Briefing 215 | Wirtschaft, Gesellschaft, Wettbewerbsfähigkeit, IMD, Ranking
Die Lebensqualität in einem Land hat viele Facetten, aber es fällt schon auf, dass die Länder mit der höchsten wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit in der Regel auch als diejenigen angesehen werden, in denen Menschen das angenehmste Leben führen. Das stimmt natürlich nicht im Maßstab 1:1 und weitere Aspekte wie Rechtsstaat und Demokratie sind ebenfalls wichtig. Nicht alle wirtschaftlich herausragenden Länder finden hier die richtige Balance, aber es scheint doch so zu sein, dass in einem guten ökonomischen Umfeld mehr Menschenrechte möglich sind – zumindest prinzipiell.
So liegen die skandinavischen Länder alle in den Top 10, Dänemark führt das Ranking sogar an. Andererseits sind auch ein paar autoritäre Staaten unter den Topländern in Sachen Wettbewerbsfähigkeit zu finden, dazu einige weitere, die sich vor allem auf Kosten größerer Volkswirtschaften mästen. Die Tendenz ist dennoch, dass Demokratien es leichter haben, sich immer wieder so zu erneuern, dass sie wettbewerbsfähig bleiben. Und Deutschland? Sehen Sie selbst:
Infografik: Wettbewerbsfähigkeit: Deutschland nur auf Rang 22 | Statista

Wie wettbewerbsfähig ist Deutschland, fragte der Bayerische Rundfunk anlässlich des gestrigen Tages der Industrie. Eine Antwort auf diese Frage liefert das heute veröffentlichte World Competitiveness Ranking 2023 der privaten Wirtschaftshochschule IMD. Die Studie bewertet jedes Jahr Länder auf der Basis von 336 Kriterien aus vier Bereichen.
Deutschland ist hier deutlich abgestürzt und liegt nur noch auf Rang 22 (-7 Plätze). Zwar steht der Standort bei Wirtschaftsleistung (Rang 12) und Infrastruktur (14) noch relativ gut da. Ähnliches lässt sich dagegen nicht bei Effizienz der öffentlichen Hand (27) und wirtschaftliche Effizienz (29) sagen. Es war indes schonmal schlechter um die Wettbewerbsfähigkeit der Bundesrepublik bestellt, wie eine weitere Statista-Grafik zeigt.
Von der Spitze des Rankings grüßt, wie auch schon 2022, Dänemark. Dahinter folgt Irland, das sich um neun Plätze verbessert hat vor der Schweiz auf Rang drei abgerutschten Schweiz. „Alle drei sind kleine Volkswirtschaften, die ihren Zugang zu Märkten und Handelspartnern gut nutzen, wie es in der IMD-Pressemitteilung heißt.
Wir wollen Ihnen auch die oben erwähnte zweite Grafik nicht vorenthalten:
Infografik: So hat sich Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit entwickelt | Statista

Deutschland ist im diesjährigen World Competitiveness Ranking 2023 auf den 22 Platz zurückgefallen. Damit liegt der Wirtschaftsstandort einen Platz hinter China, wie der Blick auf eine weitere Statista-Grafik zeigt. Noch schlechter steht indes der Rest der Top 5 Volkswirtschaften Europas da. Liegt Großbritannien immerhin noch auf Rang 29, reicht es für Italien nur für den 41. Platz. Dazwischen sortieren sich Frankreich (33) und Spanien (36) ein.
Das jährliche Ranking der privaten Wirtschaftshochschule IMD versucht seit 35 Jahren Aussagen darüber zu treffen, wie Attraktiv Länder für Unternehmen sind. Für die Bewertung werden 365 Kriterien aus vier Bereichen herangezogen. Vergleichsweise gut ist die deutsche Platzierung bei Wirtschaftsleistung (Rang 12) und Infrastruktur (14) noch relativ gut da. Ähnliches lässt sich dagegen nicht bei Effizienz der öffentlichen Hand (27) und wirtschaftliche Effizienz (29) sagen.
Indes war es um die deutsche Wettbewerbsfähigkeit schonmal schlechter bestellt. 2006 reicht es nur für Platz 25. Und auch 2003 und 2005 waren die Ergebnisse wenig schmeichelhaft. Am besten bewerteten die IMD-Analyst:innen die Lage hierzulande im Jahr 2014 (Platz 6). Indes büßte der Standort schon ein Jahr später wieder vier Plätze ein.
Was fällt am deutschen Abschneiden auf? Dass es vermutlich in den 1990ern besser lag als zu Beginn der 2000er. Dass nicht etwa Gerhard Schröders wunderprächtiger Niedriglohnsektor 2002 zu einer schlagartigen Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit geführt hat, sondern dass der Wendepunkt im Jahr 2005 liegt, als Angela Merkel Kanzlerin wurde. Insbesondere kam Deutschland gut aus der Bankenkrise heraus und konnte sich bis auf Platz 6 steigern. Danach folgte ab 2015 allerdings eine Abwärtstendenz. Nicht verwunderlich ist, dass diese sich gerade verstärkt fortsetzt. Man hat den Eindruck, die gegenwärtige Regierung ist nicht etwa ignorant, wie die Merkel-Administration in ihren späten Jahren, sondern beschädigt die deutsche Wettbewerbsfähigkeit vorsätzlich.
