner Unbekannter, der jeden Morgen an ihrem Schalter eine Fahrkarte löst und ihren romantischen Träumen Nahrung gibt. Am 1. Weihnachtsfeiertag wird Lucy Zeuge, wie ihr Angebeteter überfallen und auf die Gleise gestoßen wird. Beherzt rettet sie dem bewusstlosen Peter Callaghan das Leben. Als sie sich im Krankenhaus nach dem im Koma liegenden Peter erkundigen möchte, wird sie durch einen unbedachten Ausspruch und eine übereifrige Krankenschwester dort für seine Verlobte gehalten. In der überschwänglichen Begrüßung durch Peters chaotisch-liebenswerte Großfamilie gehen Lucys Erklärungsversuche unter.
Lucy genießt die Herzenswärme der Callaghans und verbringt nach kurzem Zögern das Weihnachtsfest mit ihnen. Am nächsten Morgen lernt sie Peters Bruder Jack kennen, der als einziger Zweifel an Lucys Identität zu hegen scheint. Doch Lucy gelingt es, durch eine zufällig erfahrene Information Jacks Zweifel zu entkräften. Als Jack Lucy eines Abends nach Hause bringt, erzählen die beiden sich ihre geheimen Lebensträume. So will Lucy unbedingt nach Florenz, während Jack gerne den elterlichen Antiquitätenhandel verlassen und stattdessen als Möbeldesigner arbeiten möchte. Wenig später ringt er sich tatsächlich durch, seinem Vater diesen Wunsch mitzuteilen. Durch Lucys Nachbarn und eine angebliche Schwangerschaft kommt es zu weiteren Verwirrungen mit Jack, doch schließlich werden die beiden sich unabhängig voneinander bewusst, dass sie ineinander verliebt sind. Lucy gerät immer mehr in die Zwickmühle.
Peter erwacht aus dem Koma und kann sich natürlich nicht an Lucy erinnern, was sich Familie und Ärzte jedoch durch eine Amnesie erklären. (…)
Rezension
Auch nach ihrem Erfolg mit „Speed“ war Sandra Bullock nicht die erste Wahl für die Besetzung der Lucy in „Während du schliefst“. Ursprünglich sollte Demi Moore diesen Part gestalten, Julia Roberts hatte die Rolle schon im Vorfeld abgelehnt – spiegelbildlich: Sandra Bullock wollte nicht die Vivian in „Pretty Woman“ (1990) spielen, die Roberts zum Star machte. Hätte Bullock vier Jahre vor „Speed“ tatsächlich in diesem Aschenputtel-Märchen um eine Prostituierte und einen Firmenaufkäufer mitgemacht, hätte sie nach unserer Ansicht den Durchbruch schon früher geschafft. Möglicherweise wollte sie, wie einige andere Schauspielerinnen, keine Nutte spielen. Julia Roberts wurde im Anschluss aber nicht auf derartige Rollen festgelegt, und das wäre wohl auch Sandra Bullock nicht passiert. Es gleicht sich in gewisser Weise alles aus. Trotzdem erscheint es sinnvoll, dass nicht Demi Moore mit ihrer viel kühleren Ausstrahlung als die beiden anderen Schauspielerinnen die Lucy gegeben hat.
Denn von dieser Rolle und der Wärme, die Sandra Bullock in ihr herüberbringt, hängt der Film, wie so viele Bullock-Projekte, so sehr ab, dass man sie im Grunde bedauern muss. Dafür zum Beispiel, dass sie selten in absoluten Topfilmen mitwirkt, in denen sie vielleicht nicht den Erfolg des Werks mehr oder weniger allein schultern muss, welche ihr aber mehr Ruhm für die Ewigkeit einbringen würden. Keiner ihrer Filme findet sich gegenwärtig zum Beispiel in der Top 250-Liste der IMDb (Stand zum Zeitpunkt des Entwurfs des Textes im Jahr 2015, der oben erwähnte „Gravity“ hatte es nach seinem Erscheinen für kurze Zeit geschafft).
Da gehört zumindest „Während du schliefst“ auch nicht hinein. Die Handlung hat zwar einen originellen Ansatz, es gibt berührende und witzige Momente in diesem Film, aber er ist auch schrecklich konservativ und klischeebeladen – obwohl man die Familie katholische, offensichtlich irischstämmige Familie Gallagher, bei der Lucy sich einfindet, nicht im üblichen Anwälte-Setting platziert hat, sondern als Altmöbelhändler bzw. Wohnungsauflöser ein wenig mehr down-to-earth rüberbringen wollte. Natürlich ist Sohn Peter, der Schönling, dann doch Anwalt geworden, aber es gibt noch den etwas kantigeren Jack, der es so sehr liebt, alte Stühle zu restaurieren. Ist ja auch ein schöner, kreativer und gleichermaßen haptischer Job. Wer es in den Händen hat, diesen auszufüllen, kann sicher auch sehr zärtlich zu seiner Frau sein. Und es gibt noch den jüdischen „Onkel“ Saul, der vom zu Scientology abgewanderten jüdischen Regisseur Jon Turteltaub äußerst liebenswürdig, aber auch ein wenig entscheidungsschwach und im Ernstfall für Lucy wenig hilfreich gezeichnet wird. Der Subtext ist nicht schwer herauszulesen.
Lucy muss sich letztlich selbst aus der Verstrickung befreien, in die sie mehr oder weniger umständehalber hineingeraten ist, und das schafft sie mit einem Charme, den man Sandra Bullock eben abkauft, und nur deswegen funktioniert dieser Film mit seiner überdehnten Vorweihnachtsstimmung, dem grässlich buntdekorierten Haus der Gallaghers (leider haben solche Filme auch hierzulande die Realität insofern beeinflusst, dass die Geschmacksverirrungen, die man um die jetzige Jahreszeit an den Außenfronten von Häusern besichtigen kann, immer schlimmer werden – der protzige Weihnachtsschmuck als neues Statussymbol neben dem überdimensionierten SUV). Ebenso zum Kitsch-Eindruck trägt der ausdrucksarme, aber ständig überpräsente Score des Films von Randy Edelman bei. Der Film ist ein typisches buntes Weihnachtsbonbon der Clinton-Ära, in der wieder alles möglich schien, auch solche unmöglichen Handlungen wie die von „Während du schliefst“. Natürlich ist er auch eine klassische romantische Komödie, wie sie zu allen Zeiten mit mehr oder weniger Witz gefilmt wurden.
Vor allem aber oftmals mit mehr Witz, wenn sie in Richtung Screwball tendierten. Taten sie dies, erforderten sie aber andere weibliche Hauptfiguren: selbstbewusster, wortgewaltiger, nicht vorrangig mit diesem Appeal, dass man sie am liebsten in die Arme nehmen und beschützen möchte, sondern dass man sich dadurch an sie annähern könnte, dass man ihnen Paroli bieten kann. Das wiederum würde erfordern, dass man so gut mit deren Temperament klarkommt wie es in der klassischen Hollywood-Ära Cary Grant oder Clark Gable, mit unterschiedlichen Akzenten, konnten. Lucy ist aber anders. Sie ist nicht Teil einer Welt, von der jeder Zuschauer weiß, dass sie nicht die seine ist, sondern dass es sie nur in Filmstudios gibt, sondern sie ist ein Teil von uns, und wir applaudieren nicht ihren verrückten Ideen und kühnen Wortkaskaden, sondern lieben sie für ihre Zweifel und ihre tapfere Alltagsbewältigung als Single Heart in einer großen, windigen Stadt. Der Vertrag mit dem Zuschauer, der auf dieser Figur basiert, ist viel enger mit dessen eigenem Leben verknüpft, als das noch in funkelnden Komödien wie „Harry und Sally“ der Fall war und geht mehr in die Richtung, die mit „Schlaflos in Seattle“ eingeschlagen wurden, dem sozusagen titelmäßigen Gegenstück zu „Während du schliefst“ und natürlich mit dem anderen Sweetheart der 1990er, Meg Ryan, in der weiblichen Hauptrolle.
Finale
In mancher Hinsicht ist dieser Film flach und wenig attraktiv, und ob die Chemie zwischen Bill Pullman, der den Jack spielt, und Sandra Bullock wirklich so toll ist, wie manche Kritiker behaupten (der Film hat immerhin einen 80 %-Zuspruch auf Rotten Tomatoes und 67/100 bei der allgemein punktemäßig etwas unterhalb der Tomaten angesiedelten Kritikensammlung „Metascore“), aber die bewertenden Nutzer der IMDb kommen der Sache mit 66/100 schon recht nah. Wir hatten zusätzlich das kleine Problem, dass wir diesen allzu seifigen Typ nicht besonders mögen, den Peter Gallagher als Peter Callahan hier verkörpert – letztlich wird er ja auch als der Bruder mit der geringeren inneren Substanz gegenüber Jack dargestellt.
Die gesamte Handlung ist eine typische Konstruktion, die heute zu Recht vom Disney Channel auf die Bildschirme gebracht wird, denn es handelt sich eben um ein Märchen, allerdings ohne die grausamen Momente, die klassische Märchen oft beinhalten und die in den großen Zeichentrick-Langfilmen von Disney dafür sorgen, dass diese eben nicht so kitschig und süßlich wirken wie z. B. „Während du schliefst“. Ein wenig Ironie gibt es aber doch, und die rettet, neben Sandra Bullock, dieses Werk wenigstens auf die 60/100, die wir dafür vergeben.
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)
(1), kursiv, tabellarisch. Wikipedia
| Regie | Jon Turteltaub |
|---|---|
| Drehbuch | Daniel G. Sullivan, Fredric LeBow |
| Produktion | Steve Barron, Arthur M. Sarkissian |
| Musik | Randy Edelman |
| Kamera | Phedon Papamichael |
| Schnitt | Bruce Green |
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