500 Tage Ukraine-Krieg: Das Ausmaß der Zerstörung (an Wohngebäuden) (Statista + Kommentar) | Briefing 239 | Geopolitik, Wirtschaft

Briefing 239 | Geopolitik, Russland-Ukraine-Krieg, Zerstörung von Wohngebäuden, Tod von Zivilist:innen

500 Tage dauerte vorgestern der Krieg in der Ukraine also, die Schäden hat Statista in einer Grafik dargestellt, soweit sie Wohngebäude betreffen. Die Schäden an der gesamten Infrastruktur sind noch deutlich höher.

500 Tage Ukraine-Krieg: Das Ausmaß der Zerstörung

 

Mit rund 54 Milliarden US-Dollar (Stand: Mai 2023) beziffert das ukrainische KSE-Institut die durch den völkerrechtswidrigen Angriff Russlands entstandenen Schäden an Wohngebäuden in der Ukraine. Das entspricht mehr als einem Drittel der gesamten Schäden an Infrastruktur und Gebäuden des Landes. Die durch die Sprengung des Kachowka-Staudamms verursachte Zerstörung im Gebiet des Fluss Dnipro ist dabei noch nicht in den Schätzungen enthalten.

Laut den Expert:innen beträgt Gesamtzahl der beschädigten Wohneinheiten im Juni mehr als 163.000. Die Gesamtfläche der beschädigten oder zerstörten Einrichtungen entspricht etwa 87 Millionen Quadratmetern – das sind 8,6 % des gesamten Wohnungsbestandes der Ukraine.

Die am stärksten betroffenen Gebiete sind die Oblaste an der östlichen Grenze: Donetsk, Luhansk Charkiw und die Region um die Hauptstadt Kiew. Laut KSE wurden im Oblast Donetsk 40 Prozent aller Wohngebäude zerstört. Auf Städteebene fällt das Ausmaß der Zerstörung teilweise noch gravierender aus. Mariupol, Charkiw, Bachmut oder Sjewjerodonezk gehören beispielsweise zu den Orten mit der höchsten Anzahl an beschädigten Wohneinheiten. Nach vorläufigen Schätzungen wurden 90 Prozent des Wohnungsbestandes in Sjewjerodonezk (Region Luhansk) beschädigt, während es in Städten wie Bachmut quasi keine unbeschädigten Gebäude mehr gibt.

Die fortlaufende Zerstörung von Wohnraum in der Ukraine zwingt viele Einwohner:innen zur Flucht. Seit Beginn des Krieges vor etwas mehr als 500 Tagen, sind rund 6,3 Millionen Menschen aus dem Land geflohen, weitere sechs Millionen Vertriebene sind im Inland verblieben.

Um dies vorwegzunehmen. Sofern die Angaben über die Zahl der zerstörten Wohneinheiten realistisch sind, wirkt die Schätzung der Schadenssumme ziemlich hoch. Wir können uns kaum vorstellen, dass eine Wohnung in der Ukraine durchschnittlich 330.000 Dollar, also ca. 300.000 Euro, wert ist, dabei sind wir von einer Totalzerstörung, nicht nur von einer Beschädigung, die Instandsetzung ermöglicht, ausgegangen. Solche Wohnungs-Durchschnittspreise sind eher in Westeuropa mit seinem Vielfachen an Pro-Kopf-BIP üblich.

Eine weitere Zahl bekommen wir nicht auf die Reihe: 87 Millionen Quadratmeter / 163.000 Einheiten = 533 m² pro Einheit. Selbst, wenn man die gesamte Nutz- und sonstige Nichtwohnfläche abzieht, wären die Wohnungen in der Ukraine wirklich riesig. Dann wäre allerdings auch ein Preis von 300.000 Euro pro Stück selbst in einem wirtschaftlich schwachen Land nachvollziehbar.

Außerdem wären 163.000 Einheiten, bei aller Trauer um beschädigtes Eigentum, überraschend wenig, für 500 Tage mit Horrormeldungen aus vielen Regionen der Ukraine käme man auf 300 zerstörte oder beschädigte Wohnungen pro Tag. Freilich, diese Sichtweise ist auch ein wenig geprägt von dem Ausmaß der Zerstörung Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Aber zum Vergleich: Berlin allein verfügt über etwa 2,0 Millionen Wohneinheiten. Ohne Kommentierung eine weitere Größe: Bisher sollen im Ukrainekrieg etwa 90.000 Zivilist:innen ums Leben gekommen sein.

Rechnet man nun 87 Millionen Quadratmeter zerstören Wohnraum mit 8,6 Prozent des Gesamtbestandes an, wie oben nachzulesen, kommt man auf etwa eine Milliarde Quadratmeter Wohnraum in der gesamten Ukraine. Das wären pro Einwohner:in, wie die Ukraine sie vor dem Krieg hatte (etwa 44 Millionen) auf etwa 23 Quadratmeter pro Person. Das halten wir für angesichts der nicht sehr großzügigen wirtschaftlichen Verhältnisse in dem Land nicht für unrealistisch. Auch hier wieder der Vergleich mit Berlin, wo eine Person auf knapp 40 Quadratmeter an Wohnfläche kommt; in Deutschland ist das allerdings ein relativ geringer Wert. Wir hatten einen noch geringeren im Kopf, möglicherweise gibt es andere als die von Statista verwendeten Berechnungsmethoden:

Wohnfläche je Einwohner in Berlin bis 2021 | Statista

Wären die 87 Millionen m² zerstörter oder beschädigter Wohnraum in der Ukraine teilweise Nichtwohnfläche in Wohngebäuden, würden die Ukrainer:innen sogar ausgesprochen klein wohnen.

Wir entschuldigen uns trotz des schrecklichen Krieges nicht dafür, dass wir mal kurz überschlagen, ob die Daten plausibel sind, die aus der Ukraine selbst angeliefert werden. Das ist auch unser Job als Auswerter von Informationen für unsere Leser:innen, den wir als Menschen mit ein paar Immobilien-Grundkenntnissen in diesem Fall relativ leicht erledigen können. Sind also die Angaben realistisch? Teilweise, falls die Grundangaben stimmen und alles richtig übernommen wurde.

Der Wiederaufbau der Ukraine wurde kürzlich als das größte Programm dieser Art in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet und wäre vor allem eine Sache der EU. Offenbar hat man sich das folgendermaßen aufgeteilt: Die USA liefern mit Abstand die meisten Waffen und deren Rüstungsindustrie profitiert davon, die Unternehmen der EU, die, als Institution und die einzelnen Länder zusammengenommen, mindestens ähnlich stark unterstützt, dürfen an der Wiedererrichtung der zivilen Infrastruktur verdienen, inklusive der Modernisierung eines maroden Landes, die damit einhergehen wird.

Die Toten werden sie aber nicht wieder zum Leben erwecken, und das ist der Knackpunkt, warum Krieg zwar ein gutes Geschäft ist, besonders, wenn man bei den Schadenkennziffern nicht zu kleinmütig operiert, aber leider immer unschuldige Menschen dabei sterben. Sie sind sozusagen sie Systemerhaltungs-Kollateralschäden. Aus hiesiger Sicht kann man nur hoffe, dass das System sich nicht schon bald so festfährt, dass es zu seiner Erhaltung auch in Mitteleuropa neuer Kriegsopfer bedarf. Der Ukrainekrieg wäre dafür ein geeigneter Dosenöffner. Um Menschen nicht außen vor zu lassen, die eine sehr dezidierte Meinung zur Corona-Pandemie und der Übersterblichkeit der letzten Jahre haben: Es geht auch anders.

Natürlich, der Schock über den russischen Angriff hat sich mittlerweile gelegt, das ist eine unausweichliche Reaktion, denn es gibt keinen Dauerschock, aus guten biologischen Gründen. Es gibt höchstens das Koma, und in dieses sind die Menschen hierzulande in der Regel nicht verfallen und das Leben geht weiter, mit all den Problemen, die der Ukrainekrieg zusätzlich gebracht hat. Und je länger dieser Krieg andauert, obwohl es so viele Möglichkeiten gäbe, ihn zu beenden, desto mehr muss die Analyse Raum greifen und eine allzu einseitige oder eingeschränkte Sichtweise ist dabei nicht hilfreich.

Wir haben der Analyse diesen Raum zuletzt am vergangenen Sonntag eingeräumt, anlässlich von „500 Tage Ukrainekrieg“: „Chris Hedges: Sie haben über Afghanistan gelogen. Sie haben über den Irak gelogen. Und sie lügen über die Ukraine“ (Republikation + Leitkommentar) | Briefing 236 | Geopolitik, Ukrainekrieg – DER WAHLBERLINER

TH


Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar