Krankenhäuser kämpfen mit Kostenexplosion (Statista + Kurzkommentar) | Briefing 237 | Gesundheit, Wirtschaft, Gesellschaft

Briefing 237 | Gesundheitsreform, Krankenhausreform, Kosten der Gesundheitsversorgung, Vorhaltepauschalen anstatt Fallpauschalen

Wie Sie wissen, hat Karl Lauterbach wieder eine große Tat vollbracht. Die x. Gesundheitsreform (bitte das „x“ durch die richtige Zahl ersetzen, falls Sie sie wissen) ist durch und soll den Unfug der Fallpauschalen wenigstens teilweise rückgängig machen. Nebenbei werden wieder ein paar Kliniken geschlossen. Die folgende Statista-Grafik zeigt die Entwicklung der Kosten im Krankenhaussektor des Gesundheitswesens seit dem Jahr 2001.

Infografik: Krankenhäuser kämpfen mit Kostenexplosion | Statista

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz Creative Commons — Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International — CC BY-ND 4.0  erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Rund 125 Milliarden Euro an Personal- und Sachkosten (Brutto) mussten die etwa 1.700 Krankenhäuser in Deutschland 2021 stemmen. Zwei Drittel der Kosten entfallen auf das Personal, ein Drittel auf die Betriebsausstattung. Dass so viele Krankenhäuser vor der Pleite stehen, ist angesichts der rasant steigenden Kosten kaum verwunderlich. Der Anstieg der Personalkosten in den letzten zehn Jahren wird vom Statistischen Bundesamt mit rund 56,7 Prozent beziffert. Die Sachkosten sind im selben Zeitraum um knapp 50 Prozent gewachsen.

Nun hat sich die Bundesregierung auf Grundzüge einer Reform des Gesundheitswesens bezüglich der Krankenhäuser in Deutschland geeinigt. Kernziel des neuen Gesetzes ist eine Neuaufstellung der Finanzierungsstruktur der Krankenhäuser. Diese wurden bisher vor allem über sogenannte Fallpauschalen finanziert, die nun durch Vorhaltepauschalen abgelöst werden, damit Operationen nicht vorrangig aus ökonomischen Gründen durchgeführt werden. Ferner soll auch nicht jedes Krankenhaus alle Eingriffe anbieten, sondern Spezialisten-Zentren gebildet werden. Die Reform bedeutet allerdings im Umkehrschluss auch das Aus für einige Kliniken in Deutschland. Im Januar 2024 soll das Gesetz in Kraft treten, bis dahin wird die Ampel-Regierung wohl noch über Detailfragen verhandeln müssen.

Wir mögen es ja auch, die Daten immer so darzustellen, wie sie uns am besten frommen. Scherz beiseite, es ist gut, dass das Jahr 2001 auch noch abgebildet ist. Besonders während der für die Klinikbeschäftigten sehr mageren Jahre zwischen 2001 und 2011 sind nämlich die Sachkosten erheblich stärker gestiegen als die Personalkosten, und selbst, wenn man die letzten 20 Jahre (bzw. Jahre 2011 bis 2021) insgesamt vergleicht, überwiegt die Sachkostensteigerung bei weitem: 162 Prozent gegenüber 116 Prozent bei den Personalkosten. Dass in letzter Zeit die Menschen, die in den Kliniken um das Leben anderer Menschen kämpfen, etwas obenauf bekommen haben, ist absolut gerechtfertigt gewesen und wurde teilweise erst nach harten Arbeitskämpfen erzielt. Diese Kämpfe sind im medizinischen Bereich immer besonders diffizil, weil zwischen der Aufrechterhaltung der Gesundheitsversorgung und dem Kampf für bessere Arbeitsbedingungen ein so erhebliches Dilemma besteht wie auf keinem anderen Tätigkeitsfeld.

Was die Klinikschließungen angeht: War es nicht Karl Lauterbach, der kürzlich angesichts von AfD-Erfolgen getwittert hat, die Politik müsse die Menschen mehr mitnehmen? Vermutlich hat er damit nicht sich selbst gemeint, denn mehr kommunizieren als er kann man zumindest nicht. Aber wenn „in der Fläche“, wie es so schön heißt, wieder Kliniken schließen müssen und die Grundversorgung auf dem Land weiter abnimmt, ist der Anspruch auf bessere Infrastruktur für alle wieder einmal verfehlt worden.

Die Vorhaltepauschalen könnten nur Kliniken erhalten, die auch entsprechende Qualitätskriterien erfüllten, betonte Lauterbach. Kleine Kliniken könnten sich damit darauf konzentrieren, was sie gut leisten könnten. 

Die Evaluierung der Qualität im Krankenhausbereich ist selbst wieder eine schwierige Angelegenheit, weil sie Bereichen abgeschaut wurde, in denen es weniger viele weiche Faktoren gibt als bei der medizinischen Versorgung. Die Messung mit nur objektiven Faktoren wie der Ausstattung oder der formalen Reputation der Ärzt:innen oder gar der Messung von Erfolgsquoten bei Eingriffen ist ein schwieriges Verfahren, wenn subjektive Elemente, die das Patient:innenwohl beeinflussen, eine Rolle spielen.

Mit den „kleinen Kliniken“ ist sicher auch eine Klinik wie jene gemeint, die wir im vergangenen Jahr aufsuchen mussten und die auf minimalinvasive Chirurgie spezialisiert ist und die ganz eindeutig hocheffizient und vermutlich auch gewinnbringend arbeitet. Das ist bei Spezialisierung dieser Art auch viel besser möglich als dann, wenn man in der Grundversorgung ein breites Spektrum an möglichen Erkrankungen abdecken und dabei die Balance zwischen Qualität und Kosten wahren muss. Spezialkliniken der benannten Art sind wiederum in Städten anzutreffen, wo sich der Betrieb lohnt.

Kleinere Landkrankenhäuser sind also nicht gemeint, die vor allem für die Erstversorgung enorm wichtig sind, aber natürlich nicht in jedem Bereich top ausgestattet und besetzt sein können. Dabei ist deren Spezialität es ja gerade, Menschen sofort und in allen Notlagen helfen zu können, manchmal auch nur, bis sie in eine größere oder fachlich spezialisierte Klinik verlegt werden.

TH


Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar