Wohin die Ukraine ihr Getreide exportiert (Statista + Kurzkommentar) zum aktuellen Thema Getreideabkommen | Briefing 244 | Geopolitik

Briefing 244 | Geopolitik, Ukrainekrieg, Ernährungssicherheit, Getreideabkommen

Wir wissen nicht, ob es Ihnen so geht wie uns: Im Wochenverlauf steigt unsere Kapazität für längere, analytische Artikel, montags fangen wir lieber mit kleineren Beiträgen an, die häufig direkt auf Informationen von Dritten aufbauen und vor allem unsere und Ihre Informationsbasis stärken sollen – was wiederum der Analyse zum Wochenende hin zugute kommt. Derzeit ist im Rahmen des Ukrainekriegs der Getreideexport ein großes Thema, dem widmet sich Statista in einer Grafik und wir bilden sie ab.

Diese Statista-Grafik wurde unter einer Lizenz  erstellt und wir geben sie unter gleichen Bedingungen wieder. Folgend der Statista-Begleittext dazu, dann weiter mit unserem Kommentar.

Die russische Regierung hat heute den Stopp eines Abkommens über den Export von ukrainischem Getreide bekannt gegeben. Die Statista-Grafik zeigt, welche Länder davon besonders betroffen sind. So wird Getreide aus der Ukraine mengenmäßig vielfach von nordafrikanischen und asiatischen Ländern importiert. Das zeigen Daten des International Trade Centers. Aber auch eine Reihe europäischer Länder sind unter den größten Einfuhrländern. Im vergangenen Jahr lag die Türkei vorne (rund 19 Prozent Anteil an der aus der Ukraine exportierten Gesamtmenge). Es folgen Rumänien (13 Prozent), Spanien (10,3 Prozent), Ägypten (7,8 Prozent), Polen (5,2 Prozent) und Algerien (4,3 Prozent).

Das Abkommen zwischen Russland und der Ukraine war im Sommer vergangenen Jahres von den Vereinten Nationen und der Türkei vermittelt worden und erlaubte es, dass Schiffe ukrainische Häfen am Schwarzen Meer anlaufen konnten, um dort beladen zu werden und dann wieder in See zu stechen.

Deutschland importiert relativ dagegen wenig Weizen aus der Ukraine: 0,3 Prozent Anteil an den Gesamtexporten der Ukraine. In absoluten Zahlen sind das rund 38.000 Tonnen Weizen und Mengkorn. Deutschland ist bei Weichweizen, der zur Mehlherstellung verwendet wird, sogar überhaupt nicht auf Importe angewiesen, wie diese Statista-Grafik zeigt. Viele afrikanische Länder beziehen deutlich mehr Weizen aus der Ukraine als Deutschland.

Die Invasion Russlands in die Ukraine hat zu einem erheblichen Anstieg der Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten geführt. Die Getreidepreise sind besonders stark gestiegen. Sowohl die Solidaritätskorridore (von der EU geschaffene Routen zur Unterstützung der Ukraine bei der Ausfuhr ihrer landwirtschaftlichen und anderer Erzeugnisse) als auch die Schwarzmeer-Getreide-Initiative haben beträchtlich zur Senkung der Preise beigetragen.

Wie diese Statista-Grafik zeigt, gehören die Ukraine und Russland auch bei anderen wichtigen Grundnahrungsmitteln zu den größten Exportländern der Welt. Rund zwei Drittel der weltweiten Exporte von Sonnenblumenöl etwa entfallen auf die Ukraine und Russland. Noch etwas höher ist der Anteil beider Länder am Export von Sonnenblumenkuchen. Er fällt bei der Herstellung von Sonnenblumenöl an und wird als Tierfutter verwendet.

Interessanterweise ist das Brot in Deutschland trotzdem viel teurer geworden. Das hat allerdings, wenn man den  Herstellern glaubt, auch mit den Energiepreisen zu tun. Es gibt ein Problem, auf das man nicht oft genug hinweisen kann: Auch wenn Deutschland wenig Getreide aus der Ukraine importiert, dort, wo es generell auf Importe angewiesen ist, sind die Verbraucher:innen auch hierzulande betroffen, denn mit Getreide wird spekuliert, und das trifft dann die gesamten Weltmarktpreise, nicht nur das Korn aus einem Land, in dem gerade Krieg geführt wird. Das ist wohl die verachtenswerteste Form von Spekulation überhaupt, die Armen der Welt damit in den Hunger zu treiben, dass auf steigende Preise durch Kriege gesetzt wird. 

Wir haben noch keine Hintergründe dazu gelesen, warum Russland sich wieder bitten lässt, die Getreideexporte aus der Ukraine zu ermöglichen, gehen aber davon aus, dass es ein neues Abkommen geben wird. Warum? Weil Russland die Länder des Südens und viele emporstrebende Nationen nicht verprellen möchte, die sich bisher im Krieg neutral verhalten haben. Alles andere wäre eine Riesendummheit. Ob man glaubt, durch Getreide-Erpressung irgendetwas im Krieg selbst herausholen zu können? Im letzten Jahr war das kein großes Thema, es ging wohl wirklich mehr ums Ansehen Russlands bei Staaten, die nicht mehr oder weniger Kriegspartei sind. Jetzt mit einem neuen Getreideabkommen Kriegsvorteile erpressen zu wollen, wäre ein wirklich eklatantes Zeichen von Schwäche und wird erhebliche negative Folgen für Russland haben. Vielleicht mehr als die westlichen Sanktionen, die gerade deshalb nicht wie gewünscht wirken, weil eben viele Staaten als Ersatzabnehmer für russische Rohstoffe fungieren. Auch Getreide ist ein Rohstoff. Ihn braucht die Welt und wird ihn immer brauchen, deshalb darf er nicht für Kriegsziele missbraucht werden. 

Leider treffen Kriegsfolgen immer Unbeteiligte, die an diesen Kriegen keine Schuld tragen, in Drittländern, aber auch in den am Krieg beteiligten Staaten. Wird sich also jetzt wieder jemand als Vermittler profilieren können, möglicherweise sogar Recep Erdogan, der gerade der russischen Regierung einige Nüsse zu knacken gegeben hat? Nach unserer Ansicht wäre die russische Regierung nicht gut beraten, wieder die gleiche Schiene zu fahren wie im vergangenen Jahr und sich dadurch von den Fähigkeiten anderer abhängig zu machen. Das Getreide muss in die Welt dürfen, so schnell wie möglich, daran führt nichts vorbei und es is ganz egal, wie man ansonsten zu dem Krieg in der Ukraine steht: Dies ist unabdingbar und ein zivilisatorisches Minimum.

Ob die Ukraine, wie gerade angekündigt, auf dem Seeweg ohne das Mitspielen der Russen Getreide exportieren kann? Falls ja, wäre das bisherige Abkommen ja nicht zwingend gewesen, das vorsah, dass russische Inspekteure die Getreidefrachter betreten dürfen, um sie nach Waffenlieferungen für die Ukraine abzusuchen, auch wenn die drei Seehäfen, von denen aus das Getreide exportiert wird, noch in ukrainischer Hand sind. 

Russland will mit der aktuellen Blockade Sanktionslockerungen bewirken, die auch die eigenen Getreideexporte betreffen. Sie sind zwar nicht direkt sanktioniert, aber zum Beispiel Sanktionen gegen das russische Bankenwesen wirken sich hier aus. Die Sanktionen werden aber vom Westen verhängt, betroffen sind von der gesamten Angelegenheit aber vor allem andere Staaten. 

Für die EU sieht es etwas besser aus, denn man hat im Wege der Getreidekrise 2022 Möglichkeiten geschaffen, das Korn auf dem Landweg in die EU zu exportieren. Die Basis dafür ist, dass unbesetztes Gebiet der Ukraine an die EU angrenzt, damit ist eine andere Situation gegeben, als sie in den südlichen Häfen des Landes herrscht. Ob der Landtransport in einem Umfang möglich ist, der ausreichen würde, auch Drittstaaten zu versorgen? Wir bleiben an dem Thema dran und werden diesen Beitrag updaten, wenn Bewegung in die Angelegenheit kommt. Unsere Hoffnung ist derweil, dass der Seeweg offen bleibt, mit dem man die Länder des Südens direkt versorgen kann.

TH


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