Crimetime 1156 – Titelfoto © SR, Wolfgang Klauke
Menschenhandel 1.0
Reise ins Nichts ist der Titel der insgesamt 15. Tatort-Folge mit Kriminalhauptkommissar Max Palu (Jochen Senf). Die 520. Tatort-Folge wurde am 29. Dezember 2002 im Ersten erstmals ausgestrahlt. Es geht um den Tod zweier afghanischer Flüchtlinge und die Verwicklung einer Spedition in den Fall von Menschenschmuggel.
Wo gerade wieder von einer Verschärfung des Asylrechts die Rede ist, wegen des zunehmenden Flüchtlingsstroms aus dem Syrienkrieg: Sicher der richtige Zeitpunkt zur Wiederholung eines zwölf Jahre alten Tatorts, der uns zeigt, dass die Reise manchmal nicht nach England, sondern ins Nichts führt. Schlepper machen Geschäfte, Menschen werden wie Tiere transportiert, manchmal kommt es zu Zwischenfällen und aus einer anonymen Masse, von der wir nichts mitbekommen, treten Einzelschicksale, die alle Beteiligten, auch die Polizisten, betroffen zurücklassen.
Anmerkung anlässlich der Veröffentlichung 2023: Man sieht es immer erst am Ende, wo wir erwähnen, wann eine Rezension nicht nur veröffentlicht wurde, sondern auch, wann der Entwurf entstand: In diesem Fall im Jahr 2014,noch vor dem „Wir können das“ von Angela Merkel im August 2015, lange vor der Debatte um die Flucht nach Europa, die im Moment tobt. Wir schauen deshalb im Originaltext weiter nach aktuellen Bezügen. Unzweifelhaft dürfte dieser Saar-Tatort aber einer der ersten gewesen sein, der die immer noch aktuellen Elemente der Fluchtdramen aufgriff, als er 2002 erschien. In den 2010ern enstanden mehrere Tatorte zum Thema. Alles Weitere steht in der –> Rezension.
Handlung
In Saarbrücken werden zwei Afghanen ermordet aufgefunden. Sie gehören zu einer Gruppe illegaler Flüchtlinge, die kurze Zeit später im deutsch-französischen Grenzgebiet entdeckt wird. Eigentlich wollte die Gruppe nach England, doch offenbar ist während des Transports etwas schief gelaufen, und so sind die verängstigten Menschen von ihren Schleppern im Saarland ausgesetzt worden. Durch Khandi, einem jungen Mädchen, das ebenfalls zu der Gruppe gehört, und das die Morde beobachtet hat, kommt Kommissar Palu auf die Spur der Spedition Hallmeier, die nicht nur diesen Transport organisiert und durchgeführt hat. Sehr bald merkt Palu, dass Habib, ein afghanischer Asylant, den er als Dolmetscher hinzugezogen hat, in dem Fall eine äußerst zwielichtige Rolle spielt. Denn wie sich herausstellt, ist Habib mit der Tochter von Hallmeier liiert, und die Vermutung liegt nahe, dass er in die dubiosen Geschäfte Hallmeiers verwickelt ist.
Wer die Morde an den beiden Flüchtlingen begangen hat, bleibt zunächst unklar, zumal Willi Kastenholz, der Fahrer des LKWs, mit dem die Flüchtlinge transportiert worden sind, verschwunden ist. Der nämlich wollte nach dem Vorfall aussteigen und setzte Hallmeier mit seinem Wissen unter Druck. Doch auch Khandi gerät in größte Gefahr, nachdem Hallmeier erfährt, dass es mit ihr eine Zeugin für die Morde gibt. Während Palu plötzlich drei Morde aufzuklären hat, entschließt sich Habib, ebenfalls nicht länger für Hallmeier zu arbeiten und seinen Landsleuten zu helfen. Hallmeier versucht die Rettungsaktion zu verhindern. Auf einer Waldlichtung kommt es zum entscheidenden Showdown…
Rezension
Hartmut Griesmayr, der „Reise ins Nichts“ inszeniert hat, ist einer der Regisseure mit der größten Tatorterfahrung (mit 26 inszenierten Tatorten hält er sogar den Rekord, Anmerkung 2023) und kann außerdem den Südwesten gut ins Bild setzen – er hat ja auch viele Bienzles gedreht. Der Stil ist in diesem Fall ähnlich: konservativ, etwas behäbig, die Handlung nicht frei von Schnitzern, aber dafür wird den Charakteren Zeit gewidmet und das Lokalkolorit kommt sehr gut rüber.
