Filmfest 954 Cinema
Abwege ist ein deutsches Filmdrama aus dem Jahr 1928. Der ursprünglich 107 Minuten lange Spielfilm wurde am 10. August 1928 in Hamburg uraufgeführt und thematisiert eine Ehekrise. Die restaurierte Fassung wurde am 10. Juni 1999 auf Arte ausgestrahlt. In der englischen Version wurde er mit „The Devious Path“ und in den romanischsprachigen Ländern nur mit „Crise“ betitelt.[1]
Die gesehene Version hat eine Spielzeit von 98 Minuten und entspricht dem aktuellen Stand der Restaurierung. Beim Schnitt gibt es kleine Versprünge, insbesondere, wenn Menschen den Raum wechseln – möglicherweise der Tatsache geschuldet, dass dem Film ein paar Minuten fehlen.
Ein erfreulicher Moment während der mühsamer werdenden Suche nach gut erhaltenen / restaurierten Filmen der Weimarer Zeit. „Abwege“ von G. W. Pabst existiert in einer Version, die fast auf französische Art hochrestauriert wurde, das heißt, quasi ohne Kratzer und Flimmern, die ursprüngliche Viragierung hat man ebenfalls nachempfunden. Nur die unten in einer Kritik erwähnte neue Musik scheint nicht damit verbunden zu sein, denn einen Verfremdungseffekt haben wir bei dem anhaltenden Klaviersolo nicht festgestellt. Vielleicht gut so, denn was in letzter Zeit zu alten Filmen hinzukomponiert wird, hat uns in einem Fall schon bewogen, uns den Film lieber in jedem Sinne des Wortes „silent“ anzuschauen. Die Idee, zu Georg Wilhelm Pabst zu recherchieren, der hier Regie führte, kam durch das Anschauen von „Tagebuch einer Verlorenen“ aus dem Folgejahr zustande und wir haben uns noch ein paar Filme von ihm vorgemerkt. Zu „Abwege“ steht mehr in der Rezension.
Handlung (1)
Irene Beck glaubt die Zuneigung des Malers Walter Frank entdeckt zu haben, als dieser ihr Profil während eines Besuches auf einer Serviette skizzierte. Mit vielversprechenden Blicken lädt dieser sie zu einem Gegenbesuch ein. Ihr Ehemann Thomas Beck hält allerdings nichts von dieser Gesellschaft und schränkt sie in ihrer Bewegungsfreiheit ein. Doch die beiden treffen sich heimlich und verabreden eine Flucht nach Wien, die vom Ehemann in letzter Minute vereitelt wird. Frustriert stürzt Irene sich in das pulsierende Nachtleben Berlins mit Alkohol- und Drogenexzessen. Eine belanglose Beziehung mit dem Boxer Sam Taylor entfremdet das Ehepaar noch weiter, ohne dass dadurch – wie von Irene erhofft – die Zuneigung des Malers durch Eifersucht zur Liebe gesteigert würde. Als der Ehemann die beiden in Franks Wohnung überrascht, provoziert sie eine eindeutige Szene und zwingt Walter Frank die Rolle des Ehebrechers auf. Dies zerstört nun auch die Beziehung zum Maler. Als beide sich ernüchtert in einem Kaffeehaus treffen, malt dieser gelangweilt von ihrer Gegenwart auf die Tischplatte das Profil eines älteren Zeitungslesers gegenüber: Irene erkennt, dass seine Passion nur der Kunst und nicht ihrer Person galt. Doch nun ist es zu spät: Sie ist allein und die Ehe wird geschieden. Doch vor dem Scheidungsrichter finden beide wieder zueinander. Trotz vollzogener gerichtlicher Scheidung beschließen sie, wieder zu heiraten.
Rezension
Es ist immer des Augenmerks wert, wenn in einer Handlungsangabe Interpretationen enthalten sind. Ich hatte zum Beispiel im Café eher den Eindruck, Maler Frank konzentriert sich auf den pittoresken älteren Gast, weil er gelangtweilt ist, ja: aber nicht, weil sein Interesse an Irene nur künstlerisch war, sondern, weil er damit andeutet, dass es vorbei ist mit der durchaus persönlichen Faszination, die sie auf ihn ausgeübt hat, bevor er kompromittiert wurde. Gleichwohl kam es nicht zum Ehebruch, wie am Ende in Pabstscher Eindeutigkeit festgehalten wird. Was aus dem Verhältnis zu dem Maler hätte werden können, wenn sie es eindeutiger gewollt hätte, weiß man nicht.
„Ein in stilistischer Strenge inszeniertes Kammerspiel, das klarsichtig die leeren Rituale der Figuren spiegelt und sowohl thematisch als auch in seiner formalen Souveränität erstaunlich zeitlos geblieben ist. Der Film galt lange Zeit als verschollen, liegt jetzt wieder in einer vollständig restaurierten Fassung vor. Für die Fernsehausstrahlung wurde er mit einer neuen kraftvollen Musik versehen, die ebenso packende wie skurrile Akzente setzt und das Geschehen eigenständig kommentiert.“ – Lexikon des internationalen Films
„Die Ehe- und Lebenskrise eines gut situierten Ehepaares, das sich einander entfremdet hat und doch nicht voneinander lassen kann. – Kühl-distanzierte Beobachtung seelischer Konflikte, meisterhaft inszeniert in einem Stummfilm von G. W. Pabst.“ – Prisma[1]
Ich hatte, das Gefühl, diesen Film schon gesehen zu haben, obwohl das eindeutig nicht der Fall gewesen sein kann. War es auch nicht. Es ist das Thema, es ist die Machart, die mich an viele andere Filme der Weimarer Zeit erinnert hat. Aber, anders als oft kurz nach dem Ersten Weltkrieg, hat Pabst auch eine Erlösung für den Zuschauer, die wohl in die Kinogeschichte eingegangen ist, jedenfalls kam ein ähnlicher Twist zum Schluss auch in US-Filmen nicht so selten vor. Oder er liegt so nah, dass es der Vorbildfunktion eines einzelnen kinematografischen Werks nicht bedurft, um eine Standardpointe zu kreieren: Dass sich ein gerade geschiedenes Paar erst durch die Scheidung wieder findet, den Wert des Verlorenen erkennt und umgehen wieder heiratet oder heiraten möchte.
So beeindruckend wie „Tagebuch einer Verlorenen“ war „Abwege“ für mich nicht ausgefallen, auch nicht so impressiv wie „Die freudlose Gasse“, den ich mir vor einiger Zeit angesehen habe oder aufrüttelnd pazifistisch wie „Westfront 1918“, mein „erster Pabst“ vor einigen Jahren. Es ist überhaupt schwierig, „Abwege“ auf irgendeine Weise besonders zu finden. Das hat mit der kühl-distanzierten Betrachtung des Lebens gelangweilter oder routiniert-zurückhaltender Mittelschichtler zu tun, die wir sehen. Den Film könnte man, Dialog inbegriffen, heute noch fast genauso drehen und wie so viele Weimarer Filme hat er auch etwas mehr oder weniger Kolportagehaftes, in der Art, wie Konflikte entstehen, wie sie illustriert werden und wie sie gelöst werden. Oer auch nicht, in den expressionistischen Filmen der frühen 1920er. Die Tragödie, die Nichtlösung ist auch das, was ich an den Dramen der frühen Nachkriegszeit so mag und was mich fasziniert: Die düstere Stimmung der Zeit ohne Kompromisse aufs Kino zu übertragen, egal, ob das Publikum nur noch stöhnt vor Verzweiflung und diese Filme gar nicht mag. Was bei einigen dieser Streifen, die heute als Meisterwerke gelten, tatsächlich der Fall war, sie kamen nicht besonders gut an.
Die Eleganz und die Fähigkeit, Scherben nicht nur zu produzieren, wie im gleichnamigen Film von 1921, sondern das Zerbrochene zu kitten, oder, im gehobenen Mittelstand, gleich eine neue Scheibe in Form einer neuen Ehe zu bestellen, hat sich im Zuge der neuen Sachlichkeit entwickelt und ist auch typisch für G. W. Pabst, der zu optimistisch war, um die Menschen noch depressiver gestimmt nach Hause gehen zu lassen als sie schon in dem Moment waren, als sie den Kinosaal betraten. Freilich war 1928 nicht 1920 oder 1921, die wenigen Jahre dazwischen, so turbulent sie waren, hatten eine gewisse Beruhigung hervorgebracht, erst die Wirtschaftskrise ab 1929 hat alles wieder aufgerissen, was noch nicht recht verheilt war. „Die Büchse der Pandora“ habe ich noch nicht gesehen, aber „Tagebuch einer Verlorenen“ geht höher und tiefer zugleich und er profitiert natürlich davon, dass er nicht nur weniger distanziert wirkt, sondern dass G. W. Pabst eindeutig ein Fan seiner Hauptdarstellerin Louise Brooks mit ihrer extremen Leinwandpräsenz war. Unmöglich, ihre Figur so hermetisch darzustellen wie anfangs von „Abwege“ Brigitte Helm, die eine viel kühlere Aura hat.
Aber es ist interessant, zu sehen, dass Pabst einer jener Regisseure war, die sich dem Sujet anpassen konnten, ihm ihren Stil unterordneten. Der von lieblosen Erwachsenen provozierte Downfall einer 14-Jährigen in „Tagebuch“ ist nun einmal eine andere Geschichte als eine Ehe, die in den Zustand der gepflegten Langeweile geraten ist und bei der man selbst im guten Ende das Gefühl hat, die Menschen sind ja immer noch die gleichen. Wird sich die Frau also bescheiden oder wird sie bald wieder von Neuem sehnsuchtsgeplagt ihren Gatten anmeckern, wenn er am Schreibtisch sitzt und zu jeder Tages- und Nachtzeit Akten studiert und Telefonat mit Mandanten tätigt? „Abwege“ klingt zwar etwas frivol, ist aber bei weitem nicht so pikant wie „Tagebuch“ oder so füllig milieutreu wie „Die freudlose Gasse“.
Mit „Abwege“ tat Papst für Brigitte Helm das, was er dann mit „Die Büchse der Pandora“ und „Tagebuch einer Verlorenen“ für Louise Brooks leisten sollte. „Ihre vibrierende Schönheit, die Pracht ihres goldenen Haares, ihre schlanke, elegante Figur wurde aus jedem nur denkbaren Winkel eingefangen. Die Intensität ihrer wechselnden Launen, ihrer Repression und ihrer Auflehnung, ihre Bitternis und ihr Zynismus, schließlich ihr Zusammenbruch in dem argentinischen Club; all das fließt zusammen in einem Film von überwältigender Kraft. Die eigenartige, faszinierende Ausstrahlung der Helm war noch nie zuvor mit so viel Geschick für einen Film eingesetzt worden .“ (Paul Rotha: The Film till now, 1967). Vier Jahre später war Brigitte Helm dann Papsts Herrin von Atlantis.[2]
Pabsts Kameraführung ist ohnehin sehr winkelfreudig und auch mitschwingend, wie sich in der Tanzszene im „argentinischen Club“ besonders gut zeigt, die Dichte, die dadurch entsteht, das Gefühl von Laster, Aufwühlung, Bedrängnis und einer dampfenden Atmosphäre des Vergnügens ist schon deswegen herausragend, weil sie physisch nicht einfach war. Anders als beim heutigen Zoomen und mangels Handkamera, die man auf der Schulter mitführen konnte, musste man das Gerät wirklich zwischen den Tanzenden aufstellen und sogar hin- und herfahren. An einer Stelle sieht man auch, dass die Technik etwas etwas im Weg und es insgesamt für die Statisten / Komparsen nicht so leicht war, zu tanzen und sich nicht durch Blicke in Richtung des Geräts zwecks Abschätzung des Abstands dazu zu verraten. In dem Moment wirkt der Film gar nicht distanziert, sondern man merkt, dass Pabst Spaß an dieser Clubszene hatte. Den hatte er wohl generell, denn sie wird erheblich ausgedehnt, ist gefühlt zehn Minuten lang und alle wichtigen Figuren versammeln sich dort im Laufe des Abends. Auch das ist typisch fürs Weimarer Kino: Seine Zeigefreudigkeit. Da werden schöne Frauen mit Luftschlangen beworfen und anderen lässt man etwas in den großen Rückenausschnitt fallen, der damals bei Abendkleidern modern war, die ohnehin so viel Haut zeigten wie nie eine Mode der jüngeren Geschichte zuvor. Man darf nicht vergessen, das alles hatte sich innerhalb weniger Jahre entwickelt, auch das berüchtigte Berliner Nachtleben jener Zeit, und Filmemacher, die in der geschwollen-behäbigen Bürgerlichkeit vor dem Krieg großgeworden waren, genossen die Möglichkeit, das Privileg, es abbilden zu dürfen.
Pabst hat in „Abwege“ besonders versiert und variantenreich getan und auch einen Bürger mitgenommen, den Regierungspräsident, der das alles wie ein sündiges Märchen erlebt und ganz naiv bleibt. Freilich, ohne Schaden zu leiden, er ist nicht der Professor Rath aus „Der blaue Engel“, sondern versinnbildlicht nur das Staunen des typischen Spießers angesichts der prallen Schaubude, in welche er hineingerät. Dass ihm dabei nichts Schlimmes passiert, ist eine geradezu ironische Anspielung auf die Filme, die einige Jahre zuvor gedreht worden waren, in denen Bankangestellte und andere Vertreter des aus den Fugen geratenen Systems von den Lasterhöhlen geschluckt und nie wieder freigegeben wurden. Vielleicht war man 1928 schon so weit, dass man zeigen konnte: Doch, doch, es gibt einen Ausweg, man macht einfach weiter wie zuvor und niemand kommt dabei zu Tode. Wobei, wie geschrieben, es offen bleibt, ob sich die zweite Ehe desselben Paares so wie vorher gestalten wird oder ob der Mann seiner Frau etwas mehr Aufmerksamkeit wird zukommen lassen.
In der Inhaltsangabe, die in der oben (2) zitierten Quelle auch enthalten ist, steht, dass Irene und ihr Anwaltsgatte gerade erst geheiratet haben. Mich erstaunt immer wieder, was aus Filmen alles herausgelesen wird, wofür es gar keinen Anhaltspunkt gibt. Ich hatte dieses Ehepaar als etwa fünf Jahre verheiratet eingeschätzt, kinderlos, warum auch immer, vielleicht, weil der Anwalt zu gestresst ist, um zeugungsfähig zu sein. Ich setze aber fairerweise ein „Vielleicht“ dazu. Ein wenig hat mich der Beginn von „Abwege“ an den den von „Der Gang in die Nacht“ von F. W. Murnau erinnert (1921 gedreht). Nur, dass in dem Film viel Natur vorkommt, dass der Mann auf Abwege gerät, nicht die Frau beinahe, und dass es tödlich endet, wie es sich für einen expressionistischen Film des Jahres 1921 gehört. Aber die Ehe (oder Verlobung) mit Langeweile, die muss in Deutschland häufig vorkommen, wenn sie sogar in diesen aufgeregten direkten Nachkriegszeiten thematisiert wurde. Mein Verdacht ist, dass sich daran bis heute nicht viel geändert hat, denn deutsche Männer sind in der Tat und im Durchschnitt ziemliche Langweiler, egal ob erfolgreich oder nicht.
Das ist auch der Grund, warum ich dem Frieden am Ende nicht ganz traue, hingegen Menschenbeobachtern wie G. W. Pabst und etwas später auch Billy Wilder zurechne, dass sie einen ironischen Akzent setzen, der in erster Linie für sie selbst und später dann sichtbar wird, wenn viel über die betreffenden Filme geschrieben wurde, wenn die Medienrezeption nicht auf Eindeutigkeit und Erklärung, sondern auf Nachspüren und Fragen stellen ausgerichtet ist oder zumindest Offenheit in dem Maße einfließen lässt, wie die Filme selbst sie ausdrücken. Was man nicht sieht, sollte man nicht festlegen, sondern schreiben, es könnte so oder so interpretiert werden.
Nun ja, eine Meinung ist eben auch eine Meinung und sollte so verstanden werden, auch wenn sie als Aussage daherkommt.
- W. Pabst hat auf jedem Fall dem Genre Ehedrama eine kunstvoll und mit vielen interessanten Details gefilmte, wenn auch inhaltlich eher konventionelle Variante gewidmet, für mich nicht so aufregend wie schon „Das Tagebuch“, weswegen ich mir von „Die Büchse der Pandora“ auch den ultimativen Pabst-Kick erwarte.
Finale
Wir sind natürlich heute nicht nur fast 100 Jahre weiter, müssen uns in eine andere Welt zurückdenken, wenn es darum geht, wie Filme jener Art damals auf die Betrachter gewirkt haben mögen, als sich ein Jahrzehnt dem Ende zuneigte, das wahrhaft eine stürmische Entwicklung des Spielfilms gesehen hatte. Für 1928 wirkt Pabsts Film auf mich heute schon fast konservativ, von seiner stellenweise sehr modernen Kameraführung abgesehen, von dem Geschmack abgesehen, den er immer dort zeigt, wo nicht dessen Abwesenheit gezielt illustriert wird. Pabst widmet sich der Optik seiner Figuren ausgesprochen liebevoll, zeigt auch gerne sehr gewählte Haarschnitte bei Frauen und Männern, wie Irene ihre Haare symbolisch wieder ordnet, dann geht die Ordnung wieder dahin, und wenn mal ein Zausel auftritt, dann muss er sogleich gemalt werden als schräge Figur, die ein solcher Zausel heute wäre, aber der damals ein in Filmen sehr häufig vorkommender Typ war. Und dann gibt es noch den Boxer mit dem Boxerohr und der Boxerpuppe, der sich auch die lebende Puppe einfach nehmen will. Das ist absichtlich „disgusting“ gemacht und ein bisschen snobistisch wirkt das schon, jedenfalls werden amerikanische Boxer in amerikanischen Filmen etwas anders gezeigt.
Ob der Film eine tiefere Bedeutung hat, hängt davon ab, was man in der Tat in ihn hineinlesen möchte oder nicht. Ich meine, für ein Sittenbild ist er ein wenig zu speziell, zu individuell und gleichzeitig auf Standards abgestellt, die unterschiedlich behandelt werden. Mal ein wenig zitiert und im Ergebnis gebrochen, wie der erwähnte Spießer, der nur die Brille und den Klarblick verliert, vielleicht auch seine Geldbörse (oder war es der Maler, der ihrer im Club verlustig geht?), aber nie den Zugang zu seiner eigenen Welt, die Ehefrau, die sich auf Abwege begibt, aber nicht auf die abwegige Idee kommt, sich dort im Drogensumpf zu verlieren, der Anwalt, der ihr sagt, ich liebe dich, als das Ende naht, aber nicht den Eindruck erweckt, als ob er auch nur einen Tag freimachen und seiner Arbeit bei Gericht untreu werden würde. Niemand wird sich in diesem Film letztlich untreu, und das hat ja auch etwas Beruhigendes – und sehr Kontinentales. Das Abenteuer ist kein Aufbruch, sondern man geht im Kreis. Ein wenig sensibilisiert wohl, aber nicht mit geschmolzenem Kern dasitzend, der neu geformt werden kann, zum Beispiel als Herz. Ein bisschen gerührt und geschüttelt ist man, aber die Statik des Lebens reetabliert sich, indem man keine Pause zwischen Scheidung und Wiederheirat desselben Partners einlegt.
Es gibt auch kein Statement am Ende, keinen Kommentar des Erzählers, wie in „Tagebuch“, wo es heißt, mit etwas mehr Liebe wäre das alles nicht passiert. Das trifft natürlich auch auf „Abwege“ zu, in dem die Empathielosigkeit des Ehemanns trotz seines freundlichen Wesens offensichtlich ist. Das ist auch gut gemacht, denn diesen Typ, der eigentlich perfekt ist und gerade dadurch langweilt, den kennen wir schließlich alle. Die meisten von uns müssen nur in den Spiegel schauen, um ihn zu entdecken. Das war ein sogenannter Halbscherz zum Abschluss.
Die IMDb-Nutzer:innen vergeben derzeit durchschnittlich 7,1/10. Auch wenn die Wertungen nicht direkt mit unseren vergleichbar sind, wie wir immer wieder betonen, kommt uns diese Note stimmig vor. Ein gut gemachter Film, der auf der großen Leinwand vielleicht mehr Helm-Faszination vermittelt als auf dem kleinen Computerbildschirm, auf dem wir ihn uns angeschaut haben, aber ich meine, die Rührung hätte sich auch am wandgroßen Flachbildschirm in vertretbaren Grenzen gehalten. Gleichwohl, das Ende war doch schön und da sind wir kurzfristig emotional mitgegangen.
72/100
© 2023 Der Wahlberliner, Thomas Hocke
| Regie | Georg Wilhelm Pabst |
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| Drehbuch | Franz Schulz (Idee) Adolf Lantz Ladislaus Vajda Helen Gosewish |
| Produktion | Felix Pfitzner Fred W. Kraemer für Erda Film GmbH, Berlin |
| Musik | Werner Schmidt-Boelcke Elena Kats-Chernin (1999) |
| Kamera | Theodor Sparkuhl |
| Schnitt | Georg Wilhelm Pabst Marc Sorkin |
| Besetzung | |
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[2] Zitiert nach und Originaltext aus Ilona Brennicke / Joe Hembus, Klassiker des deutschen Stummfilms, 1983, S. 171
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