Filmfest 952 Cinema
Der frühe Blick hinter die Kulissen einer Trennung
Kramer gegen Kramer ist ein US-amerikanisches Filmdrama aus dem Jahr 1979. Die von Robert Benton inszenierte Literaturverfilmung basiert auf dem 1977 erschienenen Roman Kramer vs. Kramer von Avery Corman.
Ein großes Verdienst kommt „Kramer gegen Kramer“ auf jeden Fall zu: Er war der erste Kinofilm, der sich mit einer unübersehbaren Ernsthaftigkeit des Themas Scheidung, Scheidungsfolgen und vor allem die Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern annahm. Zuvor war die Familie zu heilig, um so genau hinzuschauen, heute sind Scheidungen so alltäglich und die Sorgerechtsangelegenheiten oft eine Routinesache, dass man sich beinahe wundert, mit welchem Aplomb in diesem Film zu Werke gegangen wird.
Handlung (1)
Der Werbekaufmann Ted Kramer, verheiratet und Vater eines fünfjährigen Sohnes, arbeitet in einer renommierten New Yorker Werbeagentur und ist in seinem Job unbestritten einer der Besten. Gerade hat ihm sein Chef das bislang größte Projekt mit der Ankündigung übertragen, dass Ted Vizepräsident der Agentur werden solle. Seine Arbeit wird dadurch nicht weniger, doch er geht in seinem Beruf auf und meint, dass seine Frau mit ihm glücklich sei.
Als er abends nach Hause kommt, steht seine Frau Joanna völlig unerwartet mit gepacktem Koffer in der gemeinsamen Wohnung. Sie steckt in einer tiefen Identitätskrise und fühlt sich mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter überfordert. Sie leidet darunter, dass Ted in den letzten Jahren wenig Zeit für sie hatte. Obwohl sie das gemeinsame Kind Billy innig liebt, lässt sie Billy und Ted allein. Beim Verlassen gesteht sie Ted, dass sie ihn nicht mehr liebe. Da sie sich in ihrer Mutterrolle als Versagerin fühle, meint sie, es sei das Beste für Billy, wenn sie auch ihn verlasse.
Ted muss sich nun über seine zeitraubende Karriere hinaus auch als allein erziehender Vater bewähren. Nach anfänglichen Konflikten mit seinem zunächst etwas störrischen Sohn raufen sich beide zusammen und meistern die für beide schwierige Situation. Teds Vaterrolle geht allerdings zu Lasten seiner Karriere. Schon bald merkt sein Chef, dass Ted nicht mehr hundertprozentigen Einsatz in der Werbeagentur leisten kann. Obwohl er Ted freundschaftlich gesinnt ist, hat sein Verständnis für Teds schwierige Lage schnell ein Ende. (…) Film
Rezension
Vielleicht ist unsere Sichtweise auch dadurch geprägt, wie unsere Großstadtfreunde agieren, von denen kaum einer noch mit dem ersten Partner oder in der ersten Ehe ist. Und fast immer sind Kinder im Spiel. Will man die wirklichen und vor allem die langfristigen Auswirkungen von auseinanderbrechenden Familien auf Kinder untersuchen, muss man viel tiefer gehen, als „Kramer gegen Kramer“ das tut. Aber es war ein ehrenwerter Versuch, sich des Themas zu nähern, und Dustin Hoffman und Meryl Streep spielen die Elternrollen mit dieser Intensität, die schon mal zu hervortretenden Halsschlagadern oder roten Flecken auf der Haut führt. Das wirkt alles richtig echt – und doch sehr zeitgebunden.
Mittlerweile gibt es unübesehbare Mengen an Filmmaterial zum Familiendrama, das nicht durch äußere Einflüsse, sondern durch innere Zersetzung entsteht. Deswegen gibt es heute, zumindest hierzulande, auch keine schuldige Scheidung mehr, sondern das Zerrütungsprinzip, das die Richter davon freistellt, nach Schuldanteilen suchen zu müssen, wenn eine Ehe aufgelöst wird, zudem wird das Sorgerecht in der Regel gemeinsam ausgeübt. Mal ein wenig mehr zur einen, mal ein wenig mehr zur anderen Seite hin, meist haben die Frauen die etwas größeren Zeitanteile mit den Kindern und die Männer genau die Freiheit, die sie immer haben wollten, trotz Familie. Dieser Eindruck beschleicht uns zumindest bei den Beobachtungen in unserer Umgebung. Eine oftmals für die Erwachsenen, die sich nichts mehr zu sagen hatten, geradezu phänomenale Lösung, und natürlich bleibe man einander freundschaftlich verbunden, mangels stärkerer Emotionen, die Aufregungen wie in „Kramer gegen Kramer“ verursachen könnten. Die heutige Rechtslage strahlt den Pragmatismus und die Leidenschaftslosigkeit aus, die viele Beziehungen schonwährend ihrer guten Zeit prägt, warum sollte die Abwicklung also einen offenen Kampf auslösen? Worum denn noch?
Trotzdem sind die Leidtragenden die Kinder, auch das meinen wir der Realität abschauen zu können. Gewiss ist es besser, eine kaputte Beziehung aufzulösen, als dass alle, auch die Kinder darunter leiden, aber eine intakte Beziehung ist besser als jede Trennung. Nicht nur, weil es heute immer wichtiger wird, Kräfte zu bündeln.
Das Berufliche, das in „Kramer gegen Kramer“ eine so wichtige Rolle spielt, ist recht einseitig dargestellt und mittlerweile veraltet. Dass die Frau ihrer Karriere trotz Studium komplett an den Nagel hängt, obwohl der Mann noch im beruflichen Werden und nicht etwa angekommen ist, das ist mittlerweile eher selten, und der Zwang, doppelt zu verdienen, ist mittlerweile aus schlichten ökonomischen Gründen stärker ausgeprägt als vor 35 Jahren.
Wir tun uns leicht, das klassische Modell, das die Kramers noch aufrechtzuerhalten versuchen, obwohl sie absolute Großstädter sind, ein wenig zu belächeln, weil unsere Eltern zu just jener Zeit, in welcher der Film gedreht wurde, bereits lange Vollzeit-Doppelverdiener waren und wir diese Konstellation, die unter Einbindung der Großeltern möglich war, als ganz normal empfinden. Dafür gab es aber niemals Ternnungsabsichten, die uns zu Ohren kamen und die Ehe unserer Eltern verlief bis zum zu frühen Tod des einen Partners überdurchschnittlich harmonisch.
Dennoch haben wir keine Mühe, die Linien nachzuvollziehen, durch welche die Kramers auseinanderkamen. Die wenigen negativen Kritiken zu „Kramer gegen Kramer“ beziehen sich vor allem auf eine angenommene Misogynie, die sich in dem Werk ausdrückt. In der Tat muss man genau hinschauen, wie das Mann-Frau-Verhältnis und wie die beiden Personen Ted und Joanna dargestellt werden.
Der emotionale Anker sind Ted und Söhnchen Billy, während die Mutter zunächst als herzlos erscheint, trotz ihrer Liebesbeteuerungen Billy gegenüber beim Abschied, als sie nach N.Y. zurückkehrt hingegen ist sie bereits der Eindringling in eine funktionierende, kleine Welt, die sich Vater und Sohn nach einigen Anfangsschwierigkeiten geschaffen haben. Wir erfahren, wie Ted wegen seiner intensiv wahrgenommenen Vaterrolle beruflich ins Trudeln gerät, während die Mutter irgendwo in Kalifornien auf dem Selbstfindungstrip ist. Nimmt man jetzt die Verhältnisse von 1980, also vor beinahe 2 Generationen, wurden Frauen wie Joanna, die zu sich selbst aufbrechen, noch überwiegend als Bedrohung empfunden und in der Tat wirkt sie weit unberechenbarer als der brave Ted, der tut, was er kann und was er muss.
Aber man kann es auch anders lesen. Offenbar war Ted mit seinem beruflichen Ding so beschäftigt, dass er nicht die Signale bemerkt hat, die Joanna ihm sendete, das wird ja vor Gericht auch angesprochen. Er nämlich war der Traditionalist, der meinte, eine Familie zu ernähren und immer mal wieder mit tollen beruflichen Nachrichten daherzukommen, während die Frau emotional und intellektuell darbt, das reiche aus, um einen anerkennenswerten Job zu machen – als Familienvater. So war es ja auch einmal. Die Frauen haben die Kinder erzogen, während die Männer das Geld heranschafften. Da wir, siehe oben, selbst schon im heutigen Modell aufgewachsen sind und mitbekamen, wie die Eltern sich die wichtigen Familienaufgaben beinahe paritätisch teilten, verstehen wir auch Joannas Gedanken und Gefühle.
Auch bei uns war es noch so, dass der Vater eine gewisse Vorrangstellung hatte. Die aufzulösen, dafür war die Familienherkunft beider Elternteile doch zu klassisch. Doch je genauer wir hinschauen, desto mehr sehen wir, dass diese formal war. Es gab sogar Absprachen bezüglich der Karriereschritte der Mutter, während der Vater nicht gefragt hat, soweit wir uns erinnern, aber das lag an der hierarchischeren Welt, in der unsere Mutter beruflich tätig war. Auf einer tieferen Ebene war diese Ehe so gleichberechtigt wie wenige, die wir seitdem gesehen haben und das Kräfteverhältnis sehr gut ausbalanciert. Es gab Konflikte, und es gab Lösungen, die Kompromisse erforderten.
Vielleicht ist es wegen dieser Prägung auch das, was uns bei den Kramers zu schaffen gemacht hat: Diese rudimentäre Art, miteinander zu kommunizieren oder es nicht zu tun. Sicher, das viele Diskutieren, das wir von zuhause kennen, war manchmal nervenaufreibend für alle Beteiligten, auch für uns als immer wieder „Gegenstand“ dieser Kontroversen, aber es blieb nichts Wesentliches unausgesprochen und es hat nicht zuletzt unsere Auffassung von Demokratie und die Einsicht geprägt, dass das Ringen um die beste Lösung oder um irgendeine Lösung jedem Hinschmeißen vorzuziehen ist, solange – solange noch positive Emotionen dafür stehen.
Joanna sagt zum komplett konsternierten Ted in der Anfangsszene, als sie schon im Fahrstuhl steht, sie liebe ihn nicht mehr Wir ahnten, dass das so eindeutig nicht ist, sondern auch der Abgrenzung dient, und es stellt sich im Sorgerechtsprozess heraus, dass die ehemaligen Partner merken, dass sie zu weit gegangen sind, als ihre Anwälte versuchen, die jeweilige Gegenseite schlechtzureden. By the Way: Das geschieht auf eine unangenehme, aber nicht exorbitant einprägsame Weise. Ein großes Gerichtsdrama ist „Krame gegen Kramer“ nicht. Er ist in nichts wirklich groß, wenn man von den Schauspielleistungen absieht. Er zeigt nur etwas in aller Deutlichkeit, was damals neu war im amerikanischen Kino – und überhaupt im Kino.
Trotzdem erinnert uns der Film an ein 22 Jahre älteres Werk, das den Originaltitel „Man on Fire“ trägt. Darin spielt Bing Crosby eine ähnliche Rolle wie Dustin Hoffman, nur, dass der Sohn schon älter ist und die Scheidung, Trennung, das Leben des Sohns beim Vater längst vollzogen. Wenn man bedenkt, wie beliebt Crosby war, ist er in dieser Rolle erstaunlich unsympathisch, gewolltermaßen. Er hindert die Mutter daran, den Sohn zu sehen, auch hier kommt es zu einem Sorgerechtsstreit, den er gar nicht zu Unrecht verliert, weil er überhaupt nicht kompromissbereit ist – ähnlich wie die Eltern von Bill Kramer zu Beginn, die dann, wie der Junge selbst, einen Reifungsprozess vollziehen.