Auf eines müssen wir bei solchen Vergleichen immer hinweisen: Es gibt viele unterschiedliche Ansätze und Rankings, das Panel des IMD ist einer von vielen Vergleichen. Wir vermuten allerdings, dass sich derzeit kaum ein solcher Vergleich finden lassen dürfte, der eine Verbesserung für Deutschland ausweist. Dass die anderen größeren europäischen Volkswirtschaften noch schlechter abschneiden, ebenfalls mit fallender Tendenz in den letzten Jahren, ist wenig tröstlich, denn schließlich geht es um die Performance der gesamten EU, die sich durch diese bescheidenen Plätze verschlechtert. Man zieht sich gewissermaßen gegenseitig hinunter ins unerfreuliche Mittelfeld, anstatt strategisch zu kooperieren und gemeinsame Stärken zu suchen und auszubauen. Die Synergieeffekte eines geeinten Europas werden, so scheint es, kaum noch genutzt, die Egoismen nehmen zu. Auffällig ist auch, dass Länder in der EU, die ihre eigene Währung behalten haben, erheblich besser abschneiden als jene der Eurozone. Mit einer Ausnahme: Irland, das sich einen Sonderstatus als Niedrigsteuerland, sagen wir mal, genehmigt hat und dadurch vom gemeinsamen Markt der Eurozone am meisten profitiert.
Die Schwäche der großen Volkswirtschaften Europas ist auch ein Alarmsignal für die Demokratie auf dem Kontinent. Je schlechter die Wirtschaftslage, desto mehr gewinnen populistische Strömungen an Boden und greifen die Demokratie an, die regelmäßig dann funktioniert, wenn sie ein wirtschaftliches Erfolgsmodell darstellt. Viele Menschen sind nicht in der Form in der Wolle gewirkte Demokraten, dass sie auch einen wirtschaftlichen Abstieg tolerieren, solange die Menschenrechte funktionieren. Wenn erst einmal Abstiegspanik richtig um sich greift, wird es für die Demokratie schwierig. Das hat man 2016 in den USA gesehen, als Donald Trump den Menschen erfolgreich einredete, Amerika brauche einen Neuanfang mit ihm.
Die Zahlen gaben das überhaupt nicht her, auch die USA hatten nach der Bankenkrise eine gute wirtschaftliche Entwicklung genommen. Wenn aber der Abstieg so deutlich und belegbar ist wie derzeit in Deutschland anhand der Reallöhne und industrieller Indikatoren, dann ist das gefährlich. Die Menschen hierzulande sind nicht besonders feinfühlig in Bezug auf diese Indikatoren, so scheint es jedenfalls. Nach unserer Ansicht spiegelt sich aber auch im Hochkochen anderer Themen wie der Migrationsfrage das Unbehagen über die Gesamtlage. Wenn die Bundesregierung es schafft, innerhalb nur weniger Jahre ein Rekordtief bei der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands für den Zeitraum seit 2000 zu erreichen, wird dies erhebliche langfristige Auswirkungen haben. Zwar haben die frühen 2010er gezeigt, dass man sich berappeln kann, doch man darf den Bogen nicht überspannen und wir erinnern uns gut daran, wie unbeliebt sich Deutschland seinerzeit mit seinem forcierten Exportmodell gemacht hat.
Die Krise von 2008, 2009 war weltweit, was wir gegenwärtig sehen, ist jedoch ein hausgemachter Niedergang. Selbst die europäischen Volkswirtschaften, die vom IMD als schwächer eingestuft werden als Deutschland, haben ihr Vor-Corona-BIP überschreiten können, das ist hier noch nicht der Fall und im Moment sieht es nicht so aus, als würde sich das bald ändern. Der Arbeitsmarkt wird mit viel Statistikmanipulation stabil gehalten und spiegelt Konjunkturschwächen nicht mehr so deutlich wie früher, aber der Transformationsdruck auf die Wirtschaft ist enorm, viel höher als in anderen Ländern, weil Deutschland neben den Nachwirkungen von Corona und den Auswirkungen des Ukrainekriegs auch noch Probleme mit den Klimazielen hat, die weniger CO2-intensive Volkswirtschaften in Europa nicht in dem Maße aufweisen. Wenn eine so diverse und gesellschaftlich divergente Gesellschaft wie die deutsche funktionieren soll, muss sie wettbewerbsfähig sein, daran führt nichts vorbei. Sie muss sich als Leuchtturm der Demokratie und des Wohlstands beweisen, um Menschen anzuziehen, die etwas zu Demokratie und Wohlstand beitragen können. Dann kann sie sich auch Reibungsverluste gönnen und humanitär großzügig sein, ohne dass es zu erheblichen Gerechtigkeitslücken und einem allgemeinen Substanzverlust kommt. Dies ist nicht der Fall, wenn die Leistungsfähigkeit eines Landes so torpediert wird wie gegenwärtig die hiesige von der Bundesregierung. Das kann und wird nicht lange gutgehen.
TH
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