Die schleichende Erwärmung der Weltmeere (Statista + Kommentar) +++ Welche Länder wollen bis wann klimaneutral sein? | Briefing 204 | Wirtschaft, Klima-Energie-Report 29

Briefing 204 | KER, Wirtschaft, Klimaneutralität, Erwärmung der Weltmeere

In einigen Bundesländern ist heute Feiertag, herzlichen Gruß an unsere Freund:innen, die davon profitieren. In Berlin ist kein Feiertag. Wir machen einen Klimatag, es wird wieder einmal Zeit.

Wir hatten es in früheren Artikel bereits erwähnt: Dass der Klimawandel nicht noch härter zuschlägt, liegt auch daran, dass die Weltmeere sich nicht so schnell erwärmen wie die Landmassen, und die Meere machen immerhin 70 Prozent der Erdoberfläche aus. Aber auch in den Ozeanen steigen die Temperaturen, wie die folgende Statista-Grafik ausweist:

Infografik: Die schleichende Erwärmung der Weltmeere | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

2022 lag die Durchschnittstemperatur der Weltmeere 0,67 Grad Celsius über dem Mittel des 20. Jahrhunderts. Das zeigen Daten der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA). Zwischen 1850 und 2022 sei die Oberflächentemperatur der Ozeane zudem rund 0,04 Grad Celsius pro Jahrzehnt angestiegen, der Anstieg der Erdoberflächentemperatur stieg im selben Zeitraum jedes Jahrzehnt um etwa 0,09 Grad Celsius an.

Wie unsere Grafik zeigt, steigt die Abweichung der Durchschnittstemperatur nicht strikt linear. Dennoch lag der Wert seit 1975 nicht mehr unter dem Jahrhundertmittel, ein Aufwärtstrend ist deutlich erkennbar. Das Jahr mit der größten Abweichung war das Jahr 2016, in dem die gemessenen Oberflächentemperatur der Weltmeere um 0,79 Grad Celsius über dem angegebenen Durchschnitt lagen.

Die Datengrundlage für die Erhebungen der NOAA stellt das International Comprehensive Ocean-Atmosphere Data Set (ICOADS) dar, das sich aus einer Vielzahl von Datenquellen speist. In früheren Versionen wurden neben Daten von Bojen, Schiffen und anderen Meeresplattformen auch Satellitendaten ausgewertet. Letztere finden in den neueren ICOADS-Versionen aufgrund von Unstimmigkeiten keine Anwendung mehr. Als weitere Einschränkung führt die NOAA an, dass Daten ab den 1940er Jahren aufgrund des technologischen Fortschritts in den Messverfahren verlässlicher seien als Daten aus dem frühen 20. und späten 19. Jahrhundert.

Die Erwärmung der Meere ist ein Resultat des Klimawandels, der unter anderem durch den Ausstoß von Treibhausgasen, die Abholzung der Regenwälder und den Fokus auf die Nutzung fossiler Energieträger begünstigt wird. Steigende Meerestemperaturen führen unter anderem zu mehr Verdunstung, was wiederum starke Regenfälle und andere extreme Wetterereignisse wie Überflutungen begünstigen kann, und zum beschleunigten Abschmelzen der Polkappen und dadurch einem Anstieg der Meeresspiegel. Zudem gefährden Temperaturanstiege und die dadurch ausgelöste Versauerung der Ozeane die Lebensräume von Meerestieren wie Fischen und Meeressäugern. Auch die für die unterseeische Artenvielfalt essenziellen Korallenriffe sind durch erhöhte Meerestemperaturen gefährdet.

Man kann es nicht oft genug schreiben: Selbst, wenn wir von heute auf morgen komplett klimaneutral würden, würde der Anstieg der Temperaturen zu Land und zu Wasser sich erst einmal fortsetzen, wenn auch verlangsamt, bis er nach einer Regenerationsphase der Atmosphäre zum Halten käme. Bis er dann sinkt, dauert es noch einmal länger. Wir sind aber weit von Klimaneutralität entfernt. Im Gegenteil, der CO2-Ausstoß nimmt weltweit wieder zu, nachdem er sich während der Corona-Pandemie leicht abgeschwächt hatte. Bisher begrenzt offenbar nur ein Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität Treibhausgasemissionen einigermaßen effizient.

Gearbeitet wird aber an der Quadratur des Kreises, nämlich das Wirtschaftswachstum nicht zu gefährden und doch die Schäden fürs Klima noch in Grenzen zu halten. Wir sagen voraus, dass das ohne tiefgreifende Einschnitte in unsere Wirtschaftsweise selbst dann schiefgehen wird, wenn wir in Deutschland bis zur Mitte des Jahrhunderts die Klimawende gepackt haben sollten. So lange ist das gar nicht mehr, deswegen haben wir diesen Zeitpunkt in den Blick genommen, nicht unrealistische Jahreszahlen wie 2030 oder 2038. Die Bundesregierung hat sich 2045 zum Ziel gesetzt. Klimaschutzgesetz: Klimaneutralität bis 2045 | Bundesregierung. Selbst dies ist schon ambitioniert, wenn man keine komplette Deindustrialisierung  und Stilllegung des motorisierten Verkehrs in Kauf nehmen will. Den Klima-Aktivist:innen dauert es verständlicherweise zu lange.

Laut einem Artikel von Handelsblatt haben sich einige Länder wie Guyana, Niger, Bhutan oder Kambodscha bereits zu klimaneutralen Volkswirtschaften erklärt. Diese Volkswirtschaften haben jedoch nur einen geringen Anteil an den weltweiten Emissionen. Mittlerweile haben 50 Länder bei den Vereinten Nationen angegeben, bis 2050 klimaneutral sein zu wollen. Davon gehören zwölf Länder zu den G20, wie z. B. die USA. China, das Land mit den (mit Abstand) höchsten Emissionen der Welt plant, bis 2060 kohlenstoffneutral zu wirtschaften.  Wir sind skeptisch, weil weiteres Wirtschaftswachstum in hohem Maße notwendig sein wird, um das chinesische Modell am Laufen zu erhalten und weil zu vermerken ist: Gemeint ist im Fall von China die CO2-Neutralität. Weitere Treibhausgase, wie das noch klimaschädlichere Methan, berücksichtigt das Land in seinem Klimaplan nicht. Die 20 größten Industrienationen stoßen 80 Prozent der weltweiten Treibhausgase aus.

TH


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