Auch das Ende ist gleich, die Mutter gibt den Sohn an den Vater zurück, obwohl sie vor Gericht obsiegt hat. Allerdings haben wir die Gerichtsszenen als wesentlich härter empfunden und auch die Charaktere als kantiger als in „Kramer gegen Kramer“. Obwohl der Sohn schon älter ist, spürt man, wie es ist, wenn das Kind selbst aussagen muss und dabei alle versuchen, es zu manipulieren. Das erspart Ted Kramer seinem kleinen Sohn, der offenbar schon alt genug ist, um vor Gericht gehört zu werden. Es wird also nicht so weit gegangen und mit so harten Bandagen gekämpft wie in dem älteren Film, der heute kaum noch bekannt ist – und der seiner Zeit eindeutig zu weit voraus war: Trotz des großen Stars in der Vaterrolle und nicht überdurchschnittlich hoher Produktionskosten war er ein Flop an der Kinokasse.
Finale
„Kramer gegen Kramer“ hat mit Teds Entscheidung, nicht in die Berufung zu gehen, auch einen Drall in Richtung „Kaukasischer Kreidekreis“ oder „Urteil des Salomo“ – Ted ist derjenige, der nicht zum Äußersten gehen mag, weil er dem Sohn die Belastungen ersparen will, die ein Durchziehen der Berufung für den Jungen bringen würde. Was Joanna getan hätte, hätte sie den Prozess verloren, wissen wir nicht. Aber wir meinen, sie hätte wohl genauso gehandelt, denn sie hat spätestens im Verlauf der Verhandlung bemerkt, wie die Dinge liegen – nämlich, dass sie das Kind nicht noch einmal dieser Situation des Verlustes aussetzen darf, den es erfahren hat, als sie über Nacht verschwand.
Dieser Aspekt tritt ein wenig zurück hinter dem Gerichtsurteil, das die Rolle der Mutter sehr stark betont, obwohl Ted argumentiert hat, er sehe nicht, warum ein Vater nicht genauso gut ein Kind allein erziehen sollte wie eine Mutter. Dem stimmen wir zu, obgleich es wirklich Unterschiede in der Art der Beziehung zwischen Vätern und ihren Kindern und Mutterrolle gibt. Für uns sind diese aber nicht wertend zu betrachten.
„Kramer gegen Kramer“ ist ein wichtiger Film, der an der Wende zu den 1980ern den Nerv der Zeit traf. Deswegen hat er wohl auch fünf Oscars abgeräumt, obwohl er weder formal noch inhaltlich überragend ist. Die Schauspieler-Ehrungen können wir nur absolut beurteilen und finden sie in Ordnung, nicht relativ, weil wir die Filme im Wesentlichen noch nicht gesehen haben, mit denen Schauspieler es zu Oscarnominierungen schafften. Meryl Streeps erster Oscar ist übrigens derjenige für die Nebenrolle. In Hollywood wird das so definiert, dass nicht die Wichtigkeit, sondern die Spielzeit darüber entscheidet, ob eine Rolle als Hauptrolle definiert wird. Für uns hat sie die weibliche Hauptrolle in „Kramer gegen Kramer“, die es gemäß AMPAS gar nicht gibt.
Aber mindestens der Oscar „Bester Film des Jahres“ ist für uns strittig, denn mit ihm wurde vor allem Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ gechlagen, und der, mit Verlaub, ist das größere Stück Kino. Nachtrag anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im Jahr 2023: Auch dem mittlerweile gesichteten „All That Jazz“, der ebenfalls im Rennen um den besten Film des Jahres war, hätten wir gemäß Bewertung von 85/100 wohl den Vorzug gegeben. Aber bewertungsmäßig hat „Kramer gegen Kramer“ laut Ansicht der Nutzer:innen der IMDb den Test der Zeit ganz gut bestanden, er kommt noch auf 7,8/10. Das kann nicht viel weniger sein als im Jahr 1996, als die Liste gestartet war, denn er stand interessanterweise nie darauf, das hätten wir anders eingeschätzt.
80/100
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke (Entwurf 2015)
(1), kursiv, tabellarisch: Wikipedia
| Regie | Robert Benton |
|---|---|
| Drehbuch | Robert Benton Avery Corman (Roman) |
| Produktion | Stanley R. Jaffe |
| Kamera | Néstor Almendros |
| Schnitt | Gerald B. Greenberg |
| Besetzung | |
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