„Aufsteigend“ steht am Rand der Autobahn, als der Lkw die saarländische Grenze überquert, mit den vielen eingepferchten Menschen drin. Das große Plakat weist auf jene Zeit hin, als das Saarland tatsächlich für einige Jahre besser performt hatte als der Bundesdurchschnitt. Wirtschaftlich gesehen. Alles längst Geschichte, wie kleines, rundliches Palü samt Deininger, der in diesem Film noch schlank ist, mittlerweile aber trotz mehr Gewicht durch Stellbrink ersetzt wurde, dieser wiederum durch Hölzer und Schürk (Ergänzung 2023). Aber wir wissen, das gute saarländische Essen hinterlässt Spuren, und demgemäß ist später, im Verein mit Kappl aus Bayern, auch Deininger gewichtiger geworden. Schon das wirkt irgendwie authentisch, zudem stammt Gregor Weber (Deininger) wirklich aus dem Saarland und Jochen Senf zwar aus Frankfurt am Main, aber hat in Saarbrücken Schauspiel studiert und blieb anschließend im Saarland.
Insofern ist der Dialekt, den hier insbesondere Deininger und Frau Braun sprechen, nicht aufgesetzt, wie jemand beim Tatort-Fundus schrieb, sondern lediglich ein wenig geliftet, damit die typisch saarländische, undeutliche Aussprache, die sich zu den Regionalausdrücken gesellt, allgemeinverständlich wird. Um das Saarland zu zeigen, wird viel Liebe in die Details dieses Tatorts gesteckt. Die Art, miteinander zu reden, sich dabei voll am Hauptthema vorbei im Detail zu verlieren, wie Frau Braun das gerne tut (Alice Hoffmann, die mit „Heinz Becker“ bekannt wurde und dort schon mit Gregor Weber zusammen spielte, da stellte er Stefan, ihren Sohn, dar), die Wurschtigkeit, das etwas Mürrische, das Deininger so gut beherrscht, alles nach unserer Auffassung echt. Ab und zu muss man auch mal auf solche Dinge eingehen, weil das Saarland nicht so im Blickfeld steht wie die Gegenden in Deutschland, in denen immer was los ist und die häufig in den Schlagzeilen sind. Und von wo mehr Tatorte kommen.
Wenn also ein Regisseur dafür sorgt, dass im Fahrerhaus des LKW der Spedition Hallmeier Devotionalien des 1. FC Saarbrücken zu finden sind, der heute nur noch viertklassig spielt (2023: drittklassig), wenn man noch Werbung mit den schönsten Plätzen des Landes betreibt, das Präsidium also gegenüber vom Saarbrücker Schloss liegt und nicht in einem ausgedienten Industriegelände und ganz viele kleine Einlagen mit Essen vorkommen, ist das zwar leicht übertrieben, besonders die Knabberszene beim Staatsanwalt, aber es wirkt insgesamt stimmig.
Der Humor hingegen ist gewöhnungsbedürftig. Sehr hintergründig und auch manchmal hinterfotzig, in einer Weise, die nicht überall im Land verstanden wird – den Berlinern liegt das Angedeutete gar nicht. Dabei ist dieses Angedeutete manchmal schärfer und leider auch hartherziger als das alltägliche Pöbeln in der Hauptstadt. Aus besonders banal klingenden Bemerkungen, manchmal auch nur aus der Tonlage, scheinen philosophische Matrizen hindurch. Das merkt man nur, wenn man die Mentalität ein wenig kennt, die dahinter steckt, die einerseits provinziell, andererseits aber auch sehr pragmatisch und auf eine reizend unprätentiöse Art lebensfreudig. Mit einem gewissen savoir vivre verbunden ist, das sich tatsächlich in überdurchschnittlicher Wertschätzung des Kulinarischen ausdrückt.
Das Nebensächliche ist wichtig, doch immerhin verlieren die Ermittler nich durch Handlungselemente, die ihr Privatleben betreffen, komplett aus den Augen. Allerdings ist das Ende schon beinahe modern, weil nicht affirmativ: Die Flüchtlinge, welche die Polizei mit viel Einsatz aus den Händen der Schlepper gerettet hat, werden wohl in ihr Herkunftsland zurückgeschickt werden. Wer den Film „Welcome“ kennt, der auf der Berlinale 2010 gezeigt wurde, der kennt auch die Innensicht, ist sozusagen mit den Flüchtlingen im Lastwagen eingepfercht und erlebt das Drama mit, das entstehen kann, wenn es mit dem Übersetzen nach England nicht klappt wie geplant. Und es läuft meist über Calais, wie im Tatort Nr. 520 angedeutet. Der Film schafft es, diese Schicksale lebendig werden zu lassen und bedient sich dabei eines verschüchterten Kindes als Figur, die sofort den Beschützerinstinkt auslöst – ohne dass man es zu melodramatisch werden lässt. Der urige Humor steuert gegen eine zu sentimentale Stimmung.
Die Handlung hingegen fängt schon etwas seltsam an. Dass die im LKW eingepferchten Menschen ständig gegen die Ladewand hämmern und Fahrer Willy (Heinz Hoenig in einer Rolle, die ihn etwas unterfordert) deshalb nicht tanken kann, weil andere Leute an der Tanke aufmerksam auf den Krach werden, haben wir nicht ganz nachvollziehen können. Er hätte doch schon vorher eine Pinkelpause organisieren können, an irgendeiner kleinen Parkbucht, oder das Auto muss so ausgestattet sein, dass genügend Luft reinkommt. Dass die Menschen sich auf diese Art bemerkbar machen, ist zudem unwahrscheinlich, denn niemand fürchtet eine Entdeckung so sehr wie sie selbst. Vielleicht war es wegen des Mannes, der an Stress und schwachem Herzen verstorben war. Warum dann aber der Tod eines weiteren „Passagiers“ durch Erschießen seitens der Organisatoren des Transports unter Mitwissen des Fahrers? Die Hintergründe werden nicht aufgeklärt. Lediglich, dass der Spediteur und sein Handlanger vor Ort auftauchen, ist plausibel, weil sie Benzin dabeihaben. Trotzdem wirkt das Ganze unvorsichtig, nicht durchdacht, als ob das Schleusen damals noch in den Kinderschuhen gesteckt hätte. Schon die Tatsache, dass das Benzin so plötzlich ausgeht, dazu in einer Gegend, in der es viele Autobahnraststätten gibt, wirkt konstruiert. Immerhin wird schon ein richtiger LKW verwendet, wie es auch in späteren Tatorten zum Thema in der Regel der Fall ist.
Zudem ist Habib, der Freund der Spediteurstochter, schwierig zu erfassen. Er arbeitet nicht für den Spediteur, ist aber mit allem befasst, was in der Spedition vor sich geht und auch mit Dingen, von denen seine Freundin nichts ahnt. (Deren Darstellerin Maria Simon wurde später Kommissarin im Polizeiruf Brandenburg, und zwar im Jahr 2011. Das wussten wir aber im Jahr 2014 noch nicht, weil wir die Polizeirufe erst seit dem Jahr 2019 sichten.) Ist er doch irgendwie im Schlepperbetrieb tätig, was erklären würde, warum er seinen Bruder ausschleusen kann? Man weiß es nicht wirklich.
Um das damals noch ungewöhnliche Thema auf die Beine zu stellen, werden ein paar Unwahrscheinlichkeiten mit auf den Weg gesetzt – zum Beispiel wäre eine Autopanne der logischere Grund fürs Anhalten am Rand der Prärie gewesen, so etwas kann auch bei Lastwagen vorkommen. Dass das Speditionsauto mit der Menschenfracht nicht den ADAC rufen kann, sondern warten muss, bis die eigenen Leute kommen und sich der Sache annehmen, wäre glaubwürdiger gewesen. Den Mord an der Autobahn hätte es allerdings auch nicht erklärt.
