Arbeitsmoral der Generation Z? (Umfrage + Kommentar) | Briefing 220 | Wirtschaft, Gesellschaft

Briefing 220 | Wirtschaft, Arbeitszeit, Arbeitsmoral, Generation Z, Thomas de Maizière, Kirchentag

Es ist nur  eine zeitliche Koinzidenz. Gerade heute haben wir eine Mail an eine Freundin geschrieben, in der es zum die Haltung der Generation Z geht. Um die „Work-Life-Balance“, aber auch um eine Mischung aus Arroganz und Kompetenzlosigkeit, die den Älteren übel aufzustoßen scheint.

Als wir die Mail verfasst hatten, hatten wir noch nicht in den Civey-Begleittext zu dieser Umfrage geschaut:

Civey-Umfrage: Wie bewerten Sie die Arbeitsmoral der sogenannten „Generation Z” (in etwa zwischen 1997 und 2010 Geborene)? – Civey

Erklärungstext aus dem Civey-Newsletter:

Ex-Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hat kürzlich in seiner neuen Funktion als Präsident des Evangelischen Kirchentags die junge Generation kritisiert. Die Anspruchshaltung der 20- bis 30-Jährigen gehe ihm „gegen den Strich”, sagte er in einem Interview mit der ZEIT. Den Begriff „Work-Life-Balance” nannte er „abstrus”. „Am siebten Tage sollst du ruhen, heißt es in der Bibel. Das bedeutet ein Verhältnis von sechs zu eins. Und nicht, dass die Freizeit überwiegt”, begründete er.

 De Maizière kritisierte auch diskutierte Konzepte wie die Vier-Tage-Woche oder eine Abkehr von der 40-Stunden-Woche. Mit seinen Seitenhieben gegen die Generation Z stieß der 69-jährige Präsident des Evangelischen Kirchentags auf Kritik. Saskia Esken, SPD-Parteivorsitzende, verteidigte die Arbeitsmoral der Generation Z in der Talkrunde bei Lanz. „Unser Arbeitsmarkt muss sich darauf einrichten, mehr Flexibilität anzubieten und mehr auf die Bedürfnisse von Beschäftigten einzugehen“, sagte sie.

Simon Schnetzer, Jugendforscher und Co-Autor der Jugendstudie 2023, zog aus seiner Arbeit ähnliche Schlüsse. In einem Interview mit Watson merkte er an, dass es Älteren leicht fallen würde zu sagen: „Die Jungen haben keine Lust auf Arbeit”. Seiner Auffassung nach wolle die Gen Z lediglich anders arbeiten.

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, also am besten ganz vorne. Wir glauben nicht, dass Thomas de Maizière wirklich jemals 6:1 gearbeitet hat, sondern eher seine Mitarbeitenden hat arbeiten lassen. Aber für Politiker ist ja auch jedes feuchtfröhliche Bankett schweißtreibende Arbeit.

Er fordert übrigens auch mehr als die 40-Stunden-Woche, lehnt ein Recht auf Homeoffice ab und die Rente später als mit 67? Na klar. Da werden sich diejenigen, die am Ende 50 Jahre werden arbeiten müssen, freuen. Der Generationenclash geht aber viel tiefer, als dass hier ein mittlerweile älterer Mann mit Rezepten von vorgestern gehen die Probleme von heute und morgen angehen will.

Wo sollen denn die ganzen Arbeitsstunden herkommen, die so viele Menschen in Vollzeitarbeit bringen sollen, wie er es sich vorstellt? Im Gegenteil, die Vier-Tage-Woche ist durchaus diskussionsfähig und die Bibel als Beispiel ist absurd. Schon im Mittelalter haben die Menschen weitaus weniger Arbeitsstunden gehabt, als heute vielfach angenommen werden, und da waren sie noch sehr fromm.

Erst die industrielle Revolution mit ihrem ungezügelten Kapitalismus hat zu den Extrem-Arbeitszeiten von bis zu 14 Stunden pro Tag und sechs Tage in der Woche geführt, die offenbar einige Politiker:innen gerne wieder hätten. Das war eine ganz und gar unchristliche, maßlos ausbeuterische Zeit, in der es den meisten Menschen richtig schlecht ging.

Die Sache mit er Anspruchshaltung liegt auf einer anderen Ebene: Was wollen die 68er heute eigentlich? Sie haben ihre Kinder antiautoritär erzogen und die haben es in Form von Luschigkeit und maximaler Respektlosigkeit an ihre Kinder weitergegeben, weil die 68er es versäumt haben, den Hintergrund für ihre Haltung richtig zu erläutern. Auch diese Generation war schon ziemlich bequem. Wir erleben auch im Alltag, dass junge Menschen ziemlich präpotent daherkommen, aber zum einen ist es nicht ihr quasi altersbedingtes Privileg, zum anderen sind es in jeder Generation, selbst in Krawall-Berlin, keine Mehrheiten in jeder Generation, die negativ auffallen.

Wirkliche Sorgen machen wir uns über die Bildungssituation. Da geschieht schon so lange viel zu wenig, dass man meinen könnte, es sei politisch erwünscht, dass die Menschen immer dümmer werden. Erst wenige Tage ist die Nachricht alt, dass 25 Prozent aller Viertklässler:innen nicht richtig lesen und schreiben können. Der höchste je gemessene Wert seit dem Beginn der Evaluierung des Bildungsniveaus. Es gibt auch gute V-Theoretiker, die eine Absicht dahinter durchaus in ihre Version von geschlossenem System einordnen können, etwa so: Die Eliten wollen keine gebildeten Bürger:innen, weil diese viel zu gerne in den Widerstand gehen, wenn sie zu sehr in ihren Rechten beschnitten uns ausgebeutet werden.

Ihre eigenen Kinder können die Eliten sowieso auf jedwede noch so teure Privatschule schicken. Ist da etwas dran? Wenn man sich anschaut, wie die staatliche Infrastruktur heruntergeritten und das Potenzial vieler Menschen liegengelassen wird, muss man das nicht für glatten Humbug halten.

Und da liegt ein Haken für die Zukunft. Kann die Generation Z und können die ihr nachfolgenden jungen Menschen, wenigstens mithilfe der KI, noch die Qualitätsmaßstäbe aufrechterhalten, die früher einmal galten? Die wir noch erlebt haben? Wir fürchten, das wird schwierig werden. Man sieht es fast überall dort, wo Präzision und Exzellenz gefragt sind, dass ein Mangel an fähigen Mitarbeitenden aller Generationen herrscht. Jetzt schon. Ist das die Schuld der Generation Z? Ganz sicher nicht, denn mittlerweile gilt als erwiesen, dass das Huhn zuerst da war. Es ist ein Mangel an Respekt der Politik der Alten den jüngeren Menschen gegenüber, und dafür ist Thomas de Maizière, der offenbar für sich in Anspruch nimmt, besonders christlich zu denken, womit er eine rudimentäre Form von Bibelfestigkeit zu meinen scheint, ein Beispiel.

Es gibt also nicht nur ein Anspruchsdenken der Generation Z, sondern auch von Politiker:innen dieser Generation gegenüber, die während ihrer aktiven Zeit dazu beigetragen haben, dass wir heute in der Wirtschaft und Gesellschaft zahlreiche Mangelerscheinungen zu beklagen haben. Wir kennen sie als die Epoche der Bequemlichkeit, als Probleme ausgesessen wurden und in der Thomas de Maizière Innenminister der Regierung Merkel war (2009 bis 2011, 2013 bis 2018).

Wir haben trotz unseres Ärgers über die Einlassungen von de Maizière mit „unentschieden“ gestimmt. Es existiert schon eine Anspruchshaltung, die möglicherweise nicht immer durch Kompetenz gedeckt ist, aber auch Fehler im System sind zu benennen. Sie haben diese Haltung maßgeblich befördert. Dieses System wurde von jenen in den heutigen Zustand versetzt, die sich jetzt so über die Gen Z echauffieren. Aber anstatt, dass man gemeinsam versucht, die Karre aus dem Dreck zu kriegen, wird die Schuld weitergereicht. Im Falle der erwähnten 68er hatte das wenigstens noch Sinn ergeben, weil sie mit Recht ihre Altvorderen fragen durften, wie diese sich während der Nazizeit verhalten haben.

Aber dass die Älteren von heute, die den ganzen wirtschaftlich-gesellschaftlichen Mist verbockt haben, der uns jedes Jahr ein bisschen mehr um die Ohren fliegt, heute die Jüngeren bashen, ist schon nahe an der Unerträglichkeit. Leute wie de Maizière haben das neoliberal-bildungsferne Gepräge der heutigen BRD mitgestaltet, in dem niemand mehr richtig lernen darf und in dem Arbeiten für viele keine Erfüllung mehr bedeuten kann. Doch anstatt etwas bescheidener und gemäß dem Sinn eines Kirchentages versöhnlich aufzutreten, haut er in eine Kerbe, die er selbst mit geschlagen hat. Damit sie noch tiefer wird. Ja, so generiert man ein Absteigerland.

TH


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