MusicMania| Wirtschaft, Kultur, Musik, physische Tonträger, Vinyl-Schallplatten
Wir starten heute mit einem kleinen Wirtschafts- und Kulturthema, das auch einen hübsch nostalgischen Touch hat, dem Absatz von Vinyl-Schallplatten in Deutschland. Ein Revival der Plastiktronträger, die nach einigem Gebrauch so schön knarzen, aber nach Ansicht von Fans bezüglich ihrer Klangqualität jedem Digitalmedium noch immer überlegen sind, hat sich seit den 2000ern, als kaum noch Vinyl neu gepresst wurde, fast verzehnfacht.
2022 gab es einen leichten Rückgang der Absatzzahlen und anlässlich des 75. Geburtstags der Vinyl-Schallplatte fragt Statista, ob nun das Plateau erreicht sei. Wir meinen, ein Jahr Rückgang ist zu wenig, als dass man das beurteilen könnte, denn auch nach 2015 kam es zu einer Stagnation. Hingegen nahm der Umsatz während der Corona-Pandemie wieder deutlich zu und erreichte ein neues Spitzenniveau im 21. Jahrhundert. Die Annahme, dass die Menschen mehr zu Hause waren und nicht nur nebenbei, sondern als Hauptbeschäftigung Musik hörten, ist sicher nicht ganz aus der Luft gegriffen. Weiter mit dem Kommentar unterhalb der Grafik und dem Statista-Begleittext.
Infografik: So viele Vinyl-LPs werden in Deutschland verkauft | Statista
Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0 erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.
2022 wurden laut Daten des Bundesverband Musikindustrie (BVMI) in Deutschland rund 4,3 Millionen LPs verkauft. Das entspricht einem Absatzanteil von 17 Prozent innerhalb des Segments physische Tonträger, zu dem unter anderem auch CDs, MCs, Singles sowie DVDs und Blu-ray-Discs mit Musikinhalten gehören. Wie unsere Grafik zeigt, stagniert der Absatz von Vinyl seit drei Jahren auf relativ hohem Niveau.
2020 wurden beispielsweise 4,2 Millionen Einheiten abgesetzt, 2021 waren es 4,5 Millionen. Seit den 2010er Jahren erfährt das Medium, das am 21. Juni seinen 75. Geburtstag feiert, einen kleinen Boom, nachdem es Anfang der 90er zunächst von der CD abgelöst worden war. In den 80er Jahren wurde mit Vinyl-LPs jährlich umgerechnet zwischen 400 und 800 Millionen Euro umgesetzt, 2022 waren es 124 Millionen. Damit war Vinyl das einzige Subsegment der physischen Tonträger, das zwischen 2021 und 2022 ein Umsatzplus verzeichnen konnte.
Obwohl das Format in der Menge nur 17 Prozent des Markts für physische Tonträger ausmacht, ist es für rund 30 Prozent des Umsatzes in selbigem Markt verantwortlich. Der Grund dafür sind die deutlich angezogenen Preise, die unter anderem durch die geringe Anzahl an massentauglichen Vinyl-Presswerken, gestiegene Materialkosten und die Preispolitik der Major-Labels Warner, Universal und Sony beeinflusst werden.
Gegen Streamingdienstleister wie Spotify, Apple Music oder Amazon Prime Music haben jedoch weder Vinyl noch CD oder MC auch nur annähernd eine Chance. Rund 73 Prozent der 2,1 Milliarden Euro Gesamtumsatz mit Musik in Deutschland im vergangenen Jahr wurden mit Premium- oder werbefinanzierten Streaming-Angeboten erwirtschaftet, auf Vinyl entfielen sechs Prozent. Eine „Rettung“ des Segments der physischen Tonträger durch Vinyl dürfte also auch in den kommenden Jahren mehr als unwahrscheinlich sein.
Wir sind zwar noch ins Vinyl-Zeitalter hineingeboren worden, aber im Sinne unserer damals progressiven Haltung gehörten wir zu den ersten im Bekanntenkreis, die sich einen CD-Player zulegten und verfügen noch immer über eine beachtliche Sammlung von Digitaldiscs aus der Frühzeit dieser Tonträger. Diese hatten uns damals sehr fasziniert, ungeachtet der Diskussion über die Vorzüge analoger Aufnahmen und Tonträger. Diese Faszination ist längst vorbei und wir haben mittlerweile fast alle Laserdiscs auf Festplatten übertragen. Es ist uns bisher nicht passiert, dass eine CD „kaputtgeht“, was offenbar bei häufigem Abspielen durchaus vorkommen kann und schon in der Frühzeit der Laser Disc ein Thema war.
Wir streamen hauptsächlich, wenn wir unterwegs sind und haben ein paar Dateien mit Lieblingsmusik auf dem Handy. Vor allem für den Fall, dass es doch mal zu einem Internet-Loch kommt. Vinylplatten sind und bleiben etwas für Menschen, die man als Liebhaber bezeichnen kann, ähnlich wie alte Autos, mit dem Unterschied, dass diese tatsächlich betragt sind, während echte Plattensammlungen teilweise noch weiter zurückreichen, bis ins Schellack-Zeitalter, dessen Ende, wie wir oben gelesen haben, 1948 eingeläutet wurde. Ob damals auch Diskussionen darüber geführt wurden, dass Plastik klanglich schlechter ist, womöglich weniger haltbar, und die Verringerung der Abspielgeschwindigkeit von 78 Umdrehungen pro Minute auf 45 und bei den LPs dann auf 33 ebenfalls einen negativen Effekt auf das High-Fidelity-Erlebnis haben könnte?
Etwa zeitgleich mit der Einführung der Vinylplatte kam es aber zu einem entscheidenden technischen Sprung: Das direkte Pressen eines Schallplatten-Masters während einer Tonaufnahme wurde durch das Aufnehmen auf Tonband ersetzt und schlagartig wurde der Ton viel klarer – erkennbar sind frühe Aufnahmen, regelmäßig noch in Mono ausgeführt, u. a. daran, dass durch die viel größere Detailgenauigkeit auch das typische Rauschen früher Magnetbandaufzeichnungen hörbar wurde, das im Laufe der 1950er ebenfalls eliminiert werden konnte. Wenn wir heute Aufnahmen aus dieser Zeit hören, sind sie oft digital überarbeitet („remastered“), sodass sie fast klingen wie heutige Einspielungen. Puristen werden auch dazu eine kritische Einstellung haben.
Das ändert aber nichts daran, dass neues Vinyl eher ein Hobby für Spezialisten ist, als dass es eine deutliche klangtechnische Verbesserung darstellt, die Normalhörer wahrnehmen können. Die meisten Menschen sind, wie zu allen Zeiten, Musikkonsumenten, zu denen das Streaming als einfachste Art, Musik aufs Ohr, besonders auf mobile Geräte, zu geben, am besten passt.
TH
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