Warum in der damals schon freizügigen EU überhaupt in Saarbrücken „umgeladen“ wird, ist ebenfalls nicht klar, denn jeder Stopp, jeder Wechsel der Menschenfracht zu einem stationären Ort und wieder zurück in ein Transportmittel birgt das Risiko der Entdeckung. Gerade im zu Beginn der 2000er noch dicht besiedelten Saarland (Anmerkung 2023: Es entsiedelt sich mit Ausnahme eines kurzen Auftrieb sim „Herbst der Geflüchteten“ 2015 weiter und hat mittlerweile weniger als eine Million Einwohner).
Logisch hingegen ist, dass die Speditionsleute hinter der einzigen Zeugin her sind und diese in ihre Gewalt bringen wollen. Dass es ihnen ebensowenig gelingt wie der Polizei, ein Auto zu verfolgen, ist zwar klassisch, aber auch ein wenig nervig und erkennbar inszeniert, um den Plot in die Länge zu ziehen und am Ende auch mehr Aktion liefern zu können – die dann darin endet, dass ein Lieferwagen in einem seltsamen Haufen aus bunten Plastikkugeln zum Stehen kommt. Klar, echter Kies wäre hätte mehr Stuntkenntnisse erfordert, weil die Bewegung des Wagens in ihn hinein weniger berechenbar gewesen wäre, sie aber wenigstens in Kieselfarbe einheitlich anmalen hätten wir schon erwartet. Weil die Form der Gegenstände immer noch auffällig rund gewesen wäre und das Budget vielleicht durch den gleichzeitigen Hubschraubereinsatz am Ende angelangt war, hat man sich einen Moment der Künstlichkeit gegönnt. Schön übrigens, dass der Waldweg so offen liegt, da hatten sie ja Glück im Unglück. In richtigen Wäldern und im Sommer (im Film ist es Sommer) ist’s nicht so einfach, aus der Luft sogleich die Flüchtigen zu entdecken.
Finale
Manches an dem Film wirkt auch deshalb für heutige Verhältnisse langsam, weil die Alltagskleinigkeiten manchmal ganz schön Zeit fressen. Im Film wird mindestens zweimal ausführlich gezeigt, wie Palü sich aus dem Bett windet, als sei es eine Offenbarung. Wir haben’s vielleicht nicht so damit, Menschen out of Bed zu bewundern, auch wenn sie wohlgeformter sind als der Kommissar mit dem Baguette und dem Fahrrad (in diesem Film sieht man beides allerdings nicht). Doch Palü war einer der ersten Tatort-Ermittler, der ziemlich vermenschelt wurde, also mit einem Privatleben und mit vielen Angewohnheiten gezeigt, zu denen natürlich auch das Kochen gehört und die Eigenschaft, immer so fies mit Frau Braun umzugehen – was die mobbende Seite des Saarländers gut zum Vorschein bringt.
Als Tatort-Polizist ist er sozusagen ein Zwitter. Mit dem erwähnten Umfeld versehen, aber noch diese bärbeißige, traditionelle Linie, die immer ein wenig rätseln lässt, was andere eigentlich an diesem Typ finden. Okay, Deininger beschwert sich ja auch im Film darüber, dass er von Palü so viel schlechter behandelt wird als zum Beispiel ein kleines afghanisches Mädchen. Und darum geht es: Das Hintersinnige an dieser Art Humor ist das Kindische, aber zutiefst Menschliche, das in dieser Klage steckt.
7/10
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2014)
| Regie | Hartmut Griesmayr |
|---|---|
| Drehbuch | |
| Produktion | Joachim Schönberger |
| Musik | Frank Nimsgern |
| Kamera | Charlie Steinberger |
| Schnitt | Walter Schellemann |
| Premiere | 29. Dez. 2002 auf Das Erste |
| Besetzung | |
|
|
Entdecke mehr von DER WAHLBERLINER
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

